Hirten-Casting: Füreinander zusammen leben.

Liebe Gemeinde,

Suche nach dem Hirten

Wenn man Menschen mit Tieren vergleicht, hat man selten etwas Gutes im Sinn. Auch in der Kirche sind nur wenige Mitglieder, die sich als „Schafe“ titulieren lassen. Damit bezeichnet man lieber die anderen, nicht aber sich selbst.

Das Bild vom Hirten ruft bessere Assoziationen hervor. Darauf wollen wir uns konzentrieren. Davon handelt unser Bibeltext aus dem Prophetenbuch des Hesekiel. Gott selbst wird unser Hirte sein, so die Verheißung. „Ihr sollt meine Herde … und ich will euer Gott sein.“ Wie aber soll das geschehen? Wie wird Gott unser Hirte?

Wir könnten das Bild vom Hirten sozusagen gänzlich vergeistigen. Gott wäre dann der geglaubte, aber unsichtbare, nicht wahrnehmbare Lenker unseres Lebens. So gesehen würde uns ein frommes „Inschallah“ genügen als Ausruf demütiger Fügung in all das, was uns widerfährt bzw. von Gott, unserem Hirten, gefügt – um nicht zu sagen – zugefügt wird. Geduldige, fromme Fügsamkeit aber ist nicht Thema unseres Bibeltextes.

Im Hirten-Text des Hesekiel sind sehr konkrete Hinweise auf sehr konkretes Handeln enthalten. Das heißt doch: Das Hirten-Amt Gottes nimmt uns Menschen in Anspruch. Es ist das uns vorbildende Amt, in das Gott uns mit hinein nimmt; in das er uns ruft. Wir fragen also: Wer sind denn unsere Hirten? Wer mag Gott – und uns – gefallen?

Es wäre nun zu schlicht, wollten wir diese Frage eilends mit dem Satz: „Das sind unsere Pfarrer/innen.“ beantworten. Diese Antwort ließe sich zwar emotional stark aufladen und wir könnten uns daran weiden. Der Bibeltext aber erwähnt an keiner Stelle, dass mit den „Hirten“ ausschließlich Priester gemeint seien.

Gehen wir anders vor. Wir veranstalten ganz modern ein „Hirten-Casting“. „Germany next shepard“, könnte die Sendung heißen.

Die Bewerber

Wir laden drei Bewerber ein. Der erste trägt tatsächlich ein priesterliches Gewand. Nennen wir ihn ruhig den Priester. Mehr wollen wir gar nicht verraten, weder Religion noch Konfession unseres ersten Bewerbers. Lassen wir ihn zu Wort kommen:

„Ich bin der gute Hirte. Ich bin gütig und ich bin streng zugleich. Alles, was ich tue, gründet in den alten Urkunden des Glaubens. Die haben wir vergessen. Es ist kein Wunder, dass so viele Menschen ohne Orientierung leben. Man hat sich verrannt, sieht nur sich selbst, lebt seiner Habgier und seiner Lust. Davor aber warnen uns die alten Urkunden, zu denen ich euch zurückführe. Nein, nicht in allein. An meiner Seite stehen Männer, die mir gehorsam sind, die sich ganz ihrer Aufgabe verpflichtet wissen. Hirte aber kann nur einer sein, denn Gott ist einer und nicht viele. Gott ist Hirte durch mich. Ich bin der gute Hirte und mit mir und durch mich sind es die anderen, die wir Knechte nennen, weil wir die wahren Worte lieben. Güte und Gehorsam steht auf unserem Banner. Wir sind streng und strafen die Sünde. Der Ungläubige mag uns fürchten, die Herde aber liebt uns. Wir wissen um den Weg und die Wahrheit. Das lassen wir nicht länger zerreden. Es ist doch wunderbar, sich als Glied einer Herde zu wissen, die auf dem richtigen Weg ist.“

Genug der ersten Rede. Eine Frage blieb für mich offen: Was würde dieser selbsternannte, „Gute Hirte“ zum Thema Toleranz sagen und wie hält er es mit der Demokratie? Wären wir im Fernsehen, kämen jetzt Werbung und Musik und dann dürfte der nächste auftreten. Nennen wir ihn den Manager.

„Führen nach dem Hirtenprinzip ist unser Programm. Aber keine Angst, wir sind keine frommern Spinner. Pflege der Herde ist unser Prinzip. So schön „schwarze Schafe“ sein mögen. Bei uns haben sie keinen Platz. Wir kennen unsere Schafe und sind für sie da. Und unsere Schafe – nein, ich sage lieber – unsere Mitarbeiter haben alle das gleiche Ziel. Hatten wir nicht gehört: Ihr tretet das Starke nieder. Nein, bei uns wird das Starke gepflegt. Ob wir unser Ziel erreicht haben, erfahren wir nicht aus der Tagesschau. Das wissen wir schon vorher, wenn über die Börse berichtet wird. Leistung und Gewinn gehören für uns zusammen. Ein guter Arbeiter ist seines Lohnes wert, hab ich irgendwo einmal gehört. Da müssen wir doch alle hin, dass wir arbeiten, etwas leisten und uns am Gewinn auch freuen dürfen. Daran mangelt es doch, dass keiner mehr wirklich arbeiten will.“

Allenfalls kommt jetzt mäßiger Applaus. Man möchte natürlich nachfragen: Wie geht ihr mit denen um, die krank und verwundet sind? Welchen Platz haben sie in eurer Leistungs-Herde? Fragen wollte man auch: Stimmt euer Ziel?

