Sechs! Setzen, Abraham!

Würde sich diese Geschichte in unserer Zeit abspielen, liebe Gemeinde, wir würden wohl alles andere tun als sie in ein heiliges Buch schreiben, das von Gottes Liebe zu den Menschen erzählen will. Sie stünde wohl eher in den sensationsgierigen Boulevardblättern, mit großen Buchstaben betitelt: "Besessener Vater wollte eigenen Sohn schlachten!" oder aber: "Der Schlächter von Morija!" mit einem großen Foto von Abraham und der Tatwaffe auf der ersten Seite. Ich glaube, niemand unter uns könnte sich von ähnlichen Gedanken oder Verurteilungen ganz frei sprechen …

Nein, diese Geschichte von Abraham und seinem – nach Ismael übrigens zweiten – Sohn Isaak sträubt sich wie keine andere in unsere Zeit übertragen zu werden. Zu schrecklich ist ihr Inhalt, zu distanziert wird sie erzählt, zu viele Fragen bleiben offen:

Warum wehrt sich Abraham gegen diesen unsäglichen Auftrag nicht? Als es noch um Sodom und Gomorrah ging, ja da fand er geschichte Worte und eine schon fast schelmische Strategiem Gott von seinem Plan abzubringen. Immer weiter runter ist er gegangen mit der Zahl derjenigen, die zu retten sich lohnte. Bis er sicher sein konnte, dass seine Verwandtschaft aus diesem Katastrophengebiet fliehen durfte! Doch jetzt, als es um seinen eigenen Sohn geht, fehlt – mir total unverständlich – jedes Aufbegehren, nicht einmal der leiseste Anflug von Zweifel lässt sich ausmachen. Warum reagiert Abraham so gefühllos und gehorcht bedingungslos, ohne jedes Zögern – man möchhte fast sagen: mehr als Maschine denn als Mensch? Warum belügt er seine Knechte und sogar seinen eigenen Sohn, als es um den wahren Grund seiner Reise nach Morija geht?

Was ist mit Sarah? Eben noch hat sie um das Erbrecht ihres – und jetzt heißt es richtig: einzigen – Sohnes gekämpft, ihre Magd mit dem kleinen Ismael in die Wüste geschickt – was unter normalen Umständen ihren sicheren Tod bedeutet hätte – und jetzt wird die Mutter noch nicht einmal erwähnt? Wusste sie etwas von allem nichhts? Sie, der sonst nichts verborgen blieb, die neugierig Gespräche ihres Mannes belauschte und sich dazu ihre eigenen Gedanken machte, soll dieses Mal ahnungslos gewesen sein?

Und Isaak? Ihm scheint die ganze Sache nicht geheuer zu sein, er beginnt nachzufragen – und lässt sich doch so wehrlos fesseln und auf den Scheiterhaufen legen, den er selbst schleppen musste?

Und schließlich: welch ein Gott ist das, der solch eine Grausamkeit von einem Menschen verlangt – egal, wer er ist, wie er heißen mag, wo und wann er lebt?

Fragen, die mich jedes Mal beschäftigen, wenn ich diese Geschichte lese …

Diese 14 Verse, liebe Gemeinde, beinhalten Sprengstoff! Sie stoßen nicht nur auf Unverständnis und verwirren, nein sie gehen tiefer: sie rütteln an den Grundfesten meines Glaubens, sie kratzen an dem Bild, das ich mir von meinem Gott mache. Hier kann sich niemand mehr, der an den Gott der beiden Testamente glaubt, herausreden oder neutral und unbeteiligt bleiben. An dieser Geschichte entscheidet es sich, an welchen Gott wir glauben wollen und wie wir zu diesem Gott stehen.

Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum sich so viele Theologen darum bemüht haben, durch allerlei Erklärungen ihren Gott – oder besser: das Bild, das sie sich von ihm gemacht haben – zu retten. Ich sage das mit sehr viel Respekt und Hochachtung, zeigt es doch, wie wichtig ihnen ihr Glaube ist. Doch bekommt man auch den Eindruck, als wollten sie sich damit vor der Entscheidung der Frage nach ihrem Gott drücken.

So zum Beispiel behauptet man, hier sei ein anderer Gott als der Vater Jesu Christi am Werk. Eine Theorie, die meines Erachtens Tür und Tor dafür öffnet, dass ich mir nach Gutdünken aussuchen kann, in welcher Geschichte des Alten Testaments der Gott des Neuen handelt oder eben nicht. Ganz so einfach wird es wohl nicht sein. Dann wird auf das Ende der Erzählung hingewiesen, das ja gar nicht so schrecklich sei. Eine Auslegung, die den Ernst des Auftrages verkennt und der Situation, in der Abraham steckt, wohl nicht gerecht wird. Die einen behaupten, Gott hätte alles ja gar nicht so ernst gemeint; die anderen sehen die Schuld bei Abraham, der seinen Gott einfach missverstanden hätte – was ja, da er in einem Land lebt, in dem Menschenopfer alltäglich waren, zu verstehen wäre!

So unterschiedlich die Erklärungsversuche auch sind, sie haben doch alle eines gemeinsam: man will, man kann sich nicht einen Gott vorstellen, der den Befehl gibt, sein eigen Fleisch und Blut zu vernichten – und dann noch auf so grausame Art und Weise.

