Ausgeteufelt

Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde, es steht schlecht um den Teufel, den alten Satansbraten. Nicht, dass das jetzt besonders traurig wäre, aber es ist bemerkenswert. Er ist ja nachgerade zur Witzfigur geworden, für einen kleinen, wohligen Schauer reicht es noch, aber das ist ja nichts im Vergleich zu früher.
Früher war er noch in aller Munde, als Luzifer, das ist übersetzt der „Lichtträger“ oder gar „Morgenstern“, er galt als gefallener Engel Gottes. Er war von überirdischer Schönheit so schreibt es der Seher Ezechiel – vor dem Fall, versteht sich – aber wie das oft bei den Reichen und Schönen ist, war er auch ziemlich eingebildet, so dass Gott ihn nicht mehr in seinem Hofstaat haben wollte.
In alten Zeiten nahm Gott seinen satanischen Widerpart noch ernst und verhandelte mit ihm zum Beispiel über das Schicksal Hiobs. „Gib ihn in meine Hand“, sagte der Teufel, „und dann wollen wir doch mal sehen, ob er an seinem Glauben festhält, wenn ich ihm erst einmal so richtig übel mitspiele.“ Und Gott lässt ihn gewähren – so etwas hat es seitdem nicht mehr gegeben.
Dann kam die Zeit Jesu, in der die Menschen voller Angst vor Satan und seinen Dämonen lebten. Den Diabolos nannte man ihn, der in zwei Richtungen werfende, hinterhältige, verleumnderische und verräterische Geist, sein Element war das Feuer, sein Werkzeug der Hass und sein Markenzeichen seit dem Mittelalter der Pferdefuß – der Zweigestaltige, das Wechselbalg. Beelzebub heißt er in unserem Predigttext, das kommt aus dem Hebräischen Baal Zebub und bedeutet „Herr, der Fliegen“ – erinnern Sie sich an den nach ihm genannten Roman von William Golding? Eine Gruppe von Kindern, die auf einer einsamen Insel strandet, entwickelt eine Gesellschaft des Bösen. Beelzebub, das Böse steckt in jedem von uns ist die Botschaft, und wehe dem, der ihm nicht Einhalt gebietet. Die neutestamentlichen Dämonen nehmen Wohnung in Menschen, machen sie taub oder stumm, um-sich-schlagend oder fallsüchtig, so nannte man damals die Epilepsie. Was ist aus dem armen Teufel geworden? Heute gibt es Mediziner und Psychologen, die machen ihm schnell den Garaus, und in der Welt setzen sich Liebe und Frieden als anerkannte Werte immer mehr durch – niemand hat mehr recht Lust, sich auf die Fallstricke des Bösen einzulassen.
Nur im Internet gibt es noch Scheinwelten, in denen Dämonen ungestraft ihr Unwesen treiben können: World of Warcraft erweist sich als Online-Spiel, das das Leben Jugendlicher zerstört. Sie flüchten sich in ihre dämonischen Avatare, werden eins mit ihren Figuren, verlieren den Kontakt zur Wirklichkeit und werden sich und ihren Familien fremd.
Und trotzdem: Es steht schlecht um den Teufel, den alten Satansbraten. Wer kümmert sich denn heute noch um seine üblen Machenschaften? Er ist zu einer Spielfigur geworden, einer Phantasiegestalt, einer Form der Geisteskrankheit. Er ist ein Nichts, der Teufel. Und schuld daran ist Jesus. Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium des Lukas im 11. Kapitel:

Und Jesus trieb einen Dämon aus, der stumm war. Es geschah aber, als der Dämon ausgefahren war, redete der Stumme; und die Volksmengen wunderten sich.
Einige aber von ihnen sagten: Durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen, treibt er die Dämonen aus. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen aus dem Himmel. Da er aber ihre Gedanken wußte, sprach er zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst entzweit ist, wird verwüstet, und Haus gegen Haus [entzweit], stürzt ein.
Wenn aber auch der Satan mit sich selbst entzweit ist, wie wird sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, daß ich durch Beelzebul die Dämonen austreibe.
Wenn aber ich durch Beelzebul die Dämonen austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen.
Wenn der Starke bewaffnet seinen Hof bewacht, so ist seine Habe in Frieden;
wenn aber ein Stärkerer als er über ihn kommt und ihn besiegt, so nimmt er seine ganze Waffenrüstung weg, auf die er vertraute, und seine Beute verteilt er.
Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut.

