Was wir zum Leben brauchen

Der Herr ist mein Hirte – der 23. Psalm, er gehört wohl zu den bekanntesten Texten der Bibel überhaupt. Vielleicht kennen ihrn einige von Ihnen sogar auswendig. Aber auch heute noch wird dieser Psalm von den KonfirmandInnen immer noch gelernt, zumindest aber behandelt. Der Herr ist mein Hirte – der Psalm 23 malt Bilder, die von Trost und Ruhe, von Schutz und Geborgenheit erzählen. Gott wird hier als ein Hirte beschreiben, der führt und versorgt, der beschützt. Als einer – anders als die Hirten,die Hesekiel angeklagt hat – der an die grünen Auen und zum frischen Wasser führt, der einen Tisch bereitet, der mit Stecken und Stab vor den Feinden schützt, der durch die Finsternis leitet. Gott ist wie ein Schäfer für die Menschen, die diesen Psalm das allererste Mal gedichtet, gesprochen, gebetet haben. Ein schönes Bild voller Ruhe und Trost. Ein idyllisches Bild.

Aber idyllische Bilder haben immer auch etwas kitschiges an sich. Bilder in warmen, leuchtenden Farben zeigen oft nur die eine Seite der Medaille. Gott der Herr ist mein Hirte. Nur: Was wissen wir denn eigentlich noch von Hirten? Sehen wir die idyllischen Bilder vor uns: Die Hirten mit langem Bart und Schlapphut, die sich auf seinen Hirtenstab stützen und in der Abenddämmerung friedlich über ihre Herde blickt? Oder verbinden wir mit dem Hirten etwas, was wir eigentlich gar nicht so gut finden? Denn ein Hirte, der sagt, wo es lang geht. Und wenn ein Tier ausbrechen will, eigene Wege ohne die Herde sucht, dann wird der Schäferhund losgeschickt, dann sorgt der Hirte mit seinem Stab schon für Ruhe und Ordnung in der Herde. Und so soll Gott sein? Und wenn Gott mein Hirte ist – sind wir dann die Schafe? Sind wir die niedlichen aber etwas blöden Lämmer, die fröhlich über die perwoll-gewaschene Wäsche hüpfen? Sind wir Menschen tatsächlich eine Herde, die auf einen angewiesen ist, der vorne weg geht? Dürfen wir nicht selber entscheiden, welche Wege wir gehen wollen? Können wir Menschen nicht selber aussuchen, wo wir langgehen – und dann auch selber die Folgen tragen? Brauchen wir wirklich nur auf den guten Hirten zu vertrauen, der für uns sorgt? Können und müssen wir nicht selber für uns, unser Leben, unsere Welt sorgen? Und überhaupt: Was merken wir denn von Gott dem Hirten?

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln … Ein schönes Bild, ein idyllisches Bild. Ich möchte dieses Bild nicht schlechtmachen. Ich weiß, wir brauchen solche Bilder für unser Leben. Wir brauchen Bilder und Texte, die uns Kraft geben. Aber ich möchte nicht, dass dieser Psalm ein Bild vom Leben malt, das mit unser Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Ich möchte nicht, dass wir uns an einer Vorstellung von einem allmächtigen Hirten und einer gefügigen Schafherde orientieren und dann irgendwann sagen müssen: Nein, das bin ich nicht; ich will kein Schaf sein. Und ich möchte auch nicht, dass wir uns ein Bild von Gott machen, an dem wir uns festklammern, und dann irgendwann vielleicht enttäuscht sagen müssen: Nein, so ist Gott ja gar nicht.

Dafür ist der Psalm zu schade. Denn dieser Psalm, er ist viel mehr als ein schöner, poetischer Text. Er sagt sehr viel über Gott – und so, nur so, kann er uns Kraft und Mut für unser Leben geben.

Das erste Mal, als dieser Psalm gebetet wurde, da war es nämlich kein idyllisches Bild, das sich einer im Wohnzimmer aufgehängt hat. Das erste Mal wurde dieser Psalm gesprochen von einem, der auf der Flucht war, der um sein Leben fürchten musste. Von einem, der fliehn musste, weil er seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte, weil er die Regierenden zu laut kritisiert hatte, oder weil er womöglich unschuldig jemanden getötet hatte. Aber jetzt, unter dem Schutz Gottes, im Tempel, da konnte er aufatmen – denn hier hatte er einen Ruheort gefunden, hier wurde ihm Asyl gewährt. Und hier – im Angesicht seiner Feinde, die vor den sicheren Türen des Tempels standen – da kann er seinen Freispruch vor Gott feiern, er kann Gott loben und vertrauen.

