Ihm gehört die Ehre

Liebe Gemeinde,

die praktische Situation, in die uns dieser Predigttext versetzt, ist die des Abschieds. Am Ende des Briefes steht der Abschiedsgruß. Abschied ist immer aber zugleich auf die Zukunft gerichtet. Wenn wir uns voneinander verabschieden, sagen wir im deutschen ja sehr bewusst: Auf Wiedersehen! Das, was die Gemeinde erfahren hat, hier durch die Worte eines Briefes, wie auch durch die Predigten eines Pastor soll und wird weitergehen und soll ja dann in der Zukunft bewährt werden. Dann wird es darauf ankommen, ob die Wahrheit dieser Worte, die vielleicht in einer Gemeinde Sonntag für Sonntag ausgesprochen worden sind, auch für die Zukunft Bestand haben.

Der erste Bezug des Abschiedsworte ist Gott selbst, Gott, der den Frieden bringt. Hiermit stellt der Hebräerbrief für mich sehr anschaulich dar, dass dies die große Klammer um alle Bemühungen ist des christlichen Lebens ist. Genauso wie im Lebern der Völker ist auch im Leben der Menschen untereinander der Frieden immer wieder die Grundvoraussetzung einer gedeihlichen Zukunft. Frieden wird als so grundsätzliches und wichtige Gut angesehen, dass er als die Gabe Gottes genannt wird. Heißt der israelitische Gruß ja Schalom, so wird er zum Wunsch nach Frieden. An diesem Anspruch scheinen Menschen doch oft zu scheitern, So wird hier gezeigt, dass letztlich nicht Menschen den Frieden bringen und bewirken, sondern Gott.

Dies hat für mich sehr anschaulich etwa Martin Luther darin zum Ausdruck gebracht, dass er die Worte des sogenannten aaronitischen Segen als das Schlusswort des Gottesdienstes einführte, auf das die Gemeinde dann nur noch mit Amen antwortet: Gott segne dich und behüte dich, Gott lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig, Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Ich persönlich lege auch Wert darauf, hierbei das Du zu belassen, denn es spricht die Einzelnen gleichzeitig genauso an wir die Gemeinschaft. "In jedem Menschen selbst herrschen Unrast und Unruh ohn Ende, selbst wenn wir ständig versuchen, Frieden für alle zu schaffen. Friede soll mit euch sein, Friede für alle Zeit! Nicht so wie ihn die Welt euch gibt, Gott selber wird es sein."

Der Hebräerbrief setzt sein Abschiedswort nun so fort, indem er auf die besondere Bedeutung Jesu für die Gemeinde eingeht. Er hat hierbei Begriffe aufgenommen, mit der wir es vielleicht schwer haben. Aber er nimmt noch einmal in aller gebotenen Kürze die Inhalte seiner Predigt auf. Ich nenne noch einmal die Sätze, um die es im Folgenden geht:

Er hat den großen Hirten der Schafe aus dem Reich der Toten heraufgeführt, Jesus, unseren Herrn, durch dessen Blut er den ewigen Bund in Kraft gesetzt hat.

