Gott ist im Himmel und du auf Erden!

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, liebe Freunde,

hier redet jemand Klartext. Soviel verstehen wir gleich, auch wenn die Einzelheiten eher verwirren.
Hier wagt es jemand, gegen das Establishment anzupredigen, das ist uns gleich klar, auch wenn uns die Bildsprache von den Hirten und ihren Schafen eher fremd geworden ist.
„Die da oben“ bekommen jetzt ihr Fett weg. Endlich steht mal einer auf und nennt die Dinge beim Namen. Die fetten Jahre sind vorbei. Gott meldet sich zu Wort: Die Eliten versagen auf der ganzen Linie. Verantwortungslosigkeit und Machtmissbrauch, Selbstbedienungsmentalität und Gleichgültigkeit sind unerträglich geworden. Und die Liste ließe sich fortsetzen mit unseren hochaktuellen und modernen Fremdwörtern: Profit, Rendite, Inkompetenz, Korruption, Lobbyismus, Ignoranz …
„Die da oben“ – bald ist es aus mit ihnen.

Der Mann, der hier predigt, ist ein Prediger, ein Priester im jüdischen Volk, ein Deuter der Geschehnisse seiner Zeit – ein Prophet. Vor 2500 Jahren trat ein, was er im Auftrag Gottes kommen sah: Die Babylonier fegten mit überlegenen Heerscharen das kleine Israel von der Landkarte. Der Tempel zerstört, die königlichen Gemächer, die stolze Hauptstadt Jerusalem – alles in Schutt und Asche. Und die Gefangen gehen in langen Reihen nach Babylon – in die Hauptstadt der Sieger.
Und „die da oben“ gehen nun neben denen, die bisher immer schon nicht hochgekommen sind. Die Reichen sind plötzlich so arm wie die, die es schon immer waren. Die Verantwortungsträger haben nichts mehr zu tragen. Die ehemals Mächtigen trotten ohnmächtig in eine ungewisse Zukunft.

Das gibt es: Mächte und Gewalten, die stärker sind als die jeweils Mächtigen und Gewaltigen.
Da bricht ein Krieg los. Da gehen Hunderttausend auf dem Leipziger Ring die Runde. Da explodiert ein Kernkraftwerk. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Die Machtverhältnisse kippen. Ein politischer Erdrutsch, vielleicht sogar ein Erdbeben, ein GAU – so reden wir dann in unserer Sprache.

„Weh euch da oben! Weil ihr nicht getan habt, was nötig und richtig und gut war, wird es über euch hereinbrechen. Und alles wird danach anders sein als zuvor…“ Manchmal ist es ein „Tag der Befreiung“. Manchmal endet eine faschistische Ideologie in den Trümmern eines tausendjährigen Reiches. Manchmal hebt sich ein Schlagbaum an der Bornholmer Brücke, weil einer von „denen da oben“, ein Funktionär nicht richtig funktionierte und eine Notiz vorliest, die nicht vorgelesen werden sollte.

Und manchmal ist es auch andersherum. Dann trotten die Gefangenen in Kolonnen heraus aus dem Gewohnten und Gewissen, aus der Heimat, ohne Gepäck, ohne Rechte. Ins Nichts gehen sie. Werden zerstreut, verlieren alles, Verlorene müssen sie sein. Und ihnen bleibt allein die Hoffnung, irgendwann wieder einmal nach Hause zurückzukommen.

Beinahe hätten wir es schon wieder vergessen: Auch davon predigt ja dieser Prediger: Es gibt einen „da oben“ – der sucht die Zerstreuten, der kennt jeden einzelnen Gefangenen und der wird die Sache der Machtlosen und Rechtlosen selbst in die Hand nehmen. Wenn die Eliten versagen, ist das Volk nicht alleingelassen. „Der da oben“ kümmert sich.

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
wann hätten die Vertreter des Volkes je ihre Aufgabe erfüllt? Denken wir an unsere eigene Geschichte! Bei den Nationalsozialisten ist unser Urteil eindeutig. Bei den Kommunisten wird es schon uneindeutiger. Und – können wir es wagen, unseren demokratisch gewählten Volksvertretern ihre Kompetenz und Lauterkeit abzusprechen?
Die westliche Demokratie ist doch das Beste, was es bisher überhaupt auf Gottes liebem Erdboden gab. Oder?

Andererseits: Da wird ein Mensch getötet und eilig auf See bestattet – ohne Justitia, die uns doch hoch und heilig ist. Ein Verbrecher war er, ja, aber genau dafür haben wir doch unsere stolzen demokratischen Rechtssysteme entwickelt.

Da wird der Ausstieg aus einer gefährlichen Art der Energieerzeugung beschlossen. Dann von neu gewählten Politikern wieder rückgängig gemacht. Und als eine Katastrophe geschieht, die nach allen menschlichen Berechnungen überhaupt nicht hätte geschehen können, ist über Nacht der Ausstieg wieder beschlossene Sache. Und plötzlich haben alle Parteien einen Grünstich…
Je nachdem woher der Wind weht, werden Entscheidungen getroffen. Und hoffentlich weht er in Japan noch lange auf den Pacific hinaus…

Liebe Gemeinde,
um nicht falsch verstanden zu werden: Politikerschelte ist nicht das Thema. Würden wir die Rollen umbesetzen und die Regierungsbänke durch Stammtische ersetzten, es ginge nicht anders zu. Wohl eher schlimmer.
Hesekiel, diese jahrtausendealte Stimme Gottes, sieht Hoffnung für die Menschen seines Volkes überhaupt nur in einer einzigen Option: Gott selbst kümmert sich.
Menschliche Eliten werden immer wieder ihren menschlichen Schwächen erliegen. Sie werden immer ihrer Leitungsrolle nicht gewachsen sein. Immer wieder mit der Verantwortung überfordert sein. Immer wieder enttäuschen. Immer wieder mit sich selbst beschäftigt sein. Und den Versuchungen der Macht und der Dummheit öfter erliegen, als ihnen lieb ist.

