Keine Gebetserhörung?

Liebe Gemeinde,

ein Gleichnis zum Thema Beten und zur Beharrlichkeit im Gebet. Jesus vergleicht Gott mit einem Richter – ein Mensch ohne Respekt – weder vor Gott noch den Menschen. In seinem Amt eine Fehlbesetzung. Und eine beharrliche Witwe. Sie hat ihren Mann verloren, und damit in der antiken Gesellschaft Israels gleichzeitig ihren sozialen Status und einen Großteil ihrer Rechte. Witwen galten in Israel immer als schutzbedürftig – die Gerechtigkeit eines Menschen erwies sich darin, wie er mit den rechtlosen Witwen umging.

Diese Witwe hat ein Problem – jemand will ihr vielleicht etwas nehmen, was ihr gehört, nun braucht sie einen juristischen Beistand. Mit diesem rücksichtslosen Richter aber ist sie eigentlich gerade an die falsche Adresse geraten. Aber – vielleicht im Unterschied zu vielen anderen Frauen in dieser Lage – sie beharrt auf ihrem Recht – der Richter hat den Eindruck: „Die nervt!“ Und bevor sie völlig unangenehm wird und meine Ruhe vollends

stört, tut er ihr halt ihren Willen.

Der Richter verschafft ihr Recht, er sorgt für Gerechtigkeit. Und wenn schon dieser Richter der beharrlichen Witwe Recht verschafft, um wie viel besser kümmert sich Gott wohl um die, die ihn anrufen, schließt Jesus sein kurzes Gleichnis. Liebe Gemeinde, soweit ist die Geschichte völlig klar. Überprüfen wir aber mal diese Geschichte an unserer Erfahrung, an unserer Geschichte:

Vor zwei Tagen war der neunte November, ein vielschichtiges historisches Datum. Ich denke da heute an die Reichspogromnacht. Haben die Juden in dieser Nacht zu ihrem Herrn, dem Vater Jesu gebetet? Haben sie in den finsteren Jahren gebetet, die auf die Reichspogromnacht folgten? Natürlich haben sie gebetet, oft sogar noch mit ihrem letzten Atemzug, voller Beharrlichkeit, bis dahin, dass sie mit ihrem Gott gestritten haben, so wie die Witwe mit dem Richter gestritten haben mag, bis dieser nachgeben musste, um endlich Ruhe zu bekommen.

Hat Jesus nicht als Jude genau über diesen Gott gesprochen? Haben die eingesperrten Juden nicht längst die Bedingung zur Erhörung ihrer flehenden Bitten erfüllt? Trifft nicht auch auf sie zu, was Jesus behauptet? „Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen?“ Gibt es nicht auch heute fromme Christen, die täglich bitten, ja vielleicht sogar flehen, Gott möge ihnen doch endlich den gerechten Platz in dieser Gesellschaft zurückgeben. Immer waren sie treu, warum sind sie krank, immer waren sie gläubig, warum leben sie nun von Harz IV?

Und sehen wir auf Jesus: Im Ölgarten lagen er und seine Freunde auf ihren Knien, flehten Gott an, er möge doch das Schicksal wenden, das unaufhaltsam auf die Gemeinschaft Jesu zuzurollen drohte. Und, waren Jesus und die Jünger etwa nicht Auserwählte des Herrn? Hatten sie nicht genug gebetet, nicht genug gehofft?

Jesus, liebe Gemeinde, scheint in seinem Gleichnis zu viel versprochen zu haben, und wenn man sein Versprechen, seine Aussage über die Erhörung der Gebete wörtlich nimmt, könnte man tatsächlich an der Glaubwürdigkeit Jesu verzweifeln. Weit jenseits des Zweifels scheint hier bewiesen, was vielen Menschen große Mühe macht: Gott hört uns nicht, Gott erhört uns nicht, Beten ist sinnlos, Glaube umsonst. Und dennoch: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ So lesen wir im Matthäusevangelium.

Jesus hat wirklich ernst gemeint, was er gesagt hat, und nach allem, was wir über ihn lesen war er kein Träumer, sondern hat den Tatsachen des menschlichen Lebens ins Auge gesehen. Wenn also Beten nichts hilft, warum dann beten? Vielleicht beten wir falsch: Schon als Schüler hatte ich eine Ahnung, dass das tägliche Schul-Vaterunser, lustlos gesprochen, den Unterricht nicht heiligt, der hinterher so ablief, wie er eben ablief. Bei den ungnädigen Lehrern eben ungnädig – Vaterunser hin oder her. Unser Tischgebet ist schnell vergessen, wenn das Essen mal angebrannt ist. Wenn das Telefon klingelt, wird die Gabe Gottes auf dem Teller

kalt.

Das Nachtgebet mit den Kindern gibt denen ein Gefühl der Geborgenheit, aber schützt es sie vor wilden Träumen? Vielleicht beten wir ja falsch. Vielleicht gilt das Gebet ja nicht?

