Kein Schmuseheiland mit Weichspülmotto

Liebe Gemeinde,

heute haben wir einen Text in der Predigt zu bedenken, der uns fremd vorkommen mag. Zum einen, weil Begriffe und Zusammenhänge in ihm vorkommen, die uns einfach nicht geläufig sind und die wir auf Anhieb deswegen nicht verstehen, weil unsere Sichtweise und auch unsere Sprache heute anders ist. Und zum anderen, weil zwischen dem Tag, an dem die Geschichte ursprünglich spielt und dem heutigen Tag, an dem wir sie hören und meditieren wollen, ein garstig breiter Graben von ganz viel Zeit liegt und wir eben auf dieser Seite, nämlich unserer Gegenwart stehen, die Geschichte, der Predigttext aber auf jener, quasi uns gegenüberliegenden Seite in der Vergangenheit sich befindet. Diese Spannung gilt es auszuhalten und wir kommen nicht umhin, uns selber, nämlich als gegenwärtige Menschen, in der je eigenen Situation unseres Lebens und unseres Glaubens, in dieser Geschichte wiederzufinden und uns in ihr zu erkennen.

Jetzt aber erst einmal der Text für diese Visitationspredigt. Er ist für uns aufbewahrt in Lukas 11. Hören Sie bitte:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, was wir hier gerade gehört haben, ist die Geschichte eines Exorzismus. Jesus treibt bei einem Menschen, dessen Namen wir nicht wissen, einen bösen Geist aus. Nachdem der Geist ausgefahren war, ist der Mensch, der vorher durch die Macht des Dämons stumm war, in der Lage zu sprechen. Eines dürfen wir bei diesem Exorzismus sicherlich annehmen: Die Handlung Jesu passt nicht zu dem, was wir sonst so über Dämonen und Exorzismen zu kennen meinen und was uns da aus den Studios in Hollywood präsentiert wird: Poltergeist, Der Exorzist, Halloween und andere Gruselschocker für die, die harte Kost lieben. In diesen Filmen und Filmchen geht es immer darum, das Böse oder die Macht des Bösen zu präsentieren und zu zeigen, wie die Menschen – meist sind es katholische Priester – an Werk gehen, um das Böse zu bekämpfen.

In solchen Filmen wird „der Teufel oft an die Wand gemalt“ und das macht Jesus von Nazareth nicht, er malt nicht den Teufel an die Wand, sondern er begegnet dem Bösen, den Dämonen, und er nimmt ihnen ihre Macht. Er zeigt, wer der Stärkere ist und er tut dies im Namen Gottes. Das allerdings – wird nun bestritten: Einige der Zeugen üben offene Kritik, indem sie behaupten, dass Jesus in der Vollmacht des Beelzebul, des Obersten der Dämonen, sein Werk verrichtet hat. Andere wollen Zeichen vom Himmel, die ihn so legitimieren, wie sie es gerne hätten.

In diesen Zeugen des Vorganges mag sich manch einer von uns wiederfinden. Uns gefällt es auch doch sehr, wenn wir was zu sehen bekommen, uns würde es doch auch gefallen, wenn wir so einem richtigen Wunder beiwohnen könnten. Wir – ich schließe mich da nicht aus – meinen dann, dies wäre gut für unseren Glauben und für unser Verhältnis zu Gott. Manchmal denke ich, liebe Gemeinde, wir erwarten viel zu oft das ganz Große und versäumen dabei die vielen kleinen auch wirklich wichtigen Begebenheiten in unserem Leben, die für uns und unseren Glauben nicht weniger ertragreich sind.

Ich möchte Ihnen das an einigen Beispielen deutlich machen. Es ist schon Jahre her, dass ich an einem Sonntagnachmittag ins Klinikum Burgwedel gerufen wurde. Eine alte Frau, die ihr Ende erwartete, wollte ein Gespräch haben und begehrte, den Sterbesegen zu bekommen. Die Patientin lag in einem Einzelzimmer in ihrem Bett und erwartete mich schon. Sie fing an, aus ihrem langen Leben zu erzählen und an einer Stelle stockte sie und konnte nicht weitersprechen. Wir schwiegen. Sie weinte und erst langsam und mit stockenden Worten konnte sie die wohl schlimmste Situation aus ihrem Leben erzählen: Es ging dabei um eine konkrete Situation gegen Ende des 2. Weltkrieges. Damals wohnte sie in Berlin und musste mit erleben, wie russische Soldaten ihre Tochter aus der Wohnung verschleppten und sie vergewaltigten. Sie selber konnte dieses Vorgehen nicht verhindern, denn sie stand unter Schock. Ein Leben lang hat sie sich deswegen Vorwürfe gemacht und konnte aber niemals darüber sprechen. Erst an jenem Sonntagnachmittag wurde es ihr durch Gottes Hilfe möglich gemacht, sich dieses ganz schlimme Erlebnis und die durch Jahrzehnte behaltenen Schuldgefühle buchstäblich von der Seele zu reden und sich das Herz zu erleichtern. Im Predigttext ist von einem Dämon die Rede, der schweigt und Schweigen verursacht. Ist es in diesem von mir gewählten Beispiel nicht ähnlich, auch wenn wir nicht von Dämonen reden? Ist es denn nicht so, dass ganze Jahrgänge, die den Krieg und dessen Folgen hautnah erlebt haben, nicht auch von diesem Dämon, von diesem Geist, der das Schweigen hervorruft und befiehlt, in Besitz genommen wurden. Sicherlich, unsere Mittel heutzutage mit solchen psychischen Eindrücken umzugehen, sind heute anders, denn an die Stelle der Exorzisten, wie Jesus einer war, sind heute Seelsorger und Psychologen getreten.

