Pitbull

Liebe Gemeinde!

Sogenannte Kampfhunde waren vor einiger Zeit schwer im Gespräch. Muskulösen Tiere mit knuffigen Backen, die eine Bisskraft von sage und schreibe 2 Tonnen erreichen können. Ein kräftiger Schäferhund bringt es nur auf ca. 500 kg. Richtige Kraftpakete sind diese Hunde. Und man sagt ihnen extreme Treue und Gutmütigkeit nach. Wenn sie für ihren Menschen kämpfen, lassen sie sich nicht durch Schläge und Schmerzen abbringen. Die meisten Hunde geben klein bei, wenn sie kräftig genug geschlagen werden. Sie nicht. Sie sterben für ihren Menschen.

Kraft, Tapferkeit, Liebe und etwas Tragisches umgibt diese Hunde, finde ich: fast wie antike Helden. Und ich glaube, diese Mischung machte die Faszination aus, die vor einigen Jahren immer mehr Menschen dazu brachte, sich einen Pit Bull oder eine ähnliche Rasse als Begleiter zu wählen: Unterwegs mit Herkules, spürt man selbst seine Stärke. Seine Treue gibt Zuversicht und Selbstvertrauen. Seine selbstverständliche Nähe und Wärme schafft Zufriedenheit. Und die alles Gewohnte sprengende Kraft, bringt etwas wie ein Wunder ins Leben.

Wundersam und doch vertraut; Schutz und Treue, die Zuversicht und Selbstvertrauen wachsen lassen. Kraft und pralles Leben mir eng verbunden. Ist es nicht das, was wir uns von Gott wünschen. Ein Pitbull – Bild für Gott?

Er beschützt mich, wenn ich durch dunkle Straßen gehe. An der Gruppe Skinheads im Leipziger Park gehe ich ruhiger vorbei. Ich erzähle ihm meine Sorgen. Und er schleckt mir über´s Gesicht, wortlos. Unbedingt bleibt er bei mir. Abends schläft er neben mir. Und morgens freut er sich, wenn ich aufwache und den Tag mit ihm leben will. Und wenn es sein muss, würde er sterben, um mir das Leben zu retten.

Finden Sie das lächerlich? Ich nicht. Wenn Sie dieses Bild im Kopf behalten. Dann werden Sie bei vielen Predigten und in vielen Gesprächen über den Glauben feststellen, dass das Bild vom Pitbull sehr genau zum Gottesbild vieler Menschen passt: „Gott sei dir Schutz und Schirm vor allem Argen“, so beginnt der Segen bei der Konfirmation.“

Liebe Gemeinde!

Ein Pitbull läuft in Bayern unter dem Begriff „Kampfhund“. Ein Gott, der kämpft hat schnell einen schlechten Ruf. Gewalttätig sei er, sagt man. Da wird kritisiert, dass Gott die Ägypter im Schilfmeer ertrinken lässt, als er die Israeliten rettet. Da wird kritisiert, dass Gott die Midianiter, die Israel plündern wollen, in Verwirrung bringt, und sie sich in die eigenen Schwerter stürzen (Ri 7). Aber wer wäre nicht dankbar für einen Gott, der kämpft wie ein Pitbull, wenn man gerade von Skinheads vermöbelt wird.

Wir wollen wohl einen starken Gott, der treu ist und uns beschützt. Der uns notfalls auch aus schwierigen Situationen raushaut. Aber natürlich soll er nicht aggressiv wirken nach außen. Vielleicht beteuern wir deshalb immer, dass er ganz lieb ist und sicher nicht beißt. Dass wir selbst wollen, dass andere lieber harmlose Hunde halten, ist auch verständlich. Denn wer weiß schon, ob der Pitbull des anderen mich auch so liebt, wie mein eigener. Wir möchten auf keinen Fall, dass Gott für andere kämpft, notfalls gegen uns. Das möchten wir auf keinen Fall, oder?