Wenn einer so redet, wie Hesekiel, dann schmerzt das. Zum einen, weil wir ahnen, dass er Recht hat. Und zum anderen, weil dann die Frage steht, wie es denn sonst gehen soll.

Seine Antwort: Gott kümmert sich selbst. „Der da oben“ macht sich verantwortlich. Das klingt naiv, weltfremd und wenig konkret. Und schnell könnten wir Beweise aus der Tasche ziehen, dass er sich eben gerade nicht gekümmert hat.

Und doch: Wenn alles fällt, wenn der Krieg, das Beben, der Erdrutsch, die Katastrophe alles menschliche Agieren an ein Ende bringt, warum sollte Gott dann schon am Ende sein?
Unsere Redewendung, „…da helfe nur noch Beten…“ hat ja etwas von dem Wissen bewahrt, dass uns nicht alles gelingt, dass wir nicht alles schaffen. Von wegen: „Nichts ist unmöglich!“. Slogan einer japanischen Weltfirma.

Vielleicht hilft es uns, Gott auch in den ganz großen und globalen Herausforderungen unserer Zeit wieder zu vertrauen, wenn wir uns erinnern, wie ein anderer Prediger sich in einer ganz ähnlichen Situation wie der Prophet Hesekiel äußern musste.

In dieser Woche feiern wir seinen 125. Geburtstag – am Dienstag.
Geboren 1886 war er Zeuge des ersten weltweiten Krieges. Nach dessen Ende verfasste er 1919 als einfacher Gemeindepfarrer einen Theologischen Kommentar zum Römerbrief, der Theologiegeschichte schrieb. Unerhörtes wagte der 33jährige der Kirche und der Gesellschaft entgegenzuschleudern: Gott ist nicht ein wohlfeiles Teil unserer kirchlichen und menschlichen Systeme, sondern der ganz Andere, Unfassbare und Unbegreifliche. Mit ihm zieht man nicht gegen seine Feinde in den Krieg, seinen Namen prägt man nicht auf Koppelschlösser, ihn darf man nicht länger missbrauchen als Stabilisator bürgerlicher Moral und Ordnung. Gott ist nicht bieder angepasst und handle-bar, er ist nicht der gute Kumpel von nebenan und nicht der liebe Gott, der unseren Bildern von ihm entspricht.
„Gott ist im Himmel und du auf Erden.“ So einer seiner prägnanten Sätze. Da ist Abstand. Und also Respekt und also auch: Hoffnung!

Gott ist bei Karl Barth – um den geht es – nicht Bestandteil unserer Systeme, sondern das fremde und souveräne Gegenüber, das anders ist und uns in unseren Systemfehlern genau deshalb helfen kann.
„Der da oben“ eben. Über allen, die wir da oben vermuten. Über allen Mächten und Gewalten sogar, die die Weltgeschichte immer wieder einmal hin- und herwerfen. Über aller Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Und er ist, davon ist Karl Barth zutiefst überzeugt, einer, der sich kümmert. Abstand heißt hier eben nicht: Gleichgültigkeit. Distanz eben nicht: arrogante Überheblichkeit.
Das hat er in seiner Auslegung der Jesusgeschichte ausführlich dargelegt. Über einen Meter misst seine „Kirchliche Dogmatik“ im Bücherregal. Christus ist für ihn alles. In Jesus Christus werden Abstand und Zuneigung Gottes zugleich deutlich.
„Der da oben“ und „die da oben“. Gott im Himmel und ich auf Erden.

Wer Gott vergisst, vergisst also seine letzte Hoffnung. Vergisst den, der es anders kann und anders macht. Vergisst den Stärkeren, den Darüberstehenden, den, der sich herunterneigt, den Fürsorglichen, den Kümmerer.

Denn das ist ja die entscheidende Frage: Woran sind wir letztlich gebunden? Was hält, wenn Tempelmauern fallen und tödliche Winde wehen? Wenn menschliche Dummheit katastrophale Folgen hat und die, die es wissen müssten, nur noch auf die richtige Windrichtung warten können? Was hält, wenn die Kontrollräume leer bleiben?
Wenn Rassenwahn oder Machbarkeitswahn uns Menschen wahnsinnig gemacht haben und alle Kranken sich gegenseitig versichern, gesund zu sein?

Karl Barth war am Vorabend des zweiten weltweiten Krieges, in den Zeiten also, als wieder Juden deportiert wurden – diesmal in die Vernichtung und nicht nur ins babylonische Exil – einer der wenigen, die überhaupt sprachfähig blieben und gegen den Wahnsinn anpredigten.
Ich zitiere: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

„Der da oben wird sich kümmern.“ Und von nichts anderem haben die Prediger zu reden. Es liegt ja auch in nichts anderem wirklicher Trost und letzte Hoffnung.

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