Auf der Suche nach dem Beten Jesu stieß ich irgendwann auf seine Zeit in der Wüste: Vierzig Tage verbrachte er in absoluter Einsamkeit, nur das nötigste zum Überleben, wie ein Mönch, asketisch und ohne äußere Reize. Was hat Jesus wohl so lange getrieben? Steine gesammelt tags, Sterne gezählt nachts? Sicher nicht. Ich würde meinen, er hat gebetet. Ein Gebet, vierzig Tage. Weiter würde ich meinen, er hat irgendwann aufgehört, Gott all das zu erzählen, was ihm gerade so im Kopf herumging. Er hat aufgehört, um all die Dinge zu bitten, die ihm wichtig waren oder schienen. Ich meine, irgendwann ist Jesus einfach verstummt, äußerlich, wie innerlich, irgendwann hat Jesus angefangen, den Wind zwischen den Felsen zu hören, die leisen Geräusche der Eidechse im Sand, das Knistern der trocknenden Gräser. Und irgendwann hatte er sein Herz weit genug geöffnet, er begann auf Gott zu lauschen.

Ich gebe zu, das ist nicht meine Idee, streng genommen habe ich den dänischen Theologen Kierkegaard zitiert, der irgendwann einmal schrieb: “Als mein Gebet immer inniger wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich meinte zuerst, beten sei reden. Ich lernte aber, dass beten nicht bloß schweigen ist, sondern hören. So ist’s: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören; beten heißt, still werden und warten, bis der Betende Gott hört.”

Beten also hieße hören und warten, nicht ungeduldig warten, sondern voller Vertrauen, dass ER unserem Warten einen Sinn gibt, dass Er sich Gehör verschaffen wird. Beten wäre so verstanden also eine Zeit der Ruhe, vielleicht der Stille, eine Zeit der Erwartung, des Vertrauens. Solch ein Gebet gäbe genug Zeit, Abstand zu gewinnen von der Ungerechtigkeit, der erlittenen, wie der eigenen. Beides wäre aufgehoben im Gebet, beides eingefangen von der Liebe Gottes, der im Stillen wartet, ja hofft, dass wir ihm unser Herz zuwenden, das so voll ist von all den wichtigen alltäglichen Dingen.

Der Garten Getsemane war Jesu letzter Rückzug, bevor er in die Mühlen der römischen Justiz geriet. Die Wüste war Jesu Rückzug, bevor er sich ganz seinem Volk widmete, mit Haut und Haaren, mit Leib und Blut. Ein solches Gebet bliebe dann nicht in der Stille, im Rückzug stecken, solch ein Gebet hat sein Ziel in dieser Welt, und doch: Solch ein Gebet weist diese Welt in ihre Grenzen und durchdringt sie durch und durch, lässt diese Welt nicht unberührt, lässt uns nicht unberührt. Am Ende schickt uns dieses Gebet in den Dienst der dann aber nicht das Befolgen einer äußeren Pflicht, sondern das Folgen auf dem Weg des Lebens, Arbeit am Reich Gottes ist.

Nun noch einmal zurück zum Schulgebet: Kann denn das Schulgebet nicht auch ein ebensolcher Moment in der Wüste sein? Ja, es kann, wenn es denn im Alltag der Schülerinnen und Schüler auch ausbezahlt würde, und nicht stehen bliebe, wie ein ungedeckter Scheck. Kann das Gebet vor dem Essen ein Augenblick des stillen Rückzugs sein?

Es erweist sich als wahres Gebet, wenn die Gaben Gottes, die da in unseren Töpfen und auf unseren Tellern angekommen sind, als solche

geehrt werden.

Und nun ganz zurück zur anfänglichen Frage: Wird solches Gebet erhört? Nein, liebe Gemeinde, es wird nicht in dem Sinne erhört, dass wir mit Gott ins Geschäft kämen, und wir quasi Gebet gegen sichtbaren Segen tauschen könnten. Jeder Versuch, die Gebetserhörung an konkreten Beispielen nachzuweisen geht daneben, auch wenn es Gebetserhörung im strengen Sinne wohl auch gibt. Nein, um Gebetserhörung ist es Jesus so wenigstens nicht gegangen. Wir können den Sinn des Betens an Getsemane ablesen: Zuerst ist da der dringliche Wunsch, doch diesen Kelch, den bittren, nicht trinken zu müssen. Und dann? Dann folgt die Erhörung des Gebets: Nicht ohne Tränen und Zittern, aber sehr ernst nimmt Jesus sein Leben an, in der Hoffnung auf Gott, seinen Vater, in der Sicherheit, dass Gott es am Ende aufrichtig gut mit ihm meint. Die Soldaten kommen und nehmen ihn gefangen, und er erkennt in ihnen die Söhne seines Vaters, seine Brüder, die Welt mit Waffen und Mächten, diese Welt ist in diesem Augenblick überwunden. „Wann kommt das Reich Gottes?“ „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“

Und der Frieden Gottes, der größer ist als alle Vernunft; öffne unsere Herzen, bewahre unseren Glauben, stärke unsere Hoffnung, und wecke unsere Liebe.

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