Gotteszeit

Predigt über Prediger 3/1-14

Liebe Gemeinde,

„Das Gedicht über die Zeit ist vor allem vor dem Hintergrund dessen zu verstehen, was Kohelet (der Prediger) bisher erlebt hat. Mit dem unmittelbar vorangehenden Text endet die so genannte Königstravestie (1, 12–2, 26). Hier ist Kohelet in die Rolle eines Königs geschlüpft, um einen spezifischen Lebensentwurf durchzuspielen. …

Er erzählt von der Zeit, da er König war, von den Absichten, die er damals verfolgte, von dem, was er erreichte, von den Krisen, die er durchmachte, und von den Erkenntnissen, zu denen er gelangte. In Kapital 2 erzählt er zunächst von seinem Aufstieg als König. Der Aufstieg beginnt grandios mit dem Bau einer königlichen Lebenswelt (2, 4–10): „Was immer meine Augen verlangten, versagte ich ihnen nicht. Meinem Herzen verweigerte ich keine einzige Freude, ja mein Herz freute sich an meinem ganzen Besitz, und das war mein Anteil an meinem ganzen Besitz.“ (2, 10) Doch auf dem Höhepunkt der Macht- und Prachtentfaltung kündigen sich erste Zweifel, Unsicherheiten und Misstöne an: „Dann wandte ich mich all meinen Werken, die meine Hände geschaffen hatten, und dem Besitz, für den ich mich abgemüht hatte, um ihn zu erwerben, zu, und siehe: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst. Es gibt keinen Gewinn unter der Sonne.“ (2, 11) Mit Kap 2, Vers 12 setzt der unaufhaltsame Abstieg des Königs ein. Auch die Weisheit, so erkennt „König Kohelet“, kann ihn letztlich vor dem Tod nicht retten (2, 12–17): „Da hasste ich das Leben, denn als etwas Böses lag auf mir das, was unter der Sonne geschieht. Ja, das ist allesWindhauch und Luftgespinst.“ (2, 17) … Vor allem aber wird Kohelet dem nicht gerecht, was er als König sucht: bleibendes Glück (2, 3).

Kohelet wird zum Schöpfer einer Welt. … Doch am Ende zeigt sich: Auch der König ist nur ein Mensch. Auch er ist sterblich, wie jeder andere Mensch (2, 15). Auch seine Welt ist nichts anderes als eine vergängliche Menschenwelt.“ (Ludger Schwienhorst-Schöneberg, in GPM, 3/2008, Heft 4, S. 451f.)

Womit wir im Herzstück des Predigerbuches und bei unserem Predigttext wären. Seufzend fasst der vermeintliche König seine Erkenntnisse in einem grandiosen Gedicht zusammen, das so gut passt an das Ende eines Kirchenjahres, an dem wir am Totensonntag ja auch an den Gräbern derer stehen, die ihre Zeiten gehabt haben. Ach, wer wollte nicht immer blühen, immer glücklich sein? Leben wir nicht in einer Welt, die immer wachsen, immer aufbauen, immer besseren Zeiten entgegen gehen will? Bringen nicht auch wir täglich unsere Opfer dar am Altar des Fortschritts? Und wie geht es uns, wenn uns die Experten nach Börsencrash und Bankenpleite eine Zeit des Niedergangs vorhersagen? Ist das nicht wieder eine verlorene Zeit, so wie wir in unserem persönlichen Leben Rückschläge, Krankheiten, Schicksalsschläge schnell als verlorene Zeit betrachten. Und erst wieder zu leben anfangen, wenn es aufwärts geht und wir unsere eigene Königstravestie wieder aufnehmen können. Der Prediger weiß, wie das funktioniert und lächelt, wie jemand über Dumme lächelt.

Und greift zur Feder und setzt einen Orgelpunkt hinter alle Zeiten, die er erlebt hat, beglückt und leidend. Ein Orgelpunkt, bei dem uns erst einmal das gewohnte Hören und Sehen vergeht: Das hat Gott alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt. Und wir fragen atemlos: Wie bitte?

Wie bitte sollen wir denn das als schön ansehen, was nun einmal nicht schön ist: Alles, was meistens rechts im Gedicht steht, von ausreißen bis hassen? Sollte das um Gottes Willen nicht besser überhaupt keine Zeit mehr haben? Ach ja, lächelt der Prediger, so reden die vermeintlich Gläubigen, die sich für Weltverbesserer und Retter im Namen Gottes halten und ihren angeblichen Glauben verkaufen als Allheilmittel gegen alles, was dem Menschen gegen den Strich geht, bis sie dort stehen, wo ich als gescheiterter König stand. Sie wollen Gott sein, wie ich das auch wollte, und können es nicht.

