Ziel: Gottes Ewigkeit

Liebe Gemeinde!

Ich bin oft ganz erschrocken, wenn ich sehe, wie viel Ihr Konfirmanden lernen müsst. Die Schulstunden werden immer mehr. Viele von Euch haben Nachmittagsunterricht. Der Unterrichtsstoff ist vielfach zu umfangreich. Ihr kommt ja kaum zum Luft holen. Dieser Druck weitet sich schon aus in die jüngeren Jahrgänge. Selbst im Kindergarten sollen die Kinder schon lernen und nicht so viel spielen. Das fordern Stimmen in der Politik. Das fordern aber auch Eltern. Die Leistungsgesellschaft ist überall zu spüren. Die Freizeit von Euch Jugendlichen wird immer knapper. Manche Hobbys müssen gestrichen werden. Und wann ist schon Zeit, einfach so zum Rumtrödeln? Den Erwachsenen geht es nicht anders. Viele fühlen sich gehetzt. Körper und Seele leiden. Manche empfinden es so, als würde immer Neues von außen auf sie zukommen und sie selber könnten so wenig selbst beeinflussen.

Der Predigttext heute ist ein Gegentext gegen unser Empfinden von Unruhe und Ohnmacht. Er lädt uns ein, unseren Blick zu heben zu Gott. Er zeigt uns, dass unser Leben ein Ziel hat: Gottes Ewigkeit. Wenn wir uns verlieren in unseren Sorgen, verweist der Predigttext darauf, dass hinter allem Gottes Plan steht: Alles hat seine Zeit und alles, was geschieht unter dem Himmel, hat seine Stunde.

Jeder Sonntag im Kirchenjahr hat ja sein eigenes Thema. Das Thema dieses Sonntags ist die Ewigkeit. In der Epistellesung haben wir gehört: Gott hat uns errettet von der Macht der Finsternis. Im Evangelium haben wir gehört, dass Jesus die Tochter des Jairus vom Tod erweckt hat. Die Botschaft dieses Sonntags heißt: Gott hat das erste Wort, und er hat das letzte Wort. So heißt es in einem Lied im Gesangbuch: Gott steht am Anbeginn, und er wird alles enden. In seinen starken Händen liegt Ursprung, Ziel und Sinn.

Wie kommt dieser Glaube hinein in unsere Herzen? Dass wir die Ewigkeit sehen und nicht untergehen im Strudel der Gedanken und Ereignisse? Das erste, was der Predigttext uns nahe legt, ist der Rhythmus. Alles hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit zum Geborenwerden und eine Zeit zum Sterben. Es gibt eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen. Es gibt eine Zeit zum Festhalten und eine Zeit zum Loslassen. Unser Leben braucht einen Rhythmus: einen Rhythmus des Tages, einen Rhythmus der Woche, einen Rhythmus des Jahres und einen Rhythmus des gesamten Lebens vom Kind bis ins Alter. Ein Rhythmus liegt der Natur inne. Schon die Zeitumstellung hat manche mindestens ein paar Tage irritiert. Jugendliche lachen über alte Leute, die pünktlich um 12 Uhr Mittag essen wollen. Ein zu geordnetes Leben erscheint ihnen langweilig. Aber ohne eine gewisse Ordnung kann Kreativität gar nicht entstehen.

In einer Hautklinik wird den Patienten empfohlen, sehr auf einen geordneten Tageslauf zu achten. Denn der feste Tagesrhythmus würde Entspannung mit sich bringen. Man könnte sich auf bestimmte Dinge im Leben verlassen und bräuchte das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Eltern von Neurodermitis-kranken Kindern wurde geraten, einen geregelten Tagesablauf einzuüben. Das würde den Kindern einen gewissen Halt vermitteln. Sie würden mehr Ruhe finden, und das würde sich dann auch an der Haut zeigen. Genau so wichtig wie feste Zeiten seien bestimmte Rituale, zum Beispiel Ins-Bett- geh-Rituale, wie man sein Kind abends ins Bett bringt, zum Beispiel eine Geschichte vorliest. Und für den Jahresablauf sei es wichtig, auch die Rituale der Jahreszeiten wieder einzuüben. Diese Weisheit wurde von der Hautklinik weiter gegeben, weil gesehen wurde, wie gut es der Gesundheit tut, im Rhythmus zu leben.

In der Kirche leben wir diesen Rhythmus ja schon lange. In den Gottesdiensten gehen wir dem Kirchenjahr nach. Bald geht das Kirchenjahr zu Ende. Mit Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag befassen wir uns mit dem Thema: Abschied, Trauer und Tod. Und mit dem ersten Advent fangen wir wieder das neue Kirchenjahr an und nehmen Jesus in den Blick, der Weihnachten in diese Welt gekommen ist und der uns am Ende aller Zeiten wieder entgegen kommen wird. Der Rhythmus des Kirchenjahres beleuchtet immer wieder andere Bereiche unseres Lebens. Es wird uns gut tun, wenn wir diesem Ablauf des Kirchenjahres folgen und nicht bestimmte Bereiche ausblenden.

So sieht ja unsere Wirklichkeit aus: dass die Themen der Novembersonntage vollkommen ausgeblendet werden. Manche Geschäfte sind bereits im Oktober mit Weihnachtskugeln und Tannengrün dekoriert. Und schon seit September gibt es die Weihnachtssüßigkeiten. Um dagegen anzugehen, gibt es in der evangelischen Kirche schon seit Jahren die Aktion: Alles hat seine Zeit. Advent ist im Dezember. Auf den Kirchenplakaten wird gefragt: Können Sie noch warten? Damit soll aufmerksam gemacht werden darauf, dass es Sinn macht, die Novemberstille auszuhalten. Der Advent braucht seinen Rahmen. Wir werden die Bedeutung der Adventszeit anders ermessen können, wenn wir den Gedanken über Lebensende und Weltende nicht ausweichen.

Alles hat seine Zeit. In der Kirche ist diese Weisheit präsent, die eigentlich allen Menschen gut tun würde. Wenn der Zeitgeist so ist, dass überall action und Leistung gefragt sind, macht die Kirche sich dafür stark, dass Menschen sich Zeit nehmen zum Ausruhen und zur Pause. Gott sei Dank, es ist Sonntag – das ist eine Kampagne der evangelischen Kirche, die gegen den Sonntag als Arbeitstag angeht. Darin heißt es: Der Sonntag ist Ruhetag. Gott selbst hat es vorgemacht. Am siebten Schöpfungstag hat er geruht. Der Sonntag ist ein Feiertag. Menschen leben nicht nur von der Arbeit. Sie brauchen Zeit zum Feiern. Der Sonntag gibt Kraft für die Woche durch das Hören auf Gottes Wort. Der Theologe Albert Schweitzer sagt sogar: Wenn deine Seele keinen Sonntag hat, dann verdorrt sie.

Gegen den Trend der Zeit hat die Kirche die Ruhepause im Blick, die wir alle so nötig haben. Gegen alle Anforderungen, die andere an uns haben und die wir selbst an uns stellen, lädt uns der Predigttext ein, neue Kraft zu tanken. Beim Prediger Salomo heißt es: Ich merkte, dass es nichts Besseres gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Gleich feiern wir das Abendmahl. Wir stärken uns für unseren Weg hin zur Ewigkeit.

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