Aber wie das immer so ist in Casting-Shows: Die Zeit drängt. Lassen wir den vorletzten auftreten. Er könnte „Little H“ (englisch gesprochen) heißen und so könnte seine Rede lauten:

„Wir müssen doch nur genau hinhören. Herde und Weide gehören zusammen. Und darum ist ein Zaun. Herde heißt: Wir sind gleich, da ist nichts Fremdes unter uns, keine Ziegen und keine Kühe. Nein, wir sind eine reine Herde. Als guter Hirte sorge ich dafür, dass alles, was uns Futter, Weide und Wasser raubt, fern bleibt. Die Mitfresser, die Vermischung, die Gleichgültigkeit sind doch das, was uns krank macht. Davor werde ich euch bewahren. Bewahre werde ich auch die Weide, die uns heilig ist. Alles, was unsere Weide gefährdet, muss zerstört werden.“

Der Zuschauer spielt mit

Wollten wir nun abstimmen? Können wir uns entscheiden, wer „geman next shephard“ wird? In unseren politischen Wahlen tun wir es auf gewisse Weise. Wem wollen wir unser Vertrauen geben und wem legen wir unsere Zukunft in die Hände?

Ein Zuschauer meldet sich zu Wort: Dürfen wir uns auch bewerben? Was heißt da „Wir“? „Alle drei Bewerber haben „Ich“ gesagt. Wir sagen wir. Wer wir sind? Das dürfen sie raten. Unsere Bilder sind anders. Hirten sind für mich Eltern, die ihre Kinder lieben. Ja, da hat der Priester wohl recht, Strenge mag dazu gehören. Aber in und über allem steht die Liebe. Hirten sind für mich Menschen, die für einander da sind. Ja, da hat er recht. Wir sind verrannt in unsere Ichsucht. Daraus aber befreit uns kein Mensch, daraus befreit uns Gott, wenn wir ihn unseren Hirten sein lassen. Es hilft uns doch nichts, wenn wir nach Priestern rufen, das Wort Gottes aber nicht hören wollen. Es hilft uns doch nichts, wenn wir uns nach starken Männer sehnen. „Little H“ und seine Regierung endet unweigerlich im Hass.

Hören wir doch, was ein Hirte im Namen Gottes tut: Den Schwachen gibt er Kraft. Da ist doch nicht allein Aufgabe eines Pfarrers.

Wenn wir füreinander Hirte sind, erfüllen wir Gottes Wort. Kranke heilen ist nicht allein eine ärztliche Aufgabe. Unser krankes Leben heilt in dem Augenblick, indem wir unser Herz für andere öffnen. Sinnlos wird unser leben, wo wir ständig um uns selber, um unsere Sorgen, um unser Geld kreisen.

Nun ist es wahrlich nicht sehr modern, uns im Bild eines Schafes zu sehen. Aber eine Wahrheit steckt darinnen: Wir Menschen können nicht allein leben. Nur im Zusammenhang mit anderen gelingt unser Leben. Nur mit anderen erleben wir Glück und Zufriedenheit. Nur dort, wo wir dem Leben dienen, dem Schwachen aufhelfen, erleben wir Sinn.

Was soll der Ruf nach Stärke? Darin liegt doch unser ganzes Elend, dass wir den Wandel nach außen verlegen. Wir werden weder von Fremden bedroht noch von Armen ausgenutzt. Es mag richtig sein, dass Arbeit sich auch lohnen muss für die, die etwas leisten, leisten können. Darüber aber dürfen wir die Verirrten nicht vergessen. Es mag uns zurecht erschrecken, welche Grausamkeit und Zerstörungswut aus Menschen herausbricht. Und das sind nicht nur junge Menschen! Was uns bedroht ist unsere Herzenskälte und was uns bedroht ist unsere Orientierungslosigkeit. Wehe denen, die nur sich selber weiden. Ein Volk und insbesondere das Volk Gottes ist keine Gewinn-Gemeinschaft“

Da hat nun der Zuschauer die Show gesprengt. Richtig! Wenn wir aufhören, bloß erzürnte Zuschauer des Lebens zu sein, mag sich vieles wandeln. Wir selbst zu allererst.

Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr. Das Hirtenamt – wenn wir es denn evangelisch, froh und frei begreifen wollen – ist ein Amt der ganzen Gemeinde. Darin können wir füreinander zusammen leben.

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