Eines Tages kommt die Zeit der Ernte

Liebe Gemeinde,

heute ist Silvester traditionell streiten mein Mann und ich uns an diesem Tag öffentlich über die Losung des nächsten Jahres. Dieses Jahr haben wir es nicht ganz geschafft uns zu einigen. Vielleicht muss man sich aber auch nicht immer einigen. Unterschiedliche Auffassungen können ja auch einmal nebeneinander stehen bleiben.

Die Jahreslosung für 2007 heißt: Gott spricht:

Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? (Jesaja 43,19)

Albrecht: Ich habe es satt. Wieso muss es denn immer etwas Neues sein? Können wir denn nicht einmal mit dem Alten und Bewährten zufrieden sein. Ich habe mich noch nie besonders für die neueste Mode interessiert. Wenn etwas gut ist, dann sollten wir es einfach nur bewahren und gut. Bei den ganzen Neuerungen ist immer viel Unsinn dabei.

Elke: Ich gebe ja zu, dass das Neue anstrengend ist, es fordert von mir, dass ich mich verändere. Dazu bin ich manchmal zu müde. Aber wir können doch nicht wirklich zufrieden sein mit dem was ist.

Albrecht: Aber Neues ist doch nicht besser als Altes. Das Alte kenne ich, damit kenne ich mich aus. Ich weiß wie ich damit umgehen muss, ich kann damit leben. Das Neue könnte viel schlimmer sein. Es könnte mich überfordern. Es ist gefährlich. Jetzt geht es mir gut. Aber ich werde älter, wahrscheinlich wird es mir in Zukunft schlechter gehen.

Elke: Aber Gott ist es doch, der etwas Neues schaffen will. Das Neue, das von Gott kommt wird gut sein. Überlege mal wann der Profet Jesaja das gesagt hat.

Albrecht: Gut, also die israelische Oberschicht war nach Babylon verschleppt worden, als sie den Krieg verloren hatten. Nach dreißig Jahren in der Fremde tritt dort der zweite Jesaja auf und sagt zu den Kindern und Enkeln der Verschleppten, dass Gott etwas Neues schaffen wird, und dass sie es nun schon sehen können.

Elke: Da war das persische Großreich im Entstehen. Und der Profet konnte sehen, dass die Perser die Babylonier ablösen würden. Er hat es gesehen, weil er sich danach gesehnt hat. Der Profet hat es vor den anderen gesehen, weil er sich das gewünscht hat.

Albrecht: Und so ist es auch gekommen. Der neue Perserkönig Kyros hat den Israeliten erlaubt in die Heimat zurückzukehren.

Elke: Also, da siehst du es: Das Neue, das von Gott kommt, ist etwas Gutes. Es ist Befreiung und Rettung. Wieso fürchtest Du dich vor dem Neuen, das da heranwächst. Wünschst Du Dir keine Freiheit?

Albrecht: Weißt Du ich bin inzwischen auch über 40. Und wünsche mir Ruhe und Frieden, ich wünsche mir Gesundheit und dass es meiner Familie gut geht. Freiheit und Abenteuer, das ist etwas für Jugendliche. Ich will nichts Neues.

Elke: Dass Freiheit nur etwas für Jugendliche ist, ist Unsinn. Du bist doch sonst ein so neugieriger Mensch. Keine Wünsche mehr, keine Sehnsucht? Unsere Familienphase geht zu Ende. Die Kinder werden groß, und heutzutage ist man mit fast 50 ja noch nicht alt. Wir haben gerade beruflich noch einmal eine sehr spannende Zeit vor uns. Und wir haben doch auch noch eine Menge Energie. Merkst Du nicht, wie Gott uns entgegen kommt. Gott schafft doch gerade Neues hier in Messel, erkennst Du es denn nicht?

Albrecht: Ich gebe zu, mir gefällt es gerade sehr gut hier in der Kirchengemeinde. Die Leute begegnen mir sehr freundlich. Viele arbeiten mit. Vieles läuft gut. Ich habe sogar das Gefühl, dass immer mehr Leute in den Gottesdienst kommen. Aber gerade deshalb möchte ich nicht, dass sich etwas ändert.

