In den Fußtapfen Jesu gehen – nicht leicht, aber verheißungsvoll

Liebe Gemeinde!

Ihr wart wie die irrenden Schafe, aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen – so endete der Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, der uns für heute als Predigttext aufgegeben ist.

Der Apostel spricht Menschen an, die gerade Christen geworden waren. Ihr Leben hatte eine Wende genommen. Waren sie aus der Sicht des Apostels zuvor wie die irrenden Schafe gewesen, so hatten sie nun einen Hirten: Jesus Christus, den Auferstandenen, einen Bischof für ihre Seelen.

Das hört sich auf den ersten Blick sehr klar und eindeutig an. Schwarz-weiß sozusagen. Aus problematischen Lebensverhältnissen waren auf einmal klare und gute Lebensverhältnisse geworden. Aus steinigen, unebenen Pfaden gut befestigte, gangbare Wege.

Wir schauen mit dem 2. Blick etwas genauer hin. Die hier angesprochenen Menschen sind vermutlich Sklaven. Einige Verse zuvor werden sie aufgefordert, mit aller Furcht ihren Herren untertan zu sein, nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen.

Als Sklaven gehören sie ihren Herren. Und die Herren können mit ihnen umgehen wie sie wollen. Da ist alles möglich: Vom hartherzigen, demütigendem Umgang bis hin zu einigermaßen anständigem Verhalten. Aber selbst wenn man voraussetzt, dass die im 1. Petrusbrief angesprochen Sklaven nicht dauernder Repression und Unmenschlichkeit ausgesetzt waren, so ist doch auch klar, dass in einem Sklavenleben wesentliches dessen fehlt, was wir heute im christlichen Abendland für erstrebenswert und für normal halten: Sklaven haben keine Freiheit, keine Rechte und keine Beschwerdeinstanz, von Selbstverwirklichung einmal ganz zu schweigen.

Nun waren sie Christen geworden. In der Gemeinde, da galten andere Maßstäbe. Da waren auch diese Menschen wert geachtet, da hatten sie die gleichen Rechte wie alle anderen.

Ein neuer Lebenshorizont tat sich auf. Und dennoch war das Leiden wohl nicht wirklich überwunden. Im Gegenteil: In gewisser Hinsicht war es vielleicht sogar größer geworden. Denn gerade aufgrund des Erlebens in der Christengemeinde spürten sie um so deutlicher den schmerzenden Gegensatz zu ihrem Leben als Sklaven. Bei der Arbeit waren sie einem Besitzer unterworfen, in der Gemeinde dienten sie in der Gemeinschaft miteinander einem anderen Herrn. Bei der Arbeit erlebten sie Unterdrückung, in der Gemeinde brachte man ihnen Wertschätzung und Freundlichkeit entgegen. Bei der Arbeit hieß es, ein Mensch zweiter Klasse zu sein, in der Gemeinde waren sie in die Gemeinschaft der Christen integriert. Sie gehörten dazu.

Auf der einen Seite erlebten diese Menschen also, dass ihnen unabhängig vom sozialen Stand Menschenwürde vor Gott und in der Gemeinde zuerkannt wurde, auf der anderen Seite aber blieb alles beim alten. Eine Menschenwürde außerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen gab es scheinbar nicht.

Und diese Erfahrung bedeutete einen inneren Konflikt. Was war das nun mit dem Glauben an Christus? Konnte es sein, dass der Glaube nur im abgrenzten, geschützten Bereich Bedeutung hatte und nicht für die gesamte Existenz? Wie war es möglich, einerseits zu hören, durch die Herrschaft Jesu Christi frei geworden zu sein und andererseits die gleiche Unfreiheit zu erleben wie zuvor?

Die Menschen hatten ein Problem mit ihrem noch jungen Glauben. Der Glaube stand gewissermaßen auf dem Prüfstand des Lebens.

