Und Ostern geht weiter

Ezechiel, liebe Gemeinde, Schwestern, Brüder, Ezechiel und Babylon und das Exil – um ihn am Horizont jenseits des Flussufers die großen Klötze des Wohlstands und hier der Staub der großen Klötze, die Gefangenen, Zwangsarbeiterquartiere: Ein Volk – ausquartiert aus dem Wohlstand, ausquartiert aus der Sicherheit, ausquartiert aus der Heimat, ausquartiert – …

Aber ja: Ausquartiert wurde zuvor, zu Hause im eigenen, im gelobten Land, einer: Gott. „Lasst das doch – nur kein religiöser Fanatismus – das Leben besteht nicht nur aus Gott, Gesetz und Tempel … – … man muss doch auch mal an sich denken … – … man gönnt sich ja sonst nichts …“ – … Und die Hirten? Standen auch nicht dagegen, anfangs noch, ja, aber dann mästen sich selbst am Wohlergehen der gottlosen Zeit, mästen sich am Fett Ihrer anvertrauten Schäfchen.

Nun sitzen sie da. Die Hirten, das Volk. Im Abseits. Gottlos fern vom Tempel. Heillos fern von der Heimat. Grausam fern denen im Wohlergehen am andren Ufer, sich selbst am Ende. – Sitzen da im Staub der großen Klötze des Wohlstands und der Sieger jenseits des Flussufers. Schwach. Krank. Verwundet. Verirrt und verwirrt. Zerstreut, hirtenlos, den wilden Tieren am andern Ufer ausgesetzt.

Sitzen da und singen ihre Trübsalslieder:

„An den Stromarmen Babylons,

dort saßen wir und wir weinten,

da wir Zions gedachten.

An die Pappeln mitten darin

hingen wir unsre Leiern.

Denn dort forderten unsere Fänger

Sangesworte von uns,

unsre Foltrer ein Freudenlied:

»Singt uns was vom Zionsgesang!«

Wie sängen wir SEINEN Gesang

auf dem Boden der Fremde!“

So übersetzt Martin Buber eines der Lieder, den 137. Psalm.

Keiner, der sich kümmerte … Keiner, der sich kümmerte? Keiner?

Worte des Ezechiel, gehört, dem Volk weitergesagt, uns über die Zeiten weitergesagt, weil … – … weil sie wahr wurden.

Denn aus dem Staub erhebt sich eine fremde Gestalt, selbst wie ein Lamm und wie ein Knecht zugleich, unansehnlich und machtvoll, ohne Macht (Jes 53), wächst über den Horizont, wächst über alle Horizonte, von keinem Namen, den man ihm gibt wirklich erreicht. Erhebt sich, macht sich auf den Weg, sucht, findet, entreißt die Schafe dem Rachen derer, die Hirten sind (v. 10), steckt am Ende selbst seinen Kopf in die Gierrachen, dass die sich die Zähne ausbeißen an ihm: Kein Tod kann ihn mehr töten. Das ist sein Geschäft: Suchen. – Das Kommen, das Suchen und das Finden.

Da, wo Hirten Zäune ziehen und den Standort sichern, wo sie die Herde einpferchen und die Hunde um die Herde hetzen, da macht er sich auf und davon, steigt Er über Hecken, verliert Er sich zu den Verlorenen (Jo. 10), verirrt Er sich ins Gestrüpp des Lebens, verirrt sich zu den Verirrten. Kommt an. Sucht. Findet. Sammelt. Nimmt mit und geht weiter. Geht durch die große Stadt am Fluss damals und die Städte aller Zeiten und aller Kontinente, durch den Glanz der Paläste jeder Zeit, in die finsteren Gassen am Rand, kommt, sucht, findet, sammelt.

Verliert sich an die im Staub und im Glanz, an die im Schatten und im Licht. Und wo einer fremd ist, dem schließt Er sich an, geht mit die Wege der Hoffnungslosigkeit und lässt sich einladen, bricht das Brot (Lk 24), steht in der Dämmerung am Ufer für die, die sich sinn- und erfolglos abgekämpft haben, Brot und Fisch schon bereit (Jo 21, Text des Vorsonntags). Ist unterwegs: Steht mitten in der Schlange der Agentur für Arbeit, bei denen in der Umschulung mit der zweifelhaften Zukunft, liest mit dem Mitfünfziger die Stellenanzeigen, kauert unter der Brücke bei denen mit den Kleidern aus der Sammlung und der Decke, die kaum wärmt, zieht mit im Trauerzug ganz vorn, geht mit dem Verwirrten auf dem Gang des Pflegeheims, sitzt bei dem Verzweifelten am Straßenrand, schlendert hinter den beiden Verliebten, wartet in der Sitzung der Kirchenleitung, ist da. Wo ist er hier – unter uns? Schaut Euch um. Und wo nicht er, da sein Wort. Und wo nicht er, da sein Geist.

Und wo Er ist, wo sein da sein wahrgenommen wird, beginnen sich Herzen zu erwärmen, neu, anders zu schlagen (s.a. Predigt zum Vorsonntag: Wo schlägt das Herz der Gemeinde?), stehen Menschen auf, summen das Lied vom «Guten Hirten», haben ein Funkeln in den Augen, das zuvor verloren schien, blüht Hoffnung wie ein Mandelbaum, treibt Leben neu Blätter aus, gräbt sich Liebe tiefe Wurzeln durch harten Boden und Stein. Wo Er ist, ist Auferstehung des Lebens. Und Ostern geht weiter. Und Er.

<i>[Warum so? Weil ich Ostern nicht einfach dem Alltag des Kirchenjahres preisgeben möchte, weil auch Quasimodogeniti und Misericordias Domini unmittelbare Osterfolgen sind, weil mir in meinem Sosein der 126. Psalm nicht aus dem Sinn will „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird …“ – Im zweiten Teil mit Anleihen bei Prof. Dr. Karl-Heinz Bieritz, Rostock; zit. n. „Die Kirche“ 15/2005 vom 10. April 2005, S. 4]</i>

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