Zwiespältig

Zwiespältig sind meine Empfindungen, liebe Gemeinde, ausgesprochen zwiespältig meine Gefühle und Gedanken, die durch den Predigttext, der uns für diesen Sonntag aufgegeben ist, in mir ausgelöst werden. Da ist zum einen diese dreimalige Frage Jesu: "Hast du mich lieb?", die in mir recht eigenartige Gefühle und Erinnerungen wachruft. Und da ist zum andern diese ruhige und klare Sicherheit, mit der Petrus hier antwortet und nun seinerseits sein dreimaliges "Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe" spricht. "Hast du mich lieb?" – manchmal können Kinder so die Eltern fragen, wenn sie sich ihrer Beziehung zu ihnen nicht mehr so ganz sicher sind, wenn sie mit Worten oder auch Handlungen der Eltern ihnen gegenüber nicht mehr klar kommen. Noch immer gibt es genügend Fälle – und jeder Fall ist einer zuviel – in denen Kindern mit Liebesentzug gedroht wird, in denen Kindern ohne die Liebe aufwachsen müssen, die sie brauchen, um gesund zu bleiben, um sich nicht nur zu liebeswürdigen sondern auch zu liebesfähigen Personen entwickeln zu können.

"Hast du mich lieb?" Wer aus welchen Gründen auch immer genötigt ist, seine eigene Biografie unter diesem Blickwinkel zu betrachten, der kann dabei entdecken, wie vieles ihm oder ihr von den Eltern geschenkt wurde, selbst wenn viele Wünsche unerfüllt geblieben sind. Oder aber er oder sie muss entdecken, welch großer Mangel hier herrschte, wie groß das Defizit geblieben ist, trotz vieler äußerlichen Dinge, die sie oder er als Kind erhalten hat. Ein Leben ohne Liebe ist ein tief geschädigtes Leben. Und weh dem Menschen, der bis ins Alter hinein darum bemüht ist, sich Liebe und Zuneigung durch eigene Leistungen zu erwerben oder der dieses Defizit an empfangener Liebe durch welche Handlungen auch immer zu überdecken versucht und mühevoll kaschieren muss.

Zwiespältig meine Gefühle und Gedanken auch deshalb, liebe Gemeinde, weil ich sie noch im Ohr habe, diese zwar freundlichen aber doch auch ernsten und bohrenden Stimmen zumeist älterer und in meiner damaligen Heimatgemeinde auch einflussreicher und bestimmender Männer und Frauen, die uns als Jugendliche aber auch noch als junge Erwachsene fragen konnten: "Liebst du deinen Heiland, hast du den Herrn Jesus lieb?" Ich will jetzt nicht zur Diskussion stellen, ob so zu fragen aus entwicklungspsychologischen oder religionspädagogischen Gründen zu verwerfen ist oder nicht. Ich weiß nur, dass mich diese Fragen damals immer auch etwas peinlich berührten, weil ich nie so richtig wusste, was ich denn antworten soll. Meistens war es ein Ja, um weiteren, unangenehmen Fragen nach meinem Glauben und meiner Frömmigkeitspraxis zu entgehen, weil mir durchaus bewusst war, dass es Anlass gäbe, weiter nachzufragen. Vielleicht, liebe Gemeinde, sind das auch Gründe, weshalb ich bis heute um diesen Abschnitt des Johannesevangeliums immer einen weiten Bogen gemacht habe.

Zwiespältig sind aber auch deshalb meine Empfindungen und Gedanken, weil Petrus so ruhig und klar antwortet. Sicherlich nicht ganz so überschwänglich, wie es dann in diesem schönen Bachchoral als Bekenntnis gesungen wird:

Ich liebe Jesum alle Stund,
ach wen sollt ich sonst lieben?
Ich liebe ihn mit Herz und Mund;
der Welt Gunst macht Betrüben.
Ich liebe Jesum in der Not,
ich liebe, ich liebe Jesum bis zum Tod.