Ich denke, dies ist der Punkt, an dem wir auch mit unserem eigenen Erleben in heutiger Zeit Zugang finden zum Text. Zwar sind wir Gott sei Dank keine Sklaven, aber Zweifel an unserem christlichen Gauben – die kennen wir vielleicht auch. Nehmen wir beispielsweise das Gebet: Bittet, so wird euch gegeben, lesen wir in der Bergpredigt. Oder – noch deutlicher – bei Johannes: Alles, was ihr in meinem Namen bittet, sagt Jesus, es soll euch zuteil werden. Wer diese Verheißungen ernst nimmt, kann schon erleben, wie der Glaube auf die Probe gestellt wir. Denn haben wir das nicht alle schon erlebt: augenscheinlich unerhörtes Gebet? Keine Antwort, oder zumindest keine für uns vernehmbare Antwort Gottes? Oder drücken wir es allgemeiner aus: Wenn wir Menschen ermutigen, Christinnen oder Christen zu werden, wenn wir ihnen sagen, es lohne sich, das Leben im Vertrauen auf Gott zu leben, wenn wir bei der Taufe das Wort Jesu über dem Täufling aussprechen: Siehe, ich bin bei dir alle Tage, dann verbindet sich damit immer eine ganz konkrete Hoffnung: die Hoffnung nämlich, es möge alles gut werden in der Entwicklung des Kindes, es möge ein guter, ein bewahrter Weg sein auch bei den Erwachsenen. Suchet mich, so werdet ich leben, so steht es in der Heiligen Schrift. Und wie ist es denn dann im normalen Leben eines durchschnittlichen Christenmenschen? Gibt es da nicht auch allerlei Vergeblichkeit und manches Scheitern und Krankheit trotz der Verheißung Jesu Christi, bei mir/bei dir sein zu wollen alle Tage? Und mitunter bleibt die Krankheit trotz anhaltenden Gebetes. Und wir wissen doch alle, wie sehr dauernde Krankheit, dauernder Schmerz das Leben prägt. Alles, was einem Menschen lieb und teuer ist, alles, worauf ein Mensch sich freut oder hinarbeitet – Krankheit kann Träume zum Platzen bringen und Lebensperspektiven deutlich verändern oder gar zunichte machen. Wo ist Gott im Leid der Krankheit, wo bleibt seine Hilfe, welchen Nutzen habe ich vom Glauben – stellen sich diese Fragen nicht mit aller Macht und Dringlichkeit, wenn Krankheit ein Menschenleben überschattet?

Und gilt gleiches nicht für jegliche andere Krise ebenso? Die Ehe beispielsweise ist aus dem Gleichgewicht geraten. Ein Partner hat sich innerlich schon ziemlich weit entfernt, der oder die andere hat´s anfangs nicht gemerkt – zu eingefahren der Trott, zu groß die tägliche Belastung, zu wenig Gespür für die Bedürfnisse des anderen. Und nun wackelt das Lebensgebäude, und mit dem drohenden Verlust erwacht neu die Sensibilität für das, was wirklich wichtig ist, und dann ist der Weg zum Herzen des anderen vielleicht schon versperrt. Das gibt es auch bei Christinnen und Christen. Und auch hier mitunter die gleiche bohrende Frage: Was ist das nun mit dem Glauben? Hilft der Glaube, hilft der Gott, an den wir glauben?

Weitere Beispiele, liebe Gemeinde, ließen sich ohne Mühe finden. Und immer wieder geht es um diese Frage des Zusammenhangs von Glauben und Leben bzw. um die Frage der Bewährung des Glaubens im Leiden.

Auch unserem heutigen Predigttext liegt diese Frage zugrunde, allerdings ging es dabei nicht so sehr um das Leiden des Einzelnen im ganz persönlichen Bereich wie wir es gerade bedacht haben, sondern das bereits erwähnte Sklavendasein bedeutete eine bleibende Anfechtung, und außerdem waren bereits die ersten Wellen aufkommender systematischer Christenverfolgung spürbar.
Wie soll man sich dazu verhalten? „Tretet in die Fußstapfen eures Herrn Jesus Christus“, das ist der Rat des 1. Petrusbriefes. Und das heißt dann ja: haltet fest an dem, was Jesus gelehrt und selbst gelebt hat: Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit, bewusster Verzicht auf Drohen und Einschüchtern, demonstrative Machtlosigkeit, und die Bereitschaft, für Gottes Werk der Versöhnung mit uns Menschen geschmäht, beleidigt und ausgelacht zu werden. Er drohte nicht als er litt, heißt es im Text, und er widerschmähte nicht, als er geschmäht wurde.

Ist das nicht eine letztlich ziemlich problematische Märtyrer-Ideologie? Nein, sagt der 1. Petrusbrief: Denn schlimmer als zeitweise dem Bösen zu unterliegen wäre es, das Böse mit Bösem zu vergelten und so auf das gleiche Niveau zu geraten.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Das Böse ist letztlich doch dann besiegt, wenn man der Versuchung widersteht, Böses mit Bösem zu vergelten. Dann hat das Böse zumindest einen wesentlichen Teil seiner Macht, nämlich immer wieder neues Böses hervorzubringen, verloren. Jesus hat das vorgemacht, und zwar mit Erfolg. Stellen wir uns nur mal vor, Jesus Christus hätte sich gegen die Verfolgung seiner Widersacher mit Waffengewalt verwahrt, hätte mit seinen Jüngern eine kleine Privatarmee aufgebaut, um das Fortbestehen seiner Verkündigung zu sichern. In irgendeiner militärischen Auseinandersetzung wäre er vermutlich doch unterlegen, und er wäre bestenfalls eine Fußnote der Geschichte geblieben.

