Wer recht hat, bekommt noch lange nicht Recht!

Vielleicht haben Sie einmal ähnlich schlechte Erfahrungen gemacht. Jemand fährt ihnen ins Auto. Jemand ist schuld. Ihr Auto hat einen Totalschaden von ca. 10000 Euro, doch die Versicherung des Jemand dreht und windet sich und will nur 5000 Euro bezahlen. Ein Handwerker installiert in ihrem Wohnzimmer eine schöne Holzdecke. Zwei Monate später kommt derselbe Handwerker noch einmal, um eine Lamellenleiste anzubringen, die noch fehlte. Dabei stürzt er von der Leiter, versucht sich an der Lamellenleiste festzuhalten und reißt dabei die halbe Holzdecke herunter. Die Versicherung will nicht zahlen: Sie sagt, dass die Holzdecke nicht fachgerecht angebracht worden ist. In der Wohnung einer Frau ist eingebrochen worden. Schmuck und Pelze wurden gestohlen. Doch der Einbrecher hat seinen Einbruch sehr gekonnt durchgeführt, nämlich ohne Gewalt und ohne Einbruchsspuren zu hinterlassen. Die Hausratversicherung will deshalb nicht zahlen und auch der Richter glaubt nicht, dass in die Wohnung eingebrochen worden ist.

Wer recht hat, bekommt noch lange nicht Recht! Das ist eine bittere Lebenserfahrung, die auch wir mit den Menschen in der Antike teilen. Man kann durchaus im Recht sein, doch was nützt das, wenn Mitmenschen und Gesellschaft es nicht ankennen, sondern das Opfer des Unrechts vielleicht sogar noch bestrafen.

Jesus erzählt zu diesem Thema das Beispiel von einer Witwe, die durch ihren Widersacher Unrecht erlitten hat. Witwen gehörten in der damaligen Zeit noch viel mehr als heute zu den Benachteiligten, zu jenen, die keine Lobby hatten, deren Leben deshalb durch die Willkür der Mitmenschen nur allzu leicht vernichtet werden konnte. Eine Witwe ohne Mann und vielleicht sogar ohne Kinder und ohne Eltern war deshalb übel dran. Und nun ging diese Witwe, der man bitter Unrecht getan hatte, zum Gericht und hoffte auf die Hilfe des Richters. Doch von diesem Richter heißt es: „Er wollte lange nicht.“ Warum sich dieser Richter scheinbar so hartherzig zeigte, erfahren wir nicht, wohl aber, dass er als einer bekannt war, der weder Gott noch Menschen fürchtete. Das soll besagen: Der Richter war kein Wendehals, er richtete sich nach niemandem, sondern tat, was er selbst für richtig hielt! Er war kaum zu beeinflussen und zwar schon gar nicht von einer bedeutungslosen Witwe. „Den kann niemand umstimmen“ so mögen es die Menschen damals gesagt haben. Doch die Witwe – so erzählt Jesus – schaffte das Unmögliche! Wie schaffte sie es? In der Antwort auf diese Frage verbirgt sich die Botschaft Jesu. Die Witwe schaffte es, den Richter zum Handeln zu bewegen, indem sie ihm sozusagen Tag und Nacht die Bude einrannte, sie rückte ihm auf die Pelle, sie machte ihm Dampf, sie ließ nicht locker! Und damit, und nur damit, traf sie bei ihm ins Schwarze und stimmte ihn um.

Das entspricht nun auch der Lebenserfahrung, die die Menschen damals und die auch wir heute kennen: Wer Unrecht erleidet und dagegen angeht und das ohne aufzugeben mit Ausdauer wird Erfolg haben. Die allgemeinere Version dieser Lebensweisheit lautet: Wer mit großer Ausdauer ein Ziel verfolgt, wird es auch erreichen. Meine Frau und ich erleben genau das immer wieder beim Bergwandern: 400 oder 600 Höhenmeter quälen wir uns hoch, schwitzen in der Sonne und meinen oft: Diesmal schaffen wir es nicht. Doch dann, Schritt für Schritt und mit Ausdauer sehen wir irgendwann das Ziel immer näher kommen, bis wir es schließlich erreichen und belohnt werden mit einer grandiosen Aussicht vom Gipfel des Berges.