Und dann ist es für mich immer auch die Frage, in wessen Namen, kraft welchen Auftrages ich solchen Menschen begegne, mich mit ihnen unterhalte und in wessen Namen ich Sünden vergebe.

Im Predigttext heißt es ja sehr bildhaft, dass Jesus Christus antwortet: Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

Darauf will ich mich dann auch gerne berufen, nicht ich bin wichtig an sich, sondern ich bin erst dann von Bedeutung, wenn Gott mir diese Bedeutung zuspricht und mich gebrauchen kann, um anderen Menschen zu helfen. Nicht ich bin wichtig, sondern Gottes Auftrag, den er durch Liebe erteilt. Nicht ich bin wichtig, sondern dass durch Gottes Macht das Böse in seine Schranken gewiesen oder aber, wenn er es möchte, für immer zum Schweigen gebracht wird.

Liebe Gemeinde, wie ist es: denken Sie eigentlich auch, dass es in dieser Welt das Böse gibt? Ja, werden Sie jetzt sagen: Es gibt das Böse. Und manch einem mag es so ergehen, wie jener Frau, die ich mal kennenlernen durfte. Diese Frau hat nichts, woran sie sich freuen kann und ist auch nicht in der Lage, etwas Freundliches zu denken, geschweige denn zu sagen. Dabei sind die Lebensumstände, in denen sie lebt, gut: Die Ehe ist passabel, die Kinder sind gesund und aus dem Hause, das Haus, in dem diese Frau mit ihrem Mann lebt, ist schön und steht auch an verkehrsbegünstigter Straße. Kurzum: eigentlich ist alles schön und man könnte dankbar und froh sein und sich des Lebens und an Gottes Güte freuen, aber es geht nicht. Was da an Äußerungen kommt, ist nur negativ. Auch, was über Kirche gesagt wird, ist negativ und das schon seit Jahren. Ich frage mich dann schon, welcher Dämon reitet hier wen, welche negative Macht ist hier eigentlich im Spiele, dass es aus diesen zwanghaft – depressiven Strukturen so gar kein Entrinnen gibt, oder noch nicht geben kann. Solche Begegnungen versetzen mich nicht nur ins Fragen und ins Nachdenken, solche Begegnungen zeigen mir auch, dass solch eine Lebensstimmung, die mir vermittelt wird, mich ganz klar an Grenzen führt. Da kann ich nicht bessern. Und da könnte ich hundert Jahre predigen. Ich kann es nicht, aber die Kraft Gottes, die von der Liebe geprägt ist, kann es. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Und manchmal bricht sich diese Kraft Gottes Bahn. Und ich kann es ihm getrost überlassen, wann und unter welchen Umständen das sein wird.

Liebe Gemeinde, an zwei Punkten im heutigen Gottesdienst geben wir zu und bekennen es, dass es das Böse in dieser Welt und auch bei uns gibt. Zum einen, wenn wir nach dieser Predigt bekennen:

„Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.“

Mit diesen wenigen Worten bekennen wir, dass Gott alles geschaffen hat, sowohl das, was wir sehen, als auch das, was für uns unsichtbar ist, und da kann ich sowohl auch alle guten Mächte wie Engel und gute Geister denken, als auch das Böse, das Dämonische, welches uns in den unterschiedlichsten Ausdrucksformen begegnet. Beispiele gibt es genug: Das Böse kann sein, wenn ein Ehepartner dem anderen das Leben zur Hölle macht. Das Böse kommt da für mich zum Ausdruck, wenn Amokschützen in Schulen oder Kaufhäuser oder sonst wohin stürmen und wahllos unschuldige Menschen erschießen. Das Böse kommt aber auch da für mich zum Ausdruck, wenn wir scheel und neidisch auf das blicken, was andere haben und wir nicht. Und ich denke, Ihnen selber fallen viele Beispiele dazu ein.