Bis ich begriffen habe, dass ich nicht Herr meiner Zeit bin. Bis ich begriffen habe, dass Gott Herr meiner Zeit ist. Der Tag, an dem ich das begriff, war der Tag meiner Befreiung. Denn auch dieses begriff ich, dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

So sollte der Mensch nicht über Anfang und Ende nachgrübeln, sondern sein Herz Gott zuwenden, denn in ihm ist alles und alle Zeit. Darum gilt: Wer Gott im Herzen hat, hat alle Zeit als Gottes Zeit. Die nennt man übrigens Ewigkeit. Und befindet sich damit in allen Zeiten in Gottes Hand.

Die Geschichte des Königs, unsere Geschichte, kommt nicht als für sich betrachtet in den Blick, sondern als Gottes Geschichte. Der Prediger weiß sich in diese Geschichte eingeräumt, so wie wir nach Paulus durch die Taufe in die Geschichte unseres Herrn Jesus Christus eingeräumt wurden (vgl. Römer 6). Der Mystiker Meister Eckhart spricht gar von der Geburt Gottes im Menschen und meint damit nichts anderes. Wir sind durch Gottes Zuwendung zu uns Gotteskinder und Teil seiner Familiengeschichte.

Ja wir staunen nicht schlecht, wenn Eckhart in seiner Predigt 49 schreibt: „Was den Menschen vorzüglich zum Gotteskind (Sohn) macht, das ist Gleichmut. Ist er krank, dass er ebenso gern krank wie gesund, gesund wie krank sei. Stirbt ihm sein Freund – in Gottes Namen! Wird ihm ein Auge ausgeschlagen – in Gottes Namen! … 0, wie edel ist jene Kraft, die da über die Zeit erhaben steht und ohne Stätte ist! Denn damit, dass sie über die Zeit erhaben steht, hält sie alle Zeit in sich beschlossen und ist sie alle Zeit. … Sehet! so liebkost Gott uns, so fleht er zu uns, und Gott kann es nicht erwarten, bis die Seele sich von der Kreatur abwendet und abschält. Und es ist eine sichere Wahrheit und ist eine notwendige Wahrheit, dass es Gott so not tut, uns zu suchen, recht als ob seine ganze Gottheit daran hinge, wie sie’s denn auch tut. Und Gott kann uns ebenso wenig entbehren wie wir ihn; denn, selbst wenn es so wäre, dass wir uns von Gott abkehren könnten, so könnte sich doch Gott niemals von uns abwenden.“ (Quint, S.386)

Meister Eckhart selbst nennt diese Sätze scharfe Muskatnüsse und empfiehlt seinen Predigthörern hinterher einen kräftigen Schluck zu nehmen. Kohelet, der Prediger tut das auch. Denn schließlich gilt: ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, (auch) das ist eine Gabe Gottes.

Jede Zeit eine Gotteszeit: Das könnte das Ende unserer angstgesteuerten Aktionen sein, mit denen wir versuchen unserer Zeiten Herr zu werden. Der Biologe, Anthropologe und Psychologe Gregory Bateson wurde einmal zu einem Gebetsfrühstück in den amerikanischen Kongress geladen und sagte dort Folgendes:

„Hiob, Sie werden sich erinnern, gleicht ein bisschen Little Jack Horner. Er steckt seinen Finger in den Kuchen und gibt den Armen und sagt: Was bin ich doch für ein guter Junge. Er hat einen Gott, der genauso ist wie er und sich deshalb Satan gegenüber mit Hiobs Rechtschaffenheit brüstet. Satan … macht sich daran zu beweisen, dass Hiobs Frömmigkeit in Wirklichkeit nicht viel wert ist. Schließlich, nach unendlichen Leiden, spricht ein Gott, der viel weniger fromm und pedantisch ist, aus dem Wettersturm und hält Hiob drei Kapitel lang die außerordentlichste Predigt, die jemals geschrieben wurde, und in der er ihm vorhält, dass er von Geschichte keine Ahnung hat.

„Weißt du die Zeit, wann die Gämsen gebären, oder hast du aufgemerkt, wann die Hirschkühe kreißen? Zählst du die Monde, die sie erfüllen müssen, oder weißt du die Zeit, wann sie gebären? Sie kauern sich nieder, werfen ihre Jungen und werden los ihre Wehen. Ihre Jungen werden stark und groß im Freien …“ (Hiob 39, 1-4)

Das also war es, was ich den versammelten Politikern und Würdenträgern bei dem Gebetsfrühstück erzählte. Ich schloss mit der Bemerkung, dass mir sehr viel wohler wäre bei dem Gedanken an die Welt, in der ich lebe, und daran, wie meine Zivilisation die Welt behandelt – die ganze Umweltverschmutzung und Ausbeutung, die sie betreibt, und alles übrige – wenn ich wirklich das sichere Gefühl hätte, dass meine Gouverneure und Volksvertreter wüssten, wie viele Monde die Hirschkühe erfüllen müssen und wie sie ihre Jungen werfen.“ (Gregoy Bateson, „Wo Engel zögern“, Suhrkamp, 1993, S. 109f.)

Ach ja, ich wette, wir hätten nicht weniger, sondern mehr vom Pflanzen, Heilen, Lachen, Herzen und Lieben!

Amen.

(Predigtlied EG 64)

drucken