Nie mehr allein

Heute am Karfreitag gedenken wir des Leidens und Sterbens Jesu. Wir tun das nicht, weil wir Leiden und Schmerz so mögen oder weil wir Sehnsucht nach dem Tod hätten. Nein, wir denken heute an das Leiden und Sterben Jesu, weil wir in unserem eigenen Leiden Trost suchen, und weil wir wissen, dass auch wir selbst auf den Tod zugehen. Und unsere Lebenserfahrung sagt uns: Es ist besser uns diesem schwierigen Thema zu stellen als immer davon zu laufen. Wenn wir nämlich davon laufen, dann wird es unser Leben bestimmen. Wenn wir uns dem Thema stellen, dann werden wir lernen, das Leben, das uns noch bleibt, zu genießen. Wir stellen uns dem Leiden und Sterben Jesu, weil dies uns zum Leben hilft.

Der Predigttext des heutigen Karfreitag steht im Alten Testament, im Buch des Profeten Jesaja. Es ist eines der Gottesknechtslieder. Es ist ein Lied, das über einen Diener Gottes gesungen wird. Dieses Lied erzählt von Leiden und Ausschluss und Verachtung und Tod. Aber es erzählt auch davon, dass diese verachtete Person sich am Ende als von Gott gesegnet erweist und gewinnt. Wer mit diesem Gottesknecht oder Diener Gottes gemeint ist, wissen wir nicht sicher. Aber die christliche Gemeinde hat diesen Text schon sehr früh auf Jesus Christus bezogen. Also ist für uns heute Jesus Christus dieser Gottesknecht.

[TEXT]

Jesu Leiden und Tod wird hier als Ausgeschlossen werden aus der Gemeinschaft beschrieben. Er kann sich nicht wehren. Er leidet entsetzlich an der Situation. Am Ende ist er verstummt. Niemand hilft ihm. Jeder hat nur auf seinen eigenen Weg gesehen – er ist ein wehrloses Opfer geworden. Er stirbt allein und verachtet. Selbst im Grab ist er aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Alles ist aus, so scheint es. Aber dann beginnt etwas Neues. Und es beginnt damit, dass jemand dieses Leiden und diesen Tod anders sieht:

„Wir dachten er sei selbst Schuld. Wir dachten es geschähe ihm Recht. Gott sei gegen ihn. Aber dann haben wir gemerkt, es ist ganz anders. Er hat gar kein Unrecht begangen. Das Unrecht war auf der Seite derjenigen, die ihn ausgeschlossen und gequält haben. In Wirklichkeit ist Gott auf seiner Seite. Und am Ende ist aus seinem Leid etwas Gutes geworden. Er ist hoch erhaben. Und viele gehören nun zu ihm. Durch sein einsames Leiden hat er Gemeinschaft geschaffen.“ Was für eine Bewegung in diesem Lied.

Jesus ist einsam und alleine gestorben. Er war aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Und genau das erleben wir heute ja auch vielfach. Wir fürchten uns vor dem Leiden. Wir wollen es nicht sehen. Und dann passiert es leicht, dass die Leidenden ausgegrenzt und alleine gelassen werden. Jesus zeigt uns wie es anders sein kann. Denn durch sein einsames Leiden sind wir nicht mehr alleine in unserem Leiden. Und wir brauchen auch nicht mehr von dem Leiden der anderen wegzusehen. Und wir müssen uns auch etwas weniger vor unserem eigenen Leiden fürchten. Denn es gibt das Leiden, auch wenn ich wegsehe und die Schreie der Gequälten nicht an mein Ohr dringen lasse. Dadurch dass ich einen Bogen um den Friedhof mache, verhindere ich nicht, dass ich vom Tod betroffen werde, vom Tod der Menschen, die ich liebe und auch mich wird der Tod nicht vergessen, auch wenn ich ihn vergesse. Und wenn es mich trifft? Wenn ich krank werde, wenn ich aus einem anderen Grund leiden muss. Möchte ich dann allein gelassen werden? Möchte ich dann, dass die anderen auch wegsehen. Nein, natürlich möchte ich das nicht. Ich möchte keineswegs so einsam sein in meinem Leid wie Jesus Christus das war.

Also doch: Hinsehen. Und was sehe ich da? Ich sehe einen Menschen, dem es schlecht geht. Ich sehe einen Menschen, der Schmerzen hat. Ich sehe einen Menschen, der mutlos geworden ist. Ich sehe vielleicht auch jemanden, der wütend fragt: Warum ich, ich bin doch auch nicht schlechter als die anderen und denen geht es gut und sie genießen das Leben.

Was soll ich dann antworten? Darauf kann ich nichts sagen.

