Der Wille Gottes in uns

Liebe Gemeinde,

ich habe noch die Stimme meiner Mutter im Hinterkopf: Kind, benimm dich ordentlich, tu das und tu das andere auf keinen Fall. Mir ist das, wie glaube ich den meisten Kindern, irgendwann ziemlich auf die Nerven gegangen. Und ich habe dafür gesorgt, dass meine Mutter nicht alles mitbekommt, was ich so tue.

Aber es gab auch eine andere Seite in mir. Ich wollte, dass meine Mutter anerkennt, was ich tolles geleistet habe. Voller Stolz habe ich ihr gezeigt wie ich ganz nach oben in die Spitze des Kirschbaums klettern konnte. Ich habe ihr mein Zeugnis gezeigt und ich wollte, dass sie stolz auf mich ist.

Ich glaube als Menschen brauchen wir beides. Wir wollen unabhängig und frei sein. Aber wir wollen auch von anderen geliebt und geschätzt werden. Das gilt nicht nur für die Beziehung zu den eigenen Eltern, das gilt auch für die Beziehung zu Gott. Wie beides möglich ist zeigt unser heutiger Predigttext. Ich lese Hebräer 13,20-21:

[TEXT]

In diesem Text ist von einem Bund die Rede. Ein Bund schafft eine Verbindung. Gott hat mit uns einen Bund geschlossen, indem er Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Dieser Bund ist aber nicht so etwas wie eine Ehe. In einer Ehe verbindet sich eine Frau mit einem Mann zu einem Bund fürs Leben. Der Bund Gottes mit uns ist zwar auch ein Bund fürs Leben. Aber er schafft nicht nur eine Verbindung zwischen Gott und mir als Einzelwesen. Er schafft eine Verbindung zwischen Gott und uns allen, die wir zu Jesus Christus gehören. Wir haben durch diesen Bund eine Verbindung zu Gott, aber auch eine Verbindung untereinander. Es ist ja der Gott des Friedens, der diese Verbindung schafft. Und Jesus Christus ist der große Hirte der Schafe und als solcher hat er mehr als ein Schaf zu hüten.

Das klingt erst einmal nicht nach Freiheit. Ein Kirchenvorsteher hat einmal auf die Frage, was er im Gottesdienst auf keinen Fall erleben möchte geantwortet: Ich will nicht mir einem Schaf verglichen werden und ich möchte auch nicht wie ein Schaf behandelt werden. Er fühlte sich in seiner menschlichen Freiheit und Würde verletzt durch das Bild von Jesus Christus als dem guten Hirten. In diesem Bild sind wir Menschen wie Schafe. Und Schafe gelten bei uns als etwas blöd. Sie sind Herdentiere ohne eigenen Willen und eigene Persönlichkeit und sie lassen sich durch die Gegend treiben. Sie tun nur das, was die anderen Schafe auch tun und folgen dem Willen des Hirten. Wenn man das Bild vom guten Hirten so versteht ist klar, dass man das nicht auf die Beziehung zwischen Gott und uns angewendet haben möchte.

Aber in dem Bild vom guten Hirten muss es um noch etwas anderes gehen. Mir ist das aufgefallen, dass der erste Vers des 23. Psalms: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ nach wir vor der beliebteste Konfirmationsspruch bei Jungen ist. In diesem Jahrgang ist es der einzige Konfirmationsspruch, der mehrmals gewählt wurde. In manchen vergangenen Jahren haben vier oder fünf Jungen sich diesen Spruch ausgesucht. Es sind übrigens fast nie Mädchen, die diesen Spruch wählen. Warum wählen ausgerechnet Jungen diesen Spruch? Jungen sind ja im allgemeinen nicht dafür gekannt, dass sie sich an Eltern oder Lehrer anpassen und dass sie sich immer an die Regeln halten. Was macht dieses Bild so beliebt? Ich glaube Jungen wissen, dass sie öfter zu große Risiken eingehen. Sie tun manchmal gefährliche Dinge besonders wenn sie vor anderen in der Clique angeben wollen. Von dem Bild von Gott als dem guten Hirten fühlen sie sich nicht in ihrer Freiheit eingeschränkt. Sondern sie sind froh, dass da jemand ist, der auf sie aufpasst. Sie brauchen jemanden, der sie beschützt. Und sie hätten gerne im Hintergrund ihres selbstbestimmten Lebens einen väterlichen Freund, der ihnen mit Rat zur Seite steht. Und sie möchten, dass jemand ihnen den richtigen Weg zeigt, wenn sie sich durch ihre Abenteuerlust selbst am Abgrund wieder finden und nicht so gerne hinein stürzen würden. Sie verstehen den guten Hirten nicht als jemanden, der ihnen ihre Freiheit nimmt, sondern als jemanden, der sie vor den Folgen ihrer unvorsichtigen Taten beschützt. Sie hoffen mit seiner Hilfe einen guten Weg ins Leben zu finden.

