Die Nacht ist vorgedrungen

Liebe Gemeinde,

der Dichter Jochen Klepper hat in den Jahren von 1932 bis 1942 ein ausführliches Tagebuch geführt. Dieses Tagebuch ist unter dem Namen „Unter dem Schatten deiner Flügel“ im Jahr 1956 zum ersten Mal veröffentlicht worden. Wer in diesem Tagebuch einmal blättert, dem fällt schon auf den ersten Blick etwas ganz besonderes auf, was wohl nur in wenigen Tagebüchern zu finden ist. Direkt im Anschluss an das Datum findet sich jeweils ein Bibelvers, entnommen den Herrnhuter Losungen.

Und so steht zu Beginn der Adventszeit 1937 ein Ausschnitt aus dem Römerbrief:

Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Aus dem folgenden Eintrag geht hervor, dass die Familie Klepper auf die Adventszeit hin vorbereitet: "Den Adventsschmuck des Hauses und die guten Dinge, die an den Advents-Abenden schon auftauchen, wollen wir recht einfach halten. Denn es ist Sitte geworden, fasst alles vom Fest schon vorauszunehmen; und dem möchten wir uns ganz bewusst entgegenstellen." Und drei Wochen später, am Samstag, dem 18. Dezember 1937 heißt es: "Morgendunkelheit und Morgenglocken, das prasselnde Feuer in dem großen Ofen, der Lichtschein der Laternen im Hause, die hellen Fenster der Nachbarschaft, der erleuchtete kleine Laden in der Parkstraße. Zarter, neuer Schnee war gefallen. Erst um Mittag begann die fahle Wintersonne zu leuchten. Der Untergang war feierlich und groß. In der Dämmerung standen dann die Laternen wie stille Fackeln am Saume der Gärten. Die klaren schwarzen Äste über der Decke des Schnees sind so friedevoll ; ein Bild der tiefen Ruhe die verschneite Gartenbank. Ich schrieb am Nachmittag ein zweites Weihnachtslied: »Die Nacht ist vorgedrungen …« Das schöne Adventsgeläut."

Ich möchte Sie einladen, die erste Strophe dieses Liedes zu singen:

[EG 16,1]

Die Tagebucheintragungen von Jochen Klepper enden gut fünf Jahre später – in der Woche nach dem 2. Advent. Am 10. Dezember 1942 heißt es: "Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben."

Jochen Klepper, seine jüdische Frau Johanna Stein-Gerstel und seine Stieftochter Renate nehmen sich in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 gemeinsam das Leben. Sie kommen auf diese Weise der Deportation der Ehefrau und Tochter in ein Konzentrationslager zuvor.

Ich möchte mich mit Ihnen auf die Spuren dieses Menschen begeben. Wie kann man ihn beschreiben, sich ihm nähern? Er ist Pfarrerssohn, der das Theologiestudium aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen abbrechen musste und als Journalist seinen Weg gehen wollte. In den 30er Jahren hatte er großen Erfolg mit historischen Romanen – und hat doch immer wieder auch Gedichte und kirchliche Lieder geschrieben. Kurz vor Ausbruch des Krieges wurde eine Sammlung von Liedern zu den verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres veröffentlicht – unter dem Titel: Kyrie – Herr. Und in diesen Liedern stößt man eigentlich durchgängig auf zwei Dinge. Zum einen, dass Jochen Klepper sehr genau um Schmerz und Leid weiß, die unser Leben in manchen Momenten durchkreuzen können. Und so ist auch in diesem Lied die Rede von den Tränen in der Nacht und von der Angst und Pein. Jochen Klepper wird da ganz direkt: auch deine Angst und Pein, auch deine Tränen werden im Lichte dieses Morgensterns ganz anders aussehen.

Wenn Jochen Klepper von der Nacht und der Dunkelheit schreibt, dann geht das weit über die dezemberliche Dunkelheit in seinem Berliner Vorort hinaus, von der wir eben in der Tagebuchnotiz hörten. Er hat eine ganz andere Dunkelheit vor Augen, in die das ganze Land – und mit ihm auch so manche Kircheverfallen ist. Jochen Klepper hat die Dunkelheit des Nationalsozialismus es am eigenen Leib hart erfahren müssen. Der Pfarrerssohn und Theologiestudent ist Mitglied der SPD gewesen, im Rundfunk setzt er sich schon vor 1933 kritisch mit den rechten Parteien auseinander. Als er die Witwe Johanna Stein-Gerstel heiratet, fällt er schließlich ganz aus den Normen und Vorstellungen der nationalsozialistischen Regierung heraus. Er geht die Ehe mit einer Frau jüdischen Glaubens ein, ja ist sogar bereit, ihre beiden – ebenfalls jüdischen Töchter – als seine Töchter anzunehmen – er setzt sich damit in Gegensatz zu den sogenannten Rassevorstellungen der nationalsozialistischen Regierung. Jochen Klepper verliert seine Arbeit beim Rundfunk und bei Verlagen, er darf als Schriftsteller nicht mehr frei veröffentlichen, ihm wird schließlich aufgrund einflussreicher Freunde eine Ausnahmegenehmigung erteilt: jedes Manuskript muss der Zensurbehörde zur Genehmigung vorgelegt werden.

