Fehlende Worte

Liebe Gemeinde,

einer meiner wiederkehrenden Alpträume ist folgender: Jemand aus meinem Bekanntenkreis wirft mir etwas vor, was ich nicht getan habe. Der Vorwurf ist ungeheuerlich, er wechselt in den Träumen. Und jedesmal endet der Traum so: Ich will herausschreien: "Das ist nicht wahr, das ist ungerecht." Aber so sehr ich mich bemühe, ich bringe kein Wort heraus, ich habe keine Stimme mehr. Wenn ich dann aufwache, bin ich heilfroh, dass ich noch sprechen kann.

Vielleicht kennen Sie auch solche Träume? Vielleicht kennen Sie auch reale Situationen, in denen Ihnen plötzlich die Worte fehlen. Ich selbst erinnere mich an Bewerbungsgespräche, in denen ich auf die Frage: "Und wo liegt Ihre besondere Stärke?" kein Wort herausbrachte. Ausgerechnet für eine Arbeit, in der es fast auschließlich um Worte, um das Wort geht, kommt das natürlich schlecht. Oder Prüfungen: Die richtige Antwort liegt einem auf der Zunge, aber es kommt kein Wort heraus. Passierte das ständig, wäre das ein Fall für einen Psychotherapeuten, der gemeinsam mit mir den Ursachen auf den Grund geht, warum mir in bestimmten Situationen die Sprache wegbleibt.

Wir würden heute kaum annehmen, dass in einer solchen Situation ein böser Geist die Hand im Spiel hat. Damals allerdings dachte man: Wenn jemand stumm ist, dann ist er auch von einem Geist besessen, der genau die gleichen Eigenschaften hat. Das war alter Volksglaube. Der Teufel, sein Stellvertreter Beelzebub, Dämonen … Unheimliche Mächte werden hier aufgeführt; und manch einem ist dabei sicher unbehaglich. Für die Menschen früher waren gerade diese Gestalten Erklärungshilfen. Sie erklärten, warum manch einer krank wurde und andere nicht, warum vieles trotz aller guten Vorbereitungen misslang.

Als Jesus hier einem Stummen zur Redefähigkeit verhilft, beginnen die Debatten in der Menge. Wer ist dieser Jesus? Ist er etwa ein Satanist, der selbst mit dunklen Mächten im Bündnis steht? Das würde gewiss manchem ganz gut in den Kram passen, der voller Misstrauen diesen Mann beobachtet. Klar, einer, der so ganz anders ist als man sich den Messias vorgestellt hat, und der dennoch Wunder tut, der muss ja einen Stärkeren hinter sich haben. Gott kann das nicht sein, also muss es der Widersacher sein. So hat der Teufel, der "Diabolos", das heißt auf Deutsch der, der alles durcheinanderwirbelt, sich schon mitten in die Menge hineingefressen. Er ist es, der die Leute "Zeichen vom Himmel" fordern lässt.

Jesus merkt das wohl. In einer ersten Entgegnung nimmt Jesus den Vorwurf seiner Gegenspieler auf und zeigt in einem Bildwort die Konsequenzen auf: eine Macht, die mit sich selbst kämpft, kann nicht bestehen bleiben. So ginge die Herrschaft des Beelzebul dem Ende entgegen. Das aber kann von seinen Gegner nicht gemeint gewesen sein. Ihr Vorwurf ist also unlogisch.

In einem zweiten Argumentationsgang weist Jesus auf die Tatsache hin, dass auch andere (oí uioí úmon) Dämonenaustreibungen vollziehen, was nach allgemeiner Auffassung auf Salomo zurückgeführt wird. Ihnen könnte man den gleichen Vorwurf machen, was aber dann der eigenen Traditionen widersprechen würde. Wenn Jesus die Dämonen mit Beelzeboul austreibt, so tun dies die jüdischen Exorzisten ebenso.

