Lauter Rüpel und Flegel

Liebe Gemeinde,

"Soll man denn zulassen, dass lauter Rüpel und Flegel regieren, obwohl man’s wohl bessern kann? Das wäre ja ein wildes, unvernünftiges Vornehmen. So lasse man eben immer mehr Säue und Wölfe zu Herren machen und über die setzen, die nicht (daran) denken wollen, wie sie von Menschen regiert werden. Ebenso ist’s auch eine unmenschliche Bosheit, wenn man nicht weiter denkt als so: Wir wollen jetzt regieren, was geht’s uns an, wie es denen gehen werde, die nach uns kommen? Nicht über Menschen, sondern über Säue und Hunde sollten solche Leute regieren, die im Regiment nicht mehr als ihren Nutzen oder Ehre suchen. … Darum, liebe Herren, lasst euch das Werk am Herzen liegen, das Gott so dringend von euch fordert, das euer Amt (zu verrichten) schuldig ist, das der Jugend so nötig ist, und das weder Welt noch Geist entbehren kann. Wir sind leider lang genug in Finsternis verfault und verdorben. Wir sind allzu lange genug ‚deutsche Bestien‘ gewesen. Lasst uns einmal auch die Vernunft brauchen, dass Gott die Dankbarkeit für seine Güter merke, und andere Lande sehen, dass wir auch Menschen und Leute sind, die etwas Nützliches entweder von ihnen lernen oder sie lehren könnten, damit die Welt auch durch uns gebessert werde."

Wäre das Deutsch nicht ein bisschen altertümlich, man könnte meinen, hier lässt sich einer aus über die desolate Lage der Republik heute, über die Ergebnisse der Pisa-Studie und den Verfall der politischen Kultur. Der Text ist fast 500 Jahre alt und stammt von Martin Luther. Gerichtet ist er "An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen … (1524)" – ein kritischer Aufruf, sich für bessere und allgemeine Schulbildung einzusetzen.

Kritik an den Regierenden ist so alt wie die Politik. Es ist menschliche Schwäche und Eigenart, dass Macht dazu verleitet, sie nicht unbedingt zum Wohl anderer, sondern vornehmlich zum eigenen Wohlbefinden einzusetzen. "Nicht mehr als ihren eigenen Nutzen und Ehren" suchten offenbar schon zu Zeitendes alten Testaments die Herrschenden, zu denen wir durchaus auch Priester zählen können. Hören wir den Predigttext aus Hesekiel:

[TEXT Verse 1-10]

Wer ist das, der da im Namen Gottes so knallhart den "Hirten Israels", also dem König und den Priestern, einen Spiegel vorhält?

Der Prophet Hesekiel gehörte wohl zu der so genannten Oberschicht der Bevölkerung Judäas, die 597 v. Chr. von den Babyloniern aus ihrer Heimat Judäa deportiert wurden. Einige Jahre später zerstörten die babylonischen Truppen Jerusalem und den Tempel. Was wenigstens noch in der Ferne geblieben war, Heimat und Tempel, war nun dem Erdboden gleichgemacht. Ausgerissen, entwurzelt im babylonischen Exil, versuchten sich die Deportierten ihrer Geschichte zu stellen, zu fragen, wie diese nationale Katastrophe zu erklären sei. Einige blieben trotz massiver Zweifel in dieser dunklen Zeit offen für Gott und seine Stimme. Einer von ihnen war Hesekiel, der von Gott für sein gedemütigtes Volk Antworten suchte. In einer Zeit, da kein Weg mehr zu sehen war, entstehen in Hesekiels Verkündigung einprägsame Bilder der Klärung, aber auch der Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Dieser Text ist für uns heute auch deshalb so spannend, weil er von Jesus wieder aufgegriffen wurde. "Ich bin dieser gute Hirte", sagt er, "ich bin der, der von Gott geschickt ist, um euch hinauszuführen und das Versprechen einzulösen". Und auch diese Worte waren denen, die zu Jesu Zeiten Verantwortung in Politik und Kirche trugen, ein Dorn im Auge. "Hirte" übrigens, das ist heute ein Wort, mit dem die Kinder nichts mehr anzufangen wissen. Als wir über Psalm 23 sprachen, musste ich im Religionsunterricht in der Grundschule den Hirten durch "Schäfer" ersetzen. Es ist uns aus dem Bewusstsein geraten, wie wichtig Hirten in biblischer Zeit waren. Abraham, Jakob, Mose, David – immer wieder wendet sich Gott an Hirten. Und auch in Bethlehem waren Hirten die ersten, die von der Geburt des Erlösers erfuhren. Anscheinend kann man als Hirte etwas ausgesprochen Wichtiges lernen, ja man kann geradezu eingewiesen werden in königliche Aufgaben. Das Hirte-Sein – so weiß der Alte Orient ebenso wie die Bibel – ist eine besondere Qualifikation mit – so würde man neudeutsch sagen – besonderen berufsspezifischen Zumutungen und einem deutlichen Anforderungsprofil. Denn dabei kann man lernen, was es heißt, Verantwortung für andere zu übernehmen. Was es bedeutet, für die Schwachen einzustehen, die „Verlorenen zu suchen und die Verwundeten zu verbinden“. Und das alles nicht nur theoretisch, mit schönen und großen Worten, sondern ganz praktisch und ganz konkret, bei jedem Wind und Wetter. Freilich liegt es nahe, diese Verantwortung nicht ganz ernst zu nehmen. Wer kontrolliert so einen Hirten schon? Wenn ich Schäfern begegne, beneide ich sie oft um die Freiheit, mit ihrer Herde den ganzen Tag alleine zu sein, kein Chef im Nacken, keine Stechuhr …

