Der gute Hirte und die Schuld

Unter Ergänzung von Vers 20-22:

20 Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist’s, der dich verrät?
21 Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem?
22 Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!

Liebe Gemeinde!

wenn man bedenkt, dass dieses Gespräch zwischen Jesus und Petrus nach Ostern spielt kommt man ins Staunen und dann aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hast du mich lieb, so geht das dreimal hin und her. So reden Liebende miteinander, innig vertraute. Aber wie kann Jesus so mit Petrus reden? Der Meister mit dem Jünger, der Meister mit dem Jünger, der alle seine Schwüre gebrochen, alle seine Versprechen nicht eingehalten, der ihn verleugnet und im Stich gelassen hat, dem trotz feuriger Beteuerungen sein eigenes Leben dann doch lieber war, als sein Meister. Petrus, der Fels heißt und sich doch nur als ein treuloses und jämmerliches Windei erwiesen hat.

Versetzen wir uns einmal in Jesu Lage. Mit Verlaub gesagt, da hätte es sich für uns doch ausgeturtelt. Und welche verantwortungsbewusste Kirchenleitung wollte einem wie diesem Petrus wichtige Funktionen übertragen, der so wackelig auf dem Boden des Bekenntnisses steht.

Aber der auferstandene Herr redet mit Petrus, wie er will. Und er macht aus Petrus, was er will. Ob es uns oder der Kirchenleitung oder sonst wem in den Kram passt oder nicht. Und er macht damit auch deutlich, dass seine Kirche schon immer aus schwachen und wankelmütigen und gescheiterten Gestalten zu bestehen hat. Und nichts anderes sind wir alle und allzumal. Wer aus eigener Kraft mehr oder besser sein will, wird weniger! Das ist die erste Lektion, die wir mit Petrus lernen.

Mehr als, besser als, das sind ja so Worte, die in unserem Leben eine wichtige Rolle spielen. Wer bin ich denn in der Steigerungsform. Komparativ. Mehr und besser, stärker und fester, gläubiger und moralischer? Und genau dort holt Jesus Petrus mit seiner ersten Frage ab. Petrus, hast du mich lieber als die anderen?

Ich stelle mir vor, das Petrus rot geworden ist. Ertappt! Ja, das ist es wohl, was er immer gewollt hat. Nicht einmal um die anderen in den Schatten zu stellen, sondern nach dem Motto: Genug ist nicht genug. Liebhaben ist nicht genug, lieber haben, das ist es. Petrus das brennende Herz, das in seiner Liebe keinen Frieden findet und nie das richtige Maß. Petrus der sich aufs Wasser wagt und versinkt; der das Christusbekenntnis spricht und Satan genannt werden muss, der mit Jesus sterben wollte und ihn verleugnete. Unser Herz ist unruhig und unsere Liebe wohnt unter einem Dach mit der Angst, ist bald groß und bald klein, bald kühn und bald feige.

Petrus hast du mich lieber, als die anderen? Erstaunlich, dass Jesus Petrus nicht tadelt. Ja, er rettet die Steigerungsform, den Komparativ, indem er nicht sagt: Weide meine Schafe, sondern Jesus sagt: Weide meine Lämmer. Die kleinen Schafe, die darf Petrus ruhig mehr lieb haben. Für die ist das Mehrliebhaben genau richtig. Und das ist keine sentimentale Antwort, die Jesus da gibt, sondern eine kritische. Denn die kleinen Lämmer, das sind ja nicht vor allem die niedlichen, sondern die niedrigen, die schutzlosen, die schwachen, die bedrohten! Für die ist das Mehrliebhaben genau richtig.

Aber ansonsten gilt: Weniger ist mehr. Und darum fragt Jesus beim zweiten Mal: Petrus hast du mich lieb? Und die Antwort das Petrus ist so erstaunlich, wie beim ersten Mal. Was wäre aus uns herausgesprudelt an Petrus Stelle? Vielleicht: Herr, denk‘ bloß nicht, weil ich das und das gemacht habe, dass ich dich nicht lieb habe. Denk‘ doch dran, wie ich damals …? Nein, Petrus versucht nicht seine Geschichte noch einmal so hinzubiegen, dass er in den Augen Jesu trotzdem noch als liebenswert erscheinen kann. Das ist das Spiel all derer, die das Evangelium von Gottes Liebe und Gnade zwar gut finden, es aber noch besser finden, wenn sie selbst es gar nicht nötig haben oder zumindest so selten wie irgend möglich. Gott weiß, wie sehr gerade sie es nötig haben und Petrus weiß das inzwischen auch.

Und deshalb legt er die Antwort auf die Frage Jesus in die Hand: Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Da steckt Mut drin, nach allem, was war. Da steckt Glauben drin, nach allem was war. Mein Gott, wenn ich in meiner Geschichte und in meinem Herzen schon nichts mehr finden kann, was für meine Liebe zu dir spricht – vielleicht siehst du es, weißt du es, entdeckst du es.