Hat Jesus die gegenüber ihm gemachten Vorwürfe auf diese Weise ad absurdum geführt, gibt er nun seinerseits eine Erklärung für die Wundertat: Wenn er "durch Gottes Finger" Dämonen austreibt, dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Reich Gottes mitten unter ihnen wirksam ist. Diese Aussage zeugt vom unverwechselbaren Selbstbewusstsein Jesu: er weiß, wer er ist, in ihm ist die Zukunft Gottes schon gegenwärtig.

In einem weiteren Bild macht Jesus noch einmal die Kräfteverhältnisse deutlich: Beelzebul kann nicht in Frieden leben, weil Gott stärker ist und ihn überwindet.

Na prima, werden Sie sagen, und was soll mir diese Geschichte für mein tägliches Leben? Zu mir kommt kein Jesus und hilft mir reden. Und die Pfarrer beantworten in ihren Predigten lauter Fragen, die ich gar nicht gestellt habe.

Vielleicht liegt hier ein ganz zentraler Punkt dafür, dass Kirche so wenig Anziehungskraft für viele Menschen hat. Die Hauptamtlichen klagen darüber, dass sie in der Zeitung und im Fernsehen zu wenig vorkommen und überlegen Strategien für eine bessere Öffentlichkeitsarbeit.

Aber ist denn das, was wir da glauben, sagen zu müssen, wirklich das, was für andere Menschen wesentlich ist? Es gibt ja auch Worte, die nichts sagen. Viele Menschen verstummen, weil wir zu viel reden. Wer seine Stummheit überwinden will, der muss Raum zum Reden haben und nicht immer nur hören dürfen, der muss stammeln dürfen, ohne dass theologische Fachleute die Augenbrauen hochziehen, der muss widersprechen dürfen statt nur "Amen" zu sagen. All das findet er in der Kirche oft nicht. Oft genug hat er das Gefühl, "totgeredet" zu werden, und wir vergessen, dass es die Schriftgelehrten sind und nicht Jesus, die statt zu helfen mit wortgewandten Erklärungen zur Hand sind. Darum brauchen wir auch Mut zum Schweigen und Hören.

Wenn überhaupt, dann reden wir eifrig für die Stummen, erklären anderen ihre Lage, in Denkschriften, Vorträgen, Bischofsworten setzen wir uns für Asylsuchende und ledige Mütter, für Landarbeiter in Brasilien und Behinderte ein; nur werden die Stummen nicht geheilt, wenn andere für sie reden, sondern wenn es andere gibt, die sie das Reden lehren, ja, überhaupt die Möglichkeit und den Raum geben, ihre eigene Stimme zu erheben.

Und da hapert es dann gewaltig. Fürs Zuhören ist die Zeit im Dienstplan eines Gemeindepfarrers oft viel zu knapp bemessen. Da ist einer laufend in der Zeitung zu sehen, wie er Bauprojekte erläutert, Hilfstransporte anleiert, mit Politikern verhandelt. Er ist zudem noch bei der Feuerwehr und in etlichen anderen Vereinen – und ich frage mich: "Wann besucht der eigentlich die Kranken in seiner Gemeinde?" Ich leide ja selbst schon darunter, wie wenig Zeit mir dafür bleibt, Stumme zum Reden zu bringen. Sieben Stunden Zeit für die Gottesdienstvorbereitung räumt einem Pfarrer ein normaler Dienstplan in der Woche ein. Der Großteil davon wird in die Predigt investiert, die vielleicht voller Antworten auf Fragen ist, die Sie gar nicht stellen würden, in einen Monolog, der Sie als Zuhörer mindestens 15 Minuten zum Schweigen zwingt und in dem es nicht vorgesehen ist, dass Sie durch Fragen und Einwände unterbrechen. Das Reich Gottes ist mitten unter uns – das sollte spürbar werden, hörbar und sichtbar. Statt das aufleuchten zu lassen, verhalten wir uns wie Schriftgelehrte.

