Immer ein offenes Ohr

Im Grunde, liebe Gemeinde, erklärt sich dieses Gleichnis Jesu von allein – „Meint ihr, Gott wird seine Kinder übersehen und ihnen ihr Recht versagen, wenn sie ihm Tag und Nacht keine Ruhe lassen?“ Meint doch: Munter drauf los und hin zu Gott mit dem, was Euch bewegt. So lange klingeln, bis die Tür aufgeht.

Gut: Wenn der Richter – also: wenn Gott – nur der ist, der sich in unseren Phantasien festgesetzt hat, ich karikiere mal die Vorstellungen von Gott, die ich so erlebe: Etwa zwei- bis fünfhundert Jahre alter Mann mit weißem oder hellgrauem Bart in einem weißen Mantel mal mit, mal ohne Gürtel, mal mit Heiligenschein, mal ohne, also: wenn dieser Gott nur die Figur ist, an der wir unsere religiösen Phantasien gut kirchlich verwaltet im mehr oder weniger Sieben-Tage-Takt abarbeiten (man muss ja schließlich was für sein Seelenheil tun und Ihrer Mutter war das auch immer schon wichtig), dann hat diese Aufforderung Jesu wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Dann könnten wir’s belassen bei diesem GOTT der Religion und GOTT buchstabiert sich dann: Guter Opa, total taub.

Aber wie, wenn Gott wirklich der Urgrund allen Lebens ist? Wie, wenn wir uns tatsächlich dem verdanken, den wir hier nie erfassen werden, weil unser Verstand dafür einfach eine oder mehrere Nummern zu klein ist? (Und wenn wir Ihn erfassen könnten, weil Er uns vorstellbar ist, dann wäre es ein menschengemachtes Zerrbild von Gott). Wie, wenn Er wirklich einen Anspruch auf unser Leben hat, weil Er Sein „Ja“ zu uns in der Taufe nur zu gern gegeben hat und weil Er unser „Ja“ in der Konfirmation ernst nimmt? Wie, wenn Er einfordert, was Ihm schon immer gehört, weil Er der Einzige, der Heilige, der alles Überragende, der Ewige ist, der uns in Seinem Sohn damals und am Ende der Zeit entgegen kommt, damals zu retten und selig zu machen, was verloren ist und dann zu richten die Lebenden und die Toten? Wenn es wirklich darum ginge, wie wir Zeit und Ewigkeit zubringen wollen? – Was dann?

Dann allerdings haben wir allen nur denkbaren Grund, in die Rolle der Witwe zu schlüpfen und zu beten: „Schau nicht auf uns. Schau nicht auf unser Leben. Schau lieber auf Jesus, Deinen Sohn und bewahre uns um Seinetwillen. Und nicht nur wir: Bewahre Deine Kirche davor, dass sie in dem aufgeht, was o Alltag dieser Welt ist: Lavieren, taktieren, hier ein Kompromiss und da noch einer und die Tendenz zur Modefarbe – das ist offenbar farblos.“

Ich weiß, dass das unangenehm klingt, überhaupt nicht zeitgemäß und drängelig obendrein. Aber da geht’s um was: Um Sie, um mich, um uns als Vorboten der neuen Schöpfung Gottes und, das gebe Gott, uns und die Vielen mittendrin dabei.

Dass das Anliegen, dass ich da nenne „gerecht“ ist wie im Predigttext und nicht etwa beliebig, das sehe ich – und das können Sie auch erkennen. Denn Gott will, dass alle gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Alle. Nicht weniger, nicht mehr – und wir dabei. Mit unseren Bordmitteln schaffen wir das nicht, nicht mal in Hohnhurst, Kittersburg, Marlen, Goldscheuer. Die alle – 1:1, alle? Können Sie sich das vorstellen? Deswegen Gebet. Ich erinnere mich an einen Redner beim Ältestentag in Karlsruhe, der sagt: „Gebet ist nicht unsere letzte Möglichkeit – es ist unsere einzige.“

Der Predigttext macht uns zum Ende des Kirchenjahrs neu mit dem Ernst der Lage bekannt – und mit der guten Seite: Es ist ja noch nicht zu spät. Betet. Immer wieder. Hört nicht auf damit. Vertraut Gott, vertraut, dass sich etwas bewegt. Denn „jetzt ist doch die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.“

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