Hiobs Botschaft heißt vor Hiobsbotschaften nicht zu kapitulieren

„Hiobsbotschaft für BenQ-Mitarbeiter“, aus für rund 1.950 der gut 3.000 Arbeitsplätze.

Hiobsbotschaft für den FC Bayern: „Die kommenden Wochen muss man auf Lukas Podolski verzichten.“

Eine Airbus-Sprecherin bestätigte die Hiobsbotschaft für die Zulieferer am Montagabend.

Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Erdrutschsieg für Demokraten: „Die Ernüchterung der Bush-Leute wächst mit jeder Minute.“

Liebe Gemeinde, was Hiobsbotschaften sind, wissen wir alle. Kaum eine Person der Bibel wird in der täglich Presse so oft zitiert wie Hiob.

Hiobsbotschaften verheißen nichts Gutes.

Hiob steht für Unglück, ja noch mehr, auch für Schmerz, Krankheit, Leid und Trauer.

Die Hiob-Legende in der Bibel erzählt, dass Hiob mit seiner Frau und zehn Kindern als wohlhabender Mann lebte. Er besaß tausende von Kamelen, Schafen, Rindern und Eseln. Er wird als besonders frommer Mann geschildert, was ihm zum Verhängnis wird. Er wird Opfer einer Wette zwischen Gott und dem Satan.

Hiob verliert all sein Hab und Gut und alle seine Kinder, die durch einen Hauseinsturz ums Leben kommen und selbst sein Körper wird von schlimmen schmerzhaften Krankheiten mit Geschwüren heimgesucht.

Die Nachrichten von den Katastrophen, die Hiob in kurzer Zeit überbracht werden, haben sich als Hiobsbotschaften, in unserer Sprache festgesetzt und verselbständigt.

Für uns Christen steht Hiob auch für die Frage: „Wieso kann Gott das zulassen?“, oder der Frage: „Warum nur?“ „Wo warst du Gott?“

Hiob steht auch für Verzweiflung und Klage, wie sie in dem Bibelwort für den heutigen Sonntag ausgesprochen wird. Ich lese Hiob 14, 1-6, in der Übersetzung der Guten Nachricht:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, für die Menschen der damaligen Zeit gab es keine Zufälle. Krankheit und Gesundheit, Sonne und Regen, langes Leben und viele Kinder, alles war von Gott gelenkt. Der liebende und der strafende Gott sind feste Vorstellungen des Alten Testamentes.

Hiob, der die Tiefe der menschlichen Erfahrung, der beides erfahren hat, die Fülle des Glückes und den Verlust von allem, was ihm lieb und wert war, ist eingebettet in diese Vorstellungen.

Hiob wird gerne als der gottesfürchtige Mensch dargestellt, den auch das schlimmste Leid nicht vom Glauben abbringen kann.

Ja, wir kennen die Worte, die man ihm in den Mund gelegt hat. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gelobt sei der Name des Herrn“

Aber der Hiob der uns heute im Predigttext begegnet, ist ein anderer. Hier begegnet uns der Realist und zugleich der Rebell. Er tritt als scharfer Kritiker Gottes auf, der es leid ist, ein Spielball von Gottes Willkür zu sein.

„Blick weg vom Menschen, und lass ihn in Ruhe! Gönne ihm sein bisschen Lebensfreude“ sagt er.

Provozierender kann ein Mensch des Alten Testamentes nicht sprechen: Lass mich in Ruhe Gott, damit ich dieses Leben in Frieden leben und genießen kann.

Im Luthertext heißt es: „so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.“ Es geht also nicht um den Wunsch prächtig und vornehm zu leben. Nein einfach nur sein Auskommen haben und leben, das ist der Wunsch des Hiob.

Liebe Gemeinde, „Das Leben ist zu kurz, um nicht zu leben“, das ist für mich die Lehre aus dem Buch Hiob.

