Was leben wirklich heißt

Liebe Gemeinde!

Da singen wir in jedem Gottesdienst: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, da beginnen wir jede Predigt mit einem Friedensgruß, und dann kommen ausgerechnet von Jesus Worte, die wir von ihm so ganz und gar nicht erwartet hätten. Kaum ein Satz lässt sich leichter missbrauchen, wenn man ihn aus dem Zusammenhang reißt als dieser: Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Damit lassen sich Kreuzzüge und alle anderen Religionskriege legitimieren, damit kann man bedenkenlos auf anders Denkende einprügeln und dabei noch missionarische Gefühle entwickeln. Aber ist es das, was Jesus meint? Ganz sicher nicht, denn er kommt ja gleich auf den familiären Bereich zu sprechen. Bestimmt hat es nicht jedem Vater gepasst, wenn sein Sohn sich entschlossen hat, Fischernetz Fischernetz sein zu lassen und dem neuen Messias nachzulaufen. Wir wissen aus der Bibel, dass die Schwiegermutter von Simon Petrus geradezu krank geworden ist, als der seine Familie verlassen hat, um Jesus zu folgen und dann auch noch diesen Mann in ihr Haus gebracht hat. Gerade in frommen jüdischen Kreisen hat die Auseinandersetzung darüber, ob Jesus nun der erwartete Erlöser sei, Risse durch die Familien gezogen. Das aber, so Jesus, müssen diejenigen in Kauf nehmen, die es mit der Nachfolge ernst meinen. Das mussten die ersten Christen erfahren, auch in der Zeit, in der das Matthäus-Evangelium niedergeschrieben wurde. Es wendet sich ja zwar vor allem an sogenannte Juden-Christen. Aber auch in Familien, die griechischen oder römischen Göttern huldigten, war es sicher ein Grund für schwere Zerwürfnisse, wenn da einer oder eine auf einmal zu der "neuen" Religion wechselte und die Botschaft und das Leben Jesu überzeugend fand.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Jesus findet harte, aber klare Worte. Er will den ganzen Menschen, er will eindeutige Entscheidungen. Ich denke daran manchmal, wenn ich mich mit Leuten unterhalte, die mir erzählen, dass sie ja nichts gegen die Kirche haben, "aber es war ja zu DDR-Zeiten nicht angesagt". Und ich denke an viele jüngere Menschen, die schon Interesse am Christentum haben, aber "in unserer Familie wurde man eben anders erzogen." Eine Frau mit zwei kleinen Kindern hatte da enorme Probleme, als sie ihre Kinder taufen lassen wollte. Der Vater der Kinder, ihr Ehemann, war dagegen. Sie hat es trotzdem gewagt, sie hat Paten gefunden, die zur Kirche gehören. Der Familienfrieden hing eine Weile sehr schief. Aber die Frau war eindeutig, und das war ihr wichtig. Nicht jeder hat den Mut und die Kraft eines Dietrich Bonhoeffer: "Die Zeit ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Es ist Entscheidungszeit. Wer hier am Wort und am Bekenntnis bleibt, bei dem wird in der Stunde des Gerichts Jesus Christus stehen. Er wird ihn kennen und sich zu ihm stellen, wenn der Verkläger sein Recht fordern wird. Alle Welt wird Zeuge sein, wenn Jesus unsern Namen nennen wird vor seinem himmlischen Vater. Wer sich im Leben zu Jesus gehalten hat, zu dem wird sich Jesus in der Ewigkeit halten." So schreibt er in seinem Buch "Nachfolge", das vor der Zeit entstanden ist, in der er selbst mit seinem Leben für sein klares Bekenntnis hinhalten musste.

Der Apostel Paulus war für sich selbst ja zu dem Schluss gekommen, es sei besser, erst gar keine Familie zu gründen.

In der im Neuen Testament überlieferten Verkündigung Jesu von der anbrechenden Gottesherrschaft spielen Lebensformen wie Familie und Ehe nur eine untergeordnete Rolle. Wo sie zum Hindernis auf dem Weg der Nachfolge werden, muss ihnen sogar radikal abgesagt werden. Sie gehören zu der vergehenden Welt.

Aber heute haben wir ja gemerkt, dass diese Zeit der "vergehenden Welt" nun schon fast zweitausend Jahre dauert. Und wir haben uns so eingerichtet, dass familiäre Bindungen und Traditionen doch prägend wirken. Aber zunächst gilt es ja erst einmal, herauszufinden, ob ich selbst diese Prägungen überhaupt will. Das kann für die Prägung durch ein atheistisches, aber auch durch ein allzu frommes Umfeld gelten. Jesus will, dass wir in allem, was wir tun, wir selbst sind. Auch in der Entscheidung zur Nachfolge. "In die Kirche gehe ich aus Liebe zu meiner Mutter, ich könnte ihr das ja nicht antun, nur standesamtlich zu heiraten", so handeln viele Ehepaare in den alten Bundesländer. Das ist es nicht, was Jesus will. Ebenso wenig würde er es gut heißen, wenn jemand aus Rücksicht auf seine Kinder, die in einer atheistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, seinen eigenen Glauben nicht mehr leben würde. So krass schwarz-weiß sehen die Entscheidungsmöglichkeiten nicht immer aus.

Manchmal merken wir die Situationen gar nicht so richtig, in denen wir uns selbst und Jesus untreu werden. Es fängt da an, wo wir jemanden, den wir mögen, nicht zum Geburtstag einladen, weil wir befürchten, er könnte unserem Vater oder der Mutter nicht gefallen, weil er sich vielleicht ungewöhnlich kleidet. Oder auch da, wo wir bei irgendwelchen Menschen, die sich längst über Glauben erhaben fühlen, nicht wagen, zuzugeben, dass wir da anders denken.