Doch es ist nicht nur die politische Dunkelheit, auch im persönlichen Umfeld erfährt er manche Finsternis. Auch unter Kirchen und Pfarrern gab es Rückhalt für das Gedankengut der Nationalsozialisten. Die Eltern, der Vater war Pfarrer, lehnen aus ihrer antijüdischen Gesinnung heraus die Verbindung des Sohnes ab – und brachen mit ihm und seiner Familie.

Lassen Sie uns die 2. und 3. Strophe singen.

[EG 16,2-3]

Für Jochen Klepper befinden sich die Menschen der Gegenwart unmittelbar im Geschehen des Weihnachtsereignisses. Nicht nur, dass der leuchtende Morgenstern auch deine Angst und Pein hell machen wird, Du bist es, der zum Stall hingehen kann – gemeinsam mit deinen Brüdern und Schwestern. Und dort, nicht in der Erhöhung der eigenen Nation – eines neuen, großen Deutschlands auf Kosten von Minderheiten, nicht in der Stärke der Waffen auf Kosten des Friedens, nicht in einer Diktatur auf Kosten Andersdenkender – nein in einem kleinen, dreckigen Stall ist das Kind zu finden – Gott selber, der sich zu einem Knecht gemacht hat. Was für eine andere Sprache spricht Klepper hier. Wer von Gott als Knecht spricht, der wendet sich gegen die Vorstellungen vom Herrenmenschentum, die es damals gegeben hat. Wer in der kleinen, schmutzigen Krippe das Heil entdeckt, der setzt sich ab von den Hunderten und Tausenden, die auf Reichsparteitagen dem Führer das Heil entgegengeschrieen haben, die selbst die Forderung nach einem totalen Krieg noch als das Heil angesehen haben.

Und so wie die Sprache dieses Liedes sich von der herrschenden Sprache absetzt, so tut es letztlich auch die Musik. Ein junger Volksschullehrer, Johannes Petzold, ist von den Worten Kleppers so beeindruckt, dass er im Jahr 1939 – ein Jahr nach Entstehen des Textes – eine Vertonung gefunden hat, die sich sehr rasch in Deutschland durchgesetzt hat. Sie merken es ja selbst beim Singen, die Melodie dieses Liedes ist zwar eingängig, aber alles andere als einfach. Der Rhythmus dieser Musik ist zum Marschieren denkbar ungeeignet – und damit ganz anders als die vielen Lieder, die damals auf den Straßen wiederhallten. Die Melodie Petzolds ist eingängig – und unterscheidet sich doch vom Dreivierteltakt leichter, unterhaltsamer Musik.

Singen wir die 4. und 5. Strophe.

[EG 16,4-5]

Es mag für uns schon ein wenig merkwürdig klingen, wenn in diesem Advents- und Weihnachtlied von Sündern, von Schuld, ja sogar vom Gericht die Rede ist. Ich glaube allerdings, dass Jochen Klepper diese Begriffe – ganz anders als vielfach üblich – überhaupt nicht in einem moralischen Sinne versteht, sondern als Beschreibung für die Gegenwart, die er erlebt – und die er als eine tiefe Trennung vieler Menschen von Gott versteht. Und angesichts dieser Situation gibt es für ihn nur einen Ausweg – die Hinwendung und das Vertrauen auf Jesus Christus, um aus dem Gericht zu kommen.

Warum habe ich dieses – und nicht irgend eines der anderen Lieder Kleppers der Predigt zugrunde gelegt? Mich beeindruckt der Realismus, mit dem Klepper im Jahre 1938 seine und seiner Mitmenschen Zeit beschreibt. Die Nacht ist noch nicht zu Ende, ja es werden sogar noch ganz andere Nächte über menschliches Leiden und menschliche Schuld hinaufziehen. Und doch hat Jochen Klepper eine tiefe Hoffnung und ein tiefes Vertrauen auf Gott. Im Blick auf ihn verlieren die Nacht und die Dunkelheit ihren letzten, tiefen Schrecken – das Dunkel kann uns nicht wirklich halten, weil von Gott die Rettung für uns Menschen ausgegangen ist.

Ja Klepper geht noch viel weiter – Gott ist ins Dunkle und in die Finsternis hineingestiegen und hat sein Licht selbst dort zum Leuchten gebracht.

Die Zeit des Advents wird auf den Marktplätzen und in den Geschäften als eine Zeit der Fröhlichkeit und des Rummels gefeiert, die Kirche begeht den Advent als eine Zeit der inneren Einkehr, der Busse und der Umkehr.

Das Lebensschicksal Jochen Kleppers und die Worte, die wir in unserem Gesangbuch von ihm weitergeben, regen mich zum Nachdenken an. Ich will mich beflügeln lassen von der Hoffnung auf denjenigen, dessen Licht den Nächten unseres Lebens ein Ende setzen wird, der es eines Tages für immer hell werden lässt. – Ich will mir aber auch die Frage stellen, wo ich vielleicht selbst dazu beitragen kann, dass die Dunkelheit und die Nacht anderer Menschen ein wenig heller werden kann – im Vertrauen auf den, dessen Licht mein Leben beglänzt.

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