Keine frommen Worte

Hiob ist eine der ganz bekannten Figuren der Bibel: Der schwer gebeutelte – und darum mit Gott hadernde. ‚Der Herr hat’s gegeben‘ mindestens soviel wissen die Menschen. Er ist ein überaus frommer Mensch, dem es gut geht. Für viele Menschen seiner Zeit war das eigentlich klar: Einem Frommen muss es doch eigentlich gut gehen, weil Gott sein Lebensstil gefällt. Darum wird er ihn reich beschenken. Das idyllische Bild kriegt einen Sprung, als ein Unglück nach dem anderen Hiob trifft: sein Besitz geht verloren, seine Kinder werden getötet. Die ‚Hiobsbotschaften‘ reißen nicht ab. Er bleibt mit seiner Frau allein und bekommt Aussatz. Der erzählerische Rahmen des Hiobbuches kann das nur damit begründen, dass Gott und Satan im Widerstreit stehen, und um diesen Hiob gewettet haben. Die Freunde, die ihn besuchen, schweigen und leiden mit ihm. Dann versuchen sie mit ihm Ursachenforschung zu betreiben: War da nicht vielleicht doch etwas? Warum schlägt dich Gott sonst so? Da muss doch etwas sein. Jeder dieser drei hat etwas zusammengetragen und wird noch mehr zusammentragen. Immer wieder antwortet Hiob. Er weiß um Gott und er weiß um seinen eigenen Lebenswandel und bringt es selber nicht so ganz zusammen. Aber mit den Hilfen seiner Freunde kann er erst recht nichts anfangen. Einem – Zophar – antwortet er mit unseren Versen:

[TEXT]

Eigentlich ganz normale Dinge werden einem manchmal in der Trauer besonders bewusst. Da fällt diesem Hiob auf, was sein irdisches Leben wirklich ist: Eine kurze Zeitspanne, ein Augenblick, mehr nicht. Ihm wird bewusst, dass er Teil der Schöpfung ist und wie eine Blume vergänglich ist. Sie wächst und blüht – und irgendwann ist dann Schluss. Sie hat weder einen Einfluss auf den Beginn, noch auf ihr Ende. Nur das Dazwischen, das kann sie füllen mit ihrer Schönheit. Und so geht es dem Menschen auch. So wenig wie er bei seiner Geburt gefragt wird, ob es ihn überhaupt geben wird, so wenig wird er vor seinem Ende gefragt

Was ihm bleibt, ist die kurze Zeit, die dem Menschen gegeben ist auf Erden – die geringe Chance des Menschen, gut zu leben, aufgrund seiner Geschichte seiner Prägungen.

Und auch in dieser Zeit ist nicht alles einfach schön und idyllisch. Aufstieg und Niedergang liegen eng beieinander. Freud und Leid sind manchmal geradezu Geschwister.

Und da sitzt dieser Hiob in seinem Elend, denkt daran, wie er versucht hat, alles richtig zu machen. Ein frommer Mann, der seinen erfolg als logische Folge seines tadellosen Verhaltens angesehen hat.

Ein guter Mensch, der nun nur noch eine Bitte an Gott hat, ihn wenigstens in dieser kurzen Spanne, irdischen Seins in Ruhe zu lassen. ‚Lasst mich doch endlich in Ruhe!‘ ist der Unterton dieser Sätze. Das ist die Antwort an den Freund Zophar, der gekommen ist, den Leidenden zu trösten. Das ist aber auch die Rede an Gott: ‚Lass mich doch endlich in Ruhe Hiob weist die schnellen Erklärungen, die oberflächlichen Hilfsangebote ab.

Hiob weigert sich, sich den lebendige Gott (den er als schweigend erlebt) verstellen zu lassen. Hiob kann darum nur Nein sagen zu allen Holzwegen, die ihm angeboten werden. Er sucht Ruhe, auch die Ruhe vor Gott. Darum will er Gott entzogen sein. Er will von Gott lassen, damit der von ihm lässt.

Es gibt einen Moment im Leben wo alles nicht mehr weiter hilft, wo man nur noch in Ruhe gelassen sein will.