"Jesus hat mit unbestechlichem Blick erkannt, dass an sich so positive Dinge wie innige Beziehungen, wie Blutsverwandtschaft und Geschäftsfreundschaft auch eine negative Dynamik entwickeln können, wenn sie nämlich das notwendige Tun des von der Wahrheit Gebotenen in der Watte des Klüngels ersticken." (Klaus Berger, Jesus, S.396) Ich möchte das an einem Beispiel aus meiner eigenen Familie erläutern: Als ich in den ersten Semestern des Theologiestudiums stand, meinte meine Mutter: "Wenn du Pfarrer wirst, trete ich aus der Kirche aus." Ich war ihr zu unorthodox, zu wenig angepasst an kirchliche Traditionen. Ich habe weiter studiert, bin aber erst viele Jahre nach dem Studium in die Verkündigung gegangen. Irgendwo in mir drin steckte die Angst vor der Kritik meiner Mutter. Heute tut es mir leid, dass ich nicht schon viel früher den Mut gefunden habe, das zu tun, was ich eigentlich wirklich wollte: Anderen Menschen Gottes Liebe näher bringen.

Es fängt da an, wo wir Kompromisse eingehen, bei denen uns selbst nicht wohl zumute ist und bei denen wir merken, dass wir Gefahr laufen, nicht mehr ganz wir selbst zu sein.

Jesus hat mit Traditionen radikal gebrochen. Er hat sich um die gekümmert, die vor dem Tempel sitzen und betteln mussten, um die, die ausgestoßen und geächtet waren von den Frommen, weil sie anders waren als "man" allgemein war. Sei es durch eine Krankheit, durch ihre Armut oder aber durch eigene Schuld. Gerade sie konnte er durch seine überzeugende Art, auf jeden einzelnen einzugehen, an Körper und Seele gesund machen. Und er macht uns Mut, den Streit zu wagen. Unser Ja soll ein wirkliches Ja, unser Nein ein wirkliches Nein sein. Das, was wir sprechen, soll in sich stimmig sein, soll aus uns selbst heraus kommen und in sich einfah, zuverlässig und wahr sein. Das fordert Mut, das bedeutet auch manchmal, auf gute Freunde oder auch auf Verwandte verzichten zu müssen. Das ist das Kreuz, das wir aufnehmen sollen, wenn wir es ernst meinen mit der Nachfolge. Wir sollen aufhören, uns selbst etwas vorzumachen, doppeltes Spiel zu treiben aus Angst, von den anderen nicht mehr geliebt zu werden. Irgendwann ersticken und ertrinken wir sonst in einem Kessel voller Lügen.

Was uns Jesus bietet, ist allerdings weit mehr. Es kann passieren, dass wir unser bisheriges Leben verlieren, dass alles abbricht, worauf wir uns bisher verlassen haben – aber dass wir dafür endlich erkennen, was leben wirklich heißt. Ich kann mir das ganz gut vorstellen, wie es den Menschen, die sich zu Jesu Lebzeiten für die Nachfolge entschieden haben, gegangen sein mag: Für Petrus beispielsweise, den bisherigen Fischer Simon, öffnet sich eine ganz neue Welt. Wahrscheinlich wäre er niemals auf die Idee gekommen, etwas anderes zu sein als Fischer, wäre nicht Jesus an ihn herangetreten und hätte seine Fähigkeiten geweckt. Freilich war es ein harter Erfahrungsweg für Petrus. Denken wir an die Szene im Hof des Gerichtes, wo er dann doch versucht, dem Kreuz auszuweichen (und wer von uns hätte das nicht ebenso getan?) Des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Hier spricht Jesus prophetisch: schon die ersten Christen waren in ihren eigenen Häusern nicht mehr sicher, und als die neue Religion sich bis nach Rom ausgebreitet hatte, waren Spitzel überall zu befürchten. Christen mussten in die Katakomben fliehen. Fast 2000 Jahre später haben Christen in Russland genau das Gleiche wieder erlebt, und auch Sie hier kennen gewiss genügend Beispiele von Bespitzelungen und Anfeindungen in Familien. Christen haben andere Christen verfolgt, ihnen mit dem Tod gedroht, in finsteren Zeiten der Inquisition und nicht nur da. Menschen können Menschen ganz fürchterlich verletzen, nicht nur am Körper, auch an der Seele. Und Jesus möchte, dass dieser Angstterror endlich aufhört. Er sagt: Menschen können zwar die Macht haben, euren Körper, eure irdische Existenz zu vernichten. Aber ernst nehmen solltet ihr nur Gott. Dann greifen die Drohungen, die unser Leben betreffen, nicht mehr. Das klingt sehr, sehr mutig. Ich selbst bin weder ein Held noch ein potentieller Märtyrer. Aber ich habe gemerkt, wie stark und frei man wird, wenn man in dem Bewusstsein lebt: "Mehr als mein Leben kann ich nicht verlieren, und ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand." So etwas macht auch frei von kirchlichen Zwängen und Vorschriften. Ich kann nicht, weil es in der Kirche so eine eigenartige Form von geforderter Selbstverleugnung gibt, ständig mehr von mir verlangen, als ich zu leisten vermag und ständig die Latte höher legen als ich sie je überspringen könnte. Ich darf zu meinen Schwächen und Fehlern stehen, Gott kennt sie sowieso, und er liebt mich mit diesen Fehlern. Mein Kreuz auf mich nehmen, das bedeutet auch, dass ich zu meinen Schwächen stehe und sie nicht aus Angst vor der Ächtung anderer und vor Misserfolgen ständig vertusche. Nur in der Art, wie wir selbst zu leben wagen, können wir etwas von der Wahrheit Jesu finden.

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