Wann kommt Christus?

Liebe Gemeinde,
„Mama, wann ist denn endlich Weihnachten?“ fragte ich meine Mutter. Ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt. „In zwei Monaten“, antwortet meine Mutter. „Wie lang ist zwei Monate?“ „Zwei Monate ist noch lang. Zuerst kommt Opas Geburtstag, dann feiern wir Stankt Martin und Advent und Nikolaus, und dann ist endlich Weihnachten.“
Liebe Gemeinde, vielleicht erinnern Sie sich noch selbst daran: Wie Ihre Kinder Sie nach einem Zeitpunkt gefragt haben oder wie Sie, als Sie selbst noch ein kleines Kind waren, nach etwas nachgefragt haben. Ich kann mich noch lebhaft an meine eigene Kinderzeit erinnern: Die Zeit schien nicht zu vergehen, und unter zwei Monaten konnte ich mir gar nichts vorstellen. Dabei wollte ich doch so gerne wissen, wann endlich Weihnachten ist.
Auch heute, als Erwachsener, möchte ich manchmal die Zeit genau wissen: Wann werden wir unsere Freunde wieder einmal sehen? Wie lange dauert es, bis eine Grippe ausgeheilt ist? Wie lange werden noch meine Eltern leben?
Manche Antworten lassen sich exakt geben, etwa, wann wir die Freunde sehen werden: Heute abend ist es soweit, also in ein paar Stunden. Doch es gibt auch die andere Gattung von Fragen, deren Antwort offenbleiben muss: Etwa die, wie lange Menschen noch leben werden.
Zu der letzteren gehört auch diese Frage: Wann wird der Herr, wann wird Jesus Christus wiederkommen?
Diese Frage hat Menschen zu jeder Zeit beschäftigt. Schon in der Frühzeit des Christentums fing das an. Die Jünger erwarteten, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde und mit ihm dann das Reich Gottes endgültig offenbar werden würde. Doch die Jünger starben einer nach dem anderen, ohne dass Jesus wieder erschien. Und trotzdem brannte die Frage in den Menschen: Wann kommt Jesus Christus wieder?
Man begann nach Zeichen zu suchen, anhand derer man das Wiederkommen Christi berechnen konnte. Zuerst nahm man dazu das Buch der Offenbarung her: Da wird ja das Ende der Welt vorausgesagt. Man suchte nach Anzeichen, was von den Vorhersagen schon eingetroffen war und was nicht. Nun meinte man das Ende vorausberechnen zu können.
Eine andere Methode besteht darin, nach besonderen Jahreszahlen zu suchen: Das Jahr tausend oder das Jahr 2000 etwa. Viele Religionsgemeinschaften stellten sich schon auf das Ende ein. Doch es traf nicht ein. Und heute? Ist die Finanzkrise, die Umweltzerstörung und die wirtschaftliche Rezession vielleicht auch ein Vorbote des Weltendes, der Rückkehr Christi? Wann kommt Jesus Christus denn nun?
Vor 70 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen: „Reichskristallnacht“ verniedlichte man diesen Schrecken, weil soviel Kristall zu Bruch ging. Doch es war der Auftakt zu etwas noch Schlimmeren, zur systematischen Ausrottung eines Volkes: Des jüdischen Volkes, dem auch Jesus angehört.
Gegen den Schrecken jener Zeit nimmt sich die Apokalypse, wie sie in der Offenbarung beschrieben ist, fast gnädig aus. Denn während das eine nur eine Voraussage ist, von der wir nicht wissen, ob und wann und wie sie eintreffen wird, ist das andere tödliche Wirklichkeit geworden. Und manche Menschen glaubten, dass dieser Schrecken, dieser Terror ein Vorbote des Endes sei!
Wann kommt Jesus Christus, wann kommt Gott zu uns auf die Erde?
Das Paulus-Wort vom Dieb in der Nacht ist bekannt geworden. Wie wir ja auch nicht ahnen, wann ein Dieb in unsere Wohnung einbrechen wird, genauso wenig wissen wir den Zeitpunkt des Kommens Gottes. Wie ein Dieb in der Nacht kommt er – also unverhofft, unvermittelt, unerwartet. Darum haltet euch bereit. Haltet euch an Gott, damit ihr immer auf sein Kommen eingestellt seid! Nicht wie der Mensch, der sagte: „Für Gott habe ich in meinem Leben viel Zeit! Da muss ich mich heute nicht darum kümmern!“
Irrtum, liebe Gemeinde, jetzt ist die Zeit. Denn Christus ist schon mitten unter uns! Nicht so, dass man ihn sehen kann. Nicht in königlichen Gewand mit den Zeichen göttlicher Macht. Nicht mit Donner und Paukenschlag mit einer göttlichen Stimme vom Himmel, die sagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“
Doch in unser Welt begegnet er uns, und da vor allen in den Schwachen: Dem Arbeitslosen, der aus unserer Wirtschaft ausgemustert wurde, dem Bettler, der mich um einen Euro bittet, dem Flüchtling, dem der Schrecken des Bürgerkrieges in seinem Land noch ins Gesicht geschrieben steht. Wer Christus nicht in einen dieser Menschen sieht, der verhält sich wie die törichten Jungfrauen aus dem Gleichnis:
10 Jungfrauen sollen bei einer Hochzeit dem Bräutigam aufwarten und ihm leuchten. Der bleibt aber länger aus als erwartet, und die Frauen schlafen ein. Als er kommt, machen sie alle schnell ihre Lampen bereit. Doch nur die Hälfte ist wirklich bereit und kann dem Bräutigam leuchten: Denn die andere Hälfte hat ihr Öl vergessen. Sie können ihre Lampen nicht anzünden. Und der Bräutigam stößt sie in die Finsternis hinaus, weil sie nicht wirklich mit seinem Kommen gerechnet haben.
Mit dem Ende des Kirchenjahres, das sich nun naht, mit den dunklen Feiertagen wie Volkstrauertag, Buss- und Bettag und Ewigkeitssonntag werden wir uns unserer Sterblichkeit bewusst. Wir wissen, dass es nicht immer so weitergehen wird, dass sich unsere Welt verändern wird. Doch wir schieben es gerne weg von uns, wollen nichts davon wissen. Doch Paulus ermahnt uns: „Lasst uns nicht schlafen wie die anderen, sondern wachen und nüchtern sein!“
Wach und nüchtern sind wir, wenn wir auf Gott vertrauen, auf ihn warten. Wenn wir versuchen, nach seinen Willen zu leben. Dann leben wir als Kinder des Lichts: Das Licht, das uns in unsere Dunkelheit leuchtet, das Licht, das Jesus Christus ist. Denn er hat gesagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ In der Taufe wurde uns dieses Licht gegeben, und nun ist es an uns, unser Licht zu pflegen und weiterzugeben, damit es vielen anderen um uns herum auch noch leuchtet.
Wann wird Jesus Christus wiederkommen?
Liebe Gemeinde, ich glaube, dass er schon mitten unter uns ist. Und je mehr wir unser Licht leuchten lassen, umso deutlicher wird seine Gegenwart. Und dann hat alles Warten ein Ende, weil wir endlich alle als Kinder des Lichts leben.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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