Ein Gott für alle Fälle

Der Jahreswechsel wird üblicherweise mit festlichen Reden wichtiger Persönlichkeiten begangen. Staatsoberhäupter und Ministerpräsidenten melden sich zu Wort. Manche finden bei diesem Anlaß das einzige Mal im Jahr Gelegenheit , daß das Volk, das sie vertreten, ihnen auch einmal zuhört bei einer Rede von Anfang bis Ende. Die Frage bleibt indes, ob Lieschen Müller vom Bundespräsidenten oder der Frau Kanzlerin wirklich einen Rat erwartet. Den sucht sie wohl eher bei ihrer Freundin oder in ihrer Illustrierten.

Der Zusammenhang der Jahreslosung von 2006 ist auch eine Rede an einer Zeitenwende. Eine, die man nicht alle Neujahrstage hört mit dem allseits versicherten Verständnis für des Bürgers Sorgen und der Verbreitung gedämpfter Zuversicht. Diese Rede kommt aus dem Munde Gottes selbst. Sie erging an Josua, dem Nachfolger des Mose. Sie muss ihn enorm motiviert haben, denn von da ab traute er sich an die eigentlich unlösbare Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen für ein Volk und für ein Land, das noch gar nicht vorhanden war. Erst nach der Ermutigung durch diese Rede war er in der Lage, den andern Leitfiguren des Volkes Israel Selbstvertrauen zu vermitteln (Vers 10f) Was seinerzeit den Josua aufgerichtet hat, ist auch für uns genau das richtige an der Schwelle zum neuen Jahr. Egal ob wir selber Stärkung brauchen oder andere aufbauen wollen. Hier sind Worte, die uns zurüsten.

Zwar sind wir von der Zeit Josuas durch über drei Jahrtausende getrennt. Aber das Wort, das ihm gesagt wurde, hat für uns für das alte Jahr eine besondere Bedeutung, handelt es sich doch um die Jahreslosung. Es ist das Versprechen Gottes: "Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen." (Jos 1,5) Es bietet sich an, dass wir Rückblick halten und uns selber prüfen: Wie bin ich umgegangen mit den Versprechen Gottes an mich? Habe ich in einzelnen Situationen besonders erlebt, dass Gott mich nicht verlassen hat, zu mir gestanden hat?

Dafür muss man sich Zeit nehmen. Wichtig für einen ehrlichen Rückblick, wichtig für aussagekräftige Ergebnisse ist dabei, dass wir die richtigen Fragen stellen. Für einen Christenmenschen sollte die Richtung dieser Fragen klar sein. Sie darf keinesfalls so oberflächlich sein wie dieser Tage zu lesen im Weser Kurier / Bremer Nachrichten, wo bekannte und unbekannte Bremer ihre persönliche Rückschau und Zukunftserwartungen kundgetan haben. Das war gewiss unterhaltsam zu lesen. Aber die Fragen als solche verhindern Tiefgang. Worüber haben Sie sich in diesem Jahr gefreut, was hat Sie geärgert. Und dann kommen als Antworten irgendwelche Sportergebnisse. Welche Folgen hat das für unser Leben, ob Werder oder Michael Schumacher als Erster bzw. zweiter die Saison beendet? Es ist ohne Bedeutung und hat auf unsere persönliche Zukunft keinen Einfluss. Aber wenn man so fragt, und dem Befragten fallen bei sich selbst keine herausragenden Erfolge oder Enttäuschungen ein, kommen derlei Ergebnisse.

Viel wichtiger wäre eine Fragerichtung, die einen von vornherein herausfordert. Also: Wofür bin ich Gott in diesem Jahr dankbar? Welche Schwierigkeiten konnte ich mit seiner Hilfe meistern?

