Ein jegliches hat seine Zeit

Liebe Gemeinde,

manche Teile der Bibel erscheinen uns heute schwer verständlich, andere scheinen sich unmittelbar zu erschließen, obwohl Jahrhunderte und Jahrtausende zwischen uns heute und der Entstehungszeit eines biblischen Textes liegen. Der Predigttext des heutigen Sonntags gehört in meinen Augen in die Kategorie selbstverständlich – zumindest für alle Menschen, die in ihrem Leben Auf und Ab, tiefe Krisen wie wunderschöne Neuanfänge schon erlebt haben. Alle Menschen meine ich durchaus erst: Selbst Menschen anderen oder keinen Glaubens stimmen dem ersten Teil des Textes zu. Er wurde von einem Sohn Davids geschrieben und Luther benannte das Buch aus dem der Text stammt mit Prediger Salomo:

[TEXT]

Worte, die für sich selbst sprechen … Ein jegliches hat seine Zeit… Das trifft den Nerv unserer Zeit. Zum einen zustimmend: Erkenne die Zeichen der Zeit! Lass die Gelegenheit Dir nicht entgehen! Jetzt hast du die Chance dieses oder jenes zu erreichen. Für bestimmte Dinge gibt es einen bestimmten Zeitpunkt. Kairos nennt man das im Griechischen. Jeder und jede kennt das Persönlich wie gesellschaftlich: Hätte ich meiner Frau nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt und gezeigt, dass ich sie liebe … aus unserer Partnerschaft wäre nichts geworden … Hätten die Regierenden vor 19 Jahren nicht die Zeichen der Zeit verstanden, es hätte keine Wiedervereinigung gegeben. Der Fall der Mauer – das war ein Kairos. Es gibt natürlich auch den verpassten Kairos. Hätten viele Menschen in den 30er Jahren die Zeichen der Zeit verstanden – den Menschen dieser Welt wäre viel erspart geblieben. Die Zeichen der Zeit zu erkennen: in gewisser Weise ist daraus unsere Kirche entstanden. Der Ketzer Martin Luther landete nicht wie viele vor ihm auf dem Scheiterhaufen, sondern markierte einen Wendepunkt: die Reformation. Sie gelang ihm nicht für die ganze Kirche, sondern nur für einen Teil, der als evangelische Kirche sich weiterentwickelte. Die Zeichen der Zeit zu erkennen, zu erkennen was dran ist, das ist die eine Seite der Worte des Prediger Salomo.

Ein jegliches hat seine Zeit … Das trifft den Nerv unserer Zeit – Zum anderen eher ablehnend: Heißt das doch ein jegliches braucht auch seine Zeit. Das wird uns doch immer fremder –dass die Dinge ihre eigene Zeit brauchen. Manchmal haben wir im Privaten noch eine Ahnung davon: Dass seine Zeit braucht bis aus der großen Verliebtheit eine gute Partnerschaft wird, dass es seine Zeit braucht das Leben umzustellen, wenn die Kinder ausziehen … Wenn Eheleuten sich scheiden oder ein geliebter Mensch stirbt zu verstehen: Es braucht seine Zeit Abschied zu nehmen, sich zu trennen, loszulassen. Seine Zeit zum Trauern. Früher kannte man das Trauerjahr. Selbstverständlich zeigten Trauernde mit schwarzer Kleidung oder Trauerflor, dass sie Rücksicht und Respekt verdienten, weil sie einen geliebten Menschen verloren hatten. Das ist inzwischen out. Selbstverständlich gehen auch heute noch alle mit anderen Menschen, die trauern, rücksichtsvoll um – für drei Wochen, vielleicht auch drei Monate. Wer dann nicht wieder funktioniert, verliert allzu oft nicht nur das Verständnis seiner Mitmenschen, sondern auch seinen Arbeitsplatz … Wir leben in einer Zeit und in einer Stadt, wo alles eigentlich immer schneller, immer besser, immer höher, immer effektiver und effizienter sein soll. Zeit wird gemanagt, gemacht. Alles scheint auf Knopfdruck machbar. So werden unsere Kinder gedrillt. So leben wir im Berufsleben. So gestaltet sich bei manchen das Privatleben.

