Zum Hoffen noch immer begabter als zum Verzagen

Liebe Gemeinde,

sie klagen jede Woche, jeden Donnerstag, seit 26 Jahren. 1975: Argentinische Frauen finden sich nicht ab mit der Verschleppung ihrer Familienangehörigen zur Zeit der Militärdiktatur. Sie demonstrieren auf dem Plaza de Mayo, vor dem Rosa Haus, dem Regierungspalast. Einige von ihnen werden inhaftiert. Doch immer neue Frauen stoßen hinzu. Die Polizei ist machtlos. Jeden Donnerstag gehen die Mütter still im Kreis, in den Händen Bilder ihrer Kinder und Enkel, ihre Männer und Geschwister. Sie fordern Aufklärung über den Verbleib der sogenannten "verschwundenen Gefangenen". Es soll geheime Folterzentren geben, heißt es. Die Diktatur schweigt. Die Frauen tragen weiße Kopftücher, auf denen die Namen der Vermissten stehen. Weiß als Zeichen der Hoffnung, dass sie nicht nach Toten suchen, sondern nach Lebenden. Der Kreis an den Donnerstagen wird immer größer. Touristen photographieren die verbotenen Demonstrationen und schaffen Öffentlichkeit. Studenten erklären sich solidarisch. Eines Donnerstags versucht ein Polizeikommando der friedlichen Demonstration Herr zu werden. Es greift sich einige Studenten aus der Menge, um sie abzuführen. Und plötzlich sehen sich die Polizisten von einem Haufen schreiender und keifender Hausfrauen umzingelt, die kratzen und treten, sich an ihre Füße klammern und mit Regenschirmen auf sie einschlagen. Die völlig überforderten Uniformierten ziehen sich zurück. Die Mütter vom Plaza de Mayo werden berühmt. Und sie demonstrieren weiter, jeden Donnerstag, im Namen der Gerechtigkeit, auch heute noch, Nachfolgerinnen einer bittenden und klagenden Witwe aus uralten Zeiten. Noch immer haben sie ihr Ziel nicht erreicht, noch immer wissen sie nicht, was mit allen Verschwundenen geschehen ist, noch immer werden sie bedroht, doch sie machen weiter.

Die ersten Christinnen und Christen hofften auf das unmittelbar bevorstehende Reich Gottes. Doch noch immer hoffen wir mit den Müttern vom Plaza de Mayo, dass Gerechtigkeit auf Erden aufgerichtet wird.

Schon für den Evangelisten Lukas stellte sich die Frage: Wie sollen wir uns in der Zeit einrichten, wenn die Endzeit auf sich warten lässt? Welches Verhältnis zur Welt sollen wir haben, wenn ihr Gericht noch aussteht?

In diesen Wochen wird viel von der Apokalypse, der Offenbarung geredet. Doch was wir zur Zeit erleben in Afghanistan, in Amerika und in Israel, ist ganz sicher nicht die Offenbarung Gottes. Es ist die Offenbarung menschlicher Herrschsucht und Verblendung. So bleibt Lukas‘ Frage aktuell: Wie sollen wir uns angesichts menschlichen Unrechts verhalten, wenn die Gerechtigkeit Gottes noch aussteht?

Lukas selbst schrieb eine Einleitung zu unserem Gleichnis, eine Einleitung, die sich an der folgenden Geschichte reibt: "Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten." Die Witwe, die dem ungerechten Richter auf die Nerven geht, ist für Lukas Vorbild für unaufhörliches und unermüdliches Gebet. Doch wie passt das mit der Geschichte zusammen? Ist Gott der Richter, der sich nicht fürchtet vor Gott und sich scheut vor keinem Menschen? Auch wenn wir manchmal allen Grund haben, an Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu zweifeln, eine klare Identifizierung wäre schwierig. Denn letztendlich hieße die Moral unserer Geschicht‘ dann: Wir müssen Gott nur lang genug auf die Nerven gehen, dann bekommen wir schon, was wir wollen.

Es ist nichts neues, dass man Gleichnissen Gewalt antut, wenn man einfach die Rollen in der Geschichte zwischen Gott und sich aufteilt. Doch das Gleichnis von der nervenden Frau und dem genervten Richter bleibt faszinierend. Vielleicht weil die Beharrlichkeit und Penetranz so beeindruckt, mit der hier Gerechtigkeit eingefordert wird – ganz wie auf dem Plaza de Mayo. Vielleicht auch weil wir uns in beide Positionen gut hineinversetzen können. In das um Recht Klagen und in das zu Recht Gefordertsein. Vielleicht auch, weil unser Leben sich zwischen dieser Klage und dem Gefordertsein abspielt, in der Welt des Wartesaal zum Reich Gottes. Unser Leben schwingt zwischen den Polen von Klage und Forderung. Es kommt nicht zur Ruhe in dieser Welt.