Liebe Gemeinde! Was, wenn Gott nicht kämpft. Wenn der Pitbull friedlich bleibt? Man muss es klar benennen: Schild und Schutz, die nicht schützen, sind nutzlos. Man mag sie lieben wie harmlose Hunde. Sie mögen perfekt sein als Begleiter in einem behüteten Leben. Auch gute Tröster mögen sie sein. Aber wenn es hart auf hart kommt, müssten sie kämpfen und können es nicht. Vielleicht lecken sie einem danach die Wunden. Es ist eine Anfechtung, wenn sich ein Hund so verhält. Es ist eine Anfechtung, wenn sich Menschen so verhalten. Die größte Anfechtung ist es, wenn Gott sich so verhält und wirklich friedlich bleibt:

Er vergibt seinen Feinden, er segnet sie. Ja, mein Gott, sind das nicht auch meine Feinde? Wenn ich verprügelt werde, wo bist du, Gott? Stehst du am Rand und winselst, bellst vielleicht und gibst zu verstehen, dass das so nicht richtig ist. Liest aus der Bibel vor vom Rand aus mit eingezogenem Schwanz. Gibst mir durch dein Winseln zu verstehen, dass du mitleidest mit mir und kommst danach und leckst mir die Wunden? Herr, Gott, du hättest beißen sollen!

TEXT

Mit dem Gott des Friedens schließt der Hebräerbrief, liebe Gemeinde! Gott wird zwar nicht als Hund beschrieben, aber als Hirte, als Beschützer derer, die ihm anvertraut sind. Und was dieser Hirte Jesus Christus tat, das wissen wir: Er kämpfte nicht. Er biss nicht. Er vergab seinen Feinden und segnete sie.

„Jesus war ein guter Mann, hatte auch Sandalen an.

Jesus war ein toller Typ, hatte alle Kinder lieb.

Jesus, Jesus, du bist echt o.k.. Jesus, Jesus, everytime fair play.” So besang vor Jahren die Band “Die Doofen” den großen Hirten Gottes. Waren sie vielleicht gar nicht so doof, „Die Doofen“. Hatten sie recht: Jesus, harmlos bis zur Sinnlosigkeit? Und sein Tod am Kreuz? Meine Schüler würden sagen: „Für mich ist der sinnlos. Wie soll der für mich gestorben sein. Wenn jemand Unschuldiges umgebracht wird und sich nicht wehrt, ist das immer sinnlos.“ Ich denke, meine Schüler haben recht: Ein guter Hirte hat seine Schafe zu verteidigen und nicht kampflos aufzugeben. Wenn ein Bär kommt und die Schafe reißen will, dann hat der Hirte seinen Stab zu nehmen und auf den Bären einzudreschen oder ihm die Schaufel ins Maul zu stoßen, dass sie hinten wieder rauskommt. Ja, dazu ist ein Hirte da. Oder etwa nicht?

Der Hebräerbrief vertritt eine eigenartige Theologie, die in den Opfervorstellungen des Alten Testaments wurzelt: Wird ein Tier geopfert, wird sein Leben nicht vernichtet. Denn sein Blut als Sinnbild des Lebens wird zu Gott gebracht. Dass der Körper tot daliegt, spielt keine Rolle. Das Leben des Tieres ist bei Gott. Es wird Gott zurückgegeben. Der Hebräerbrief meint nun: Genau das ist mit Jesus Christus geschehen: Jesus gab sein Leben zurück in Gottes Hand, indem er sich ohne Gegenwehr hinrichten ließ. Allerdings hatte Jesus vorher sein Leben an seine Jünger verteilt, beim Abendmahl: „Nehmt hin und trinkt, das ist mein Blut“, das ist mein Leben. Bevor er sein Leben in Gottes Hand zurück legte, verteilte Jesus es an seine Jünger. Er nimmt sie sozusagen mit auf die Reise durch den Tod hinein in Gottes Hand. Eine traurige Botschaft: Eng umschlungen, innig miteinander vereint gehen sie gemeinsam durch den Tod in Gottes Hand wie ein lebensmüdes Liebespärchen?

