Wie hartnäckig ist er denn, der Glaube?

Liebe Mitchristen,

Hartnäckigkeit und Unnachgiebigkeit bringen uns im Leben manchmal weiter. Menschen, die ihre Ellenbogen einsetzen und sich Durchsetzen sind oft erfolgreich. Freilich- häufig sind sie auch nicht gerade beliebt. Wir sagen von solchen Managern auch: „Sie gehen über Leichen.“ Vielleicht sind es genau die Menschen von denen ich in dieser Woche folgendes gelesen habe:

„Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen fast zwei Drittel des gesamten Volksvermögens, die ärmste Hälfte dagegen fast nichts. Dies geht aus einer noch unveröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hervor, die die sozialen Gegensätze in Deutschland zeigt. Die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigt die Sorgen vieler Bürger, dass die Reichen immer reicher werden, während die große Masse gerade über die Runden kommt. Nach den Berechnungen auf Grundlage des Sozioökonomischen Panels (Soep) verfügen die Deutschen über ein Gesamtvermögen von 5,4 Billionen Euro.“ Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 07.11.07

Sehen so die Erfolgreichen aus? Durchschnittlich besitzt jeder Deutsche Vermögen im Wert von 81.000 Euro. Nur, ein Durchschnittswert sagt eben nichts darüber aus, dass mindestens die Hälfte der Deutschen von der Hand in den Mund lebt und überhaupt nichts sparen kann.

Wie geht es einem Menschen, der nicht weiß was morgen sein wird? Wie geht es einem Menschen, der merkt: Ich arbeite wie ein Tier, und dennoch komme ich auf keinen „grünen Zweig?“ Muss ich hartnäckiger werden und unnachgiebiger? Muss ich entschlossener sein, vielleicht brutaler?

Jesus erzählt uns von einer Frau, die in einer ganz ähnlichen Situation war. Eigentlich hatte sie mit ihrem Anliegen nach Recht und persönlicher Gerechtigkeit keine Chance, denn sie war eine Frau und daher schon von vornherein mit weniger Macht und Einfluss versehen und sie hatte einen bekanntermaßen ungerechten Richter vorgesetzt. Aber dann hören wir was sie gemacht hat:

[TEXT]

„Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher.“ Die Frau ist unnachgiebig. Sie will ihr Recht, das ihr zusteht. Sie will es, trotz ungünstigster äußerer Umstände. Der Richter merkt irgendwann, dass die Frau ihm keine Ruhe lassen wird. Sie ist so fürchterlich penetrant. Deshalb entschließt er sich, nach offensichtlich längerem Zögern, ihr zu helfen.

Liebe Mitchristen, der Anfangssatz und der Schlusssatz dieses Gleichnisses haben es in sich. Am Anfang heißt es, dass er ihnen aber ein Gleichnis darüber erzählte, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten. Es geht also ums Gebet und auch um die Beharrlichkeit im Gebet. Freilich, beharrlich war die Frau, aber stimmt das, können wir Gott durch unser Gebet quasi „weich kochen?“ Das wäre zu weit interpretiert. Schauen wir auf den vorletzten Vers, er gibt eine Antwort:

„Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen.“

Es ist also anders gemeint. Wenn schon ein Richter, der keine große Lust hat sich mit den Streitereien einer für ihn unbedeutenden Frau auseinander zusetzen, genau dieser Frau Recht schafft, wie viel mehr muss dann Gott das Gebet seiner Leute hören und seinen Leuten Recht schaffen.

Ich will noch einmal einen Schritt zurückgehen. Ich sagte es bereits am Anfang: Die veröffentlichte Untersuchung in der Süddeutschen Zeitung bestätigt ja nur, was wir schon lange wissen. Die Pisastudien haben gezeigt, dass es keine Bildungsgerechtigkeit gibt und das die Lebensverhältnisse in Deutschland schon recht unterschiedlich sind wissen wir alle. Aber wir haben ein Recht auf Gerechtigkeit. Wir haben ein Recht zu sagen: „es ist ungerecht, dass ein Teil der Bevölkerung den Rahm abschöpft und dass für den Rest nicht viel übrig bleibt.“ Als Christen haben wir sogar die Pflicht das zu sagen, wir dürfen es nicht verschweigen und damit Ungerechtigkeiten legitimieren. Und es wird nicht anders gehen als bei der Frau im Gleichnis. Es wird so sein, dass man hartnäckig sein muss um etwas zu bewirken. Es wird so sein, dass man einen langen Atem braucht. Es mag sogar sein, dass man auf großes Unverständnis stößt, denn man stört ja die Mächtigen. Trotzdem: Hartnäckigkeit wird etwas bewirken, ich bin sicher. Solche Hartnäckigkeit wünscht sich Jesus nun von seinen Leuten im Gebet.