Hiobs Wunsch ist ja nicht unverschämt. Er will sich freuen bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. Als Schüler und Student habe ich gejobbt und kenne diese Freude, wenn die Arbeit getan war und ihr ein angemessener Lohn entsprach. Diese Freude, wenn das, was man getan hatte, honoriert wurde. Nicht mehr wünscht sich Hiob auch, dass sein Tun vor Gott Anerkennung findet.

So sitzt er da und klagt Gott an, weil er sich um den Lohn seines Tuns gebracht findet. Nicht anders kann er das empfinden, was er erlebt. Es entspricht dem wesen seiner Zeit, dass die Menschen glaubten, dass der Mensch das erntet, was er auch gesät hat. Und wenn wir ehrlich sind, glauben das mehr oder weniger versteckt heute noch viele Menschen. Und dann sind sie erschüttert, wenn es sie trifft oder einen Menschen, der ihnen lieb ist. Er muss zugeben, dass er Gottes willen nicht versteht.

Hiob hat es geholfen, dass sich seine Freunde Zeit für ihn genommen haben. Ihre frommen Sprüche haben ihm überhaupt nicht geholfen. Er hat selber gespürt, dass sie seine Trauer eher noch vergrößern. Ihr Schweigen hat ihnen etwas von Liebe und Geborgenheit, gerade auch in seinem Leid erzählt. Ihre Worte waren ihm hohles Geklingel. Er kann damit nichts anfangen.

Er leidet und in seinem Leiden kann er nur Gott bitten, ihn doch wenigsten in Ruhe zu lassen.

Das Wegschauen Gottes wird hier als Wohltat empfunden. Der Mensch Hiob möchte in Frieden das Seine tun, unbehelligt von allen Einflüssen – nur einfach in Ruhe leben. Gegen einen Gott, den er nur als feindlich erlebt, beschwört er die Menschlichkeit Gottes. Gott soll aufhören zu herrschen und als Mensch reagieren und sei es, indem er einfach mal nicht da ist.

Lass mich doch in Ruhe Gott, ist der entnervte Satz eines frommen Menschen, der mit dem Handeln Gottes nicht fertig wird. Die Freunde haben lange mit ihm geschwiegen, aber als sie reden explodiert sein frommes Herz mit dem Vorwurf an Gott: Ich kann vor dir nicht bestehen – also erwarte auch nicht, dass ich alles ertrage!

Der Text ist ein anklagendes Gebet Hiobs. Es kann mich dazu bringen über mich nachzudenken. Über die immer wiederkehrende Versuchung Trauer und Schmerz mit frommen Worten zuzukleistern. Speziell wenn es um den Tod mitten im Leben geht, Unfall, Krebs, Aids oder was ganz anderes. Plötzlich stirbt jemand, der noch so dringend gebraucht wäre, eine junge Mutter ein junger Ehemann, ein Mensch in den besten Jahren – und dann der Versuch dem Sinnlosen einen Sinn zu verleihen – er kann nicht funktionieren.

Tröstlich am Buche Hiob bleibt für mich der Gedanke, dass das Leiden zu den menschlichen Erfahrungen gehört, mit denen ich leben kann in dem Bewusstsein, dass auch im größten Leid noch Menschen da sind, die mich begleiten. Und in dem Glauben, dass auch dort, wo ich Gott anklage, er noch bei mir ist und mit mir geht.

Ich denke, die Bibel hat dieses Buch auch deswegen überliefert, um mir von diesem wunderbaren Gott zu erzählen, der mir das erlaubt, ihn anzuklagen, ihm Vorwürfe zu machen. Ich darf ihm sagen, dass ich das nicht in Ordnung finde, wenn Menschen leiden und wen Menschen sterben. Ich darf ihm bittere Vorwürfe machen und mich von ihm abwenden. Er bleibt bei mir und geht mit mir, auch dort, wo ich ihn nicht sehen kann und auch dort, wo ich nichts von ihm wissen will.

Diese Zusage hab ich – und sie bleibt mir.

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