Ganz so überschwänglich antwortet Petrus nicht – aber doch ruhig und klar und sicher. Nicht peinlich berührt, um weiteren unangenehmen Fragen zu entgehen, sondern gewiss, selbst dann, als er beim dritten mal traurig wird, wohl auch deshalb, weil er sich daran erinnert, dass er erst vor kurzem auch dreimal nach Jesus gefragt wurde und ihn dreimal verleugnet hat. Nicht nur da hat er ja den Mund zu voll genommen, als er erklärte, sein Leben für ihn lassen zu wollen, als er beteuerte, dass er sich niemals an Jesus ärgern würde, selbst wenn es alle anderen auch täten. Seine Natur, sein "mehr lieben wollen als andere" ging immer wieder mit ihm durch und immer wieder tat er sich vor den anderen Jüngern hervor. Auch damals, als er das Boot verließ und das Wasser betrat und dann doch unterging, selbst damals, als er als erster Jesus als den Christus bekannte und gleich danach als Satan bezeichnet wurde, und auch noch bei der Gefangennahme Jesu, als er die ganze Sache nicht einfach nur so hinnehmen wollte und mit dem Schwert dreinschlug.

Vielleicht ist auch deshalb in der ersten Frage Jesu die Steigerung enthalten: "Hast du mich lieber als mich diese haben?" Ob er wieder so vorschnell mit seiner Antwort ist? Ob er wieder den anderen einfach ein Stück voraus sein will? Nein, liebe Gemeinde, jetzt wird seine Beziehung zu Jesus nicht im Verglich mit der Beziehung anderer definiert. Nun gibt es für Petrus keine wie auch immer geartete Folie, auf der er sich abheben müsste. Kein Schielen nach links und rechts, kein Vergleichen, kein Sich-abheben-wollen. Stattdessen, ganz schlicht, auch auf die erste Frage: "Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe."

Sicherlich hat das auch etwas mit Gefühlen zu tun. Die Nähe eines geliebten Menschen muss einfach glücklich machen, auch wenn sich das nicht immer in irgendwelchen Gefühlswallungen äußern kann. Liebe ist ja weit mehr als nur ein Gefühl. Sie ist eine Haltung, die den ganzen Menschen bestimmt und in der der ganze Mensch mit seinem Tun und Lassen ausdrückt: Ich bin für dich da, ich lebe von dir her und auf dich hin. Nach dieser Haltung fragt Jesus und mit seinem Ja sagt Petrus: Ja, ich bin ganz für dich, Jesus, da – ich lebe ganz von dir her und ganz auf dich hin; du weißt, dass es so ist. Und das, liebe Gemeinde, kann nun doch bei uns allen zwiespältige, vielleicht sogar beklemmende Empfindungen und Gedanken auslösen. Zum einen erkennen wir, wie reich Petrus darin ist, dass er dieses Ja so unumwunden aussprechen kann. In seiner Liebe zu Jesus hat dieser Mann Petrus einen Reichtum des Lebens, der unerschöpflich ist und mit dem sich kein anderer Reichtum vergleichen lässt. Durch sein Leben von Jesus her und zu Jesus hin ist er gewappnet und gerüstet für alle Zwischenfälle des Lebens. Liebe ist der einzige, wirkliche, standhafte Reichtum des Lebens. Und wenn wir das bedenken, dann mag uns in dieser Beziehung unsere ganze Armseligkeit vor Augen stehen. Gibt es in meinem Leben irgend etwas oder irgend jemand, von dem her und auf den hin ich lebe, für den ich ganz und gar da bin? Niemand ist ärmer dran als ein Mensch, der nur für sich selbst da ist und der dann auch andere Menschen und tausend Dinge und Sachen braucht, nur um für sich selbst dazusein und sich gegenüber anderen abzuschirmen und abzusichern.