Jesus überträgt diese Lebensweisheit auf die Beziehung des Menschen zu Gott. Wer mit großer Ausdauer etwas von Gott erbittet, vielleicht sogar etwas, von dem er meint, es stände ihm wirklich zu, weil ihm Unrecht geschehen ist, dessen wird sich Gott erbarmen.

„Halt!“ rufen hier alle, die mitdenken, die Nachdenklichen und die Theologen und Pfarrer. „Das stimmt doch einfach nicht. Gibt es nicht viele Christinnen und Christen, ja Menschen überhaupt, die in ihrem Unrecht und Leid, das sie erleiden, Gott ohne Ende anrufen und doch nicht erhört werden!“ Ja! So ist es – und was bedeutet das?

· Die einen sagen: „Wenn Gott den Betenden nicht erhört, dann hat dieser nicht genug oder vielleicht auch nicht richtig gebetet oder geglaubt.“ Bei dieser Antwort ist der Betende, bzw. Leidende ganz schön übel dran. Nicht nur dass er sein Leid ertragen muss, sondern nun wird er von Gott auch noch mit Mißachtung gestraft. Diese Antwort geben manche Christen und merken nicht, in welch eine Falle sie sich damit begeben haben.

· Ein anderer meint: Dass Gott heutzutage so viele Beter trotz dieses Jesuswortes nicht erhört, macht deutlich, dass Jesus sich geirrt hat, und wir deshalb nicht mehr so blind auf Gott vertrauen können, sondern unser Leben selber in die Hand nehmen müssen. »Es rettet uns kein höhres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!« so singen es manche mit den Worten der sogenannten Internationale. Übrigens: Diese Denkrichtung fand ich auch in einer anderen Predigt über diesen Text, die aus der Feder eines Theologieprofessors der Universität Fribourg stammte.

· Eine dritte Auslegung schließlich von einer Pfarrerin. Sie nannte viele Beispiele, in denen sie von gläubigen Menschen erzählt, deren Bitten Gott nicht erhört hat und dennoch, so war sie überzeugt, hat Gott es mit ihnen vielleicht gerade mit seinem NEIN gut gemeint. Man müsste nur genau hinschauen.

Also: Wie ist es zu verstehen? Einerseits: Wer Gott mit großer Ausdauer um etwas bittet, das ihm zusteht, wird erhört werden. Andererseits zeigt die Erfahrung der christlichen Kirche, dass das oft doch nicht der Fall ist.

Die Lösung, liebe Gemeinde, liegt m.E. in dem soeben erwähnten Stichwort „Erfahrung“. Denn als Jesus das Beispiel von der Witwe erzählt, greift er eine Lebenserfahrung auf, die er auf Gott überträgt. Es ist die Erfahrung, dass ein Mensch, der mit Ausdauer ein Ziel verfolgt, es auch erreicht. Das ist eine weisheitliche Lebenserfahrung, jedoch kein Lehrsatz, der immer und unter allen Umständen gilt. Jesus erzählt ein Gleichnis, also eine Weisheitsgeschichte, die die Menschen zum ausdauernden Gebet ermutigen soll. Aber dieses Gleichnis ist eben gerade kein feststehender Lehrsatz oder unbewegliches Dogma. Damals in Israel wurde das ganze als ein guter Ratschlag verstanden: Halte durch, dann kommst du auch an. Aber sowohl Jesus als auch seine Zuhörer wussten, dass selbstverständlich auch eine Witwe, die dem Richter mit Ausdauer zusetzt, nicht immer ihr Recht bekommt – und dass selbstverständlich auch Gott nicht immer und überall zu allem JA sagt, worum Menschen bitten.

Es ist ein guter, weisheitsvoller Ratschlag, den Jesus den Menschen hier erteilt: Wenn ihr um etwas betet, dann gebt nicht gleich auf. Denn: Wer ein Ziel hat und es mit Ausdauer verfolgt, dem kann Gott es auch schenken. Wer aber um nichts bittet und kein Ziel hat, ist schon auf verlorenem Posten. Darüber lohnt es sich nachzudenken.

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