Jesus ist den Weg der unbedingten Gewaltfreiheit gegangen. Und der biblische Text legt es uns nahe, in seine Fußtapfen treten.
Leicht ist das nicht, diesen unteren Weg zu gehen. Können wir das, wollen wir das überhaupt? Wer hält schon gern still, wenn er beleidigt wird? Und wer lässt sich schon gern etwas wegnehmen oder etwas antun ohne entsprechend zu reagieren? Natürlicherweise ist dies dem Menschen so wohl nicht gegeben. Und ich denke, Jesus konnte seinen Weg nur deshalb so gehen, weil er sich vollständig in der Hand seines himmlischen Vaters wusste. Sein Weg war es, den er ging, und seiner Fürsorge, der göttlichen Fürsorge war Jesus zutiefst sicher. Er stellte es dem anheim, der gerecht richtet – so heißt es im Text. Jesus vertraute in allem auf Gottes Regiment, und dieses Vertrauen, diese unmittelbare Gottesbeziehung gab ihm die Kraft zu seinem Weg und eben auch zum Verzicht auf Rache, Vergeltung und Gewalt.

Und gilt nicht gleiches auch für die angesprochenen Menschen in unserem Brief, gilt nicht gleiches auch für Christen und Christinnen aller Tage?

Ihr wart wie die irrenden Schafe, aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Ein Hirte und Bischof für die Seele … Bei Bischöfen denken wir gerade in diesen Wochen vielleicht schnell an manchen katholischen Bischof, den man im Fernsehen sieht oder über den man in der Zeitung etwas liest.

Und oft geht es dabei – der Eindruck drängt sich auf – um Schadensbegrenzung für die katholische Kirche, es geht darum, irgendwie zu erklären, was kaum zu erklären ist, um den Vertrauensverlust zu kompensieren.

Die Kommentatoren in den Medien scheinen sich dabei weitgehend einig zu sein, dass es manch einem Bischof in dieser Krise zuerst um sich selbst und die Institution der Kirche geht, und erst in zweiter Linie um das Bemühen, entstandenen Schaden in der Seele von Menschen ernst zu nehmen, nach Möglichkeit zu heilen und zukünftigen Schaden zu vermeiden.

Wenn in unserem Text vom Hirten und Bischof der Seele die Rede ist, dann schwingt da ein deutlich anderer Ton mit. Bischof, griechisch episkopos, das bedeutet wörtlich genommen: auf jemanden sehen, auf jemanden achten. Ein Bischof ist also ein Mensch, der die Verantwortung für die ihm anvertrauten Menschen sehr ernst nimmt, einer, der wach und einfühlsam um deren Seele weiß, einer, der wie ein guter Hirte begleitet, Orientierung vermittelt und hier und da sicher auch mal korrigierend eingreift im Sinne von Bewahrung.

Ein Bischof für die Seele. Jesus ist der Bischof für die Seelen derer, die ihm vertrauen. Er ist dem Menschen nahe in seinem Inneren, er sieht die Narben der Seele, er kennt das, was den Menschen antreibt und umtreibt und bewahrt immer wieder, wenn ein Menschenleben im Begriff ist, sich zu verlieren. Und erhört das Gebet des Herzens

Gilt das auch mir, mag sich manch einer fragen? Kann ich mich darauf verlassen, jeden Tag, oder nur in den Schönwettertagen des Glaubenslebens?

Einfache Antworten wird es hier nicht geben, aber soviel – denke ich – kann man sagen: Hirte und Bischof der Seele – das bekommt man nicht ein für alle Mal wie eine Konfirmationsurkunde. Hirte und Bischof der Seele – das ist kein christlicher Lehrsatz, der fest steht wie ein ehernes Monument. Hirte und Bischof der Seele – das ist eine Frage der Beziehung, die gepflegt werden will, wie man auch die Beziehung zu Angehörigen und Freunden pflegt, damit sie lebendig, belastbar und erfüllend bleibt.

Ihr wart wie die irrenden Schafe, aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Weil und insofern ein Mensch in einer inneren Beziehung zum auferstandenen Christus lebt, wird er oder sie immer wieder auch die Erfahrung machen, in ihm einen Hirten und Bischof für die eigene Seele und die Wege des Lebens zu haben.

Glaube ist und bleibt eine Frage der Beziehung zu Jesus Christus. Und aus dieser Beziehung heraus mag dann wachstümlich möglich werden, was der Apostel in seinem Brief empfiehlt, nämlich den Fußstapfen Jesu nachzufolgen, den Weg also der Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit zu gehen.

Der Hirte und Bischof unserer Seele wird darauf achten, dass niemand überfordert wird auf dem Weg der Nachfolge. Und er wird darauf achten, dass der Mensch am Ende des Lebens einstimmen kann in folgenden Vers von Paul Blau:

Ihr sollt nicht Trauerlieder singen, wenn meine letzte Stunde schlug. Ihr sollt nur Dankesopfer bringen dem Herrn, der mich durchs Leben trug. Der mir mit Güte nur begegnet – und ließ er mich durch Tiefen gehen, doch nur gesegnet, nur gesegnet, weit über Bitten und Verstehn.

Doch nur gesegnet, nur gesegnet, weit über Bitten und Verstehn.

Dies dürfen wir mitnehmen auf unserem Weg in der Nachfolge Jesu Christi. Er ist der Hirte und Bischof deiner und auch meiner Seele.

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