Denn der Gott, der in diesem Psalm besungen und beschrieben wird, das ist kein Gott, der fern im Himmel thront und von dort wie ein Marionettenspieler unsere Wege lenkt. Gott lässt uns tatsächlich unsere Wege alleine suchen und finden – aber auf diesen Wegen sind wir nicht allein. Denn Gott verspricht, mit uns zu gehen. Gerade auf den Wegen durch die Dunkelheiten können wir auf ihn hoffen und vertrauen, dass er bei uns ist. Dieser Hirte, der lässt sich auf das Leben ein. Er geht mit, hinein in das Dunkel, hinein in die Tiefen des Lebens. Denn er will, dass das Leben gelingt, gerade auch in der Tiefe des Lebens.

Im Vertrauen auf diesen Gott darf ich auch feiern. Ich darf mich an gedeckte Tische setzen, mir voll einschenken lassen, ich darf mich schön machen – mich schmücken und schminken – ich darf es mir gut gehen lassen. Gerade auch dann, wenn ich weiß, dass die Welt um mich herum keine Idylle ist – darf ich feiern. Denn ich kann mich darauf verlassen, dass Gott ein Leben will, wo voll eingeschenkt wird, wo die Tische reichlich gedeckt sind und wo alle Menschen an einem Tisch sitzen. Ich kann im Angesicht der bedrohten Schöpfung. Und dann kann ich, gestärkt von der Feier, hinaus in das Leben gehen und mich dafür einsetzen, dass das Leben gelingt.

Ich kann das, denn Gott lädt immer wieder ein, zu ihm, in sein Haus zu kommen. Das Haus Gottes, das ist nicht immer der große, festlich geschmückte Tempel, die aufragende Kathedrale. Manchmal ist dieses Haus Gottes auch klein und baufällig, unscheinbar und versteckt, auf jeden Fall voller Räume, in und an denen gearbeitet wird, an denen gebaut werden muss. Aber das Haus Gottes, das ist keine ferne Utopie. Denn das Haus Gottes, das kann auch diese Gemeinde sein. Und in diesem Haus ist Platz für viele. Hier ist der Ort, wo Jugendliche einen Platz finden können, gemeinsam auszuprobieren, welche Wege sie gehen wollen. In der Gemeinde können eigene, andere, uns manchmal ungewohnt erscheinende Wege ausprobiert werden. Und hier in der Gemeinde kann der Platz sein, wo den Alten nichts mangelt, wo sie sich an der grünen Aue und am frischen Wasser erquicken können: Mit Spielen und Tänzen, mit Gesprächen und Ausfahrten. Hier in der Gemeinde ist der Platz, wo Familien und Kinder gemeinsam feiern, wo voll eingeschenkt wird, wo voller Freude und mit viel Spaß getanzt und gefeiert wird. Und hier in der Gemeinde ist der Ort, wo Menschen kein Unglück zu fürchten brauchen, wo es Trost und Geborgenheit gibt – in den Kreisen und Gruppen, bei den kurzen Gesprächen zwischen Tür und Angel, und bei den langen Gesprächen in den Häusern der Menschen.

In dieses Haus lädt Gott uns immer wieder ein. Gott lädt uns immer wieder ein, gemeinsam unter seinem Segen zu feiern, gemeinsam zu feiern. Und er lädt uns immer wieder in sein Haus ein, zu einem Leben unter seinem Schutz. Und so feiern wir heute auch die Taufe von … Als Zeichen dafür, dass sie – und wir – bei Gott Schutz und Geborgenheit finden. Und im Vertrauen darauf, dass sie – und wir – sagen können: Und ob ich schon wanderte im finstren Tal, fürchte ich kein Unglück. Dein Stecken und Stab trösten mich. Denn Du Gott, du gibst uns allen all das, was wir zum Leben brauchen. Heute und alle Tage unseres Lebens.

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