Dein Reich komme

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Wer unter euch wünscht sich nicht eine Welt, in der die Liebe regiert? Wer von euch träumt nicht von einer Welt, wo neben der Liebe die Gerechtigkeit herrscht? Wer hofft nicht auf eine Welt, in der allen Menschen Gerechtigkeit widerfährt? Wer von euch, die ihr ja hier seid, weil ihr an Gott glaubt, hat nicht den Wunsch einmal mit allen Sinnen und Fasern des Körpers und seiner Seele das Bewusstsein zu erleben: Gott ist gegenwärtig? Wenn sich diese Hoffnungen und Wünsche erfüllen würden – wäre das das Reich Gottes, nach dessen Kommen heute im Predigttext Jesus gefragt wird?

Und derjenige, der in Armut lebt erhofft sich das Reich Gottes als ein Leben in Wohlstand, und für einen Arbeitslosen oder Angst hat die Arbeit zu verlieren, ist eine sichere, regelmäßige Arbeit Gottes Reich, für den Unterdrückten erfüllt sich das Reich Gottes vielleicht durch eine Revolution, für den Pazifisten ist es der Frieden, für den Umweltaktivisten ist es eine Schöpfung, in der alle Lebewesen ihren nötigen Lebensraum haben, für den, der viele Schmerzen leidet, wäre es ein Leben ohne Leid. Wir können unsere eigenen Bilder entsprechend hinzusetzen – und am besten wäre es, es würden sich alle diese Wünsche erfüllen. Unser eigenes Bild vom Reich Gottes entsteht entweder, so habe ich manchmal den Eindruck, auf dem Hintergrund unserer unerfüllten Wünsche und Hoffnungen, Oder wird durch Erinnerungsbilder angeregt, wo wir erlebt haben, dass es uns rundum gut ging, wo wir ganz bei uns selbst waren, eins mit uns, mit dem Leben, in einem Zustand voller Harmonie und Glück – oder der Befreiung. Morgen ist der 9. November. Der 9.Nov. erinnert an den Fall der Mauer – da hat sich die Hoffnung auf Freiheit für viele Bürgerinnen und Bürger erfüllt – heute wissen wir, dass manche Hoffnungen später sehr enttäuscht wurden. Dennoch: Wenn ich mir die Bilder von 1989 ansehe, rühren sie mich nach wie vor zu Tränen der Freude. Auf der anderen Seite mahnt und erinnert uns der 9. Nov. an die Reichspogromnacht, an den Beginn der öffentlichen Verfolgung der Juden im Dritten Reich, und daran, dass die Verfolgung in der Vernichtung und im Massenmord an der jüdischen Bevölkerung endete. Wo ist da Gott? Ist nicht alle Hoffnung auf sein Reich falsche Hoffnung? Wo ist es denn sein Reich? Gerade diese grausamen Ereignisse, die die Geschichte der Menschheit begleiten, schreien die Frage geradezu heraus. Wann kommt es denn nun endlich? Oder ist da gar kein Gott? Werden wir nur vertröstet auf irgendwann?

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Ist die Hoffnung auf das Reich Gottes berechtigt, ist es eine realistische Vision oder ein Utopie? Und was meint denn Jesus mit dem Reich Gottes? Die Pharisäer fragen diesmal – so scheint es – aus echtem Interesse. Diesmal ist es keine Falle. Sie drängt die Frage: wann kommt es? Jesu Antwort ist mehrdeutig! Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man’s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Das heißt zunächst: wenn ihr nach etwas Sichtbarem sucht, sucht ihr an der falschen Stelle. Es ist bereits mitten unter euch. Das kann heißen: es ereignet sich bereits unter euch! Es ereignet sich, wo sich Menschen Liebe schenken, wo sie gemeinsam an Gott glauben und Gottesdienst feiern. Denn: Gott ist Liebe, und wo Liebe sich ereignet, ereignet sich Gott. Gott ist in den Beziehungen gegenwärtig, denn alles, was lebt, lebt in Beziehungen, lebt im Austausch mit anderen oder der Welt. Jeder Atemzug lehrt uns diese elementare Erkenntnis. Ich lebe nicht aus mir und aus eigener Kraft. Ich lebe im Austausch, in der Beziehung, lebe aus der Liebe der Schöpfung, die mir Leben ermöglicht.

Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Das könnte aber auch heißen: Hier, ich, Jesus, bin es! Mit mir ist das Reich Gottes schon mitten unter euch. Durch meine Gegenwart ist es da, bricht es jetzt an, geht nun los. Jetzt geht’s los! Oder man kann wie Luther das “mitten unter euch“ auch so übersetzen: „es ist inwendig in euch!“ – also in euch. Dann hieße es: sucht Gott nicht außerhalb von euch, sondern zuerst in euch. Das Reich Gottes wächst in euch und es wächst von innen nach außen. Wer Gottes Liebe, seine Kraft, seinen Geist in sich spürt, wer an Gott glauben kann, kann und wird davon weitergeben! Und so wird das Reich Gottes sich ausdehnen und wachsen. Dann wendet sich Jesus an seine Jünger und wird ihnen gegenüber sehr persönlich. Es kommt mir vor, als würde er spüren, dass sie eventuell enttäuscht sein könnten. Er weiß, dass sie sich, wie alle Menschen mehr erhoffen, dass sie das Reich Gottes eben doch gerne sehen und beobachten würden, dass sie wenigstens einen Tag wie im Reich Gottes erleben möchten. Doch gerade dieser Wunsch es sehen zu wollen, macht verführbar. Da werden welche kommen und werden einem „heile Welt“ vorgaukeln und werden sagen: „Na, ihr seht es doch! Hier ist alles super! Hier ist das Reich Gottes.“ Und Jesus warnt: „Hütet euch vor solchen Versprechen, vor solcher Werbung. Das Reich Gottes kann man nicht sehen!“ Es ereignet sich nicht in einem sichtbaren geschichtlichen Prozess, es ist nicht der ideale Endzustand der Menschheit. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“, sagt er später im Verhör bei seiner Passion und meint damit auch: Das Reich Gottes bricht in die Welt, bzw. in unser Leben von außen ein. Das klingt vielleicht bedrohlich, ist aber die eigentliche Hoffnung für unser Leben, dass das Göttliche mit einem Mal hinzutreten kann.

