Mit Gottes Augen gesehen (Mt 5,9)

Mt 5,9
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Liebe Familie XY, liebe Taufgemeinde,

wie man Unruhe stiftet, das wissen Sie wahrscheinlich alle. Das wissen schon Kinder im Kindergarten und in der Grundschule. Es ist ganz leicht, einen Streit vom Zaun zu brechen. Da reicht ein Wort, das den anderen ungeheuer reizt oder eine ein- oder zweideutige Handbewegung. Ich spreche mal direkt Justus an – und Jonas wird das auch noch wissen: gerade im Religionsunterricht in der Schule kommt es immer wieder vor, dass Streit ausbricht. Die Mädchen streiten mit den Jungen, weil einer sagt, dass alle Mädchen blöd sind. Beste Freunde geraten sich in die Haare, weil der eine angeblich über den anderen gelacht hat. Meistens sind es Kleinigkeiten, die dazu führen, dass am Ende einer weint. Und so habe ich mich ganz besonders gefreut, dass Johannes Thaddäus einen Taufspruch bekommt, den er wahrscheinlich schon im ersten Schuljahr gebrauchen kann. Es ist ein Satz, den Jesus gesagt hat:

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen Mt 5,9.

In einer anderen Bibelübersetzung steht „Glücklich sind, die Frieden stiften“, darunter kann sich jeder was vorstellen. Darunter konnten sich die Massen, die Jesus bei seiner berühmten Bergpredigt zugehört haben, alle etwas vorstellen. Schließlich war das Land Israel zur Zeit von Jesus von römischen Soldaten besetzt und viele Menschen wünschten sich endlich Frieden. Aber wie stifte ich Frieden? Es ist nicht ganz so leicht wie das Anstiften zum Streit. Denn es gehört dazu, dass ich erst mal mich selbst runterfahre und nicht mit einem dummen Spruch auf eine Provokation antworte oder auf einen Schubs mit einem Schlag. Sondern vielleicht sage: Ich hab keine Lust zum Streiten, lass uns drüber reden.“ In der Schule heißt es dann oft: „Der andere hat aber angefangen“. Dann fange ich eben an, aufzuhören – das ist der erste Schritt zum Frieden stiften. Dazu gehört es, den anderen mit Liebe und Achtung zu betrachten. Ihn sozusagen mit Jesu Augen zu betrachten.

Unsere Augen sind dazu da, dass sich andere unter unserem Blick wohlfühlen und anfangen, sich zu entfalten, zu zeigen, was alles an guten Möglichkeiten in ihnen steckt. Unsere Augen sind wie kleine Sonnen, die Wärme bringen, und sind wie Lichter, die Orientierung zeigen. Martin Luther zu den Friedfertigen: „Das sind die, die nicht allein friedsam sind, sondern auch Friede machen, da ein gutes Wort einlegen, dort ein gutes Wort sprechen, allenthalben stillen und zum Schweigen bringen.“ (Ebd.)

In einer Welt, die ja nicht so ist, wie Gott sich wohl sein Friedensreich vorstellt,
heißt das: Die Menschen lieben und in dieser Liebe sie immer wieder darauf ansprechen, und sichtbar machen, was Jesus in diese Welt als Orientierung gebracht hat: Jeder Mensch ist zu achten und es ist alles zu tun, diese Achtung so wenig wie möglich zu verletzen.

Mit Gottes Augen gesehen, da gibt es keine vernachlässigten Kinder, also wo gibt es sie bei uns und was können wir für sie tun? Mit den Augen Gottes sehen, der sieht auch keine Arbeitslose, also was tun wir dagegen und wie verschaffen wir Menschen eine Tätigkeit, in der sie sich auch entfalten können? Mit Gottes Augen gesehen, da gibt es keine Altersgrenzen, keine Ausgrenzung, also warum leben wir nicht so, dass jeder und jede sich angenommen fühlen kann, auch die, die Hilfe brauchen aufgrund von Behinderung, Alter oder Hilflosigkeit? Mit Gottes Augen gesehen, da gibt es keine ewigen Feindschaften, warum versöhnen wir uns zu wenig und geben auch mal nach, wenn es um unsere eigenen egoistischen Ziele geht? Die Antwort heißt: Versöhnung und Friede fängt im Kleinen an, in den eigenen vier Wänden.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen, mit diesem Taufspruch bekommt Johannes Thaddäus einen Wunsch mit in sein Leben, zu dessen Umsetzung Sie als Eltern und Paten etwas tun müssen. Denn ein Kind braucht Vorbilder und Anleitung. Und es genügen nicht Ermahnungen, sondern es überträgt sich auf ein Kind, wenn in der Familie ein friedliche Art des Umgangs miteinander herrscht. Klar; Geschwister streiten manchmal, aber es ist wichtig, dass der Streit auch wieder beigelegt wird, möglichst, bevor der Tag zu Ende gegangen ist.

Das ist alles ziemlich schwer zu schaffen. Aber heute ist Pfingsten. Wir haben das diese Woche im Religionsunterricht besprochen: Pfingsten hat Gott seinen Geist zu den Menschen geschickt, er hat frischen Wind in ihre Köpfe wehen lassen und ihnen das Feuer seiner Liebe mit gegeben. Das ist die besten Ausrüstung dafür, sich begeistert für seinen Frieden einzusetzen.

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