Oder ich begegne jemandem, der voller Unruhe ist, weil er tief im Inneren weiß: „Ich habe diese Krankheit, weil ich geraucht habe oder weil ich zuviel getrunken oder zuviel Fettes gegessen habe oder weil ich sonst irgendetwas Ungesundes gemacht habe. Ich bin ja selbst schuld.“ Und damit umzugehen, ist für denjenigen ganz furchtbar schwer, weil er bereut was er getan hat, es aber nicht mehr ungeschehen machen kann und wahrscheinlich sehr ärgerlich auf sich selbst ist.

Das alles und noch vieles mehr kann ich sehen, wenn ich mich entschlossen habe, hinzusehen. Aber ich kann noch etwas anderes sehen: Ich kann in all den leidenden Menschen, Jesus Christus sehen, der gelitten hat, ohne dass er an irgendetwas schuld war. Und er musste trotzdem durch Schmerzen und Tod hindurch gehen. Ich kann in der Einsamkeit der Leidenden seine Einsamkeit sehen. Und ich kann in ihren Schmerzen seinen Schmerz sehen. Und weil ich weiß, dass er für mich gelitten hat, zu meinen Gunsten, werde ich versuchen bei denen zu sein, die leiden.

Allerdings bin ich nicht so eine mutige und nette und kommunikative Person, und deshalb fällt mir das schwer. Es fällt mir schwer auf Menschen zuzugehen. Es fällt mir schwer jemanden zu besuchen von dem ich weiß, dass er eine tödliche Krankheit hat. Es fällt mir schwer, den Klagen von jemandem zuzuhören, der unter Schmerzen leidet. Und es fällt mir auch schwer, der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in den Augen einer Person, die ich besuche, stand zu halten. Aber ich weiß auch, dass dies alles nötig ist. Und ich weiß ebenfalls, dass ich von Besuchen bei jemandem, der wusste, dass er sterben musste, getröstet zurück gekommen bin. Dann habe ich diese Kraft gespürt, die manchmal aus der Nähe des Todes kommt. Und manchmal merkt man ja auch wie jemand, der dabei ist durch ein schweres Leid hindurchzugehen, sich verändert oder vielmehr verwandelt wird und wie geduldig und großmütig und stark jemand davon werden kann. Ich sehe an Leiden und Tod Jesu Christi wie aus etwas absolut Schrecklichem noch etwas Gutes und Heilsames werden kann. Wohlgemerkt „kann“ keineswegs „muss“. Aus Jesu Leiden ist eine neue Gemeinschaft entstanden. Und vielleicht ist das auch möglich, wenn wir die Leidenden nicht alleine lassen. Vielleicht wird dann aus uns auch eine neue Gemeinschaft.

Wenn ich auf Leiden und Tod Jesus Christi sehe und seine Einsamkeit und sein Ausgeschlossen sein ansehe, dann denke ich, „wie schrecklich“. Aber ich denke auch, „wie gut“. Wir müssen, egal was uns passiert, nie mehr einsam sein. Denn er ist immer da. Sein Bild steht mir vor Augen. Und ich bin nie mehr allein in allem, was mich quält. Ich bin nicht allein in meinem Schmerz. Ich kann auf andere zugehen und anderen auch das zumuten, was mich belastet. Wie gut, Jesus Christus ist immer da. Egal, was geschieht, wir sind immer noch zusammen mit Jesus Christus und mit denen, die zu ihm halten. Und das sind inzwischen ziemlich viele. Und sie vertreten ihn hier auf dieser Welt. Es ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen den Menschen nahe zu sein, die leiden. Ich habe tatsächlich eine ganz gute Chance nicht mehr allein und ausgeschlossen zu sein, wenn ich zu Jesus Christus gehöre, denn die Menschen seiner Gemeinde sind ja da. Am Sonntag morgen kann ich in die Kirche kommen und ich treffe andere, die auch zu ihm gehören. Das ist gut. Und wenn ich mal hoffnungslos bin, dann finde ich garantiert jemanden, der mir wieder neuen Mut gibt. Jetzt können Sie sagen, ich soll die Kirche mal nicht so ideal sehen. Da sind schon auch ganz schön schwierige Leute drunter unter denen man sich auch einsam fühlen kann. Das stimmt schon. Irgendwie gehört man ja auch selber immer zu den schwierigen Personen, zumindest kann ich das von mir sagen. Aber egal, es ist jemand da. Und wir sind verbunden durch Jesus Christus. An jedem Ort gehören Leute dazu, und überall kümmert man sich umeinander. Ich finde das sehr schön. Und ich fühle mich davon getragen von der Gemeinschaft mit Jesus Christus und den Menschen, die zu ihm gehören. Und deshalb feiere ich auch gerne Abendmahl, zum Beispiel heute und jetzt anschließend nach dem nächsten Lied.

Und der Friede Gottes …

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