In diesem Fall hatte der Teufel einen Menschen mit Stummheit geschlagen. Psychologen würden „Mutismus“ vermuten, das ist eine psychogene Kommunikationsstörung, die häufig mit Sozialphobie und Depressionen einhergeht. Diese Menschen sprechen gar nicht mehr oder nur noch ganz selten und nur mit denen, denen sie vertrauen. Sie können darum nicht am normalen Leben teilhaben, versagen in der Schule, können viele Berufe nicht wahrnehmen und würden als Sonderlinge, vielleicht sogar als Behinderte gelten. Diese Erkrankung ist aber extrem selten. Stotterer dagegen vermeiden oft das Sprechen, es gibt extrem schüchterne Menschen, die wirken, als hätten sie Angst vor eigenen Stimme. Und es gibt Menschen, denen ist die Stimme vor Einsamkeit schon ganz rau geworden, die haben niemanden mehr, mit dem sie sich austauschen können.
Heute wie damals lebt der Stumme isoliert: Menschen schreien, lärmen, lachen, werben, rufen, schwärmen, diskutieren, erläutern, empfehlen oder flüstern. Sie kreischen, heulen, krächzen, singen, jubeln, beten, grüßen und grölen, warnen oder schmeicheln – der Stumme aber schweigt.

Wir wissen nicht, was diesen Stummen quälte, er scheint auch gar nicht so wichtig zu sein in diesem Text. Hier geht es darum, wie Jesus mit den Dämonen umgeht, es geht um die Frage, ob Jesus vielleicht sogar einer von ihnen ist. „Vielleicht treibt er den Teufel mit dem Beelzebub aus?“, vermuten seine Widersacher und sind damit sprichwörtlich geworden für Übles, das mit noch Üblerem ersetzt wird. „Was sollte das bringen?“, hält Jesus gegen. Das hieße ja, dass der Teufel mit sich selbst uneinig wäre, „diabolisch“ halt.
Jesus sagt: Es hat sich ausgeteufelt, ich bin gekommen. Das Böse hat keine Macht mehr über niemanden. Der Satan ist nichts als eine Witzfigur in Jesu Augen, es gibt keinen Grund, sich zu fürchten und auch keinen, den Teufel an die Wand zu malen. „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, sagt Jesus – klare Ansage, klare Worte. Nein, mit Gottes Macht steht er dem Argen entgegen und zerstört es nachhaltig. Jesus ist der Stärkere, der, der das Böse besiegt.

Manchmal überkommen mich Zweifel: Wenn ich mir die Gaddafis und die Mubaraks dieser Welt angucke, wenn ich an Anders Breivik, den Attentäter von Norwegen denke, wenn ich mir Osama bin Laden in Erinnerung rufe oder die jubilierenden Palästinenser nach den Anschlägen vom 11. September, dann frage ich mich, ob das Böse nicht doch Macht hat. Dann muss ich mich daran erinnern, dass diese Menschen nur verirrte, arme Seelen sind und als Kinder des einen Gottes meine Brüder und Schwestern bleiben. Wenn ich von Menschen lese, die Kindern Gewalt antun, seelisch oder körperlich, die Babys missbrauchen und dann mit drei Jahren Gefängnis davonkommen, dann möchte ich Augen und Hände reinwaschen von der Begegnung mit menschlichem Schmutz und mich an die Seite drücken aus Angst vor der Berührung mit dem Bösen. Dennoch weiß ich: Das Böse ist in uns allen, auch in mir. Wenn ich erlebe, wie der Krebs ein Menschenleben zerstört, sich durch den ganzen Körper frisst wie das leibhaftige Böse und am Ende der Tod scheinbar das Leben besiegt, dann scheint die Krankheit wie ein böser Dämon, und es ist niemand da, der es mit ihm aufnimmt. Und ich erkenne: Schon morgen kann ich es sein, oder mein Mann oder mein Kind. Krankheit und Tod sind Teil des Lebens.