Leben angesichts des Todes, angesichts des Wissens, dass unser Leben und unser Glück jeden Tag zu Ende sein können.

Der Wunsch Hiobs wird noch anschaulicher und griffiger, wenn wir bedenken, dass Hiob noch keine Auferstehungshoffnung kannte, die sich erst im Christentum voll entwickelt hat.

Hiob lebte mit dem Bewusstsein, dass Glück und Unglück, Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung in diesem Leben zu seiner vollen Entfaltung kommen, ja noch mehr – kommen sollen.

„Blick weg von mir, lass mich in Ruhe und gönne mir ein bisschen Lebensfreude!“

Mit diesen scharfen Worten gegen Gott, die in Schmerz und Leid gereift sind, lehnt sich Hiob gegen das Gottesbild des guten Weltenlenkers auf.

Ein Bild, das vielfach auch in Liedern beschrieben wird und auf den ersten Blick tröstlich wirkt. Wenn wir reden von dem Gott „der Wolken Luft und Winden, gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann“.

Aber dieses Bild des guten und gerechten Weltenlenkers, bricht auf der Krebsstation oft wie ein Kartenhaus in sich zusammen. „Ich hab doch nichts Böses getan, dass ich so krank geworden bin“ heißt es da oft und die Menschen machen deutlich, dass sie immer und immer wieder Gott schon irgendwie mit ihrer Krankheit in Verbindung bringen.

„Blick weg von mir, lass mich in Ruhe und gönne mir ein bisschen Lebensfreude!“

Hiobs Botschaft ist keine Hiobsbotschaft. Nein! Hiobs Botschaft ist keine Hiobsbotschaft.

Leid, Not und Elend in der Welt kommen nicht von Gott. Es gibt keine dunkle Seite Gottes.

Leid, Not und Elend sind Teil des Lebens, gehören zum Leben dazu. Leid, Not und Elend fügt nicht Gott dem Menschen zu, im Gegenteil, sie sind viel zu oft Menschenwerk.

Wenn Menschen aber an der Not anderer vorüber gehen, dann ist das kein Schicksal sondern alleine die Verantwortung des Menschen.

Ich wünschte mir manchmal, wir würden das Elend in der Welt nicht immer mit einer heimlichen Auferstehungshoffnung betrachten. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass unser Engagement für eine andere bessere Welt energischer wäre, wenn wir glaubten, es gibt nur diese Chance, um allen Menschen das Leben zu ermöglichen, das Gott für uns will.

Die Hiob-Legende ist da letztlich auch eindeutig. Am Ende bekommt ja Hiob alles wieder, was man ihm genommen hat. In der Bibel heißt es, dass er das Doppelte von dem bekam, was er hatte. Er wird gesegnet hier auf Erden mit Kindern und Vieh und einem langem Leben. Seine Belohnung, wenn ich es einmal so sagen darf, bekommt er nicht im Himmel sondern auf Erden.

Das Christentum hat sich mit diesen Vorstellungen, dass der Mensch hier auf Erden ein glückliches und erfülltes Leben haben soll, meist schwer getan. Auch die Worte Jesu in der Lesung des heutigen Evangeliums, die Aussage über das Reich Gottes hat man in seiner Radikalität nicht übernommen. Selbst Luther hat den ursprünglich in Lukastext: „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch nicht ausgehalten und übersetzte: »Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden … sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch«. Da bleibt nur wenig Zeit zur Lebensfreude.

„Blick weg von mir, lass mich in Ruhe und gönne mir ein bisschen Lebensfreude!“

So spricht einer, der sich nicht damit abfindet, dass das Leben so ist wie es ist. So spricht einer der aufbegehrt gegen sein Schicksal.

Unsere Welt wäre anders, wenn wir nicht so oft sagen würden: „Da kann man doch nichts machen!“

Hiobs Botschaft heißt vor Hiobsbotschaften nicht zu kapitulieren.

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