Zum andern kann beklemmende Gedanken auslösen, dass hier nicht irgend jemand nach unserer Liebe fragt, sondern dass es dieser Jesus ist. Nicht ob er irgend jemanden liebe, wird Petrus gefragt, sondern ob er Jesus so liebe, wie man Gott lieben soll: über alle Dinge, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all seiner Kraft. Und darauf antwortet Petrus mit einem so runden und klaren Ja! Wenn Jesus uns gefragt hätte, wenn er uns jetzt fragen würde – müssten wir nicht unruhig und unsicher werden? Müssten wir nicht uns selbst eingestehen, wie gleichgültig, wie distanziert, wie wenig erwärmt unser Herz ist, vielleicht trotz allen eifrigen Mitlebens oder gar Mitarbeitens in der Gemeinde? Und müssten wir nicht zumindest klammheimlich zugeben, dass es sehr wohl Dinge gibt, die wir mehr lieben und von denen wir uns mehr versprechen und an denen wir mehr hängen und denen wir auch viel entschiedener anhängen. "Ich liebe Jesum alle Stund, ach, wen sollt ich sonst lieben…???" Wer ist unter uns, dem auf diese Frage nicht doch allerhand einfällt??

Und jetzt bin ich doch, auch wenn vielleicht liebevoll und behutsam verpackt, genau bei dieser inquisitorischen Frage gelandet, die mich in meiner geistlichen Biografie immer wieder traf. Und in meinen allerersten Überlegungen zu diesem Predigttext bin ich eine Weile dem Gedanken verfallen, einfach nur diese eine Frage Jesu in den Raum zu stellen: "Hast du mich lieb?" um anschließend einige Minuten zu schweigen und euch in dieser Stille allein zu lassen. Und ich könnte es dann auch niemandem verdenken, wenn er einen anklagenden und vorwurfvollen Tonfall in der Frage hört: Hast du Jesus lieb? Als Pastor – so meinen vielleicht manche – hat man hier ja leicht reden. Wer so fragt, nimmt sich aus. Der steht da oben und wir sitzen da unten. Und der da oben will uns wohl sagen dass wir Jesus ein bisschen mehr lieben sollen. Und der Pastor will uns wohl mit einem leicht triumphalistischen Unterton zu verstehen geben, dass er seinen Herrn Jesus wohl doch ein bisschen lieber hat als der Rest der Gemeinde. Also kann ich – wenn vielleicht auch nicht gleich aufstehen und heimgehen – so doch abschalten und den Rest der Predigt halt über mich ergehen lassen.

Aber, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, nicht dazu ist das Evangelium da, um als Moralpredigt ausgelegt und missbraucht zu werden. Nicht dazu wird uns diese Geschichte erzählt, um uns niederzumachen oder gar in Niedergeschlagenheit zu stürzen. Nicht dazu ist ein Gottesdienst da, um Defizite auszubreiten und einen Mangel oder eine Schwäche euch genüsslich vor Augen zu malen, weil wir dem Vergleich mit Petrus, der die Forderung Jesu nach uneingeschränktem Für-ihn-dasein so ganz erfüllt, eh nicht standhalten können. Es ist vielmehr eine tröstliche und mutmachende Geschichte, weil sie uns zeigt, wie das zugeht, dass ein Mensch Jesus lieb gewinnt und mit solch klarem Ja auf Jesu Frage "Hast du mich lieb?" antworten kann. Nicht nur sein jetziges Ja, sondern dieser ganze Petrus mit seinem ganzen Leben ist eine Antwort.

Seine Liebe ist nicht angestrengte Erfüllung der göttlichen Liebesforderung durch eigene Kraft. Bei diesem Unterfangen käme nichts anderes heraus als Heuchelei. Seine Liebe ist auch nicht der Beweis seiner natürlichen Liebesfähigkeit im Unterschied zu der Liebesunfähigkeit, die manche von uns beklommen in ihrem wenig erwärmten oder auch erkalteten Herzen feststellen müssen. Seine Liebe ist nicht eine von ihm hervorgebrachte Leistung und Tüchtigkeit, sondern seine Liebe ist Antwort, ist Echo auf eine andere, größere Liebe. Sie ist das menschliche Echo auf die göttliche Liebe, die er in Jesus und durch Jesus erfahren hat. Mit seinem Ja gibt Petrus Antwort auf das, was er von Jesus empfangen hat. Dass er jetzt so ganz für Jesus da ist, das ist Antwort, Echo, Dank für das unerschütterte Dasein Jesu für ihn. Es ist Dank für geschehene Vergebung.

