Barrieren überwinden

Beginn der Endzeit des Kirchenjahres: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! So haben wir es im Wochenspruch gehört – und manchmal wollen wir es nicht recht glauben. Wir erleben schließlich genug Unheil in dieser Welt: Krieg und Folter, Wirbelstürme und Erdbeben, Verlust von Arbeitsplatz oder familiären Bindungen. Von Krankheiten und Behinderungen gar nicht zu reden.

Aber genau davon redet unser heutiger Predigttext: Von einem Behinderten, einem Kranken. Seine Behinderung: Er war stumm.

Nicht reden zu können, stumm zu sein ist eine Form der Behinderung, die ich als altes Plappermaul mir schwer vorstellen kann. Um so mehr zu einer Zeit, als der schriftliche Kommunikation einer elitären Bildungsschicht vorbehalten war. Der Stumme zur Zeit Jesu war schwer behindert. Er konnte sich nur mit Gesten und Zeichen seiner Umwelt mitteilen. Er war ein Außenseiter. Klar, dass seine Mitmenschen damals einem bösen Geist, der das Miteinander verhindern wollte, die Schuld gaben. Jesus wendet sich diesem Menschen zu:

[TEXT]

Es macht jetzt wenig Sinn über böse Geister zu sinnieren. Böse Geister stehen im antiken Denken als Bild für Alles, was dem Leben entgegensteht, was das Leben verhindert, was es kaputt macht. So ist dieser Geist der Stummheit ein Geist, der menschliches Miteinander verhindert, der Kommunikation zerstört.

Exorzismus ist unserem Denken eigentlich fremd. Manchmal lesen wir mit Schaudern von seltsamen Praktiken. In den 80er Jahren gab es sogar zwei Filme (Der Exorzist I + II), die dieses Schauern noch verstärkten. Die Wirklichkeit aber ist: Exorzismus ist nichts Weiteres als Vertreibung des Böses in unserem Leben und dem Leben unserer Mitmenschen durch das Gebet. Jesus gibt uns durch sein Handeln hier ein Beispiel und einen Auftrag: Gegen das Böse anzukämpfen mit allen Mitteln, die er uns zur Verfügung stellt. Dort wo er böse Geister austreibt, beginnt das Reich Gottes (V.20), um dessen Ankommen wir ja im Vaterunser beten.

Exorzismen gehörten damals zum Repertoire religiösen Handelns. Auch andere tun das, auch die Jünger versuchen es und erhalten die Vollmacht, es wirklich zu tun. Hier wird der Geist der Stummheit ausgetrieben, durch das Gebet wird eine Barriere zwischen den Menschen eingerissen. Der Teufel, der böse Geist steckt in dem, was Menschen daran hindert miteinander zu reden.

Wir persönlich können viel tun, dass Menschen, die schweigen anfangen zu reden. Wir können dem Leid und der Trauer Worte schenken. Das Leid von Menschen ist mit Händen zu greifen, die niemanden haben, der ihre Worte hört. Der böse Geist ist oft auch die Tatsache, dass es niemanden gibt, der zuhören möchte. Menschen gehen kaputt an dieser Isolation. Sie erfahren die Wirklichkeit, von der Jesus heilt. Und die zu heilen er uns die Vollmacht schenkt.

Die Herrschaft des Bösen, des Beelzebul, wie ihn die Gegner Jesu nennen, beginnt dort, wo Kommunikation unmöglich ist. Sie wird unmöglich, weil es Mächte gibt, die Kommunikation verhindern, so wie die Gegner Jesu jede Kommunikation wortreich verhindern. Sie öffnen ihre Schubladen weit und versuchen Jesus dort hinein zu stecken: Mit dem Teufel im Bunde. Wer so Barrieren niederreißt, kann nur mit dem Bösen in Zusammenhang gebracht werden.

Mit Spannung lese ich die Berichte über die Abstimmung vor 50 Jahren über das Saarstatut. Als Nicht-Saarländer habe ich keine Ahnung, was damals wirklich los war. Aber mir wird deutlich mit wie viel Hass und Abneigung die Gegner Barrieren aufgebaut, sich gegenseitig verteufelt haben, nicht mehr aufeinander zuhören wollten. Das ist wahrlich vom Teufel. Wo so Kommunikation unterbunden wird, geht Menschlichkeit kaputt.

Jesu Auftreten scheidet die Geister. Ihm werden sofort üble Motive unterstellt, die an den Hexenwahn in Europa erinnert: Kraft kann nur aus dem Bösen kommen. Anstatt dass wir uns auf die Stärke besinnen, die aus dem Glauben kommt. Und die Kraft gebrauchen, die uns in Wort und Gebet zur Verfügung steht. Jesus spricht den Außenseiter an – das macht heil!

Jesus wurde letztendlich auch darum gekreuzigt, weil er es wagt der Macht des Bösen gegenüber zu treten und sie zu zerstören.

Das Reich Gottes bricht nicht überraschend herein, sondern in Jesus ist es bei uns erschienen. Wir dürfen es dankbar annehmen – und leben!

Wir dürfen in Jesu Namen Barrieren überwinden durch Taten, Worte und Gebete. Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Es geschieht dort, wo wir den Willen des Vater tun.

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