Ich glaube damit haben die 14jährigen Jungs ganz gut verstanden, was die Bibel mit dem guten Hirten meint. Und von diesem Verständnis aus können wir auch den zweiten Satz unseres Predigttextes verstehen: (21)der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Klar könnten wir hier auch erst einmal Bedenken haben. Wo bleibt unsere Freiheit, wenn Gott in uns schaffen soll, was ihm gefällt. Wo bleibt unser eigener Wille, wenn der Schreiber des Briefes uns hier wünscht, dass wir Gottes Willen tun? Aber auch das ist nicht so wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Niemand fordert von uns die Unterwerfung unter einen fremden Willen. Gott ist nicht der Spielverderber, der von uns verlangt, dass wir immer brav und angepasst sein sollen. Das Gegenteil ist der Fall. Es gab da vor Jahren einen Buchtitel: Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin. In diesem Titel zeigt sich ganz gut das Missverständnis, das entsteht, wenn man Gott als den begreift, der uns zum Bravsein bringen will. Aber das ist ein Missverständnis. Gottes Wille ist nicht, dass wir immer lieb und nett sein sollen und uns nichts trauen dürfen. Genau darum geht es nicht. Glaube ist nicht langweilig. Glaube ist im Gegenteil ein Abenteuer. Der Wille Gottes, den wir tun sollen, das Gute, das Gott in uns schafft und das ihm gefällt, ist nichts uns Fremdes aufgesetztes oder aufgezwungenes. Es ist vielmehr das, was wir uns aus tiefster Seele wünschen. Es ist der Ausdruck dessen, was wir in der Tiefe unseres Willens wirklich wollen. Denn in der Tiefe unsere Seele fällt das zusammen, was wir von uns aus wollen und was Gott gefällt. Wir wollen frei sein und das sind wir auch, wenn wir das tun, was wirklich gut für uns ist und was unserer Persönlichkeit entspricht. Und wir wollen geliebt und geschätzt werden. Wir wollen Ansehen bei Gott und das bekommen wir auch, wenn wir das tun, was uns entspricht. Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem was Gott will und dem was uns gut tut und wir selbst wirklich wollen. Deshalb ist der der Wunsch unseres Briefeschreibers: „der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus“ das Beste was jemand einem wünschen kann und auch das beste, was man sich selbst wünschen kann.

Das wissen die Konfirmanden, die sich als Konfirmationsspruch „der Herr ist mein Hirte“ aussuchen, ganz gut. Sie wissen, dass der Unsinn, den sie machen, wenn das Testosteron ihre Handlungen bestimmt, nicht das ist, was sie wirklich gut finden. Denn niemand will ja bewusst den Menschen, die er liebt und mit denen er lebt, schaden.

Und trotzdem möchte man akzeptiert und bewundert und geliebt und geschützt werden. Und genau das tut Gott, sagt unser Predigttext. Gott bringt uns näher an das, was wir wirklich wollen. Und er liebt und schützt uns trotz dem Unsinn, den wir manchmal anstellen. Und trotz dem Unsinn gehören wir auch weiterhin dazu zu seiner Herde -zusammen mit den anderen, die auch manchmal Unsinn anstellen.

Dieses Zusammengehören beschränkt auch nicht einfach unsere Freiheit sondern es ermöglicht diese Freiheit erst. Im Zusammenleben mit den anderen werden wir wir selbst, entwickeln wir unsere Persönlichkeit, erkennen wir unseren wahren Willen, den Willen Gottes in uns.

Und wie geht das? Ich erzähle mal ein Beispiel: Es war vor einigen Jahren. Ich war sehr verzweifelt. Ich war müde, ich wusste nicht weiter. Die Last meines Lebens war mir zu schwer geworden. Die alltäglichen Probleme wuchsen mir über den Kopf. Ich hatte mich verirrt und sah keinen Weg mehr. Ich hatte das Gefühl, ich habe alles falsch gemacht. Mit einem Wort ich befand mich in einer Sackgasse. Es war wieder Ostern. Und wir haben vor sechs Uhr morgens den Osterfrühgottesdienst gefeiert. Anschließend war Frühstück im Gemeindehaus und ich war so müde. Da hat mich jemand gefragt, wie es mir geht. Und es war einfach zu früh morgens um darüber nachzudenken, was ich antworten soll und ich habe einfach alles erzählt. Ich habe erzählt wie es mir wirklich geht. Und das war so toll. Es war gar nicht viel passiert. Aber ich habe wieder Licht gesehen. An diesem Ostermorgen ist mir so etwas wie Auferstehung passiert. In diesem Gespräch wo die andere Person nichts anderes getan hat als mir zuzuhören, bin ich dem Willen Gottes in meinem Leben einen guten Schritt näher gekommen. Ich habe Mitgefühl erfahren. Ich war nicht mehr allein mit dem was mich belastet hat und ich merkte, da passiert etwas Gutes. Und es gibt einen Ausweg. Dies war ein eher zufälliges Gespräch oder sollte ich lieber sagen, es war ein Gespräch in dem Gott mir in dieser Person als guter Hirte begegnet ist? Jedenfalls war dieses Gespräch der Punkt an dem die Krise, in der ich mich befand, sich gewendet hat. Es ist gut, dass wir nicht alleine sind, und es ist gut, dass wir füreinander sorgen und einander zuhören.

Also bleibt mir am Ende noch Ihnen zu wünschen, was der Verfasser des Hebräerbriefes uns allen wünscht: Gott mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!

drucken