Gottes Friede

Wissen Sie, liebe Gemeinde, was ich im Kino nach einem Film am liebsten tue? Sitzen bleiben! Während die meisten ja in dem Moment aufstehen und den Saal verlassen, in dem der Abspann beginnt, lehne ich mich noch einmal genüsslich in den Sessel und warte gespannt ab. Die Erfahrung hat mich nämlich gelehrt, dass nicht jeder Film mit der Schlusssequenz wirklich zu Ende ist. Pfiffige Regisseure warten oft während oder sogar nach dem Abspann noch mit der ein oder anderen Überraschung auf. Da werden Szenen gezeigt, die während der Dreharbeiten schief gegangen sind, oder es folgen noch Interviews mit den Darstellern.

Den für mich verblüffendsten Nachschub habe ich bei einer Komödie erlebt: Der Film war scheinbar zu Ende, der Abspann war gelaufen, die Leinwand war schwarz und es gab dieses vertraute Knackgeräusch in den Boxen, das unmissverständlich darauf hindeutet, dass nun wirklich gar nichts mehr auf der Filmrolle ist. Die paar Leute, die es bis dahin ausgehalten hatten, nahmen wie ich ihre Jacken und zogen langsam in Richtung Ausgang. Da ertönte aus den Lautsprechern noch einmal die Stimme des Hauptdarstellers und fragte, warum wir denn schon gehen wollten. Er forderte uns auf, wieder Platz zu nehmen, was wir auch verblüfft und brav taten und dann – ging der Film einfach weiter, knapp fünfzehn Minuten lang! Die meisten Kinobesucher haben das verpasst. Und es gab viele, die, nachdem sie davon gehört hatten, noch einmal in den Film gegangen sind, nur um diesen zweiten Schluss doch noch mitzubekommen.

Was den Predigttext angeht, liebe Gemeinde, haben wir es heute mit einem ähnlichen Phänomen zu tun. Die zwei Verse, die ich ihnen eben vorgelesen habe, gehören zum Schluss des Hebräerbriefes. Sie wollen noch einmal das vorher geschriebene zusammenfassen und auf den Punkt bringen. Es folgen höchstens noch ein paar Grußworte und Segenswünsche, der Abspann sozusagen. Aber mit ihnen geht es – ähnlich wie im Kinofilm, von dem ich ihnen gerade erzählt habe – eigentlich erst richtig los! Allerdings gibt es da schon einen Unterschied. Das, was noch zu erwarten ist, kann man nicht gemütlich aus einem Sessel heraus beobachten. Vielmehr werden wir dazu aufgefordert, selbst für die Fortsetzung zu sorgen!

Bleibt die Frage, mit welchem Inhalt wir unseren Film des Lebens füllen sollen, welche Themen wirklich wichtig sind. Ich entdecke in dem kurzen Textstück sieben Überschriften, über die wir uns Gedanken machen sollen. Sie lauten: Frieden, Geborgenheit, Zuversicht, Vertrauen, Engagement, Gelassenheit, Anerkennung.

FRIEDEN: Unser Gott ist ein Gott des Friedens! Schon an der Liturgie unseres Gottesdienstes kann man das ablesen. Zu Beginn begrüßen sich Pfarrer und Gemeinde mit dem Friedensgruß: "Der Friede des Herrn sei mit euch – und mit deinem Geist." Im weiteren Verlauf begegnet uns der Friedenswunsch immer wieder: "Gnade sei mit euch und Friede von Gott …" – das wird zu Beginn jeder Predigt gesprochen. Und auch an ihrem Ende heißt es ja: "Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus." Auch während der Abendmahlsliturgie geben wir uns ein "Zeichen des Friedens" und wir verlassen den Abendmahlstisch mit einem Reisesegen: "Gehet hin im Frieden des Herrn." Am Ende steht dann der Segen Aarons, der mit den Worten schließt: "… und gebe dir Frieden."

In unserem Gottesdienst werden wir also immer wieder daran erinnert, wohin uns diese eine Stunde am Sonntag Morgen führen soll: zum Frieden. Frieden in unseren Familien, Frieden mit unseren Nachbarn, Frieden mit den Fremden, Frieden mit denen, die scheinbar keinen Frieden wollen, Frieden mit uns selbst, Frieden mit Gott … Und wenn Martin Luther sagt, dass nicht nur diese eine Stunde, sondern unser ganzes Leben ein Gottesdienst sein soll, dann heißt das ja wohl: wir sollen auch in unserem Alltag im Tun und Reden Zeichen des Friedens sein.

Nun geht es in unserer Welt ja alles andere als friedlich zu. Nicht nur in Israel-Palästina, überall auf der Welt wird der Frieden mit Füßen getreten. Und wir müssen ehrlich zugeben: auch uns gelingt es schon in der nächsten Umgebung nicht immer, Frieden zu halten – vom Nachbarstreit angefangen bis zum Ärger mit den eigenen lieben Verwandten. Bleibt zu fragen, woher wir die Kraft finden sollen, nicht aufzugeben, sondern immer wieder von neuem nach friedlichen Wegen zu suchen?