Das gibt eine völlig andere Blickrichtung. Wir schauen aus nach der Treue Gottes. Wir fragen ehrlich: Wo habe ich versagt, wo war ich untreu, wo muss ich um Verzeihung bitten und mich von Jesus verändern lassen? Dazu braucht man Ruhe und muss sich Zeit nehmen. Eine gute Einübung dafür wäre es, wenn man regelmäßig Rückschau hält nicht auf 12 Monate, sondern auf 24 Stunden. Dazu nimmt man dann nicht die Jahreslosung, sondern die Tageslosung. Kleiner Tipp: Auf unserem Büchertisch sind noch einige wenige Exemplare zu bekommen, außerdem das Buch Licht und Kraft mit Erklärungen zu den Losungen. Vielleicht wäre das fürs kommende Jahr eine Chance für alle diejenigen, die dieses kostbare Büchlein noch nicht kennen oder die es kennen, aber nicht nutzen. Dazu gehörte z.B. meine Mutter. Sie ist in diesem Frühjahr verstorben. In den letzten Wochen, die sie noch hatte, wollte sie täglich die Losung vorgelesen bekommen. Ich hatte das Wort Losung vorher noch nie aus ihrem Munde gehört und war richtig überrascht, dass sie davon wusste und nun auch Gebrauch machen wollte.

Noch besser ist es natürlich, man nutzt die Tageslosung, solange man noch selber die Kraft hat, sie zu lesen und evtl. auch den zugehörigen Bibelabschnitt, die sogen. Tageslese. Es geht natürlich auch ganz ohne Bibelwort, einfach täglich sich die Ruhe gönnen und auf den Tag zurück schauen abends oder am Morgen auf den vorher gehenden Tag. Das Bibelwort bewahrt uns aber davor, nur zu kreisen um unsere Lieblingsgedanken. Der Erinnerung förderlich ist, wenn man sich dabei Notizen macht in Stichworten oder ausführlich, je nach Vorliebe. Die Wirkung kann nicht ausbleiben: Taten Gottes treten noch einmal hervor. Sie werden gewürdigt. Es mögen wohl nicht solche Wunder sein wie bei Josua, wo die Gläubigen durch den Jordan marschieren unbeschadet oder die dicken Mauern der unbezwingbaren Stadt vor einem einstürzen. Aber in den kleinen Alltagserlebnissen zeigt sich die Treue Gottes.

Hauptsache wir nehmen uns Zeit für solche Rückblicke während des Jahres. Man kann es auch wöchentlich oder monatlich tun. Hier besteht aber die Gefahr, fixiert zu sein auf Großartiges, Herausragendes. Gott liebt es aber gerade, in den alltäglichen Dingen zu helfen. Er will daneben in den alltäglichen Dingen, wo wir gefehlt haben, uns aufmerksam machen, das war nicht richtig, hier musst du an dir arbeiten. So kommen wir voran und werden verändert durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Solch ein Unternehmen wäre mir nicht möglich mit einem Taschenkalender, wie er für die Alt-Hastedter Ehrenamtlichen verteilt wird jedes Jahr. Das ist gewiss ein guter Brauch, es schafft Verbundenheit und die wichtigen Termine verdienen es eingetragen zu werden, damit man vorher weiß wann Erntedank ist oder Kirchweih. Und man kann seine private Planung darauf einstellen und so legen, dass sich das nicht überschneidet mit den wichtigen Kirchenterminen. Aber für persönliche Notizen ist natürlich kein Raum in einem Heftchen, wo für jeden Tag nur eine Zeile Raum ist. Besser ist also ein zusätzlicher größerer Kalender oder ein Eintrag ins Losungsbuch. Früher nutzte ich Losungen mit durchschossenen Seiten. Oder man führt ein Tagebuch extra. Ich möchte nicht abgleiten in Details von Buchführung. Es ist aber wohl wichtig, dass die Rückschau auf das Alte Jahr dein Ding wird und du nicht meinst, das kannst du dir sparen und es reicht ja der Jahresrücklick vom Pastor oder von Günter Jauch.