Zunächst greift er das aus der Bibel bekannt Bild des Hirten auf. Diesem Sonntag als dem zweiten Sonntag nach Ostern ist das Bild des Hirten als Thema gegeben. Daher greifen die Lesungen und auch der Psalm darauf zurück. Damit wird daran erinnert, dass genau wie bei dem ersten Satz in der Bibel Gott selbst als der Hirte angesehen wird. Diese Aufgabe, ja das Amt des Hirten wurde früher selbstverständlich auf die Könige übertragen. Sie verwalten das Land und behüten es sozusagen wie ein Hirte. Ich denke, im Bild des Hirten ist immer zugleich die Sammlung von Menschen bis hin zu ihrer Verteidigung gemeint, wie auch die besondere Arbeit der Hirten, die darin liegt, das Volk spricht die Herde zu leiten und zu versorgen. Kein wunder also, dass in der Kirche das Amt des Pfarrers und der Pfarrerin ebenfalls mit dem Wort Pastor als Hirtenaufgabe bezeichnet wird. Hier ist natürlich das nicht gemeint, sondern von Jesus selbst die Rede. Dieser "große Hirte der Schafe ist aus dem Reich der Toten heraufgeführt" worden. Hiermit wird offensichtlich auf die Erfahrung von Ostern angespielt, die Auferweckung des Gekreuzigten. Jesus, der sich schon zu Lebzeiten als Hirte seiner Jüngerinnen und Jünger verstanden hat, hat diese Aufgabe durch seinen Tod am Kreuz nicht abgegeben. Er ist gerade als der Auferstandene der Hirte der Gemeinde. Das heißt doch wohl: Die Gemeinde sammelt sich um ihn und lässt sich von ihm leiten. Der Auferstandene ist in der Mitte der Gemeinde. Durch die Worte, die auf ihn Bezug nehmen und durch die er gegenwärtig ist, und durch die Zeichen der Gemeinschaft mit ihm, ist Jesus in der Gemeinde der wirkliche Hirte. Jesus ist präsent. Er macht aus einer Gruppe von Menschen eine Gemeinde Jesu Christi. Hier ist meiner Beobachtung nach nicht nur gemeint, dass seine Tötung dadurch nichtig gemacht worden ist, also seine Wiederbelebung im Mittelpunkt steht, sondern es zeigt sich, dass der lebendige Jesus von Nazareth auch trotz seiner Tötung die Mitte der Gemeinde geblieben und ja hernach geradezu geworden ist. Jesus ist mit seinem Anspruch geblieben. Jesus ist der Orientierungspunkt, ist gegenwärtig in der Gemeinde seines Namens. Jesus ist die Wahrheit. Damit stellt sich natürlich die Frage, ob er Gott als den Hirten jetzt abgelöst hat? Hier verstehe ich viele aussagen so, dass Jesus dieses Hirtenamt nur für eine Zwischenzeit innehat indem er die Welt in das Reich Gottes führt. Durch Jesus handelt natürlich Gott selbst. Daher bezeichnet man ihn als den Mittler, also den Vermittler des Friedens. In der Gemeinde nimmt das jetzt konkrete Konturen an. Gerade indem wir die Mittelposition des Auferstandenen anerkennen und leben, erfahren wir, dass Gott handelt.

Aber wie geschieht das? Dafür gebraucht der Hebräerbrief zwei religiöse Bilder, die den Israeliten lange vertraut waren. Die Bilder des Blutes und des Bundes. In diesem Abschiedswort greift er also das noch einmal auf, was er schon vorher ausgeführt hat. Mit dem Blut haben wir es nicht leicht, weil es nicht so recht verstehen können, das Jesus hier mit einem Opfertier des Tempelopfers verglichen wird. Es geht recht verstanden aber nicht darum, in Jesus, etwa durch seinen Tod am Kreuzestod eine Opferung zu sehen, sondern einfach darin, dass er Blut vergossen hat. Dieses Blut greift der Prediger des Hebräerbriefes hier nun auf und vergleicht es mit dem Blut der Opfertiere, das als Zeichen des Lebendigen die Gegenwart Gottes gegenständlich verkörpert. In israelitischen Denken ist Blut das heiligste, das ein menschlicher Körper oder ein Tierkörper hat. Mit dem Zeichen des Blutes hat Gott durch Jesus nun den Bund in Kraft gesetzt, seinen Bund mit den Menschen. Der Opferkult ist vorbei. Jesus als lebendige Person verkörpert nun die Verbindung mit Gott auch über den Tod hinaus. Sein Blut, sein Leben, sein Geist bringt Gottes Gegenwart über seinen Tod hinaus zu allen Menschen. Der Hebräerbrief weist daraufhin, dass ein Prophet aus alter zeit schon auf die Erneuerung des Bundes durch Gott hingewiesen hat. Gott kann auch nach einer Niederlage des Volkes oder eine Verwicklung in Schuld das Volk durch eine Erneuerung des Bundes wieder an sein Wort binden. Das geschieht nun durch Jesus und in der Gemeinschaft mit ihm. Gottes Volk, das Volk des alten Bundes, aber aus allen Völkern der Schöpfung, das wird nun durch Jesus möglich. Es können sowohl Menschen, die sich als Israeliten verstehen, als auch Menschen völlig fremder Herkunft nun durch Jesus in die Gemeinschaft mit Gott hineingenommen werden. Das Volk dieses Hirten sieht bunter und vielfältiger aus, als das Volk, das sich vorher als das Gottesvolk bezeichnet hat. Gemeint ist aber seine Fortsetzung in neuer Gestalt, bei der alte Grenzen aufgehoben wurden durch die Mittlergestalt eines einzigen, nämlich des Auferstandenen Christus.