Das andere, was ich meine, ist die Bitte im Vaterunser, die Sie alle kennen und ja auch mitsprechen…. „und erlöse uns von dem Bösen.“ Hier wird – wiederum mit wenigen Worten – bekannt, dass wir der Erlösung von dem Bösen im Allgemeinen und auch im Besonderen bedürfen. Und darum bitten wir Gott jedes Mal, wenn wir dieses Gebet sprechen. Manchmal ist es uns gar nicht bewusst, aber es verhält sich doch so, dass wir, wenn wir so sprechen, für unseren Leib und für unsere Seele bitten. Luther bringt es in seiner Erklärung auf einen einfachen und für mich sehr persönlichen Nenner. Er schreibt: „Wir bitten in diesem Gebet, dass uns der Vater im Himmel vom Bösen und allem Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel.“

Nicht wahr, eine klasse Formulierung – lutherisch eben!

Liebe Gemeinde, lassen Sie uns noch einmal zum Predigttext zurückkehren. Am Ende des Abschnittes, den wir heute bedenken durften, kommt Jesus zu einer ganz deutlichen Aufforderung, sich zu entscheiden. Damals galt diese Aufforderung seinen Zuhörern, die ich auch gerne Zeugen genannt habe. Nachdem Jesus die Verdächtigung, er würde im Namen Beelzebuls Dämonen austreiben, entkräften konnte, ruft er zur klaren Entscheidung auf,Im Stil eines Feldherrn sagt er: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ Klare Sache: Entweder man ist für Jesus Christus, oder man ist gegen ihn. Entweder man glaubt ganz und gar an Jesus Christus und zum Beispiel an das Prinzip der Nächstenliebe, oder man glaubt nicht. Ein bisschen Glauben geht nicht, denn ein bisschen glauben ist kein Glaube. Entweder man ist für den christlichen Glauben oder man ist gegen ihn. Das sind, liebe Gemeinde, harte Worte. Diese Worte sollen polarisieren und zwar auf eine eindeutige Weise. Entweder man entscheidet sich für ihn oder gegen ihn. An anderer Stelle ermahnt Jesus in ähnlicher Weise, wenn er sagt: Man kann nicht zwei Herren gleichzeitig dienen.

Verstehen Sie: Jesus ist kein Schmuseheiland, der nur lieb und treu und brav daherkommt, sondern er ist derjenige, der wissen will, wie wir es mit dem Glauben halten. Glauben wir an ihn, der das Böse in der Welt überwunden hat, der selbst in seiner Todesstunde für diejenigen betet, die ihn gekreuzigt haben? Christus will, dass wir Farbe bekennen. Es geht mit Jesus Christus eben nicht nach dem weit verbreiteten Weichspülmotto: „Wasch mir ruhig das Fell, aber mach mich nicht nass.“ Das ist mit Jesus Christus nicht zu haben. Sondern hier lautet die Botschaft anders: Glaubt ganz an mich und ihr bekommt Leben in voller Genüge. Glaubt ganz an mich und nur an mich und haltet das höchste Gebot, dass ich euch gegeben habe: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Das ist seine Einladung an uns und der gleiche Jesus Christus hat eben für seine Lehre und für seine Worte bis ganz zum Schluss eingestanden. Er ist für uns gekreuzigt worden und ist für uns auferstanden, damit wir es für uns deuten und glauben. Er hat sich ganz gegeben und mich wundert es deswegen überhaupt nicht, dass er von uns einen ungeteilten Glauben fordert. Wir dürfen glauben und uns den Glauben schenken lassen durch den Heiligen Geist. Wir sind nachher eingeladen zum Abendmahl, um zu sehen und zu schmecken, hier, dieser Jesus Christus hat sich bereits für uns entschieden und er hat dies beglaubigt mit seinem Tod, damit wir in Ewigkeit leben.

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden, werter Herr Superintendent, kommen wir zum Schluss. In den nächsten Wochen geht das Kirchenjahr zu Ende, und ehe wir es uns versehen, ist schon die liebe Adventszeit da. Jesus Christus hat oftmals über das Ende gesprochen und hat immer wieder darauf hingewiesen, dass das Reich Gottes mitten unter uns ist. Für mich ist das immer eine recht befreiende Botschaft gewesen, und je älter ich werde, umso so mehr freue ich mich über diesen Umstand: Das Reich Gottes fängt hier und heute bei uns an, ist mitten unter uns und wir dürfen es erleben – hier zeitlich und dort ewiglich. Und nichts und niemand wird uns von diesem Reich Gottes trennen, nicht das Böse in der Welt und nicht die Umstände, an denen wir zweifeln oder manchmal auch zu verzweifeln drohen, denn Jesus Christus ist mit uns. Er wird uns und unsere Gemeinde in Fuhrberg sammeln und er wird zu uns stehen, so, wie er es uns verspricht, wenn er immer noch sagt: „Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle eure Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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