Ein Dichter fällt mir ein, der im Dritten Reich wirkte, Reinhold Schneider war es, er schrieb: "Allein den Betern kann es noch gelingen, / das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten, / denn Täter werden nie den Himmel zwingen; / was sie vereinen, wird sich wieder spalten, / was sie erneuern, über Nacht veralten, / und was sie stiften, Not und Unheil bringen."

Allein den Betern kann es gelingen. Ich glaube nicht daran, dass Beten der letzte Ausweg ist. So wird das Jesus nicht gemeint haben. Beten ist vielmehr die erste Anlaufstelle. Die erste Anlaufstelle für alles, was uns belastet und alles was uns Freude macht. Das Gebet bringt durchaus Ruhe ins Leben, nicht völlige Ruhe, aber doch etwas mehr Gelassenheit. Denn Beten bringt uns zur Ruhe und beten bringt uns in die Nähe Gottes. Das ist entscheidend: Ein Leben das aus der Nähe Gottes geführt wird zieht Konsequenzen. Wir hatten es erst in dieser Woche bei unseren Bibelstunden davon: Umkehr zu Gott würde uns in vielen wichtigen Zukunftsfragen ethische Grundlinien an die Hand geben nach denen es sich zu leben lohnt. Umkehr zu Gott hieße auch, dass nicht alleine Geld und Macht bestimmen, sondern Fürsorge für andere und Verantwortung für künftige Generationen. Das wäre wichtig für uns alle. Das Gebet, das unnachgiebige Gebet ist ein Ausdruck dessen, dass man noch etwas will im Leben.

Und so kommen wir zum Schlusssatz Jesu, der uns alle trifft. Ja, Gott wird und will Recht schaffen, wenn wir bei ihm bleiben. Aber, wenn Jesus wiederkommt, wird er Glauben finden auf Erden?

Welchen Glauben meint Jesus? Bestimmt nicht den Glauben ans Kapital. Unsere Glaubenserfahrungen haben sich natürlich gewandelt. Die Fragen nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit bestimmen unser denken, nicht dass wir als Christengemeinde bedrängt würden, das kann man ja wirklich nicht behaupten. Aber es macht uns doch einiges zu schaffen: Kinder sollen einen guten Start ins Leben bekommen und werden vernachlässigt. Menschen arbeiten von früh bis spät und das Geld reicht kaum zum Leben. Flüchtlinge sind oft nicht willkommen und Menschen mit anderer Hautfarbe werden durch dumme Parolen aus manchen Orten vertrieben. Menschen also, die schutzlos sind, die anderen ausgeliefert sind, die nicht zu den Reichen gehören und die manchmal resigniert haben, Depression ist eine Volkskrankheit. Mehr Menschen bringen sich jährlich aufgrund einer Depression um als es Tote im Straßenverkehr gibt.

Was also wird Jesus finden, wenn er wiederkommt? Vielleicht und hoffentlich eine Gemeinde von Christen, die diese Nöte sieht und die nicht lange nach Gesetzen und Vorschriften fragt. Eine Gemeinde also die hartnäckig bleibt und sich nicht einlullen lässt. Eine Gemeinde, die sich mit den Nöten von Bedürftigen auseinandersetzt und handelt. Eine Gemeinde also, die nicht nur fromm spricht, sondern fromm arbeitet. Dafür sind wir da. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Das ist unsere christliche Aufgabe, den Brüdern und Schwestern, den Geringen zu helfen und für mehr Gerechtigkeit einzutreten. Das Gebet ist dabei der Ankerpunkt unseres Glaubens, weil es, genauso wie das Bibelstudium, die Verbindung zur Quelle Jesus Christus herstellt. Wer so lebt, der kann getrost leben, bis der Herr wiederkommt.

drucken