Mütter in der Bibel

Liebe Muttertagsgemeinde!

Wir wollen uns heute zum Muttertag einmal anschauen, wo Mütter in der Bibel vorkommen und wie sie beschrieben werden. Wir wollen dabei darauf achten, was wir von diesen biblischen Geschichten lernen können für unseren Alltag und für unseren Glauben.

Die berühmteste Mutter der Bibel ist natürlich Maria, die Mutter Jesu. In der katholischen Kirche ist sie jungfräuliche Gottesmutter und man hat den Eindruck, dass alle Wünsche der Männer, wie Frauen sein sollen, sich hier zu einem Bild verdichten, das unmöglich verwirklicht werden kann von normalen Frauen. Diese schwierige Vorstellung hat sich fortgesetzt in dem Missbrauch des Muttertags durch die Nazis. Da wurde aus dem Achten der Mütter ein Mutterkult, um Nachwuchs für den Krieg zu bekommen.

Diesen Schutt müssen wir erst einmal wegräumen, um unbefangen die junge Frau Maria in den Blick zu bekommen. Maria, ein junges Mädchen, zu dem der Engel kommt, der ihr die Kraft aus der Höhe verheißt. Sie ist nicht verheiratet und bekommt doch ein Kind. Ein höchst gefährliche Situation. Ihr Verlobter Josef könnte sie wegen Ehebruch steinigen lassen. Es ist schon eine Engelsbotschaft nötig, damit das nicht passiert.

Und dann sind da die besonderen Umstände, die dieses Kind Jesus zu einem besonderen Kind machen. Eine Engelsbotschaft, von Hirten weitergesagt. Die Geburt im Stall und dann der Kindermord zu Bethlehem, dem die Heilige Familie durch die Flucht nach Ägypten ausweicht. Maria behält all diese Worte in ihrem Herzen. Dann wird Jesus jugendlich und bleibt im Tempel. Es ist sicher nicht einfach für Maria und Josef, als er dann sagt: ich muss doch im Haus meines Vaters sein.

Dann, mit vermutlich 30 Jahren, wird Jesus zum Wundertäter und Wanderprediger. Und er sagt: die, die den Willen Gottes tun, sind meine Familie. Es ist sicher kränkend für Maria, so sehr auf das besondere Verhältnis zu ihrem ältesten Sohn verzichten zu müssen.

Am Kreuz aber wird ihr eine besondere Rolle zugewiesen. Jesus vertraut ihr seinen Lieblingsjünger Johannes als Sohn an. So wird ihr Schmerz und ihre Trauer begrenzt. Sie hat eine Zukunft und eine Aufgabe. Der sterbende Jesus hat ihr dieses Vermächtnis hinterlassen.

Zusammen mit den 11 Aposteln und mit Jesu Brüdern ist sie dann im Haus in Jerusalem versammelt, als der Heilige Geist die Furcht in Hoffnung verwandelt. Das ist das letzte, das wir von ihr hören. Am Anfang der Geschichte von der Erlösung hat sie sich in den überraschenden und gefährlichen Willen Gottes begeben: Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast. Und am Ende der Geschichte von der Erlösung gehört sie zu den wichtigsten Zeugen davon, dass Jesus da ist, mitten in seiner Gemeinde, durch seinen Stellvertreter, den Heiligen Geist.

Liebe Muttertagsgemeinde, der christliche Glaube steht heute für Familienwerte. Für die Liebe, die sich im engsten Umfeld als erstes bewähren muss. Für das Vertrauen, das als Urvertrauen von den Eltern gelernt werden muss, um sich dann im Lauf des Lebens – reifer werdend mit den unterschiedlichen Lebensphasen – als Gottvertrauen bewähren zu können. Für die Hoffnung, die in uns wächst, weil wir erfahren, dass auch in den schwersten Zeiten jemand da ist, der uns vergibt und uns unterstützt.

So sollte es eigentlich sein. Aber so ist es ja eigentlich nie. Vielleicht hilft uns hier die Geschichte der Maria. Denn ihre Familie war ja keine ideale christliche Familie. Sie wurde unverheiratet schwanger. Josef wollte sie verlassen. Jesus stellte seine neue Bewegung über die Familienbande. Und die grausame staatliche Verfolgung war für die ganze Familie gefährlich.