Vielleicht kann man mit Jesu Worten sagen: es ist wie ein Blitz. Es blitzt hier und da schon einmal auf, aber es scheint noch nicht anhaltend wie Sonne über uns. Es blitzt auf, es zerreißt für einen Moment die Dunkelheit, der Blitz reißt den dunklen Himmel auf, er verbindet mit höchster Energie Himmel und Erde. Es kann uns für einen Moment ein Licht aufgehen, dann leuchtet uns plötzlich etwas ein, wir sehen und verstehen neu, und danach ist Leben nicht mehr so wie vorher. Erkenntnis entwickelt sich oft in solchen Sprüngen, blitzartig. Man kann auch von Intuition sprechen, und manchmal ist die innere Stimme der Intuition Gottes Stimme, die im Innern, inwendig in uns zu uns spricht, uns leitet. Manchen geschieht es das so im Alltag, andere nutzen dafür das Gebet, die Stille, die Meditation, um Gottes Stimme in sich nachzulauschen und zu hören. Es gibt die heiligen Momente, in denen Gott einem spürbar nahe ist, wo nichts sicherer scheint als dieses: es gibt ihn, und er ist hier bei mir, in mir, mit mir.

Die Theologie spricht angesichts des Reich Gottes von einem Schon-und noch nicht. Es ist schon angebrochen, aber es hat sich noch nicht erfüllt. Das ist oft schwer auszuhalten. Die Christen warten nun schon fast 2000 Jahre lang. Aus diesem Warten ist Kirche entstanden – sozusagen als Stellvertreterin Christi auf Zeit – bis er kommt. Bis er kommt, soll die Kirche die Hoffnung wach und am Leben halten, sie aber auch in dem was möglich ist, einlösen und zu erfüllen. So sind die kritischen Anfragen an die Kirche natürlich, denn noch ist nichts so wie es denn sein soll, es ist noch nicht perfekt, sondern immer nur im Ansatz da. Die Kirche kann leider Gottes nichts Glänzendes, Vollkommenes vorzeigen und hochhalten und sagen: Seht ihr, dass ist alles schon besser geworden, heller, schöner. Statt eines Hochglanzprospektes aller Erfolge verweisen wir immer wieder auf Gott, der sich in Jesus dem Christus offenbart hat, und dessen Liebe so weit ging, dass sie nicht einmal das Leiden und Sterben für uns ausschloss. Das Reich Gottes schließt die Erfahrung von Leid und Tod, von Scheitern und Versagen nicht aus. Das Reich Gottes wird sich durch solche Erfahrungen hindurch entwickeln. „Dennoch“, so hält der christliche Glaube fest, „dennoch wirst du es erfahren können, dennoch ist Gott dir nah, er ist bei dir.“ Das Reich Gottes und Leiden schließen sich nicht gegenseitig aus, gerade das lehrt uns das Kreuz Christi. Wir leben immer in dieser Spannung von „schon-und noch nicht“. Wie gesagt, das Reich Gottes ist nicht irgendein idealer Endzustand der Welt, sondern Gottes Gegenwart in unserem Leben, und Gott hat sich in Christus als ein Gott offenbart, der gerade auch im Leid nahe ist.

Erfahrungen mit dem Reich Gottes, das sind vielleicht immer nur Momente, so wie das Glück immer nur einen Moment lang währt. Momente aber, die in ihrer Intensität solche Strahlkraft haben, dass ihr Licht noch lange in uns leuchtet, uns noch lange Zeit wärmt oder tröstet. Und deshalb beten wir auch immer auf’s Neue im Vater unser: Dein Reich komme. Wir wissen, etwas davon ist schon da, denn sonst könnten wir uns gar nicht voller Vertrauen oder auch voller Verzweiflung an Gott wenden. Wir glauben aber: er ist da. Und doch erbitten wir gleichzeitig: Er möge zu uns kommen, Er möge in uns das Reich aufschließen, uns für den Reichtum seiner Liebe öffnen, das Göttliche in uns wecken und stärken. Das Reich wird kommen, und wer so betet: „dein Reich komme“ der wird selbst zur Tür durch die das Reich in die Welt kommt, der ist bereits selbst ein Teil dieses Ereignisses, dass das Reich kommt, dass es wiederum ein Stückchen mehr da ist. Durch jede und jeden einzelnen von uns, ist wieder etwas mehr vom Reich Gottes spürbar und erlebbar. Es ist ein geheimnisvolles Gewebe, in dem wir Gott darum bitten, dass sein Reich komme, dass wir selbst auf Erfüllung hoffen, und bereits damit daran wirken, dass es sich wirklich ereignet. So sind wir mit jedem Gebet, mit jeder guten Geste der Liebe bereits im Prozess immer mehr Teil von Gott zu werden, eins mit ihm zu werden und sein Reich zu erfüllen. Dazu helfe uns Gott. „Dein Reich komme.“

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