GEBORGENHEIT: Ich glaube, Frieden schaffen können nur diejenigen, die sich selbst in irgendeiner Weise geborgen fühlen. Das gibt Sicherheit, Selbstvertrauen und auch den nötigen Schutzraum, in den man sich immer wieder zurückziehen darf. Geborgen zu sein heißt für mich, eine Heimat zu besitzen, die mir niemand streitig machen kann.

Im Hebräerbrief hat der Grund für dieses Geborgenheitsgefühl einen konkreten Namen und ein konkretes Bild: Jesus Christus, unser Hirte! Wir haben jemanden, der ohne Wenn und Aber auf unserer Seite steht, der sich für uns einsetzt und sich lieber selbst aufgibt als einen von uns im Stich zu lassen.

Das führt mich dann zur dritten Überschrift, der ZUVERSICHT: Denn wer sich auf den Hirten einlassen und sich auf ihn verlassen kann, wird bald merken, dass er sich in jeder Situation getragen fühlt – gerade dann, wenn es Hart auf Hart kommt und man am Ende seiner Möglichkeiten scheint. Auch daran erinnert der Hebräerbrief, wenn er auf die Auferstehung Jesu hinweist. Seit dem Ostermorgen kann es für uns Christinnen und Christen keine hoffnungslosen Situationen mehr geben – selbst dort, wo für uns alles am Ende oder festgefahren zu sein scheint, hält Gott noch Möglichkeiten bereit.

Das Wort Ausweglosigkeit sollte deshalb in unseren Kirchen ein Fremdwort sein! Es gilt weder für unser eigenes Leben, noch für die Situation in Israel-Palästina oder sonst wo in dieser von Gott geschaffenen Welt! Denn Gott ist und bleibt uns Menschen treu.

Darauf zu VERTRAUEN, liebe Gemeinde, dazu will uns der Hebräerbrief ermutigen. Gott hat einen "ewig gültigen Bund" mit uns geschlossen. Das heißt mit den Worten des Paulus aus seinem Brief an die Römer doch nichts anderes als, dass "weder Tod noch Leben, weder Engel noch unsichtbare Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch gottfeindliche Kräfte, weder Hohes noch Tiefes, noch sonst irgendetwas in der ganzen Schöpfung uns je von der Liebe Gottes trennen kann …" (Röm 8,38f.) Nehmen wir das ernst, dann heißt das: Nichts, aber auch gar nichts, selbst unsere eigene Gottlosigkeit könnte uns von seiner Liebe trennen! Der einzige, der dieser Zuneigung ein Ende bereiten könnte, wäre Gott selbst – und der hat sich in Jesus Christus ein für alle Mal für uns entschieden.

Allein aus dieser Liebe – und aus nichts anderem – wächst unsere Möglichkeit, in dieser Welt zu Handeln. Und dass wir uns als Christinnen und Christen mit unseren Fähigkeiten und Begabungen einbringen und auch einmischen sollen, ist wichtig und notwendig. Diese Welt und die Menschen, die in ihr Leben, ganz gleich ob im Nachbarhaus oder in Israel-Palästina oder sonst wo in der Welt, brauchen unser ENGAGEMENT. Unsere Aufgabe besteht darin, die Hoffnung, die uns Gott in Jesus Christus geschenkt hat, weiterzugeben und konkret werden zu lassen – in Wort und Tat! Und jede/r unter uns kann dazu beitragen – egal wie unscheinbar und einflusslos man sich manchmal fühlen mag – jeder/m mutet Gott diese Verantwortung zu.

Natürlich werden wir dabei unweigerlich auch an die Grenzen unserer Fähigkeiten kommen. Aber auch das muss uns nicht entmutigen. Im Hebräerbrief heißt es: "Durch Jesus Christus möge Gott in unserem Leben das bewirken, woran er Freude hat." Es liegt nicht in unserer Hand, ob dieses funktioniert oder jenes scheitert. Wir dürfen, bei all unserem Tun und Reden, auch einer guten Portion GELASSENHEIT Raum geben. Es ist letzten Endes Gott, der das Leben in seinen Händen hält. Das zu wissen will uns davor bewahren, uns zu übernehmen und zuviel zuzumuten. Wir sollen Jesus folgen – aber wir müssen nicht sein Kreuz tragen! Das konnte nur er allein.

Deshalb gilt auch die letzte Überschrift in unserem Film des Lebens: Die ANERKENNUNG, dass Gott unser einziger Herr ist. "Ihm gebührt die Ehre für immer und ewig.", so drückt es der Hebräerbrief aus. Das soll uns von jeglichen Abhängigkeiten in dieser Welt frei machen. Es gibt kein "über" oder "unter" mir, es gibt nur jemanden "neben" mir. Jeder Mensch ist ein von Gott geschaffenes, gewolltes und geliebtes Wesen. Ganz gleich welcher Religion er angehört, welche Hautfarbe er besitzt oder welche Sprache er spricht: Zuerst ist jede/r Gottes Geschöpf. Wenn wir hier in Windesheim oder die anderen dort in Israel-Palästina uns in diesem Wissen begegnen würden, vielleicht kämen wir dann einem Frieden in diese Welt näher, der mehr ist als nur die Abwesenheit von Krieg und Gewalt. Einen Frieden, der dann seinen Namen zurecht tragen dürfte: Gottes Friede!

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