Und doch gibt es hier eine Liebe, einen Glauben, eine Hoffnung, die diese Geschichte trotz aller Brüche, trotz allem Bitteren, trotz allem Verzweifelten zu einem sinnvollen Ganzen verbindet. Gott schreibt auf krummen Linien gerade. Diese Geschichte ist die Geschichte unser aller Erlösung. Diese junge Frau Maria, die vor ihrem Schicksal nicht flüchtet, sondern es annimmt aus der Hand Gottes und die dadurch Teil dieser Geschichte der Erlösung wird – die kann uns Vorbild und Ermutigung sein. Wir können unser Schicksal mit all seinen Brüchen, mit allem Bitteren und allem Verzweifelten annehmen aus der Hand des Engels. Wir können es sagen wie sie: Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast.

Maria ist dabei nicht Vorbild für Entsagung und Opfer von Müttern. Das wurde oft genug den Frauen gesagt. Es wurde ihnen nahegelegt, kein eigenes Leben haben zu wollen, sondern sich aufzuopfern für die Familie.

So war es nicht bei Maria. Maria gewinnt eine Würde und eine Stellung, die höchst ungewöhnlich für einen einfachen Teenager zu ihrer Zeit. Eine junge Frau aus der Provinz, ungebildet, aus einer Handwerkerfamilie, wird durch diese Geschichte der Erlösung zur weltweit verehrten Mutter des Erlösers. Sie gehört als eine der wenigen, die nicht wegliefen, sondern Jesus am Kreuz beistanden, zu den wichtigen Personen der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Sie folgt nicht irgendwelchen Träumen, sondern sie wird zur Beauftragen des Erzengels Gabriel. Im Grunde müsste man den Bibelvers nicht mit Magd, sondern mit Ministerin übersetzen: Siehe, ich bin Gottes Ministern. Mir geschehe, wie du gesagt hast.

Liebe Muttertagsgemeinde, heute zum Muttertag wird den Müttern danke gesagt. Weil ihre Arbeit unbezahlt ist, weil sie oft nicht wahrgenommen wird, weil eine Familie zusammenbricht, wenn Mütter nicht mehr können – deshalb ist ein solcher Tag nötig. Von der christlichen Botschaft her dürfen die Mütter aber nicht weiter zur Selbstaufopferung für Gotteslohn gedrängt werden. Maria, die Mutter Jesu, zeigt uns vielmehr: in jedem Kind steckt eine Botschaft Gottes. Die Botschaft, dass Gott die Welt noch nicht aufgegeben hat. In jedem Kind steckt Zukunft und Hoffnung. Und alle, Mutter und Vater, die Großeltern und die Paten, sind aufgefordert, dem neuen Menschen ein gelingendes Leben zu ermöglichen. Vertrauen muss gelernt werden. Liebe muss geübt werden. Hoffnung muss trainiert werden. Das geschieht in den Familien.

Und die Familien sind von solch hohen Ansprüchen natürlich überfordert. Und das heißt immer noch: v.a. die Mütter sind von solch hohen Ansprüchen überfordert. Was muss da nicht alles beachtet werden, wenn man die Ratgeber liest. Wir leben in schwierigen Zeiten. Die Familien sind von diesem großen Ziel, Vertrauen, Hoffnung und Liebe zu ermöglichen, letztlich überfordert. Auch die Gesellschaft, v.a. Kindergarten, Schule, Arbeitswelt, sind davon überfordert. Zu sehr hat sich die Hoffnung verflüchtigt. Zu sehr beherrschen uns Deutsche Zukunftsängste.

Wir brauchen es dringend, dass die Geschichte der Erlösung bei uns weitergeht. Dass Religion jetzt ein so großes Thema ist, zeigt das. Zum Glück müssen wir nichts neu erfinden. Wir können uns hineinstellen in diese alte Geschichte. Und wir können vertrauen, dass Erlösung geschieht trotz alledem. Trotz aller Brüche, trotz allem Bitteren, trotz allem Verzweifelten.

Maria war nichts besonderes damals. Ein ganz normales jüdisches Mädchen. Wichtig war nur, dass sie ihr Schicksal angenommen hat. Aus Gottes Hand genommen hat. So konnte sie ihren Weg gehen, aufrecht, mutig und voll Würde. So hat sie nicht die Angst beherrscht. Unter dem Kreuz, mitten unter den brutalen römischen Soldaten, konnte sie ihrem sterbenden Erstgeborenen beistehen.

Liebe Muttertagsgemeinde 2005, die Geschichte der Erlösung geht weiter, heute, bei uns hier in Messel, in unseren Familien. Das Vertrauen kann in uns gestärkt werden, weil für uns geglaubt wird. Die Hoffnung kann aufleben, weil für uns gehofft wird. Die Liebe kann in uns wieder brennen, weil für uns und in uns geliebt wird. Ein anderer tritt für uns ein – Jesus Christus, unser Erlöser.

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