Protest

‚Jeder ist sich selbst der Nächste‘ – Manchmal scheint das das Motto des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu sein. Dabei ist die Verballhornung christlicher Lebensprinzipien uralt. Und im Wesentlichen auch schon zu Zeiten von Paulus verbreitet.

Da herrschte Streit in den Gemeinden. Man kann das reduzieren und sagen. Es gab Vegetarier und Andere. Im Hintergrund stand, dass Fleisch, das bezahlbar war in den meisten Fällen vorher bei heidnischen Kulten und Opferritualen eine Rolle gespielt hatte.

Die Einen sagten ‚dem Reinen ist nichts unrein‘ und genossen ihr Fleisch. Die anderen hatten Bedenken und aßen lieber nichts davon und mussten sich deswegen noch als Schwache im Glauben‘ beschimpfen lassen. Die Anderen waren stolz auf ihren Glauben, der frei machte und nannten sich damit stark. So wie sie sollten eigentlich alle sein. Und sie merkten gar nicht, wie sie mit ihrer Stärke viel kaputt machten, sich benahmen, wie der Elefant im Porzellanladen. Darum schreibt Paulus ihnen im Brief an die Römer Folgendes:

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Sie kennen diese Verse wahrscheinlich, weil viele PfarrerInnen sie gerne im Umfeld von Beerdigungen verwenden, vielleicht weil das Wort Sterben hier vorkommt. Und sicher ist, dass dieser Vers darauf abzielt, dass wir auch im Sterben nicht aus Gottes Hand fallen können, aber im Kern geht es um unser Leben. Es geht in einem eigenartigen Widerspruch um Eigenverantwortlichkeit und Abhängigkeit.

Jeder ist vor seinem Gewissen selbst verantwortlich. Jeder ist seinem Herrn selbst verantwortlich. Ihm gehören wir unverlierbar. Der Tod bildet da keine Grenze. Dieser Herr weist uns an unsere Nächsten. Wer das nicht sieht, wer nur sich selber lebt, lebt auch seinem Glauben nicht, für den ist Christus letztendlich nicht gestorben, weil für ihn ist Christus nicht Herr im leben und im Sterben. Wer seine Lebensaufgabe nicht findet wo die Nächsten, leidet selber Schaden, verliert Christus.

Damit löst sich die Frage nach Starken und Schwachen im Glauben von selbst auf. Stark ist, wer erkennt, was den Schwestern und Brüdern dient. Stark wird man nicht durch den besten Glauben oder richtige Erkenntnisse. Stark wird man durch Konsequenzen, die man zieht. Wer seinen Mitmenschen ins Gesicht sieht, wer ihre seelischen Qualen erkennt, der ist auf einem guten Weg zum ‚Leben im Herrn‘. Das, was ich glaube, das dogmatische Bekenntnis will unser Alltagsleben erhellen, will uns unseren Wert und unseren Sitz im Leben erhellen, will mir zeigen, was in meinem Leben jetzt dran ist.

Verschiedene christliche Gruppierungen vor Ort egal ob im Rom des Jahres 50 oder hier bei uns im Jahre 2010 leben mit ihren je eigenen glaubenspraktischen Schwerpunkten und damit ist oft verbunden eine ungeheure Selbstüberhebung; Selbstüberschätzung, Eigenmächtigkeit, Machterhalt auf Kosten Anderer und um jeden Preis. Da wird gekämpft um richtige Lehre und aus jeder Aktion spricht eine gnadenlose Egozentrik, Eitelkeit und Gefallsucht, Habgier, Stolz. Die Unfähigkeit eigene Schwächen zugeben zu können entdecke ich auch bei uns, auch in mir; denn Kirche ist ja nicht schon das Reich Gottes. Aber Christus lebt in seiner Kirche und darum dürfen wir miteinander leben und müssen uns nicht gegeneinander profilieren.

Die Antwort des Paulus auf die Differenzen in der Gemeinde lautet nicht: Jedem das Seine, sondern die Gegenfrage: Was bedeutet euer Glaube für euer Leben? mit der Zielrichtung: Egal zu welcher Entscheidung ihr kommt, bedenkt, dass ihr nie einfach nur für euch entscheidet, sondern damit auch Entscheidungen Anderer beeinflusst: ‚Alles ist Euer, aber Ihr seid Christus.’

Wir leben – aber nicht für uns selber. Kirche, die nur für sich selbst lebt, ist nicht Kirche Jesu Christi. Sie ist zufrieden, wenn alles seinen Gang geht und nichts passiert. Kirche Jesu Christi lebt anders: Sie will ihr Licht leuchten lassen vor den Menschen. Darum sucht sie auch immer nach neuen attraktiven und angemessenen Lebensformen. Diese aber müssen nicht nur der Zeit entsprechen, sondern auch dem Evangelium und seiner Bezeugung in Wort und Tat.

Darum muss auch der Protest sich regen gegen diese Sätze des Apostels Paulus: Das gibt es, dass Menschen nur mit sich selber leben und nur mit sich selber sterben. Das gibt es sogar in der christlichen Gemeinde. Und das ist nicht in Ordnung.

Allerdings vermute ich, das gab es auch schon damals und es ist hier ein Protest schon von Paulus versteckt: Das darf es nicht geben unter euch, dass Menschen für sich sterben und für sich beerdigt werden.

In der Taufe hat Gott uns beim Namen angesprochen und seit diesem Datum leben wir eben nicht mehr für uns selber und sterben nicht mehr für uns selber. In jeder Situation gehören wir unserem Herrn Jesus Christus.

Das hat Folgen für unser ganzes Leben. Wenn nun nicht mehr uns selber leben, sondern behütet sind, dann sind wir auch frei: Wir müssen unser Leben nicht immer in die eigenen Hand nehmen, sondern dürfen es in Gottes Hand legen, uns darauf vertrauen, dass es behütetes und begleitetes Leben ist.

Und wir dürfen als Botschafterinnen und Botschafter der einen Liebe Gottes, Schwestern und Brüdern begegnen, dass keiner einsam bleibt, dass keiner sich selbst leben oder sterben muss.

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