Natürlich bleibt das, was Gott immer schon wollte, was sich durch das Gesetz ausdrückte, nun gültig. Die Menschen, die in diese Gemeinschaft hineinkommen und zu Jesus gehören, werden nun befähigt, nach dem Willen Gottes zu leben. Sie erfahren nun die Bedeutung des Gesetzes zum Beispiel in der Grundform des Doppelgebotes der Liebe, der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten, die zur Feindesliebes ausgeweitet wird.

Jesus als der gute Hirte sammelt nun nicht mehr nur, sondern er leitet und verwaltet auch dieses Gottesvolk. Dort wo er Mittelpunkt ist, ist auch der Maßstab dafür, Gutes zu tun.

Lassen wir wiederum nicht zu, dass dies allein vom Kreuzestod her gedeutet wird. Dann käme nämlich nur so eine Art Opferbereitschaft in Frage. Es ist einfach das Leben allgemein gemeint, das was eine Gemeinde auszeichnet. Es wird durch die Vermittlung durch Jesu und gerade auch durch das, was seine Predigt aussagte deutlich, was es für die Menschen bedeutet Christin oder Christ zu sein und so zu leben. Ich denke, es ist schon richtig, an die wichtige Bedeutung der Vergebung zu erinnern, auch wenn das sicher nicht alles ist. Aber Vergebung hat eine Gemeinschaft immer wieder nötig. Gerade vom Anspruch des Friedens her kann ich mir vorstellen, dass Vergebung einen ganz hohen Stellenwert hat. Die menschlichen Beziehungen sind reichlich anfällig für Streit und Zerwürfnis, warum sollte ein christliche Gemeinde davon verschon sein? Wie schon Paulus feststellte: Das Gute wollen und es auch vollbringen sind immer zweierlei. Vergebung ist die neuer Verbindung, der neue Bund aus den Leid – Erfahrungen von Schuld und Egoismus. Es geht nicht darum, so tun als gäbe es diese menschlichen Begrenztheiten nicht. Sondern es geht darum auf dem Weg zum Frieden zu erfahren, wie Vergebung die zerstörte Menschlichkeit erneuert. Das schafft die Voraussetzung dann für das Gute, das die Gemeinde vollbringen könnte und im Namen Jesu sicherlich auch vollbringt. Das auch heute Menschen noch darauf warten und damit rechnen, zeigen auch die Antworten auf die Kirchenkreis – Umfrage, die zuerst negativ klingen. Sie fordern aber doch auch etwas ein, wofür die Gemeinde steht. Sie wünschen nicht ein weniger, sondern ein mehr an christlicher Kirche.

Zum Schluss an Bekräftigung noch ein steiler und auch starker Satz: Ihm gehört die Ehre für immer und ewig! Amen.

Hiermit greift der Hebräerbrief doch wieder voll in unsere Lebenspraxis. Wem geben wir nicht Ehre und welche Mächte lassen wir nicht doch zu oft über uns herrschen? Wo sind die Mächte und Wahrheiten, die unsere Verehrung wünschen, wo sind Coca Cola und Konsum, wo sind die Machtansprüche der Suchtmittel, die unser Leben kontrollieren können?

"Ihm gehört die Ehre für immer und ewig." Wir sollten nicht erst von Jesus als dem Hirten sprechen und dann so tun, als hätte sein Wort keine Bedeutung für unser Leben. Und wenn es geschieht, erinnert uns der Hebräerbrief daran: Ihm gehört Ehre. Wenn man bedenkt, dass es schon im frühen Christentum Gemeinden gab, deren Christinnen und Christen die Verweigerung des Kaiserkultes mit dem Leben bezahlen musste, spürt man, dass dies ein wahrhaft hoher, aber auch wichtiger Satz ist. Jesus ist nicht mehr und weniger als der Platzhalter für Gottes Reich. Dieses Reich ist in seiner Gegenwart sicherlich nur in Zeichen zu erfahren, aber unser Glaube besteht darin, dass wir Gott die letztlich und endgültige Überwindung der falschen Ansprüche zutrauen. Durch Jesus ist Gott Hirte geblieben. Sollte dies dann auch nicht Folgen für das Leben haben? Sollte dann nicht unsere Zuversicht sein und bleiben, was der Psalm 23 zuletzt sagt: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immer dar?

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