Und der Auferstandene entdeckt es. Er deckt es Petrus auf. Der auferstandene Herr arbeitet die böse Vergangenheit des Petrus nicht dadurch auf, dass er mit ihm erörtert wer und welche Umstände wohl an dieser Vergangenheit Schuld sein könnten. Das ist ja das Elend so mancher Psychotherapie, dass sie Schuld nur so lange herumschieben und rochieren kann, bis ein Mensch wieder Platz zum Leben findet. Und so wird oft genug die Befreiung von einer Hoffnungslosigkeit durch eine andere erkauft.

Der Auferstandene tut mehr. Er kann von Schuld entlasten, Geborgenheit schenken und einen neuen Weg weisen. Er setzt an die Stelle unserer bösen Vergangenheit seine eigene göttliche Zukunft. Er setzt an die Stelle der Schuld, die uns liebensunwert gemacht hat, seine göttliche Liebe.

Und rettet damit nicht zuletzt unsere menschliche. Und rettet damit nicht zuletzt unsere menschliche Liebe. Auch und gerade die braucht Erlösung, neuen Anfang, neuen Weg. Es ist kein Zufall, dass sich im Gespräch Jesu mit Petrus, anders als im Deutschen, zwei griechische Worte für Liebe finden: Agape und Philia, das Wort für die selbstlose Liebe Gottes und das Wort für die Liebe zwischen Freunden.

Und so lautet denn auch die dritte Frage Jesu: Petrus hast du mich lieb, wie einen Freund? Und Petrus antwortet: Herr du weißt alle Dinge, du weißt das ich dein Freund bin. Es geht nicht an, die selbstlose Liebe Gottes anzustreben und hoch zu loben auf Kosten der menschlichen. Beide brauchen einander und der auferstandene Christus verachtet die Freundschaft des Petrus nicht. Und wir sollten sie auch nicht verachten. Schade, wenn Freundschaft auch im Raum von Kirche und Gemeinde mit der Angst und dem Misstrauen unter einem Dach wohnt. Schade, wenn Freundschaften zerbrechen aus vermeintlich geistlichen und moralischen Gründen. Schade, wenn Freundschaften unter Christen oft so wenig von dem anderen Weg zeigen, den Jesus gerade mit dem Jünger geht, der ihn enttäuscht hat. Schade, wenn Freundschaften so wenig atmen von dem Geist des Auferstandenen, der uns ein neues Gebot gibt: Dass wir einander lieben, wie er uns geliebt hat (Joh,15,12). Dass wir unseren Schuldigern vergeben, wie er uns vergibt, vergeben in der Kraft des Auferstandenen.

Denn die Liebe des Auferstandenen will uns ja auf einen neuen Weg bringen, Petrus und uns. Weide meine Schafe sagt Jesus. Weide meine Schafe sagt Jesus zu dem, den er gerade selbst wie das verlorene Schaf gesucht und heimgetragen hat. Selbst vom guten Hirten Jesus Christus gesucht und gefunden worden zu sein, ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, selbst ein Hirte werden zu können. Denn Jesus will keine Hirten, die sich aus eigener Kraft, aus eigener Überzeugung, aus eigenem Charisma zu einem solchen Amt berufen fühlen. Die von Jesus berufenen Hirten haben nur eines zu tun: Das für sich selbst gehörte Wort Gottes weiterzusagen und nicht irgendein anderes; nicht irgendwelche, sondern die selbst erfahrene Liebe und Zuwendung Gottes weiterzugeben, weiter fließen zu lassen zu den Menschen, die Gott ihnen über den Weg führt.

Die Gott ihnen über den Weg führt, wohlgemerkt. Denn sie bleiben mit ihrem Weg und mit ihrem Leben die seinen und werden nicht die unseren. Weide meine Schafe, sagt Jesus. Und macht damit deutlich, dass kein Papst, keine Kirche, kein Mensch und keine Instanz das Recht hat, ihren Führungsanspruch zwischen uns und unseren Herrn Jesus Christus zu stellen. Wir gehören mit unserem Leben ihm und sonst niemand.

Deshalb werden Petrus deutliche Worte zuteil, als er sich für das Schicksal seines Mitjüngers interessiert: Was geht’s dich an, fährt Jesus ihm übers Maul, sieh zu, dass Du mir nachfolgst. Das sei uns gesagt, die wir uns oft so gerne und so ausführlich für die Wege anderer interessieren, sie beraten und beurteilen , und so wenig über unseren eigenen Weg mit Gott nachdenken: Es gibt Dinge, die uns als Seelsorger und bei aller wohlgemeinten Sorge um den anderen nichts angehen. Nicht weil wir seine Privatsphäre oder seine Menschenwürde zu achten hätten, was auch nicht schlecht ist. Vielmehr aber, weil wir den Gott und Herrn zu achten haben, dem sein Leben gehört. Und der wohl weiß, wie er einen wie Petrus, wie er Menschen wie uns durch alle Höhen und Tiefen, durch Schicksal und Schuld, ja selbst durch den Tod zum Leben führen kann. Darüber lasst uns fröhlich sein und einander begleiten als gute Hirten, als Freunde, als Schwestern und Brüder.

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