Mensch werden Mensch sein

Das Ende des Kirchenjahres, liebe Gemeinde, ist eingeläutet. Es lässt sich nicht länger verdrängen. Die Tage sind kurz. Manchmal blickt man nicht mehr durch, so trübe ist es. Die Stimmung ist gedrückt. Unsere Gedanken wandern manchmal sehnsüchtig zurück zu den langen, warmen und bunten Sommertagen, die doch gerade eben erst erlebt und gelebt wurden. Die großen, grundsätzlichen Themen schieben sich in den Vordergrund, Fragen nach Leben und Tod, Fragen nach einem festen Grund unter den Füssen in den Wechselstürmen des Lebens oder ist doch nur alles ein ständiges Balancieren am Abgrund der Sinnlosigkeit? Das ist nicht nur eine notwendige Phase im Leben eines Heranwachsenden, der in der Pubertät versucht, sich zu entdecken und zu verstehen, um seinen Platz im Leben zu finden, sondern eine Herausforderung in jeder Lebensphase. Wenn ich die Schule verlasse und mich für einen Beruf entscheide, was heute ja keine Lebensentscheidung mehr ist; wenn ich studiere und das Leben mit vollen Zügen genießen möchte; wenn ich mich auf eine Partnerschaft einlasse, womöglich Familie gründe und Verantwortung für andere übernehme, wenn die Kinder aus dem Haus sind und Freiheit mit einem mal ganz anderes daherkommt, wenn ich aus dem Beruf ausscheide und in den Ruhe- oder Unruhestand eintrete, wenn die Kräfte schwinden: immer wollen die Fragen beantwortet und verantwortet werden: Leben, was ist das? Leben, wie geht das? Und:
Sterben, der große Feind des Lebens, Teil des Lebens, oder nur der große Bruder des Schlafes, der mich zur Ruhe kommen lässt, der Seele eine Verschnaufpause gewährt bis zum großen Wiedererwachen?
Die Frage nach dem Leben inmitten einer Welt, in der auch gestorben wird, mal jung und lebenshungrig, mal alt und lebenssatt, ist so alt wie die Menschheit, ist womöglich der Ursprung alles Fragens nach Gott.
Und es ist zugleich die größte Herausforderung bei der Aufgabe, Mensch zu werden, Mensch zu sein.
Ich kann nach außen funktionieren, wie alle es von mir erwarten, den Anforderungen an einen angepassten, gesellschaftsfähigen Typen erfüllen, mich an die Spielregeln halten, nicht stören und niemandem zur Last fallen. Aber deswegen muss ich noch nicht verstanden und ergriffen haben, was Leben eigentlich ist.
Ich kann die grundsätzlichen, existentiellen Fragen fast ein ganzes Leben ausblenden, am Ende holen sie mich doch ein.
Manchmal fängt alles ganz banal an, mit einer Kleinigkeit oder einer Nebensächlichkeit, so wie bei Paulus in Rom, wo sich die Starken im Glauben die Freiheit nehmen, sich über Speise- und Reinheitsgebote hinwegzusetzen, weil sie es nur für belangloses Götzengehabe halten, von denen sich der Glaubende frei weiß: essen ist lediglich essen und trinken ist lediglich trinken, während andere nicht davon loskommen, dass dieses Fleisch aber in den heidnischen Tempeln geopfert wurde, ehe es auf den Marktplatz kam und bestimmte Tage und Stunden den heidnischen Gottesdiensten gehörten. Wer hat recht oder besser gefragt: wer ist der gute? Wer ist zum Leben durchgedrungen oder im Zustand der Angst stehen geblieben? Wer lebt oder wer lässt sich treiben? Und schon ist man mitten drin im Thema.
Denn keiner lebt für sich allein, weder der Starke noch der Schwache.
Es wird zwar allgemein die Individualisierung, die Vereinzelung beklagt, die zu Lasten der Gemeinschaft oder der Familie geht. Und sie führt über weite Strecken dazu, dass Egoismus und Selbstbezogenheit den Ton angeben. Und dennoch lebt keiner für sich allein. Wir sind immer eingebunden in soziale Gefüge. Ich werde in eine Familie hineingeboren, habe im Kindergarten erste soziale Kontakte, muss meinen Platz in der Klassengemeinschaft suchen und finden, arbeite im Kollegenkreis, was Teamfähigkeit voraussetzt, muss in meiner eigenen Familie Kompromisse finden, mich mit den Nachbarn arrangieren, die im gleichen Haus ihre Freiräume suchen und sitze auch im Gottesdienst zwar als einzelne Seele im Gespräch mit Gott, aber im Kreis der anderen, die mit mir feiern und stimme in den gemeinsamen Gesang ein. Ein lebendiger Mensch werde ich, wenn ich meine Mitmenschen wahrnehme, wenn ich ihre Stärken und ihre Schwächen erkenne und ihre Grenzen respektiere, wenn ich spüre, was mein Gegenüber irritiert oder erschüttert und wenn ich dies annehme. Zwischenmenschliche Sensibilität ist eine lebensstiftende Gabe des Glaubens. In Rom setzten sich die vermeintlich Starken über die Ängste und Beschwerden der vermeintlich Schwachen hinweg und beschädigten so die Gemeinschaft, in der Schwache von Starken gehalten und getragen werden.