Und wichtig ist immer, dass über dem Erinnern an ein Jahr oder auf einzelne Tage davon das große Ganze in den Blick kommt. Also ein Rückblick auf Jahre, auf Jahrzehnte, auf ein Leben mit Gott. Ist es denn ein Leben mit Gott, dein Leben? Stelle dich dieser Frage, ehrlich, wiegele es nicht ab nach der Weise, so zugespitzt darf man nicht fragen oder ist es unmöglich darauf zu antworten. Warum denn nicht? Der Zusammenhang der Jahreslosung ist ein Leben mit Gott. Das Buch Josua ist nicht einfach eine Chronik der Landnahme. Es ist ein Leben mit Gott. Das Buch beginnt zwar nicht mit seiner Geburt, sondern mit der Stunde, wo er die Nachfolgerschaft des Mose antritt. Die Biografie beginnt also von dem Zeitpunkt an, wo dieser Mann seinen Auftrag erkennt und sich Gott ganz zur Verfügung stellt. Und es endet mit dem Bekenntnis dieses Mannes viele Jahre nach der erfüllten Aufgabe, als er alt und hoch betagt war, wie es heißt. Da versammelt er die Stämme Israels. Parallele zu Bonifatius übrigens. Nun aber nicht bei der Donareiche, die gefällt werden muss, sondern bei der Eiche zu Sichem. Und er gibt ihnen sein Lebensmotto oder soll ich sagen sein Vermächtnis mit: "Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen!"

Das sind Biografien, die inspirieren. Vielleicht hat mancher von uns ein Buch oder mehrere unter dem Weihnachtsbaum zu liegen. Da ist Unterhaltsames, Sachbücher, allerlei. Wie ist das mit den Lebensbildern von Frauen und Männern Gottes. Kennen wir solche, lesen wir solche, verschenken wir solche? Mir war es dieses Jahr eine wichtige Herausforderung, die Lektüre der Biografie von Theo Lehmann. Mit 70 hat er sie verfasst. Pfarrer in Chemnitz, als Evangelist im Trabi unterwegs. Verfolgt von der Stasi, oft im Regen stehen gelassen von seiner eigenen Kirche. Aber er hat erlebt, was die Jahreslosung sagt: Gott verlässt die Seinen nicht. Und wie Josua hat er erleben dürfen, wie die Mauern gefallen sind. Er bezeugt, wie Jesus Christus Herr ist auch in dunkler Zeit, wie er die Kontrolle hat, auch wenn andere Machthaber sich groß aufspielen.

In einer Auslegung zur Jahreslosung sagt Theo Lehmann: "Als dem Josua diese herrliche Zusage gemacht wurde, war es ihm ziemlich mulmig. Denn vor ihm lag unbekanntes Land. Wenn wir in ein neues Jahr gehen, geht es uns ähnlich. Wir müssen mit unzähligen Unbekannten rechnen. Wir können angesichts der Zustände in Land, Volk und Welt leicht die Nerven und die Hoffnung verlieren. Aber Gott ist mit uns. Lehmann überschreibt seine Betrachtung mit: Ein Gott für alle Fälle und dichtet dazu:

Ruf den Gott für alle Fälle doch in jedem Fall mal an. Dass dein Fall von höchster Stelle übernommen werden kann!"

Ich möchte noch eingehen auf einige der Fotos. im Innern des Gottesdienstblattes. Sie zählen einige Höhepunkte des Jahres im Gemeindeleben auf. Es ist eine Auswahl von Ereignissen, wovon es schöne Fotos gibt. Da ist die Jahresaktion "Stolpersteine". Wir geben für andere. Die Erinnerung daran weist unserem Rückblick die Richtung. Es geht zuerst nicht darum, was hat mir das Jahr gebracht, was habe ich bekommen? Vielmehr ist es zuerst Gnade wenn wir noch geben können. Materielle Hilfen, oder Einsatz von Arbeitskraft, Zeit für andere. Ein Grund dafür, dass bei der Fußball-Übertragungen die Besucher so lange blieben, war die freunliche Atmosphäre an den neuen Bankgarnituren. Ihre Anschaffung wurde möglich von genau dafür zweckgebundenen Spenden. Es wurde sichtbar, wie die Gaben Freude machen und helfen, dass Gemeinschaft vertieft wird.

Ein anderer Gesichtspunkt sind Gäste, die unseren Weg gekreuzt haben. Da ist Ethan Freeman, Hauptdarsteller des Bonifatius Musicals. Er sang in unserer Kirche die Worte: "Gib mir Kraft Herr, deinen Namen in jedes Herz zu schreiben, tu mir alle Herzenstüren auf." Die Rolle des Bonifatius in dem Musical gibt ein eindrucksvolles Zeugnis, was ein Mensch, der sich von Jesus beauftragt weiß, bewirken kann in einem Land.