Natürlich hat es einen Sinn seine Zeit nicht zu verplempern. Aber wir stopfen und füllen unseren Terminkalender mit viel zu vielen Dingen … Neudeutsch heißt es dann: wir surfen durch unsere Termin und Aufgaben. Ein schönes Bild finde ich „surfen“: Wer surft, gleitet auf der Oberfläche. Nur wer abstürzt, dringt vor in die Tiefen. Wer vorwärtskommen will in unserer Welt, muss oben bleiben auf dem Brett, muss surfen. Der Absturz, die Tiefenerfahrung, ist die Erfahrung der Niederlage. Dass der Absturz nicht nur eine Niederlage ist, sondern einem neue Erfahrungen und Wahrnehmung erschließt, eben von dem, was sich unter der Oberfläche verbirgt, das kann kaum gesehen werden.

Ein jegliches hat seine Zeit … d.h. also zum einen nutze die Gelegenheit, verstehe die Zeichen der Zeit, aber auch: lass dir die Zeit, die notwendig ist, wenn sich etwas gravierendes in deinem Leben verändert. Lass dich nicht verrückt machen durch deine Umwelt und dein „Gewissen“. Nimm dir die Zeit, die du brauchst … die Botschaft des Predigers beinhaltet beides: sie enthebt uns nicht von der Entscheidung und der Verantwortung für das eigene Leben: wir müssen selber merken, was für uns dran ist. Entscheiden, zupacken, beschleunigen oder Nachdenken, nachspüren, entschleunigen.

Gott mutet uns da einiges zu. Manchmal kann einen diese Freiheit überfordern oder gar sinnlos erscheinen. Das kann in die Mutlosigkeit und Depression führen, so wie der Prediger an anderer Stelle schreibt: Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind. Alles ist nichtig – es hat ja doch alles keinen Sinn … Der Prediger bleibt jedoch bei diesem Gefühl nicht stehen – er kommt noch zu einer ganz anderen Schlussfolgerung. Er schreibt: Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Der Prediger sagt also
– Zu seiner Zeit hat Gott alles schön gemacht
– Er hat uns Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt,
– Doch wir Menschen können Gottes Werk nicht ergründen
– Guten Mutes und fröhlich sollen wir bleiben, genießen, was uns im Leben an Annehmlichkeiten und Genüssen geschenkt wird, es als Gottes Gabe nehmen – bei allen Mühen die wir tagtäglich oder immer wieder neu haben.

Die Botschaft des Predigers weist uns in die Verantwortung für das eigene Leben: Genieße was Gott dir schenkt, aber stelle dich auch der Mühen. merke, was für dich, für uns dran ist. Entscheiden, zupacken, beschleunigen oder Nachdenken, nachspüren, entschleunigen. Wie gesagt: Gott mutet uns einiges zu. Vor allem, wenn es nicht nur um unser individuelles Leben, sondern auch um unser Zusammenleben in Kirche und Gesellschaft, in unserem Stadtteil und unserer Gemeinde geht. In der Gemeindeversammlung wird es anklingen: Wir brauchen Christinnen und Christen mit unterschiedlicher Begabung, die für den Kirchenvorstand kandidieren. Wir brauchen Personen, die bereit sind zu entscheiden und zuzupacken genauso wie nachzudenken und nachzuspüren. Ich weiß, es braucht seine Zeit sich mit dem Gedanken anzufreunden, für den Kirchenvorstand zu kandidieren, oder andere zu überzeugen … aber es ist auch an der Zeit: wir brauchen nämlich bis Anfang Dezember mindestens noch 8 neue Kandidatinnen und Kandidaten.

Ein jegliches hat seine Zeit. Auch die Erkenntnis, dass eine Kirchengemeinde nicht einfach so funktioniert – wir brauchen einander. Gemeindeglieder, die mit anpacken, nicht nur im Kirchenvorstand, genauso wie solche, die nachdenken und nachspüren: die ihre Erfahrungen von Tiefe einbringen.

Ein jegliches hat seine Zeit. Sie hören: auch das Werben für die eigene Gemeinde hat seine Zeit …

drucken