Hiobs Verzweiflung

Liebe Gemeinde,

es ist November, die dunkle Jahreszeit hat begonnen. Das schlägt auf die Stimmung. Die Predigttextauswahl in unserer Kirche entspricht der Jahreszeit. Heute haben wir einen Predigttext voll tiefer Verzweiflung. Er steht im Buch Hiob. Kurz der Zusammenhang. Hiob ist ein frommer Mann. Und weil er gut handelt und Gott ehrt, hat Gott ihn gesegnet. Er hat viele Kinder und jede Menge Besitz. Er hat Freunde und ein gutes Leben. Aber eines Tages kommt der Ankläger der Menschen vor Gottes Thron und sagt zu Gott: „Die Menschen halten nichts von Dir, niemand dient dir oder ehrt dich. Sie richten sich nicht nach deinen Geboten.“ Gott verweist auf Hiob. Und der Ankläger antwortet: „Ja, der verehrt dich, aber den hast Du ja auch mit Gutem überschüttet, er hält nur aus Eigennutz zu Dir. Lass mich ihm alles wegnehmen und er wird sich genauso wenig um dich kümmern wie die anderen.“ Gott erlaubt es dem Ankläger. Hiob verliert alles. Aber er hält weiter zu Gott mit dem berühmten Satz: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, gelobt sei der Name des Herrn!“. Aber der Ankläger geht mit Gottes Einverständnis noch weiter, Hiob wird krank, er bekommt eine zwar nicht lebensgefährliche aber schmerzhafte und juckende Hautkrankheit. Und jetzt kann Hiob nicht mehr. Als seine Freunde kommen um ihn zu trösten und zu erklären, wieso dieses Unglück ihn getroffen hat, weist er sie zurück. Er ist verzweifelt. Er kann nicht mehr. Und er klagt Gott an. Ein Teil dieser Anklage ist unser heutiger Predigttext.

Ich lese Hiob 14,1-6 nach der Guten Nachricht:

[TEXT]

Hiobs Verzweiflung lässt ihn das Leben und Gottes Handeln darin nur noch schwarz sehen. Das Leben ist kurz. Der Mensch ist nicht fähig, Gott gerecht zu werden. Das weiß Gott und trotzdem verurteilt er ihn. Gott ist für Hiob zu einem schrecklichen Verfolger geworden. Sein Handeln an Hiob ist grob ungerecht. Glück kann es nur geben, wenn Gott möglichst weit weg ist und gerade mal weg sieht und ihn in Ruhe lässt.

Wer möchte bestreiten, dass Hiob recht hat. Das Leben ist kurz, und es ist ungerecht. Wer möchte bestreiten, dass unser Leid manchmal einfach nicht zu ertragen ist. Ja, wir machen Fehler, aber hat Gott uns nicht so geschaffen, dass wir gar nicht anders können als Fehler machen? Hiob spricht doch aus, was wir alle denken. Ist Gott nicht für unser Leiden verantwortlich? Müssen wir uns nicht vor ihm in Acht nehmen, der uns verfolgt?

Ich glaube die meisten, die hier sitzen, kennen solche Gedanken und die tiefe Verzweiflung, die sie begleitet. Tiefe Verzweiflung ist ein Teil unseres Lebens. Kaum jemand entgeht ihr. Ich erinnere mich daran als ich 17 Jahre alt war. Mein Leben war äußerlich ganz in Ordnung, ich kam gut in der Schule klar, hatte Freundinnen. Mein Vater hatte einen guten Job, meine Mutter kümmerte sich um uns drei Kinder. Und doch war ich überwältigt von der Ungerechtigkeit der Welt. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen die Bilder von Hunger und Krieg jeden Abend in den Nachrichten zu sehen. Ich habe keinen Sinn in meinem Leben gefunden und in dem Leben der anderen auch nicht. Es war diese Nacht, in der ich mir nur noch gewünscht habe, dass es zu Ende sein möge. Zum Glück gab es nichts in der Wohnung, mit dem ich mich einigermaßen schmerzarm hätte umbringen können. Am nächsten Tag habe ich versucht einen Gesprächstermin mit dem Jugenddiakon meiner Kirchengemeinde zu bekommen. Der hatte keine Zeit, das war wahrscheinlich ganz gut, denn er wäre wahrscheinlich überfordert davon gewesen mit mir zu reden. Und nach einer Woche ging es mir wieder so gut, dass ich nicht mehr mit ihm reden wollte.