Elke: Wenn etwas besser werden soll, dann ist das nun mal mit Veränderungen verbunden, dagegen kann ich auch nichts machen. Ich möchte offen sein für die Veränderungen, die von Gott her auf uns zukommen. Ich möchte, dass Gott hier in dieser Gemeinde das Neue bewirkt, von dem der Profet sagt, dass es schon angefangen hat. Ich möchte es erkennen und ich möchte es fördern. Und auf keinen Fall will ich ihm im Weg stehen.

Albrecht: Sei vorsichtig mit solchen Aussagen. Für mich klingt das so als wolltest Du wieder tausend neue Dinge anfangen. Und dann beklagst Du dich, dass es Dir zuviel wird. In der Jahreslosung steht, dass Gott etwas Neues schafft, und dass es jetzt aufwächst. Das Neue schaffen nicht Du oder ich. Also lass Gott mal machen. Lehn Dich zurück und warte ab.

Elke: Am besten man macht überhaupt nichts, dann pfuscht man Gott auch nichts ins Handwerk. Meinst Du das?

Albrecht: Nein, das meine ich nicht. Aber Gut Ding will Weile haben. Wenn etwas wachsen soll, dann muss man es in Ruhe wachsen lassen. Und dann sollte man es nicht durch noch so gut gemeinten Aktivismus beim Wachsen stören.

Elke: Du weißt, was passiert, wenn man im Garten nichts tut und einfach alles wachsen lässt. Das Unkraut überwuchert die Kräuter und das Gemüse. Und am Ende kann man überhaupt nichts ernten.

Albrecht: Und du kennst auch die Geschichte von dem Bauern, der seine Reispflanzen beim Wachsen unterstützen wollte und sie jeden Tag nach oben gezogen hat. Am Ende sind sie verdorrt, weil sie immer wieder aus dem Boden gerissen worden sind.

Elke: So kommen wir nicht weiter. Ich möchte doch nur, aufmerksam werden für das Neue, das im Entstehen ist. Und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass es wachsen kann. Ich möchte dass diese Kirchengemeinde immer mehr zur Heimat wird für die diejenigen, die nach Gott suchen. Ich wünsche mir, dass Menschen hier Gott begegnen. Ich wünsche mir für Messel liebevolle Beziehungen und dass sich Leute hier gegenseitig unterstützen. Ich wünsche mir in dieser Gemeinde Nähe und Freiheit. Ich möchte dass diese Gemeinde eine Ausstrahlung bekommt, die andere anzieht. Ich möchte, dass der Glaube an Jesus Christus attraktiv ist. Und ich möchte, dass man an uns die wir hier zur Kirchengemeinde gehören spürt, dass wir aus einer Kraft leben, die größer ist als wir selbst.

Albrecht: Und du musst einsehen, dass du all dies nicht herstellen kannst. Weder Du noch sonst jemand. Du kannst arbeiten bis zum Umfallen. Du kannst nett und freundlich sein ohne Ende. Du kannst beten und in der Bibel lesen und dich um Leute kümmern. Nichts davon kannst Du erreichen. Es liegt nicht in Deiner Macht. Genauso wenig wie es in deiner Macht liegt, dafür zu sorgen, dass es Deiner Familie gut geht. Genauso wenig wie es in deiner Macht liegt, gesund zu bleiben. Durch all Deine Arbeit und all Dein Sorgen erreichst du rein gar nichts, wenn Du nicht darauf wartest, dass Gott das Entscheidende tut.

Elke: Das weiß ich doch, aber wenn ich mich ins Bett lege und Gott einen guten Mann sein lasse, dann erreiche ich erst recht nichts. Wenn niemand das Neue erkennt, was da von Gott auf uns zukommt, dann kann es auch nicht wirksam werden. Wenn niemand dem Neuen eine Chance gibt, dann kann es auch nicht wachsen. Wenn niemand es sich wünscht, dann passiert es auch nicht. Gott handelt ja nicht gegen uns sondern mit uns.