Auch Josua, an den die Jahreslosung gerichtet ist, war so eine herausragende Persönlichkeit. Seinen Jahresrückblick wird er allerdings mit gemischten Gefühlen gemacht haben. Denn die frühere Zeit war die Mosezeit, eine Ära, die Maßstäbe gesetzt hatte. Die dem Josua sehr, sehr große Schuhe hinterlassen hatte, in denen zu gehen ihm gewiss schwer gefallen ist.

Zurück zu den Bildern. Ein anderer Gast, der einen Monat blieb, war Uli Gomer, Praktikant aus Adelshofen im Badischen. Im Rundbrief an seinen Freundeskreis notiert er: Das Praktikum war vier Wochen kurz und vielschichtig. Von Seniorenkreis bis Jungscharwochenende von Jungbläser bis Bibeltreff und vom Besuchsdienst bis predigen, um nur einige zu Tätigkeiten zu nennen, waren angesagt. Danken möchte ich für die herrliche Aufnahme. Toll auch ein Jungschar Wochenende mit ein paar Jungs der Ortsgemeinde. Dabei gab es richtige Abenteuer zu überstehen und das anschließende Übernachten im Gemeindehaus, war super."

Ein anderes Foto aus der Sammlung zeigt, wie lohnend es ist, wenn so wie heute an einem besonderen kirchlichen Feiertag morgens und abends ein Gottesdienst angeboten wird. Am Reformationstag kamen Schulklassen aus zwei Grundschulen in unsere Kirche. Mit großer Neugier verfolgten sie, was Kindergarten und Konfirmanden zusammen mit der Gitarrengruppe vorbereitet hatten. Viele werden erstmals in ihrem Leben etwas von Martin Luther gehört haben. Abends ertönte festliche Musik aus 53 Trompeten und Posaunen. Zu manchen Erinnerungen des Vorjahres gehören die Abschiede. Linda Neuhaus hat sich nach 25 Jahren Mitarbeit im Kinderspielkreis den Ruhestand verdient. Aber immer noch hilft sie tüchtig, besonders bei den Festen und setzt all ihre Erfahrung ein. Wie für sie, darf auch für manchen anderen schwer Aktiven gelten: Wir dürfen ruhen. Wir dürfen eine lang getätigte Aufgabe aus der Hand geben. Und manchmal muss man sich dann über den tatsächlichen oder gefühlten Druck der Gemeinde hinweg setzen, das darfst du nicht, wie soll es denn ohne dich weiter gehen.

Das muss nicht unsere Sorge sein. Wie soll es ohne des Herrn Hilfe weiter gehen, das muss unsere Frage sein. Ohne seine Hilfe ist das was wir anpacken ohne Chance egal wer es tut und wie erfahren oder tatkräftig die daran Beteiligten sind. Ohne seine Hilfe ist alles was wir angehen. Zum Scheitern verurteilt. An seiner Seite aber, in der Gewissheit seiner Führung werden die Schritte leicht. Und wie sehen die Zeit anders. Der normale Mensch denkt: 2006, das war die Vergangenheit, 2007, das wird die Zukunft. Angeleitet von Josua sieht die Zeitrechnung ganz anders aus: In den Versen vor der Jahreslosung bekommt er die Zusage Gottes: "Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe…"

Da ist das Perfekt benutzt. Der Glaube sieht das, was erst noch kommen soll, schon als geschehen an. Diesen Blick brauchst du. Sei nicht fixiert auf das, was das neue Jahr dir geben soll. Hole die Kraft von dem was dir schon gegeben ist. Das größte, was uns schon gegeben ist, ist Jesus Christus. Da haben wir schon alles, was wir zum Leben brauchen. In ihm haben wir klare Maßstäbe, haben wir Befreiung von Sorge und Zukunftsangst, von belastender Vergangenheit.

In seine Hände, in seine Vergebung wollen wir abgeben, was dunkel war im Alten Jahr. Begleitet von der Bitte, dass sein heiliger Geist unseren Herzen einprägt, was uns bleibend dankbar machen soll. Das sieht bei jedem von uns unterschiedlich aus.

Er ist der gute Hirte, der das einst an Josua Gesagte erneuert und beglaubigt für jeden von uns: Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.

drucken