Nun beginnt eine wundersame Reise, erzählt uns der Hebräerbrief: Weil wir Christi Blut, Christi Leben in uns tragen, gehen wir gemeinsam mit ihm durch seinen Tod in Gottes Hand. Und weil Gott Christus, unseren Hirten nicht im Tod belassen hat, sondern ihn wieder herausgeführt hat, wie die Israeliten aus dem Schilfmeer, ziehen wir ihm hinterher: Erst hinab in die Tiefe des Todes, hinein in Gottes Hand, und dann an unseres Hirten Hand wieder hinauf ins Leben an ein neues Ufer in Gottes Reich.

Wo Christus hingeht, werden auch wir hingehen, sagt uns der Hebräerbrief. Schließlich tragen wir Christi Blut, Christi Leben in uns.

Liebe Gemeinde! Weil wir Christi Blut, Christi Leben in uns tragen, haben wir den Tod schon durchschritten und leben in einem neuen Leben, schon jetzt und später allemal.

Aber wie kann das neue Leben aussehen, ganz konkret im Leipziger Park mit der Gruppe Skinheads auf der Bank? Eine Musterlösung gibt es wohl nicht. Was aber immer gut ist, ist die Nerven zu behalten und eine gewisse Größe, einen blöden Kommentar mal wegzustecken. Nerven und Größe zu behalten, fällt mir jedenfalls leichter, wenn ich weiß, dass mein guter Hirte mitgeht, ein Hirte, der zwar nicht schlägt und beißt, aber der mich durchbringt durchs Leben, notfalls durch den Tod und wieder hinaus. Und ob ich auch wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.

Vielleicht zeugt es ja von wahrer Größe, wenn man nicht beißen und kämpfen muss, weil man weiß, dass das dunkle Tal des Todes nur ein Durchgangstal ist. Vielleicht zeugt es von wahrer Größe, dass wir dort, wo wir nur noch die Wahl haben zwischen Kampf oder dem mutigen Schritt in das unheimliche Dunkel des Todes, den Schritt ins Dunkel wagen. Alleine wird uns das Dunkel verschlingen auf ewig. Wagen können wir diesen Schritt nur, wenn uns jemand führt. Jemand, der sich dort auskennt, wo wir absolut nichts mehr entscheiden können. Jemand, der uns führt, wo wir gar nichts mehr erkennen können. Jemand, der uns an der Hand nimmt, wo wir ausgeliefert sind. Dort im Tod, wo es nichts zu kämpfen, nichts zu entscheiden gibt, ist nur eines gefragt: Vertrauen. Wer nicht vertrauen kann, kann den Weg ins Dunkel des Todes nicht gehen. Er muss kämpfen, und sein Gott muss ein Pitbull sein.

Wer den Schritt ins Dunkel wagt, braucht einen anderen Gott: einen Blindenhund. Er muss nicht kämpfen, er muss nicht stark sein. Er muss nur den Weg durchs Dunkel kennen, weil er ihn schon einmal gegangen ist.

Ich will nicht sagen, dass es nicht manchmal sinnvoll ist, zu kämpfen – auch bis auf´s Blut. Aber Frieden ist manchmal nur möglich, wenn man bereit ist, den letzten Ausweg aus der Gewalt zu gehen, friedlich zu bleiben bis in den Tod. Wer Frieden predigt, muss bereit sein, diesen Weg zu gehen. Vielleicht ist er sinnvoll, vielleicht. Der Hebräerbrief predigt einen Gott, der groß genug ist für diesen Weg, quer durch den Tod hindurch, an der Hand dessen, er ihn bereits durchschritten hat. Möge unser Vertrauen auf ihn wachsen. Denn einmal werden wir alle ins Dunkel treten. Ob wir wollen oder nicht. Hoffen wir, dass er recht hat, der Hebräerbrief. Amen.

drucken