Tiefe Verzweiflung ist leider nicht auf die Jugendzeit beschränkt. Sie kann einen genauso in der Mitte des Lebens erwischen. Ich denke da an einen Mann, der gerade seine Scheidung hinter sich hat. Es war schlimm genug, dass sein Familienleben, für das er so schwer gearbeitet hatte, ihm um die Ohren flog. Er hat das Haus verloren, dessen Wände er eigenhändig gekalkt hat. Er hat die Frau verloren, die er seit seiner Jugend geliebt hat. Aus eigener Schuld? Hat er Fehler gemacht? Sicher, ja, aber er hat auch vieles richtig gemacht. Warum musste es so kommen? Und jetzt muss er zusehen, wie seine Kinder leiden. Alle zwei Wochen sind sie bei ihm. Und kaum hat sich wieder so etwas wie ein Familienleben gebildet, müssen sie wieder weggehen zurück zu ihrer Mutter. Er spürt wie die Kinder hin- und her gerissen sind. Seiner Exfrau scheint es auch nicht so gut zu gehen, sie hat nicht mehr viel Kraft für die Kinder. Erst hat er in der neuen Freiheit auch Gutes gesehen, jetzt erfasst ihn tiefe Verzweiflung.

Ja, und wenn wir es geschafft haben endlich alt zu sein. Die Jugend liegt hinter uns, die Herausforderungen der Arbeit und des Familienlebens haben wir so gut es ging gestemmt. Endlich in Rente – spätestens dann fangen die Krankheiten an. Ich denke da eine Frau, sie ist erst 73. Osteoporose. Sie geht schon ganz krumm. Wenn sie sich stößt, weiß sie nie, ob sie sich nicht etwas gebrochen hat. Mit den Schmerzen kann sie nur schlecht schlafen. Die Nerven liegen blank. Erschöpfung und tiefe Verzweiflung haben sie erfasst.

Ist das das Leben für das Gott uns geschaffen hat? Freut er sich an unserer Verzweiflung? Wenn die Antwort darauf ja heißt, dann ist Gott unser Feind. Hier hilft uns unser Predigttext leider nicht weiter. Aber ein Blick in unser Leben hilft uns sehr wohl weiter. Die Zeit der tiefen Verzweiflung geht vorbei. Sie bleibt nicht. Wenn wir unser Leben betrachten, dann gibt es auch anderes. Und vielleicht sehr viel mehr anderes. Bei den einen mehr bei den anderen weniger. Aber unser Glück und unsere Freude sind genauso eine starke Wirklichkeit wie die Verzweiflung. Wir können alle Situationen aufzählen, in denen Gott uns geholfen hat. Wir können uns an Momente erinnern, in denen wir unser Leben geliebt haben, in denen wir die ganze Welt hätten umarmen können und alles gut war. Wenn wir Gott manchmal anklagen müssen, weil er uns so Schweres zumutet, so dürfen wir ihm eben auch manchmal danken, weil es uns so Schönes schenkt. Reicht das? Vielleicht – aber sehen wir uns doch mal das Ende des Buches Hiob an, es muss ja eine Antwort Gottes auf diese Klage des Hiob geben. Ja, Gott erscheint Hiob und redet mit ihm. Er selbst antwortet auf die Anklage des Hiob. Er erklärt Hiob, dass Hiob ihn nicht versteht, dass er keine Ahnung davon hat, was er weshalb wie geschaffen hat, dass Hiob nicht die Kraft und die Macht hat, die Gott hat und dass er deshalb Gottes Handeln nicht beurteilen kann. Und Hiob gibt auf. Er nimmt seine Klage zurück. Er gibt Gott recht. Viele Ausleger des Buches Hiob fanden diesen Schluss unbefriedigend. Sie fanden, dass Gott keine überzeugende Antwort auf die Frage des Hiob gibt. Ich finde das nicht mehr seit ich den Satz des Hiob in Kapitel 42 Vers 5 gelesen habe. Da sagt Hiob als Begründung dafür dass er seine Anklage zurücknimmt: „Ich kannte dich ja nur vom Hörensagen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ Was Hiob überzeugt, sind nicht allein die Argumente Gottes. Was Hiob überzeugt ist, dass der ungeheuer große Gott, der das riesige Universum geschaffen, auch die dunkle Materie, die 80% des Weltalls ausmacht und von der wir noch nicht einmal wissen, was das sein könnte, dass dieser gewaltige Gott, extra zu ihm diesem Staubkorn auf der Erde, die im Weltall nicht mehr als ein Staubkorn ist, kommt, um auf seine Klage zu antworten. Gott lässt sich sehen, Gott redet mit ihm. Gott gibt ihm recht gegenüber seinen Freunden. Gott kümmert sich um Hiob. Er hat ihm schreckliches zugemutet. Aber er hat ihn nicht allein gelassen. Er interessiert sich für seine Fragen, er gibt ihm Antworten, die er mit seinem menschlichen Verstand verstehen kann auch wenn dieser Verstand nicht reicht, um die Geheimnisse Gottes zu ergründen.

