Geborgenheit und Freiheit

Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebendige der Herr sei.

Irgendwie scheint dieser kurze Paulus-Text ein Friedhofswort zu sein. Immer wieder habe ich es bei Trauerfeiern gesprochen. Unendlich oft haben wir es alle als Teil einer Trauergemeinde gehört. Es hat etwas Grundsätzliches und zugleich etwas Tröstliches an sich.

Zunächst aber erscheint das Grundsätzliche gar nicht so trostvoll: Da stehen wir etwa an einem Grab und haben wieder einmal die Unausweichlichkeit des Todes erfahren. Keiner kann ihm ausweichen, niemand wird verschont, ob hoch oder niedrig, ob arm oder reich – wie im Totentanz. Im Dom ist zur Zeit wieder Hugo von Hoffmannsthals „Jedermann“ zu erleben. Oder wenn Sie den nicht billigen Eintritt bei „Jedermann“ scheuen, dann steigen Sie eine Station früher aus und betrachten in der Marienkirche im Eingangsbereich die Fresken des mittelalterlichen Totentanzes. Überall die gleiche Botschaft: Keiner kommt davon. Der Tod kriegt uns alle.

Und nun ist es gar nicht im Sinne des christlichen Glaubens, hier drumherum zu reden. Es gibt da nichts zu beschönigen, und niemand ist zu vertrösten. „Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zum Staube.“ Härter und realistischer lässt es sich nicht sagen, als wir Pfarrer dies am Grabe tun.

Aber:

Dieser Grundsätzlichkeit und Unausweichlichkeit des Todes steht die noch viel stärkere Grundsätzlichkeit der Liebe und Freundlichkeit Gottes in Jesus Christus gegenüber, die uns im Leben wie im Tod umfangen und tragen möchte: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“

„Unser keiner lebt sich selber.“ Das könnte missverstanden werden als Behauptung, dass wir über unser Leben nichts zu bestimmen hätten. Das Gegenteil ist der Fall. Gott will den verantwortlichen und also selbständigen Menschen. Dazu gehört auch, was wir heute Selbstverwirklichung nennen.

Aber was geschieht, wenn wir mit unseren Plänen von Selbstverwirklichung mit den entsprechenden Vorstellungen anderer Menschen zusammenstoßen? Was geschieht, wenn wir aus solchen Konflikten nicht als Sieger hervorgehen? Was geschieht, wenn wir an Grenzen stoßen? Grenzen unserer Körperkräfte oder auch Grenzen unseres Verstandes?

Nicht jeder von uns war doch gut in Mathematik, und im Diktat haben wir auch Fehler gemacht. Ich war zwar in Deutsch und Mathe immer ganz gut, aber übers lange Pferd bin ich im Sportunterricht niemals drüber gekommen. Und älter werden wir schließlich alle und entdecken – der eine früher, der andere später – dass auch das Einschränkungen mit sich bringt.

Und es gibt noch andere Enttäuschungen im Leben, auch Enttäuschungen politischer Art. „Dafür sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen“, ist nicht selten zu hören. Oder: „Die Einheit hätte ich mir anders vorgestellt.“ Ob solche Meinungen zutreffend sind, ist sehr die Frage. Pauschal können sie gewiss nicht gelten. Aber bedeuten Wende und Einheit wirklich nur Gewinn? Wir werden heute noch Gelegenheit haben, darüber ins Gespräch zukommen.

Wie aber ist zu reagieren auf die Verwerfungen, die das Leben mit sich bringt? Paulus kommt nicht daher wie die braunen Herrschaften, die meinten, dass der Einzelne nichts und nur die Volksgemeinschaft alles sei. Er argumentiert auch nicht wie die roten Herren, die jede abweichende Regung erstickten mit der Losung „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“. In beiden Fällen wird der Einzelne klein gemacht. Bei Gott aber ist das anders. Gott will gerade jeden Einzelnen ernst nehmen, ihn auffangen, ihn stützen, ihm weiterhelfen.

Was heißt das? Buchstabieren wir es durch im Blick auf den dreieinigen Gott:

Gott: Von Vaterhänden dürfen wir uns geleitet wissen und an eine mütterliche Brust können wir uns lehnen. Jesus: Da tritt einer an unsere Seite und sagt ganz schlicht: Ich gehe mit dir, ganz egal wohin. Der Heilige Geist: Er beflügelt unser Denken und Tun.

Das ist Gott, das ist der Herr, dessen Name uns immer den großen Buchstaben begegnet. Das ist Jahwe, der Gott Israels und Vater Jesu Christi, das ist Gott in all seiner Fülle. Mit ihm verbunden zu sein, bedeutet erfülltes Leben. Und es bedeutet Entlastung. So wie uns Erfolge nicht überheblich machen sollen, so brauchen uns Grenzen, Konflikte und Misserfolge nicht niederzudrücken, denn Gott gibt uns das rechte Maß vor. „Leben wir, so leben wir dem Herrn.“

Wo wir solche Erfahrung machen, bedeutet das Hoffung über das gegenwärtige Leben hinaus. „Sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“

Wir Menschen lernen aus Erfahrung. Die kleinen Kinder stecken die Dinge in den Mund und lernen, was hart ist und was weich, was gut schmeckt oder nicht. Vor manchen Erfahrungen würden wir sie gern bewahren, aber nicht immer gelingt das. Mein Freund Jochen bog sich eine Haarnadel seiner Mutter zurecht, umwickelte die Kombizange des Vaters mit unendlich viel Isolierband, und dann – vorsichtig und mit klopfendem Herzen: rein in die Steckdose! Rumms!!! Alles dunkel. Papa hatte doch recht. Aber seine Isolierung war auch gut. Naja, Papa hat dann geschimpft – und eine neue Sicherung reingeschraubt. Jochen hatte wieder eine Erfahrung gemacht.

Unsere Erfahrungen geben uns Sicherheit und Hoffnung für die Zukunft. Das gilt auch für unser Verhältnis zu Gott. Darum: Gott, der ohne Ende und selber das Leben ist, kann doch in seiner Zuwendung zu uns Menschen nicht plötzlich begrenzt sein. Es mag uns so vorkommen, dass Gott uns verlassen habe. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ruft auch Jesus am Kreuz und rechtfertigt damit alle unsere Nöte, Zweifel und Ängste. Aber sie müssen und sollen nicht das letzte Wort haben. Jesus blieb nicht im Tod gefangen, und so hoffen auch wir auf das neue Leben mit Gott. „Sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“

„Was habe ich vom christlichen Glauben?“ so wird ja nicht selten gefragt. Nicht unbedingt ein leichtes Leben, aber ein entlastetes Leben.

Das heißt: Ich bin wichtig, aber an mir hängt nicht alles. Ich kann mich jederzeit anlehnen, um dann wieder allein weiterzugehen. Ich kann jederzeit Lasten abgeben, um dann neu zupacken zu können. Ich darf die Geborgenheit und herrliche Freiheit eines Christenmenschen genießen, die keine Grenzen kennt, auch nicht die des Todes. „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebendige der Herr sei.“

drucken