Wer den Predigttext noch im Ohr hat, wird darin nichts von Vergebung gehört haben. Und doch wird unser Abschnitt mit dem entscheidenden Hinweis eingeleitet: "Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: …" Dieser Geschichte voraus geht die Mahlgemeinschaft des Auferstandenen am See Tiberias mit seinen Jüngern nach deren Fischzug auf Jesu Geheiß. Zu dieser Mahlgemeinschaft gehörte Petrus. Sie war der Vollzug von Vergebung. Was Petrus hier erlebte, widerspricht menschlicher Logik und dem allgemein geübten Verhalten. Petrus hatte den besten Willen, sich zu bewähren, dann aber, als es drauf ankam, versagte er kläglich. Und jetzt: trotz seiner Blamage hat Jesus mit ihm an einem Tisch gegessen. Und seine Frage lautet daraufhin nicht, wie wir vielleicht gefragt hätten: Siehst du ein, wie unmöglich du dich benommen hast? Auch nicht: Willst du dich künftig bessern? Stattdessen: "Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?"

Wer so fragt, ist an dem Gefragten aufs Höchste interessiert, so wie eben nur ein Liebender interessiert sein kann. Petrus hätte erwarten können, dass Jesus sagt: Auf dich ist doch kein Verlass. Aber Jesus sperrt den Jünger nicht ein in das Gefängnis seiner Schuld, sondern er öffnet ihm die Tür. Vergebung des Treuen gegenüber dem Treulosen, Vergebung des Verleugneten gegenüber dem Verleugner – dies alles ohne ein Wort der Verurteilung, nur mit einem ganz leisen Erinnern an das Vergangene durch die dreimalige Frage. Vergebung ist Liebe als Wunder, ist unerwartete Liebe, mit der man nicht mehr selbstverständlich rechnen konnte. Solange Petrus sich für einen wackeren, liebenswerten Mann hielt, hat es ihn wahrscheinlich nicht weiter erstaunt, dass Jesus ihn in seiner Jüngergemeinschaft haben wollte. Solange wir uns für recht annehmbare und ordentliche Leute halten, geht es uns leicht ein, wenn uns gepredigt wird, dass Gott uns annimmt und liebt. Aber wenn uns durch Gottes Geist die Augen über uns selbst aufgehen, wenn wir in seinem Lichte erkennen, wer wir sind, dann wird es unbegreiflich, dass Gott die Gemeinschaft mit mir sucht und mich findet und mich an sich bindet. Dann ist Grund gefunden, lauthals zu singen: "Mir ist Erbarmung wiederfahren, Erbarmung deren ich nicht wert."

Die bedingungslose Gnade löst die Zunge zum Bekenntnis und führt zum Dienst. Mit dem dreimaligen Auftrag Jesu "Weide meine Lämmer, weide meine Schafe" kommt dies zum Ausdruck. Über diesen Auftrag zu reden und wohin dieser Auftrag führt – nämlich auch dahin, wohin man nicht will – darüber zu reden fehlt jetzt schlicht die Zeit und vielleicht auch eure Aufnahmefähigkeit. Ich möchte gerne in 14 Tagen eine zweite Predigt über diesen Text versuchen. Für heute soll’s genug sein, wenn wir mit unseren zwiespältigen Gefühlen und Gedanken zurande kommen und uns einfach dessen freuen, dass da einer ist, der zu mir sagt "Ich habe dich lieb, ich vergebe dir" und der damit nicht nur ein Echo in uns auslöst, sondern eine Freude und einen Frieden bringt, der höher ist als alle menschliche Vernunft und Unvernunft.

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