Nähe zu Gott

Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.

Dass diese Botschaft damals nach Karfreitag nicht einfach Jubel auslöste haben wir vorhin in der Lesung gehört. Eher Verunsicherung. Für mich ist das ganz eindeutig: Wenn etwas nicht so läuft, wie es normal ist, bin ich nicht einfach voller Jubel. Auch Lottogewinne rufen oft erstmal nur Verwunderung hervor. Man kann ja davon träumen, aber man rechnet nicht damit und wird darum erst einmal überrollt.

So ging s auch den Menschen, denen Jesus wichtig war. Jesus hatte zwar von Auferstehung geredet, aber wirklich deutlich, was das bedeuten sollte, war es ihnen nicht. Und jetzt geschah es plötzlich. Sie waren perplex und wir dürfen uns nicht darüber wundern, dass jedes Evangelium die Geschichte ein wenig anders darstellt. Die Bibel ist eben keine Sammlung aus Tagebucheinträgen, die zeitnah entstanden sind.

Die Bibel ist im Wesentlichen Reaktion auf das, was Menschen erlebt haben und was sie bewegt hat. Und bevor Erlebnisse niedergeschrieben worden sind, wurde oft ihre Bedeutung diskutiert. So wundert es nicht, dass bevor die Evangelien entstanden sind, der Apostel Paulus in seine Briefen darüber diskutierte, was dieses oder jenes Christusgeschehen denn für unser Glaubensleben zu bedeuten habe. So auch im Fall der Ostergeschichte, die er deutet:

[TEXT]

Christus ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, so der alte Ostergruß, mit dem die österliche Gemeinde sich traditionell begrüßt und damit einstimmt in den Jubel der Frauen am Grab und in den Jubel der Jüngerinnen und Jünger, zu denen die Botschaft kam. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, ohne diesen Satz wäre christliche Verkündigung selber tot. Und trotzdem gehört er ursprünglich gar nicht zum Ostermorgen. Die Männer und Frauen, die diesen ersten Ostermorgen erlebten, die am leeren Grab standen, dem Auferstandenen begegneten oder die Nachricht erfuhren – sie erstarrten erst einmal, bevor dieser traditionelle österliche Jubel Raum greifen konnte.

Der Jubel brauchte: Zwischen der christlichen Gemeinde und ihrem Herrn besteht eine enge Verbindung, die mit der Berufung begann und mit dem Abendmahl für die Jünger endete, während die Frauen noch den Weg zum Kreuz mit gingen – aber dort auf Golgatha war nur noch Tod und Trauer zu Hause.

Und nun dürfen sie erkennen, dass die Bindung an diesen Herrn dauert – über den Tod hinaus. Sie können leben, weil er lebt.

Ohne den direkten Draht zu ihrem auferstandenen Herrn, würde christliche Gemeinde leben wie Adam und Eva, die versucht haben, sich auf sich selbst und ihr Urteilsvermögen zu verlassen und dabei ihre Nähe zu Gott verloren haben.

Durch Jesus Christus, durch seine Geburt und seine Auferstehung ist uns eine neue Nähe zu Gott geschenkt. Gott selber wendet sich uns zu und gibt unserem Leben eine neue Perspektive, eine Tiefendimension, deren Weite wir wahrscheinlich nie ganz verstehen werden.

Christus ist Grund, Anfang und Ursache der Auferstehungshoffnung der ChristInnen. Durch seine Auferstehung ist im Bild von Adam und Eva gesprochen ein Urzustand wieder hergestellt, eine Vertrautheit mit Gott, die uns erlaubt ihn wie eine Mutter oder einen Vater anzusprechen und uns darauf zu verlassen, dass er uns auch dann noch liebt, wenn wir unser eigene Handeln verabscheuen.

Der Auferstandene bleibt aber auch der Gekreuzigte. Beide sind Teil des christlichen Glaubensbekenntnisses. Auferstehung wie Kreuz stehen unter dem ’Für uns’. Ohne den Tod gibt es auch keine Auferstehung. Darum ist Ostern auch nicht einfach nur ein fröhliches, liebliches Fest.

‚Ei wärt ihr denn umsonst gläubig geworden’: Paulus möchte für uns aus der allgemeinen Auferstehungsbotschaft eine persönliche Nachricht werden lassen.

Das Tor in unsere ganz persönliche Zukunft ist weit offen.

Die Auferstehung der Bibel passt nicht in die Grenzen unseres Verstandes. Sie sprengt alle menschlichen Erklärungsversuche. Sie ist eigentlich ein unbegreifliches Geschehen, ein Wunder und ein Geheimnis Gottes, das allen menschlichen Erfahrungen zuwiderläuft.

Darin sind wir mit den ersten ChristInnen einig: wir können nur glauben und im Vertrauen auf diesen Herrn, der Zukunft für uns öffnet, dass wir unser Leben gestalten.

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