Alle Zeit steht in Gottes Händen

Liebe Gemeinde,

es gibt nur sehr selten diesen 24. Sonntag nach dem Trinitatisfest, nur alle paar Jahre und nur dann, wenn Ostern vor dem 27. März liegt. Meistens endet die Trinitatiszeit also mit dem 23. Sonntag. Und darum ist der für heute vorgegebene Predigttext zwar sehr bekannt, ohne Frage ist er auch ein Stück Weltliteratur, aber es ist doch ein Text der Bibel über den in der Regel nicht oder sehr selten gepredigt wird und wenn dann meistens bei Bestattungen.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, das Buch des Predigers Salomos gehört zu den unbekanntesten Büchern der Bibel. Die wenigsten werden es überhaupt einmal durchgängig gelesen haben. Und das hat so seinen Grund, denn die Botschaft dieses Predigers ist nicht gerade wohltuend und ermutigend: „Alles ist eitel!“ , schreibt er, also „ Alles ist sinnlos“ „Alles einfach vergeblich“. „Was hat der Mensch für einen Gewinn von all seiner Mühe, die er sich unter der Sonne macht. Eine Generation vergeht, eine neue Generation kommt. Nur die Erde bleibt immer bestehen. Und was bekommt der Mensch von all seiner Mühe und dem Streben des Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne? All seine Tage sind ja doch nur voller Schmerzen, voll Kummer ist sein Mühen, dass auch des Nachts sein Herz keine Ruhe findet. Es ist alles eitel. (das heißt sinnlos)“

Man glaubt es kaum, wenn man diese Worte hört. So etwas steht in der Bibel? Das widerspricht doch allem was in der Bibel sonst geschrieben steht und verkündigt wird.

Liebe Gemeinde, genau so wird meines Erachtens der Prediger missverstanden, als Lyriker, der das Leben, als ein Haschen nach dem Wind, als einen Versuch den Wind mit der Hand einzufangen, bezeichnet.

Vielleicht muss man ein gewisses Aller erreicht haben, um zu erkennen, dass alles vergänglich ist, dass alles seine Zeit hat, dass nichts auf Erden wirklich von Bestand ist. Alles hat seine Zeit, aber je älter man wird, desto schneller scheint sie zu vergehen, desto unmerklicher fliehen die Jahre vorbei, als seien sie Schatten. Ich bin nun schon im siebten Jahr Pfarrer in Gedern, das war doch erst gestern. Zwei meiner Töchter fahren schon Auto. Meine Frau und ich sind nun bald 25 Jahre verheiratet. Kinder wie die Zeit vergeht. Brigitte Weidling wird heute und zu recht geehrt, dass sie nun 30 Jahre schon im Kindergarten arbeitet. 30 Jahre! Du hast das miterlebt: Eine Generation geht und eine andere Generation kommt! Aber diese 30 Jahre sind nun einmal vorbei! Wer die Zeit festhalten will, der greift nach dem Wind. Alles hat seine Zeit! Liebe Gemeinde, das heißt dann auf der anderen Seite, dass wirklich alles einmal vorrüber geht. Die Zeit der Trauer, die Zeit der Tränen, und auch die Zeit der Schmerzen. Der in der christlichen Theologie manchmal so ungeliebte Prediger stellt uns unser Leben vor Augen, wie es nun einmal ist. Lachen hat seine Zeit. weinen hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit. Ich denke, wir brauchen erst einmal diese Einsicht auf unser Leben. Alles hat seine Zeit und für alles sollen und müssen wir, die wir ja immer betonen für alles Mögliche neben der Arbeit, keine Zeit oder zu wenig Zeit zu haben, uns erst einmal die zeit nehmen. Ich habe einmal von einem Menschen gelesen, der viel meditierte, von einem Menschen, der auf die anderen so unglaublich ausgeglichen und ruhig wirkte. Auf die Frage, warum das so ist, sagte er:

Wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich sitze, dann sitze ich,
wenn ich esse, dann esse ich,
wenn ich spreche, dann spreche ich…
Da fielen ihm die Fragesteller
ins Wort und sagten:
Das tun wir doch auch.
Er aber sagte zu ihnen:
Nein,
wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon,
wenn ihr steht, dann lauft ihr schon,
wenn ihr lauft,
dann meint ihr schon am Ziel am Ziel zu sein.