Dennoch wissen wir durch Jesu Worte und Leben bis heute: Gott schaut nicht tatenlos zu, wenn Hirten sich selbst weiden, wenn etwas nicht stimmt im Verhältnis zwischen denen "da oben" und denen, die ihnen anbefohlen sind. Gerade steht die katholische Kirche vor der Wahl eines neuen Papstes. Man mag dem soeben beigesetzten Johannes Paul manches vorwerfen, dogmatische Härte zum Beispiel, konservative Haltung zu den Frauen – aber "sich selbst geweidet" hat er wohl kaum. Die Verantwortung für seine Herde hat er bis zuletzt sehr ernst genommen. Dennoch fühlt sich wohl jeder, der in der Kirche Verantwortung trägt, man muss ja nicht gleich Papst sein, von diesen Worten gemahnt: Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Da wird doch das ein oder andere Beispiel hochkommen über Versäumnisse, Versäumnisse übrigens, die auch uns immer wieder unterlaufen, wenn wir unbarmherzig umgehen mit Menschen, deren Glaube eben nicht so ist, wie wir ihn uns vorgestellt haben, wie er dogmatischen Lehrmeinungen entspricht. "Das Verlorene sucht ihr nicht", das ist so ein Satz, bei dem mir ganz konkrete Dinge in unseren Gemeinden einfallen. Zum Beispiel die Frage: "Wieso bekommt der eine Geburtstagskarte? Der bezahlt doch nie seinen Gemeindebeitrag" oder "den brauchen Sie gar nicht zu besuchen, der war seit Jahren nicht in der Kirche". Weiß ich, welche Verwundung oder Verirrung denjenigen oder diejenige fernhält von der Gemeinde? Ist es da nicht unsere Aufgabe, zu suchen. Und auf der anderen Seite: Da hat jemand eine Begabung in der Gemeinde und setzt sich mit ganzer Kraft ein. Der Pfarrer fürchtet Konkurrenz und lässt diejenige oder denjenigen nicht mehr lesen oder Gebete sprechen: das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt, da müssen wir gar nicht zu den Katholiken schielen, wo immer noch Frauen nicht Priester werden dürfen und wo kritische Stimmen allu schnell "niedergetreten" werden.

Wie gut, dass Gott seine Gemeinde nicht sich selbst oder schlechten Hirten überlässt: der Text des Propheten Hesekiel geht nämlich weiter:

[TEXT Vers 11-16.31]

Das ist eine Verheißung, die jeden Tag gilt. Und daran sollten wir immer wieder denken, alle, ob wir uns mehr als Hirten oder als Schafe empfinden. Gott selbst kümmert sich um seine Herde. Und seit Jesus auf der Erde gelebt hat, gilt diese Zusage nicht mehr nur für das Volk Israel, für die Hebräer. Er hat sie ausdrücklich ausgedehnt auf die ganze Welt. "Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall, auch sie muss ich herbeiführen …" "Weide meine Lämmer" hat er zu Petrus gesagt und "macht zu Jüngern alle Völker", zu den anderen Apostel, und er hat sie damit in die Verantwortung genommen, selbst Hirten zu sein. Hirten füreinander, liebevoll, aufmerksam und auch wachsam. Das gilt nicht nur in der Gemeinde, das gilt auch für das alltägliche Miteinander. Christ sein, in der Nachfolge Jesu stehen, das spielt sich ja nicht nur im Gottesdienst, im Gemeindekirchenrat oder im Frauenkreis ab. Es geht nicht darum, dass wir nun krampfhaft versuchen, jedem, der uns begegnet, zu erklären, dass er unbedingt in die Kirche eintreten muss, damit er gerettet wird. Es geht darum, dass wir selbst ein bisschen so sind wie Jesus: dass wir die Menschen um uns herum wirklioch wahrnehmen und sie mit Augen der Liebe betrachten, ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind, weder mit ihrem Kummer noch mit ihrer Freude. Eine schwierige Aufgabe, gewiss, eine Aufgabe, bei der man leicht einmal daneben greifen kann. Aber wir wissen ja, dass da einer hinter uns steht, der auch uns behütet und ernst meint, was er versprochen hat: "Ich will mich meiner Herde selbst annehmen und ich will euer Gott sein."

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