Der Himmel ist schon da

Liebe Gemeinde,
jedes Mal, wenn wir wählen gehen, keimt in uns Menschen eine Hoffnung auf. Wir haben meist gar nicht den richtigen Durchblick, aber wir wollen den Versprechungen trauen. Ob nun Steuersenkungen, mehr Kindergeld oder Rente, vielleicht auch Verbesserungen im Schulsystem und vor allem viel mehr Arbeitsplätze – das sind verständliche Wünsche und dahinter steckt doch nur Eines: es möge doch ein kleines Bisschen besser werden. Am Ende kommt die Ernüchterung – viel ist nicht raus gekommen, aber die, die es wollten, sind an der Macht. Für den kleinen Mann geht es meist so weiter wie vorher. Und immer wieder neu bauen wir unsere Hoffnung auf. Auf eine bessere Welt, auf eine heilere Welt. Auf eine Welt mit weniger Angst und mit mehr Gerechtigkeit. Ist das nicht auch die Hoffnung auf ein Stück Himmel auf Erden. Dass da ein Wunder geschehen möge. Die Hoffnung, es müsste doch mal anders werden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit der Schweinegrippe geht und ob Sie sich impfen lassen. Aber ich merke bei mir selber: ich bin unschlüssig. Sollte ich dankbar sein, in einem Land zu leben, in dem es Impfstoff gibt, aber ich bin misstrauisch gegenüber der Propaganda, wer verdient denn hier dran, warum erfahren wir bei der normalen Grippe sonst nie die Zahlen, und jetzt wird uns jeden Tag jeder Kranke einzeln präsentiert. Was war mit Vogelgrippe und BSE? Tausende Tiere sind gekeult worden, wahrscheinlich umsonst. Ich wünschte mir einfach jemanden, der es ehrlich meint, dem ich vertrauen kann und der sagt: ja, das ist jetzt gut. Das wäre auch ein Stück Himmel auf Erden.
Immer sehnen sich Menschen nach diesem Stück Himmel. Nach Befreiung, nach Gerechtigkeit, nach Wahrheit. Wahrscheinlich schon immer, seit es Menschen gibt. Darum fragen die Pharisäer Jesus, wann denn nun das Reich Gottes kommt. Der müsste es ja wissen. Denn Jesus hatte ja vom Reich Gottes gepredigt, hatte den Leuten den Mund wässrig gemacht. So schön kann es sein, wenn Gott sein Reich aufbaut, Gleichnisse und Beispiele machten Lust darauf. Aber nun muss ja mal was werden, meinten die Leute.
Aber so wie ihr es wollt, kommt Gottes Welt nicht. Auch die große Revolution in der DDR, die wir in diesen Tagen begehen, hat das Reich Gottes allenfalls für kurze Zeit durchscheinen lassen. Für wenige Wochen war es ein Ausnahmezustand, wo Träume greifbar nahe schienen. Längst sind wir wieder in der ganz normalen Welt angekommen. Tausende waren damals in den Kirchen und erlebten, hier ist es anders. Aber der Himmel auf Erden kam nicht. Ein viertel Jahr später gab es das erste Arbeitsamt. Und auch in den Kirchen, wo mancher hoffte, jetzt bricht das Christentum aus – jetzt sind die Kirchen wieder voll, kam sehr bald die Ernüchterung. Dabei hätte man nur bei Jesus nachlesen brauchen. So kommt das Reich Gottes nicht.
Und wie dann? Jesus sagt mehrmals: wenn ich unter euch bin, ist ja das Reich Gottes schon da. Und er lebt vor, wie das Reich Gottes aussehen kann kann. Er lebt vor, wie die Welt anders werden kann. Und er macht deutlich: das kommt nicht von oben, auch nicht von einer Regierung, das kommt von unten, von Menschen. Von Menschen, die sich in ihrem Leben davon leiten lassen, wie es Jesus gemeint hat. Und er hat da wohl recht. Denn vieles von dem, was wir beklagen, was schief läuft in dieser Welt, ist ja hausgemacht, menschengemacht. Vieles merken wir gar nicht mehr und vielem können wir uns nicht entziehen. Meine Frau und ich waren in den Herbstferien auf der Insel Kreta. Es war wunderschön, aber das will ich jetzt gar nicht erzählen. Beeindruckt hat uns, wie bescheiden die Menschen sind. Und wie sie in ihrer Bescheidenheit ruhiger sind als wir, liebevoller als wir, stressfreier und gesünder. Sie haben nicht den Himmel auf Erden und haben viele Probleme, aber als wir in Dresden gelandet waren, haben wir die Welt gewechselt. Und seitdem frage ich mich, was ist das für eine Welt, in der wir leben. Die wir auch haben wollen. Und die uns so krank macht. Alles billig – aber auf wessen Kosten? Alles perfekt, aber um welchen Preis? Alles schnell und sofort – warum eigentlich? Menschen beklagen sich über den Fluglärm in der Nacht, wir haben es gehört, damit die Post ganz schnell ankommt, damit wir frische Kiwis aus China essen können und duftende Blumen aus Kolumbien kaufen. Die einen leiden, damit es funktioniert. Und Jesus hat den Finger gelegt auf die, die leiden. Er lenkt unseren Blick auf die Zusammenhänge. Er hat mal gesagt, das Himmelreich ist da, wenn ich die Dämonen austreibe. Was sind Dämonen? Sicher keine Geister oder Gespenster. Sind das nicht die Mächte, die uns durchs Leben treiben und einander vergessen lassen? Jesus hat die Aufmerksamkeit füreinander ganz oben angesiedelt. Das Reich Gottes ist dort, wo Menschen menschlich miteinander umgehen.
Wann kommt das Reich Gottes, wann kommt endlich eine andere Welt? Es ist alles da.
Und wir kleinen Leute sollen es richten? Werden Sie vielleicht sagen. Sicher, wir werden die Welt so schnell nicht verändern. Aber wir können Punkte schaffen, Momente gestalten, wo der Himmel sich auftut. Wir können schauen, wie ist Jesus mit Kindern umgegangen, mit Fremden. Mit denen, die man nicht leiden kann oder die gar zu Feinden werden. Wie mit den Kranken, den Verirrten und den Ausgestoßenen? Und wir können weiter schauen, was wir davon selbst tun können, wo wir uns verändern müssen.
Es gibt Menschen, die sagen, so kann es nicht weiter gehen. Aber wie denn dann. Aus Berlin kommt der Himmel nicht. Auch nicht aus Brüssel. Er kommt, wie Jesus sagt: mitten unter uns. Vielleicht lassen wir uns von dieser Perspektive anstecken und beginnen Platz zu machen für den Himmel. Und vielleicht ermutigt das andere, mitzumachen. Damals, als es mit kleinen Bürgerintiativen anfing und immer mehr Leute Mut bekamen, mizumachen, als wir eine lange Menschenkette mit Kerzen durch das Land gezogen haben und fremde Leute einander zulächelten, da war das vielleicht so etwas wie ein Modell, wie es gehen kann. Vielleicht sind Christen in dieser Zeit dazu ganz wichtig, anders zu leben und andere anzustecken; denn sie wissen ja, wie das ist mit dem Himmel.
Amen.

drucken