„Ich kannte dich ja nur vom Hörensagen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ Sagt Hiob. Hiob hat die überwältigende Gegenwart Gottes erfahren, und kann nun mit dem, was er an Leid erlebt hat, umgehen. Er erklärt sich damit einverstanden. In der Begegnung mit Gott gewinnt er sein Vertrauen zurück. Aus der Begegnung mit Gott kann er weiter leben. Auf der Ebene der Vernunft mag uns die Antwort Gottes an Hiob schwach erscheinen. Auf der Ebene der Beziehung ist sie stark und tröstlich. Und um die Beziehung geht es. Wenn ich nicht alles verstehe ist das normal, damit kann ich leben. Womit ich nicht leben kann ist mich von Gott verlassen, verfolgt und gequält zu fühlen. Wenn klar ist, dass Gott sich um mich kümmert, und sich mir zuwendet, kann ich einiges ertragen. Ich glaube das ist die Hilfe, die aus der Verzweiflung heraus führt. Und Hiob ist nicht der einzige, der diese Hilfe erfahren hat. Ich bin sicher, dass hier in dieser Kirche einige sitzen, die davon erzählen könnten, wie in der Tiefe ihrer Verzweiflung etwas da gewesen ist, das ihnen den Weg heraus gezeigt hat. Die Verzweiflung ist gefährlich, aber sie kann aufhören. Die Dinge ändern sich. Und manchmal – bitte keine Regel daraus machen – manchmal ist die schwierige Zeit im Rückblick etwas, worauf ich auf keinen Fall verzichten möchte, weil sie mich auf eine Weise verändert hat, die ich nicht mehr missen möchte.

Wenn es passiert, dass wir in einer schwierigen Situation Gottes Nähe spüren dürfen, wenn es geschieht, dass wir getröstet werden ohne zu wissen wie und warum, wenn aus der belastenden Situation etwas wächst, was ohne sie so nicht möglich gewesen wäre, dann ist aus dem Bösen noch etwas Gutes geworden.

Ich will kein Leiden rechtfertigen und ich will Gott nicht verteidigen. Aber das Leben besteht eben nicht nur aus Sonnenschein und die Frage ist nicht, ob wir Leiden behalten wollen, dass wir auch loswerden könnten, die Frage ist, wie wir mit dem Leiden, das wir nicht vermeiden können, umgehen. Und wenn wir da mitten in dem was uns bedrückt Gott klagen können, und Gott auch anklagen können für das, was er uns zumutet, dann sind wir besser dran als jemand, der nicht an Gott glaubt. Bitten wir Gott, dass was immer auch geschieht, er oder sie bei uns bleibt. Und verlassen wir uns darauf, dass auch die schlimmen Dinge nicht so bleiben wie sie sind.

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