Menschen, die Greueltaten im Namen Gottes verüben, gibt es ja auch heute noch genug und die stoßen erst recht – und zu recht – auf unser Missverständnis. Ob Christen während der Kreuzzüge unter dem donnernden Vorwand "Gott will es" schon auf dem Weg ins gelobte Land hunderttausende Menschen abschlachteten; ob fanatische Palästinenser und Israelis – nach unserer Geschichte sind es ja Halbbrüder – sich aufs Blut bekämpfen; ob sich in Irland Protestanten und Katholiken gegenseitig mit Brandsätzen bewerfen – all das kann nie und nimmer nach dem Willen des Gottes sein, der seinen Sohn in die Welt sandte, um uns von seiner Liebe zu uns zu überzeugen; eine so tief gehende Liebe, dass sich Jesus dafür sogar ans Kreuz nageln ließ. Doch überall dort, wo wir solchem Fanatismus begegnen und ihm mit aller Macht widersprechen: überall dort steht diese Geschichte und fragt jede/n einzelne/n unter uns: und wie sieht dein Gott aus? Bringen wir den Mut, der all der Gewalt, die in der Welt im Namen Gottes geschieht, widerspricht auch gegenüber unserem Gott auf?

"Nein, Herr, das kann nicht in deinem Sinne sein! Alles, was ich von dir weiß widerspricht diesem Befehl, alles in mir sträubt sich dagegen, ihn auszuführen. Nicht zuletzt die Liebe und Fürsorge, die ich von dir erfahren durfte, rufen dir Nein entgegen! Bis hierhin bin ich dir gefolgt, aber weiter kann ich nicht!" Was wäre gewesen, liebe Gemeinde, wenn Abraham, anstatt zu schweigen, so gesprochen hätte, als er den Auftrag erhielt, Isaak wie ein Tier zu schlachten? Wäre er für uns immer noch das große Vorbild an Gehorsam und Glaube durch alle Widrigkeiten hindurch? Würde sein Ansehen, welches er im Islam, Juden- und Christentum unbestritten genießt, sinken, schämte man sich seiner als Urvater der Völker, die nur an einen Gott glauben? Oder hätten wir nicht doch Verständnis für ihn, Mitleid, würden wie nicht Partei für ihn ergreifen gegenüber einem Gott, der ihm das Liebste nehmen will?

Von einem jüdischen Rabbi wird erzählt, dass er, von einem seiner Schüler nach der Bedeutung dieser Geschichte gefragt, antwortete: "Hast du je darüber nachgedacht, warum Gott selbst zu Abraham spricht, wenn er den Befehl gibt, Isaak zu opfern, aber einen Engel sendet, um die Erlassung mitzuteilen? Gott hat sich über Abraham geärgert! Abraham hat die Prüfung nicht bestanden. Er ist durchgefallen! Als er Abraham befahl, Isaak zu opfern, wollte er Abrahams Weigerung. Er wollte nicht Ja, sondern Nein!"

Möglich, dass tatsächlich gerade darin die Versuchung Avrahams bestand: Gott wollte sehen, wie weit der Gehorsam seines alten Weggefährten reichte – und vielleicht hat es ihm ganz und gar nicht gefallen, wie weit der ging.

Unser Gott ist eben keiner, der uns als Marionetten geschaffen hat, die alles automatisch das tun und akzeptieren, was ihnen vorgegeben wird. Unser Gott ist einer, der sich durchaus in Verantwortung nehmen lässt, der Klagen über Ungerechtigkeiten zulässt und gegenüber Besserwissern sogar verteidigt, wie wir an der Geschichte Hiobs und seinen Freunden lernen können. Unser Gott ist einer, der uns die Unterscheidung von Gut und Böse durchaus zumutet und uns danach fragen lässt, warum es in der Welt denn so ist, wie es ist. Unser Gott ist einer, der die Anklage seines eigenen Sohnes über sich ergehen lassen muss, warum er ihn ausgerechnet am Kreuz verließ. Unser Gott ist ein Gott, den wir zwar hören sollen und blind vertrauen können; aber der sich nicht einfach vor den Karren spannen lässt, wenn es darum geht, ihn in den Dreck zu setzen. Kein Mensch wird sich auf Gott berufen können, wenn er nicht das Leben, sondern den Tod will! Kein Volk wid sich auf Gott berufen können, wenn es den Krieg und nicht den Frieden will! Dagegen wird sich jede/r auf Gott berufen dürfen, der/die – wie der Engel in unserer Geschichte – einschreitet, wenn jemandem das Messer an die Kehle gehalten wird.

An welchen Gott glauben wir?

Ich werde mich immer wieder entscheiden müssen, welchem Bild von Gott ich mein Vertrauen schenke, mit dem ich meine Zeit auf Erden – und hoffentlich auch darüber hinaus – leben will. Sollte es eine Seite an Gott geben, die Menschenopfer im weitesten Sinne verlangt, dann wird mir diese Seite an Gott immer fremd bleiben. Aber umso bedingungsloser hoffe ich auf den Gott, der Leben nicht zerstört, sondern dere es erst lebenswert und liebenswert macht.

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