Albrecht: Ja, aber Gott ist nicht auf unsere Hilfe angewiesen. Er lässt das Neue wachsen egal, was wir tun.

Elke: Nein, so sehe ich das nicht. Gott ist durchaus auf uns angewiesen. Gott gibt uns nichts ohne unser Einverständnis. Wenn wir nichts von ihm wollen und uns gegen ihn verschließen, dann lässt er uns in Frieden. Gott ist für das Neue, das er wachsen lassen will darauf angewiesen, dass sich Leute finden, die es pflegen, die ihm einen Raum in der Welt geben. Sonst geht es ein.

Albrecht: Du überschätzt da unsere menschlichen Möglichkeiten. Gott wird sich durchsetzen mit uns oder ohne uns. Gott ist mächtig. Er braucht uns nicht.

Elke: Nein, Gott braucht uns. Er braucht Leute, die sehen, was er will, und er braucht Leute, die auf seine Angebote antworten, und er braucht Leute, seine Liebe weitergeben. Gott will unsere freie Zuwendung zu ihm und er hindert offensichtlich niemanden daran in sein Unglück zu rennen. Gott hat das neue, das wachsen soll, in unsere unzuverlässigen Hände gelegt. Gott zieht nichts ohne uns und gegen uns durch. So hat er diese Welt organisiert, dass er in allem auf uns seine Geschöpfe angewiesen ist.

Albrecht: Ich finde das schrecklich, was Du da sagst. Wenn Du Recht hast, dann sehe ich für das Jahr 2007 und für jede weitere Zukunft schwarz. Wenn die Zukunft der Welt in unseren unzuverlässigen menschlichen Händen liegt, dann kann es nur schlimm enden. Aber so ist nicht. Es wird gut ausgehen. Gott lässt das Gute wachsen. Vielleicht können wir mit unserem weniger guten Handeln es ein Weilchen aufhalten, aber wir können es nicht verhindern. Das Neue, das jetzt zu wachsen beginnt wird sich durchsetzen, egal was wir tun.

Elke: Weißt du, das hoffe ich auch. Trotzdem glaube ich nicht, dass es egal ist was wir tun und wie wir handeln. Ich glaube, dass wir Gott unterstützen können.

Albrecht: Ja, das glaube ich auch. Aber nicht indem wir uns furchtbar anstrengen. Manchmal ist das Richtige zu tun, loszulassen und nichts zu tun. Manchmal ist es richtig etwas aufzugeben, was nicht geht, sich umzudrehen und in eine andere Richtung zu gehen.

Elke: Nein, es hat keinen Sinn sich anstrengen und mit aller Gewalt zu versuchen etwas Richtiges zu erreichen. Du hast Recht, man muss auch einmal etwas zu Ende gehen lassen. Aber trotzdem sollten wir versuchen, das auch zu tun, was wir als richtig erkannt haben.

Albrecht: Aber es hat keinen Sinn, Dinge zu probieren gegen die es zu viel Widerstand gibt. Bei all der Anstrengung merken wir nur, dass wir es alleine nicht schaffen können.

Elke: Aber das was wichtig und dran ist, können wir erreichen. Nicht alleine aber zusammen können wir es schaffen.

Albrecht: Ja, zusammen mit Gott und den anderen hier in der Gemeinde.

Elke: Es kommt nicht darauf an zu versuchen etwas zu erreichen, es kommt darauf an, dass wir uns für das öffnen, was sowieso an Gutem da ist.

Albrecht: Es kommt darauf an, dass wir Gottes Geist einen Raum unter uns geben, damit er durch uns

Elke: und manchmal auch gegen uns

Albrecht: damit er das Neue schaffen kann.

Elke: Und dann brauchen wir Geduld und Ruhe, damit es wachsen kann.

Albrecht: Und manchmal etwas Wasser um es zu gießen.

Elke: Und es braucht Sonne und Licht.

Albrecht: Und eines Tages kommt die Zeit der Ernte.

Elke: Darauf freue ich mich.

Albrecht: Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

drucken