Eine menschliche Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der das Evangelium ernst genommen wird, funktioniert genauso als solidarische Gemeinschaft der Starken und Schwachen, in der alle ihren Ort finden. Die Überzeugung „Leistung muss sich wieder lohnen“ ist für sich genommen kein evangelisches Bekenntnis, wenn nicht das Ziel bleibt, allen Wege zur Teilhabe zu ermöglichen, auch denen, die es in ihrer Schwachheit nicht alleine schaffen.
Da wo zwischenmenschliche Sensibilität wirklich Raum findet, da stirbt dann auch keiner für sich. Wir sind in den letzten Jahren dafür sensibler geworden, das Sterben eine letzte, würdevolle Phase des Lebens ist. Sie will erlebt werden, nach Möglichkeit ohne Schmerzen, in einer menschenwürdigen Umgebung, im Kreis von Menschen, die meinen Lebensweg begleitet haben und nicht anonym versteckt hinter Apparaten oder beiseite geschafft, um aus dem Blickfeld zu verschwinden. Aber es ist noch nicht überall so. Selbst wenn wir nicht alleine leben, so sterben viele doch allein.
Wenn ich Mensch werden und Mensch sein will, dann verbietet sich die Tabuisierung des Todes. Dann darf ich von ihm mitten im Leben reden. Dann sprechen Familien über ihn und dann muten Eltern ihren Kindern zu über Tod, Trauer und Abschied zu reden.
Manchmal bin ich erschrocken über das verlogene, moderne Menschenbild, in dem Alter, Krankheit und Tod keinen Raum findet und ich bin erschrocken, wie wir die Kultur des Abschiedes und der Trauer angesichts der grundlegenden Lebenserfahrung „Sterben“ verlieren. Die Zahlen der anonymen Beisetzungen nicht nur in den Großstädten sind erschreckend, weil nicht einmal mehr ein Name die Trauernden oder auch nur den Spaziergänger auf dem Friedhof an den Verstorbenen erinnert. Dabei weiß ich gar nicht, ob wirklich die Kinder gefragt wurden, ob sie nicht doch ein Grab zur Erinnerung pflegen wollten, ehe Mutter von der grünen Wiese sprach, um nicht noch im Tod zur Last zu fallen.
Keiner lebt und keiner stirbt für sich. Daran hängt meines Erachtens die Zukunftsfähigkeit und die Menschlichkeit unserer Gesellschaft.
Mensch sein und Mensch werden braucht Menschen, aber es braucht nach meiner Überzeugung auch und vor allem Gott, dieses große, ewige Du mit Martin Buber gesprochen.
Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Wir gehören dem Herrn. Im Angesicht Gottes werden wir zu Menschen. Weil er uns ansieht und weil er uns anspricht, einen Namen gibt, den oder die Unverwechselbare in Blick nimmt, sind wir Menschen, lohnt es sich das Leben nicht nur zu ertragen, sondern als großes Geschenk zu wagen, getragen von einem Gott, dem keiner zu klein oder zu schwach ist, eingebettet in die globale, bunte Familie der Menschen in Ost und West und Nord und Süd und gemeinsam unterwegs mit Glaubensgeschwistern zur Rechten und zur Linken.
Angst müssen wir vor dem Leben nicht haben, auch wenn es uns nicht immer rosig geht. Hoffen dürfen wir auf die Arme und Hände der Stärkeren und des Starken. Fürchten müssen wir auch nicht den Tod, weil wir dem Herrn gehören und Gott nichts und niemanden verloren gehen lässt. Christus ist dafür Gottes Unterpfand, gestorben und lebendig geworden ist und bleibt er Herr über Tote und Lebende. Die Tage sind kurz und manchmal blickt man auch nicht mehr durch, aber der Blick darf sich aufhellen. Denn Christus, Gottes lebendiges Licht scheint und schafft Klarheit. Er ist und bleibt Herr über Tote und Lebende heute und alle Tage. Amen

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