Das Paradies ist wieder offen

Den 23. Psalm haben wir zu Beginn dieses Gottesdienstes gebetet. Und ich vermute, manche von Ihnen haben ihn gerne auswendig mit gebetet. Dieser Psalm vom guten Hirten gehört zum Grundstock dessen, was viele ChristInnen kennen.

Das hat gute Gründe. Dieser Psalm gibt ein deutliches Zeugnis davon ab, dass gerade auch in den finsteren Tälern meines Lebens Gott bei mir ist, dass er mich begleitet und mich nicht alleine lässt. Ich bekenne, wenn ich ihn bete, dass Gott mich auch in den Gefühlen von Trauer und Gottverlassenheit nicht hängen lässt, sondern dass er immer noch bei mir ist und mich als seinen Ehrengast behandelt. Dieser Glaube kann gut tun. Er kann mir helfen, zu lernen, neu zu leben. Zu leben im Glauben und im Bewusstsein, dass ich einen großen Wert habe. Ich bin Gott so viel wert, dass er meine Leben begleitet, dass er mich trägt. Ich bin ihm soviel wert, dass er Mensch wurde und für uns ans Kreuz ging und für uns wieder auferstanden ist.

Von dem, was nach der Auferstehung geschehen ist, handelt unser heutiger Predigttext. Er steht in guter Verbindung zum Gedanken des guten Hirten, weil Jesus hier dieses Amt an seine JüngerInnen und besonders an Petrus weitergibt:

[TEXT]

Nachdem Jesus den Seinen erschienen ist, ein gemeinsames Mahl und danach dieser eigenartige Dialog: fast nervig, diese dreimalige Frage nach der Liebe entsprechend gereizt reagiert Petrus. Gereizt auch, weil Jesus Öl in die offene Wunde gießt, die die dreifache Verleugnung hinterlassen hat. Es schmerzt erheblich, wenn ein Mensch bei seinen eigenen Defiziten angesprochen wird. Allerdings gilt es, genau hinzusehen: Jesus fragt nicht nach Petrus und seinen Perspektiven: Willst du dich bessern? Was willst du tun, um solche Pannen in Zukunft zu vermeiden. Er beruft ihn aufs Neue und noch umfangreicher – allein aus Gnade. Der gefallene Jünger wird zum ‚Hüter seines Bruders’ (Genesis 4,9). Das Paradies ist wieder offen.

Jesus öffnet den Weg aus der Schuld weder durch Aufarbeiten noch durch Strafe, sondern allein durch Vergebung. Ob das ein Weg werden kann, den auch ich gehe? Petrus versteht Jesus. Alles Großmäulige ist aus seinem Wesen gewichen. Ganz kleinlaut antwortet er drei Mal: Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!

Das Wort ‚Hirte’ heißt zu deutsch: Pastor – Durch den Zuspruch Jesu wird aus dem Verleugner Einer, der da ist für die ‚Lämmer’, die Gemeinde Christi. Ordination würden wir das vielleicht heute nennen. Da wird einer in die Gemeindeleitung berufen, trotz aller Fehler, allein wegen der Zukunft, die vor ihm liegt – wohl auch wegen des Martyriums, das ihm noch bevorsteht. Öffentlich hat er sich von Jesus distanziert, hat ihn verleugnet, ihn im Stich gelassen, vielleicht, weil er durch dieses läuternde Feuer erst einmal hindurch musste.

Was Petrus erlebt, widerspricht menschlicher Logik. Er hat versagt, ist in der Nachfolge gescheitert, aber der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.’ (Psalm 118,22). Das sind die Wunder Gottes, der nicht meiner Logik folgt.

Der Text thematisiert das Amt der Kirche. Und es gibt mehr Ämter in der Kirche als nur das eines Pfarrers oder einer Pfarrerin. Es gibt PresbyterInnen oder PatInnen, KüsterInnen oder ErzieherInnen, MitarbeiterInnen in der Kinder- und Jugendarbeit, in der Frauen oder Männerarbeit.

Jesus betont in seinem Auftrag an Petrus ‚weide meine Lämmer’, dass diese Ämter nicht aus sich und für sich selbst bestehen, sondern dass sie allein im Dienst des wahren Hirten und Herrn seiner Herde (Gemeinde) Grund und Würde haben. Christen können darum stets nur Mitarbeiter, Mithirten und -hirtinnen des einen guten Hirten sein. Die Gemeinde ist niemals ihre Herde, immer ist sie seine.

Der Ruf in die Nachfolge der ganzen Gemeinde gilt allen ChristInnen. Insofern bedeutet das Priestertum aller Glaubenden wahrhaft Petrussukzession. So feiert die Liebe Auferstehung.

Hirte zu sein bedeutet weder Vorbild zu sein, noch die Schafe in Sack und Asche gehen zu lassen oder sie gar fertig zu machen. Das wäre nach den Worten Jesu der Mietling, der Mensch, der nur seinen Job tut. ‚Weide meine Schafe’, das bedeutet: Lebe in meiner Nachfolge für die Schwestern und Brüder.

Der Hirte, zu dem Jesus Petrus macht, passt nicht in unser gängiges PfarrerInnenbild, schon gar nicht in das Bild des Pfarrers, der von ‚seiner Gemeinde’ spricht. Hier geht es um jeden Christenmenschen, der sich verantwortlich fühlt für Schwestern und Brüder, mit ihnen Wege geht und ihnen etwas zutraut, wie Jesus hier dem Petrus Einiges zutraut. Das Bild gilt für ‚Profis’ wie für Laien, für alle, die ihren Glauben leben.

Der Sonntag vom guten Hirten wird durch diesen Text auch zum Sonntag des HirtInnenamtes aller Gläubigen. Es gibt dieses Amt an Jesu Statt in der Kirche. Er verspricht weiter ihr Hirte zu sein, aber er lädt sie auch in die Nachfolge ein, gute Hirten für die Menschen zu sein. Und dieses Amt erhalten nicht unbedingt die, die durchs Feuer der Bewährung gegangen sind oder andere hervorragende Zeugnisse vorzuweisen haben. Der ‚Versager’ Petrus wird zum Hirten. Jesus gibt niemanden auf, auch mich nicht. Er macht gerade die Schwachen zu HirtInnen. Jesus ermutigt damit dazu, in der Liebe zu leben. Er schafft Raum für einen neuen Anfang. Das ist das herzliche Erbarmen, das diesem Sonntag den Namen gab. Aus diesem herzlichen Erbarmen heraus können nur alle Schwestern und Brüder zusammen Gemeinde des einen Herrn bauen.

‚Weide meine Schafe’, das funktioniert nur dort schriftgemäß, wo Brüder und Schwestern füreinander da sind, einander ernst nehmen und aufeinander hören.

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