Einander segnen

Der 23. Psalm ist der Psalm – nicht nur dieses Sonntages, sondern auch im Alltag der Christenheit – und hätte ich gesagt: wir beten ihn auswendig miteinander, hätten wir das vermutlich auch miteinander hingekriegt.

Aber woher kommt es, dass es zwar 150 Psalmen gibt und noch viel mehr schöne Lieder und Gebete in der Bibel, aber ausgerechnet der haftet vielen Menschen im Gedächtnis.

Obwohl er ja auch ärgerlich ist: Manchmal habe ich keine Lust auf den ‚guten Hirten’ Da ist so viel Autoritäres. Eine ganze persönliches Kirchengeschichte steht da im Wege. Aber vielleicht haben das Andere ja auch so erlebt. Eine Art Geschichte, in der es von dummen Schafen nur so wimmelt und der ‚Gute Hirte’ wird repräsentiert durch eine Kirche, die alle neuen Ideen abwürgt. Das Hirtenamt der Kirche kann schon eine wahre Plage sein, wo es nicht ergänzt wird durch das Gebet und die Mitarbeit von Schwestern und Brüdern, die aufeinander achten und einander HelferInnen zu einem gemeinsamen Leben sein wollen.

Den 23. Psalm könnte man ja auch beschreiben als Bild von den dummen Schafen. Und trotzdem ist es anders:

Da kommen mir auch die Momente in den Sinn, wo der Gute Hirte mir geholfen hat mit meiner Trauer, meiner Wut, meiner Hilflosigkeit fertig zu werden. Da fällt mir dann ein, wie vielen Menschen dieser Gedanke schon so sehr geholfen hat mit dem, was sie erleben fertig zu werden.

Der Gute Hirte kann missbraucht werden – da ist dann nur noch Stecken und Stab als Zuchtrute des Herrn und seiner Kirche (die Bibel in gerechter Sprache überträgt dann auch: dein Stab und deine Stütze – sie lassen mich aufatmen).

Er kann aber auch helfen dort, wo ich ihn als persönlichen Trost annehme, mir gefallen lasse, dass es einen ‚Trost im Leben und im Sterben’ gibt, der tragen kann, wenn ich bereit bin, ihn anzunehmen. Kein Wunder, dass gerade bei Beerdigungen der 23. Psalm sehr beliebt ist, genauso wie das Lied ‚Von guten Mächten, treu und still’. Weil beide Texte davon erzählen, wie gut es einem Menschen tun kann, zu wissen und zu bekennen, dass er auch in den dunkelsten Tälern seines Lebens nicht allein ist.

Das Bild des Guten Hirten gebraucht auch der Brief an die Hebräer:

[TEXT]

Unser Text steht am Ende des Hebräerbriefes. Ein Briefschluss, der gerade dadurch, das er ein Gebet ist, in die Zukunft weist. Er macht mir heute Mut: Ich muss heute meine neuen Wege finden – mit Christus und mit den Menschen, die heute und hier leben. Ich darf beten und andere für mich beten lassen. Ich darf wissen: Ich bin begleitet von dem guten Hirten und von dem Gebet der Schwestern und Brüder, ich darf darauf vertrauen, dass sein Segen mich begleitet.

Der Inhalt dieser beiden Verse ist eine Zusammenfassung des Hebräerbriefes. Es geht um das Frieden schaffende Werk Gottes, das seinen Segen über die Menschen legt. Und es geht um die Menschen, die er sendet in seine Gemeinde, um den Segen zu bitten und den Segen zu erteilen.

Im Hintergrund steht der Gedanke des durch die Zeit wandernden Gottesvolks, dem hier ein Segensgebet mit auf den Weg gegeben wird.

Der Segenswunsch trifft auf einen neuralgischen Punkt der EmpfängerInnen, weil er ihren Willen Gottes Willen unterordnet. Das werden auch wir immer wieder neu lernen müssen, gerade dort wo wir versuchen Gottes Gemeinde durch die Zeit zu führen, dass nicht immer das, was die Vernunft zu gebieten scheint auch dem willen Gottes entspricht und von ihm gesegnetes Tun ist. Auch den eifrigsten BeterInnen wird es nicht immer gelingen, Gottes Willen klar zu erkennen. Aber ohne das gemeinsame Gebet der Schwestern und Brüder werden wir es erst recht nicht schaffen. Wir müssen uns im Gebete vor Gott bringen und aufeinander hören, weil wir alle Gesegnete des Herrn sind.

Den Segen von dem ‚Gott des Friedens‘ hineinzusprechen in eine unfriedliche Welt, in der auch die Kirchen Teil des Unfriedens sind und in der klar ist, dass Frieden mehr als die Abwesenheit von Krieg ist, ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen. Den Gott des Friedens und der gute Hirte könne uns auf eine Fährte führen, den Frieden zu suchen, persönlich wie politisch.

Unser Text will uns wieder aufmerksam machen, dass Gottes Handeln an uns reinigenden Charakter hat – wir dürfen uns vor Gott bloß stellen und er will uns reinigen. Er wartet auf uns und er sucht uns, wie er schon Adam und Eva nach ihrem Sündenfall im Paradies gesucht hat. Er will mit mir reden, er will, dass ich ihm sage, was mich belastet. Er will mir die Freude schenken, die darin liegt, über alles reden zu können, alles bekennen zu können. Gottes wahres Ich begegnet uns in dem guten Hirten, der für uns da ist und uns begleitet. In der Liebe, die nicht kritiklos alles gut findet, sondern die neue richtige Wege zeigt.

Das Bild vom ‚guten Hirten’ allerdings ist ein Bild, dem schon die Menschen der Antike widersprochen haben werden. Auch ein guter Hirte lässt sein Leben nicht für die Schafe. Das ist Blödsinn – oder genauer gesagt: das macht menschliche gesehen keinen Sinn. Der gute Hirte kennt seine Grenzen und weiß, wann er verloren hat und um seiner selbst Willen ein Schaf verloren geben muss. Erst Jesus selber hat uns auf die Fährte geführt, dass wir das Bild nur in der Überhöhung gelten lassen können. Der gute Hirte, den die Bibel beschreibt, ist keine menschliche Möglichkeit. Es ist Gottes Freiheit, sich uns anzubieten als der Gute Hirte. Aber auch der gute Schafhirte taugt als Beispiel für das, was ChristInnen füreinander sein können: Begleitung, Stütze und Stärke. Menschen, die füreinander wichtig sind und einander helfen zu leben. Das ist schon sehr viel.

Solange wir einander segnen, einander begegnen in der Nachfolge des guten Hirten, der da ist für die Seinen, solange ist die Kirche nicht verloren.

Solange es ein Presbyterium gibt, das den Segen Gottes erbittet und im Auftrag des Herrn nach Lösungen such, solange kann Gemeinde bestehen.

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