Ein Weg, der uns verändern wird

Liebe Gemeinde,

muss ein Christ seinen Überzeugungen treu bleiben, auch wenn ihm der Wind ins Gesicht bläst?

Seinen christlichen Überzeugungen ja. Aber was ist, wenn er sich geirrt hat und seine Überzeugungen schädlich für den Glauben sind? Muss eine Christin sich selbst treu bleiben, auch wenn das Leben sich ändert?

Wenn diese Haltung im Glauben gegründet ist, dann ja. Aber was ist, wenn eine Änderung der Überzeugungen sowohl dem christlichen Glauben entspräche als auch besser zu dem neuen Leben passen würde?

Wir Christinnen und Christen sind fähig, Fehler einzusehen und uns zu ändern. Deshalb kommt in jedem Gottesdienst ein Sündenbekenntnis vor und wir bitten daraufhin gemeinsam singend: Herr, erbarme dich.

Aber Christinnen und Christen sind halt keine besseren Menschen und haben auch nicht unbedingt die besseren Einsichten. Und leider sind wir nicht immer bereit, die eigenen Fehler einzusehen. Wir sehen das bei dem verstorbenen früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Er war offensichtlich sehr bewusst katholisch, aber im Hinblick auf seine Vergangenheit in der Nazi-Zeit konnte er nicht einsehen, was er falsch gemacht hat, jedenfalls was seine öffentlichen Äußerungen angeht. Berühmt wurde ja sein Satz: Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein. Da hat offensichtlich auch die Beichtpraxis der Katholischen Kirche keine Bußfertigkeit, keine Umkehrbereitschaft, keine Einsicht in die eigenen Fehler bewirkt.

Dabei sollte es zum christlichen Glauben gehören, dass man sagen kann: Ja, ich habe etwas falsch gemacht. Denn nur so können wir uns weiter entwickeln. So können wir den Weg aus der eigenen Begrenztheit heraus gehen. Das gehört zu dem Weg, den Gott mit uns gehen will. Gott möchte uns eine gute Zukunft schenken, so gut wie wir sie uns heute noch gar nicht vorstellen können. Aber dafür müssen wir bereit sein, Fehler zuzugeben und uns zu ändern.

Vor dieser guten Zukunft liegt die schmerzhafte Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit. Gott meint es sehr gut mit uns. Er will, dass wir nicht unter unseren Möglichkeiten bleiben. Aber dazu ist manchmal eine schmerzhafte Selbsterkenntnis nötig.

Wir müssen einen Weg der Veränderung gehen, weil wir Menschen von uns aus nicht offen sind für das, was Gott Gutes mit uns vorhat.

Schauen wir uns an, wie der Mann, auf den sich die Päpste als Vorbild berufen, der erste Leiter der christlichen Gemeinde, Petrus, seiner Vergangenheit stellen musste. Ein schmerzhafter Prozess. Und doch gerade so eine große und heilsame Veränderung. Ich lese Joh 21,15-19:

[TEXT]

Sie erinnern sich: Es ist kurz bevor Jesus verhaftet wird. Er sagt seinen Jüngern: Jetzt wird es ernst: Ihr werdet mich alle verlassen. Darauf Petrus: Wenn alle Dich verlassen, ich bestimmt nicht. Jesus dazu: Noch heute bevor der Hahn kräht wirst Du mich dreimal verleugnet haben. Jesus wird verhaftet. Petrus folgt ihm bis in den Hof des Palastes des Hohepriesters. Dort erkennt eine Magd ihn und sagt: Du bist doch einer von den Anhängern von Jesus: Petrus bestreitet das. Das passiert noch zweimal und der Hahn kräht. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. Vorher hatte er den Mund so voll genommen. Aber als es drauf ankam, hat er versagt.

Nun kommt alles wieder. Er muss das Vergangene wieder durchleben – Dreimal hat er bestritten Jesus zu kennen. Dreimal fragt Jesus ihn nun: Hast du mich lieb? Und Petrus wird sehr traurig.

Dass er den Mund so voll genommen hatte, dass er immer so schnell und vorlaut und selbstsicher war – das zeigt sich in der ersten Frage: Hast du mich lieber als die anderen?

Petrus ist inzwischen bescheiden geworden. Er antwortet nicht mehr, wie er es vor der großen Traurigkeit getan hätte: Selbstverständlich habe ich dich lieber als die anderen. Du weißt doch, dass ich dein bester Freund und größter Anhänger und treuester Kumpel bin.

Neu ist nicht nur die Bescheidenheit des Petrus. Früher war er selbstsicher und meinte sich zu kennen. Er kannte noch wenig von seinen dunklen Seiten. Heute sagt er: du weißt, dass ich dich liebe. Nicht: selbstverständlich liebe ich dich. Er ist angewiesen auf die Beziehung zu Jesus. Er ist nicht unsicher in seiner Liebe – aber er verlässt sich mehr auf Jesu Wahrnehmung als auf seine eigene Sicht.

Petrus muss sich seiner Vergangenheit stellen, ja, sie noch einmal durchleben in dieser dreifachen Herausforderung. Damals hat er Jesus feige im Stich gelassen. Wie kann aus diesem Menschen der Fels werden, auf den Jesus seine Gemeinde baut?

Jesus gibt ihm dreimal den Auftrag: Weide meine Schafe. Sei der fürsorgliche Hirte, der keiner Gefahr ausweicht, um seine Schafe zu schützen. Und er sagt ihm voraus, dass er eines gewaltsamen Todes sterben wird in der Nachfolge.