In der Bibel aber steht: Alles hat seine Zeit. Was ich sagen will, ich denke, der Prediger will etwas anderes sagen, als das, was wir aus seinen Worten heraushören, nämlich dass alles zeitlich und vergänglich und darum sinnlos ist. Nein ich denke, er meint, wir sollen uns den verschiedenen Zeiten unseres Lebens stellen. Ausdrücklich lädt er zu einem frohem Leben ein, wenn er im weiteren Verlauf seines Buches schreibt: Da merkte ich, dass es nichts besseres gibt, als fröhlich zu sein und sich gütlich zu tun in seinem Leben. Nicht verzweifeln also, sondern das Leben genießen, die verschiedenen Zeiten des Lebens, als eine Gabe Gottes zu nehmen, so schwer sie auch manchmal zu tragen und zu ertragen sind. Es hilft ja nichts, davor wegzulaufen, Probleme und Sorgen zu verdrängen. Wenn ich älter werde, dann liegt auch in diesem Alter eine Gnade und eine Chance. Da muss ich mich nicht mit Gewalt jünger machen, als ich bin und so tun, als ginge die Zeit spurlos an mir vorrüber. Aber die Frage bleibt noch im Raum, liebe Gemeinde: Wenn alles seine Zeit hat, und darum vergänglich ist, ist dann nicht alles doch eben sinnlos, ein Haschen nach dem Wind? Ich kann ihnen darauf, weil glauben an Gott eben mehr eine sehr persönliche Beziehung zu Gott ist, als theologische Lehrsätze, darauf nun persönlich antworten und sagen, wie ich es halte. Manchmal da habe ich Angst, wenn ich sehe, wie schnell die Zeit vergeht. Manchmal da überlege ich regelrecht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Manchmal, da fällt es mir sehr schwer zu akzeptieren, dass meine Zeit auf Erden seine Zeit hat, über die ich nicht verfügen kann, von der ich nur eines weiß: Sie wird mit jedem Tag, den ich lebe, kürzer. Auch der Pfarrer ist nicht vor solchen Fragen und manchmal melancholischen Gedanken geschützt. Aber dann kann ich auch Psalm 31 lesen und der gehört für mich zu diesem Text des Predigers dazu:

Herr auf dich traue ich, lass mich nicht zu Schanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit.
Ich aber Herr hoffe auf dich und spreche:
Du bist mein Gott.
Meine Zeit steht in deinen Händen!

Die Antwort auf die Frage, wenn alles seine Zeit hat, ist dann nicht alles sinnlos ist hier für mich gegeben. Es hat nicht nur alles seine Zeit. Meine Zeit steht auch in Gottes Händen. Manchmal kann ich schwermütig werden, wenn ich sehe, wie wenig ich mein Leben in der Hand habe, wie wenig ich wirklich in meinem Leben bestimmen kann. Ich weiß, meine Tage sind gezählt. Aber ich weiß, sie von Gott gezählt und nicht von einem zufälligen Nichts. Alles hat seine Zeit, aber meine Zeit steht in Gottes Händen. Und das ist gut so. Vielleicht ist das die Schule des Glaubens und des Lebens. Beides annehmen zu lernen. Alles hat seine Zeit, alles hier auf Erden hat einmal sein Ende. Und zum anderen: Alle Zeit kommt von Gott. Ihm übergebe ich mein Leben. Ihm versuche ich täglich aufs Neue zu vertrauen. Lassen sie uns darum wieder mit Psalm 31 sprechen:

Du bist mein Fels und meine Burg, um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen!

Der Friede Gottes bestimme unser Leben.

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