23 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. Dieser Satz Jesu ist von einschneidender Klarheit. Es gibt kein Mittelding, wir leben in einer Zeit der Entscheidung. Wenn das Reich Gottes sich dadurch ausbreitet, dass allen geholfen wird, den Mund aufzumachen und ein selbstständiger Mensch zu werden, dann muss unsere Hilfe eben genau dazu führen. Wir sollen nicht für die Sprachlosen reden, sondern sie so stärken, dass sie selbst sprechen können.

Ich habe zum Beispiel eine Patenschaft für einen Realschüler in Tansania, der bald seinen Schulabschluss macht und dann hoffentlich fähig ist, sich für sich selbst einzusetzen. Oft höre ich Skepsis, wenn ich für weitere solche Schulpatenschaften werbe. Aber wir sollten uns nicht lähmen lassen mit dem Einwand, was sei schon die Hilfe für einen Einzelnen, wenn doch ganze Völker ausgerottet werden, und überhaupt, es sei doch besser, wenn nicht alle etwas zu sagen hätten und ihre Rechte einklagen könnten. Das erinnert mich an die Angst der Kirche zu Luthers Zeiten, die Bibel auf Deutsch unters Volk zu bringen und alle Kinder lesen zu lehren. Klar, wer entschieden für Jesus eintritt und damit auch für die Befreiung der Stummen aus ihrer Angst und Not, der riskiert Unannehmlichkeiten. Vielleicht sogar mit der eigenen Kirche. Martin Luther ist es jedenfalls so ergangen und vielen anderen vor und nach ihm auch, auch den Pfarrern der Bekennenden Kirche in der Zeit der Nazi-Diktatur.

In der nächsten Woche wird beim Gesamtkonvent in unserem Kirchenkreis die Frage behandelt, wie es hier um rechte Aktivitäten steht. Es gibt da schlimme Dinge, direkt vor unserer Haustür. Ein Neonazi-Anführer wohnt in einem Dorf nahe bei Sangerhausen – und auch in diesem Pfarrbereich gibt es genügend rechte Jugendliche, aber auch Erwachsene, die es aus ihrem langen Leben besser wissen müssten. "Bei Hitler gab es wenigstens keine Arbeitslosen und keine Drogensüchtigen" hörte ich neulich vollmundig bei einem Geburtstagsbesuch. "Klar, wo Millionen Menschen im Krieg oder in der Gaskammer umkommen, gibt es keine Arbeitslosen mehr, habe ich gesagt", und erstaunlicherweise gab es nicht den befürchteten Krach, sondern der Sohn des Mannes, der so unüberlegt geredet hatte, stimmte mir erleichtert zu, und dann wagte auch die Ehefrau, die schon ganz ängstlich und peinlich berührt geguckt hatte, einen Widerspruch. Wir haben dann differenzierter über die Probleme hierzulande gesprochen, auch über die Arbeitslosigkeit, die die Menschen stumm macht und zum Teil nach falschen Führern suchen lässt.

Sicher, ich habe nicht wirklich was riskiert, Gemeindemitglieder würden wohl kaum die Pastorin zusammenschlagen. Aber es hätte trotzdem die vordergründig angenehmere Variante gegeben, zu schweigen. Was Jesus aber will, ist, dass wir auch dort Stellung beziehen, wo es nicht mehr ganz so harmlos ist. Er hat sich für uns schlagen und kreuzigen lassen, und Nachfolge heißt auch, sich mal die Hände schmutzig machen, Stellung beziehen, auch dort, wo man die eigene Beliebtheit riskiert. Es bedeutet aber auch, denen nachzugehen, die da stumm sind vor Hass.

Auch das ist Gottes-Dienst. Die Religion wird geboren aus der Mitmenschlichkeit, der Glaube aus der Liebe. Frömmigkeit am meisten aus der Art, wie wir miteinander sprechen. Selbst wenn wir nur gemeinsam unsere Ratlosigkeit formulieren, sind wir näher bei Gott als wenn wir Menschen mit vorgefertigten Antworten zum Schweigen bringen.

drucken