In dieser entscheidenden Szene, die wir in unserem Predigttext miterleben, wird Petrus zu einem anderen Menschen. Der Unzuverlässige wird zuverlässig. Der Vorlaute wird bescheiden. Der Selbstsichere braucht Jesus. Der so schnell und poltrig war, wird traurig, als er nachfühlen muss, wie sehr er Jesus verletzt und verraten hat. Er begegnet dem, den er so erbärmlich im Stich gelassen hat. Und dabei wird die Liebe erneuert, Vergebung spürbar und ein neuer Auftrag möglich. Indem Petrus durch diesen schmerzlichen Prozess hindurch geht, werden in ihm neue Möglichkeiten eröffnet. Gerade seine Selbsterkenntnis wird ihn zum guten Hirten machen – er wird die ihm anvertrauten Menschen nicht vorschnell verurteilen. Er weiß, wie leicht Menschen etwas tun, das sie später bitterlich bereuen. Deshalb wird er das Amt der Schlüssel haben – er wird Vergebung wirksam zusprechen können, so dass Menschen sich befreit fühlen und ihnen neue Türen zu neuen Möglichkeiten aufgeschlossen werden. Er weiß wie sich da anfühlt. Er weiß wie sehr Menschen das brauchen.

Liebe Gemeinde, wie können wir heute dafür sorgen, dass Menschen sich ihren Fehlern stellen. Sich in Frage stellen lassen. Merken, wo sie andere verletzt haben. Ein Gespür dafür entwickeln, was sie mit vielleicht besten Absichten manchmal Schädliches und Zerstörerisches angerichtet haben? Wie können wir erreichen, dass Menschen Neues zu denken wagen, weil sie merken: Das, was wir bisher für richtig hielten, hat nicht wirklich Gutes bewirkt, Befreiendes und Heilendes. Wie werden wir Christinnen und Christen zu einer Gemeinschaft, in der man Fehler eher und besser wahrnimmt und aus ihnen lernt. Wie kann unsere Gemeinde ein Klima schaffen, in der Menschen ihre Fähigkeiten entwickeln können, weil sie empfindsam und empfänglich dafür werden, wie ihr Verhalten wirkt und dass gute Absichten nicht auch gute Wirkungen haben müssen?

Ich habe keine einfache Antwort. Ich merke an mir selbst, wie schwer es ist, Kritik auszuhalten. Ich merke an mir selbst wie schwer es mir fällt den eigenen Anteil an meinen Problemen zu sehen. Normalerweise schalte ich auf Verteidigung. Im Falle von Petrus hätte die gelautet: Hör mal, ich war vom Tod bedroht. Du kannst doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich mich töten lasse. Dann hätte du jetzt niemanden, den du beauftragen könntest: Weide meine Schafe!

Wir alle sind sehr erfinderisch, wenn es um Ausreden geht. Meine Lieblingsausrede ist: Woher hätte ich das denn wissen sollen, sie hätte es mir deutlicher sagen müssen? Wenn jemand auch nur andeutet ich, dass das was ich gesagt und getan habe vielleicht nicht das gelbe vom Ei war, bis ich beleidigt und suche den Fehler beim anderen. Ich weiß, dass meine Scherze manchmal verletzend wirken. Und wenn mich jemand darauf aufmerksam macht, dann denke ich, es war doch nur ein Scherz, wie kann er das so ernst nehmen? Es ist wirklich nicht einfach, wahrzunehmen, wie das eigene Verhalten wirkt und anzunehmen, dass man da etwas ändern muss. Das ist ein schwerer Schritt auf einem weiten Weg.

Ich wünsche uns, dass alle hier in der Gemeinde sich ändern dürfen, dass wir einander nicht festlegen auf das, was wir gerade sind.

Ich wünsche mir, dass wir eine Gemeinde werden, in der man von seinen Fehlern ungeschützt reden kann, weil man nicht angegriffen wird. Wir sollten eine fehlerfreundliche Atmosphäre entwickeln. Denn nur wenn wir Fehler wahrnehmen können, können wir uns ändern.

Ich glaube, der erste Schritt ist, empfindsamer und empfänglicher zu werden dafür, wie unsere Worte und Taten, Mienen und Gesten oder auch das Fehlen von Worten und Taten, Mienen und Gesten wirken auf die Menschen, mit denen wir es zu tun haben.

Und dass wir zweitens einander so zuhören, so mit ganzem Herzen und ganzer Zuwendung einander zuhören, dass wir tasten können danach, was anders und besser sein könnte. Dass wir so allmählich zu einer Gemeinde werden, in der man seelsorglich, freundlich und zugewandt miteinander umgeht.

Der Auftrag an Petrus gilt uns allen: Jesus sagt: Weide meine Schafe, das heißt evangelisch: wir alle sind füreinander verantwortlich. Jeder nach seinen Gaben. Jede nach ihren Fähigkeiten.

Wir alle sind Pastorinnen und Pastoren, Hirtinnen und Hirten. Wir achten aufeinander. Wir kümmern uns umeinander. Und wir geben in unserem Miteinander dem Raum, der der wahrhaft gute Hirte ist, Jesus Christus.

Und der Anfang dieses Wegs ist ganz einfach. Jesus fragt uns: Hast du mich lieb? Und wir können antworten: Du weißt, dass ich dich lieb habe.

Ich wünsche uns allen, dass wir den Weg weitergehen, den Gott für uns vorgesehen hat. Den Weg, der uns zu verändern wird, Fehler wahrzunehmen, Schwächen einzugrenzen, Stärken zu entwickeln und für andere da zu sein, weil wir gerade so uns selbst finden. Und der Friede Gottes …

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