Es ist ein bisschen schade um den Teufel, weil es so viel einfacher ist, das Böse da draußen zu suchen. Es ist so viel einfacher, einen richtigen Feind zu haben, und sei er noch so schrecklich, als mit sich selbst zu ringen, als sich mit Selbstzweifeln zu schlagen, als sich mit der bitteren Erkenntnis auseinanderzusetzen, dass ich nicht die bin, die ich sein möchte. Denn manchmal sind die bösen Gedanken wie kleine Teufelchen, die sich an der Seele festgebissen haben. Neid und Eifersucht sind hartnäckig wie hässliche, kleine Dämonen und lassen sich nicht verjagen, so sehr ich es auch versuche. Die kleinen und großen Ängste, sie sind rechte Plagegeister – als wären sie manifest, die kleinen Biester, und es ist zum aus der Haut fahren, wenn sie so gar nicht weichen wollen.

Die Rede vom Teufel, von Luzifer, Beelzebub, dem Satan, dem Leibhaftigen – sie hat ihren tiefen Grund im Menschen selbst: Manchmal sind wir uns selber fremd, und es gehört gar nicht so viel dazu, dass wir uns kaum mehr wiedererkennen: Wenn Ehen scheitern, werden oft aus liebenden Herzen Mördergruben – kaum mehr nachvollziehbar, nicht zu bremsen, voller Hass und tiefer Verzweiflung. Eifersucht und Neid – wenn diese beiden erst einmal zuschlagen, dann gibt es keinen Rückzugsort mehr für eine geschundene und sehnsüchtige Seele. Und wenn Angst und Sorge ihre Krallen in die Gedanken schlagen, dann nützen keine guten Worte, oft kaum mehr Gebete. Die Rede vom Luzifer setzt ins Bild, wovor wir uns fürchten, und wenn Sie sich Teufelsdarstellungen in Geschichte und Gegenwart ansehen, werden Sie das wiederfinden: Es sind oft schwarz-geflügelte Chimären mit glühenden Augen und reißenden Zähnen, Ausgeburten schlimmster Phantasien und qualvoller Träume, Teufelsfratzen halt, verzerrt und voller Grauen.

Er ist ein Nichts und ein Niemand, der Teufel, das stellt Jesus in unserem Predigt klar. Er kann nichts bewegen, nichts bewirken, Jesus hat ihm die Macht genommen.
Und das ist schon eine großartige Botschaft: Es gibt keinen Teufel, und alle Dämonen sind nichts als böse Erinnerungen, Verletzungen und Verlusterfahrungen. Es gilt, was Jesus sagt, auch für diese Quälgeister: Sie können dir nichts tun. Beharrlich stellt sich Jesus vor uns, seine Menschenbrüder und -Schwestern. Er wird nicht zulassen, dass unsere unsterbliche Seele Schaden nimmt. Das gilt selbst in Krankheit und Tod: Nichts kann uns aus seiner Hand reißen, sie sind Nichtse in seinen Augen, die Krankheiten und die Leiden, die uns bedrücken, allein mit seinem Wort fegt er sie davon. Jesus ist stärker als alles Arge, als alles Böse, stärker sogar als der Tod.

Und wenn sie dann doch kommen, die Angst und die Sorge, der Hass und der Neid, die Eifersucht so nagend und so erbärmlich?
Früher haben Menschen in großer Not gesungen und neue Kraft gefunden. Probieren Sie es aus: Das Trutzlied Martin Luthers von der festen Burg mag ein gute Wehr und Waffen sein gegen die Mächte unserer inneren Finsternis. Amen

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