Wir haben Grund zur Klage um Gerechtigkeit, nicht nur aufgrund der weltpolitischen Situation. Manche unter uns sind schwer krank, manche überfordert, manche heimatlos, einsam und ohne Familie. Manche von uns haben Grund genug, an der Gerechtigkeit Gottes zu zweifeln. Und so macht sich die Klage breit im Wartesaal zum Gottesreich. In Gebeten, in Wutausbrüchen, in Tränen und Flehen. Nur eine Welt, die nichts vom Gottesreich wissen will, sagt: "Wir wollen mal nicht klagen." Viele von uns haben Grund zur Klage, aus den unterschiedlichsten Gründen. Seien wir wie die Witwe, unbeirrbar in ihrer Klage, beharrlich in der Hoffnung, dass sie ein Recht auf mehr hat. Geben wir den Anspruch nicht auf, dass Gott uns Recht schaffen möge und seinen Sinn in den Wahnsinn unseres Alltags legt. Im Theodor-Schäfer-Werk gibt es einen jungen Mann, dessen Eltern den Zeugen Jehovas angehören. Er traut sich nicht, Gott für sein persönliches Schicksal anzuklagen. Das wäre vermessen und würde nur den göttlichen Zorn nach sich ziehen. Eine neue Beziehung zu Gott aufzubauen fällt ihm unendlich schwer. Das Gottesbild der Zeugen, das Bild eines strengen Richters, der keinen Widerspruch duldet, hat ihn vergiftet. Doch zumindest soweit können wir das Gleichnis der bittenden Witwe vielleicht deuten, ohne ihm Gewalt anzutun: Klage hat ihr Recht vor Gott. Gott will keine Stummen Diener, keine Möbelstücke, die alles tragen, was ihnen aufgebürdet wird. Wer Gott seine Klage verschweigt, verweigert ihm dort Beziehung, wo Gott zu Recht gefordert ist. Wer Gott seine Klage verschweigt, sagt damit, dass er nicht mehr von ihm erhofft. So wichtig Geduld und Leidensfähigkeit auch sein mögen: Sie sind nicht das Ziel, dass Gott unserem Leben geben will. Er hat anderes mit uns vor, als uns in unseren Ängsten und in unserem Dunkel zu belassen. Mit der Auferweckung seines Sohnes hat er unserem Leben eine Zielvorgabe gesetzt, einen Anspruch, an dem wir ihn messen dürfen, den wir notfalls auch einklagen dürfen im Vertrauen darauf, dass Gott den Zorn des Menschen aushalten kann, wie er das Kreuz aushalten konnte. Wir dürfen Gott mit unserem Leid anklagen. Nicht fromm und theologisch korrekt, wir dürfen ihm die Wut über das, was unser Leben verfinstert, entgegen schleudern, schreiend und keifend, weinend und flehend. Gott wird nicht sagen: "Selber Schuld, was kann ich dafür?"

"Dein Wille geschehe", bedeutet nicht den Abtritt unserer Ansprüche, um uns einem ominösen Schicksal zu ergeben. "Dein Wille geschehe" ist der Anspruch des Menschen an seinen Gott, der ihm selbst die Hoffnung eingepflanzt hat, dass das Leben Sinn macht. Diese aufrechte Hoffnung ist die angemessene Haltung im Wartesaal zum Reich Gottes.

Soweit zur bittenden Witwe. Alles klar also mit unserem Gleichnis. Die gute, klagende Witwe: das sind wir; der Richter, der an unser Recht erinnert werden will, ist Gott. Doch was wäre, wenn wir das Gleichnis andersherum lesen würden? Die Personen sind nicht eindeutig zu zuzuordnen. Was wäre, wenn uns Gott in diesem Gleichnis als bittende Witwe nahe kommen würde, viel zu nahe mit ihrem Rechtsanspruch, immer und immer wieder, obwohl wir eigentlich anderes zu tun haben, immer und immer wieder, obwohl wir es nicht mehr hören können, immer und immer wieder, obwohl wir ihre Hoffnung nicht erfüllen können oder wollen.

Fest steht: Der Witwe im Gleichnis bleibt in ihrer Situation nichts anderes übrig, als ihre Hoffnung auf diesen einen, fragwürdigen Menschen zu setzen. Lesen wir es also einmal umgekehrt: Genauso wie wir auf Gottes Hilfe im Unrecht hoffen, genau so hofft er auf uns. Dass Solidarität keine Einbahnstraße ist, haben wir dieser Tage öfters gehört. Der Neue Bund, das Neuen Testamentes ist es ganz sicher auch nicht. Ein vielleicht ungewöhnlicher Gedanke: Gott als hoher Richter, dieses Bild ist uns nur zu vertraut. Doch Gott als klagende, nervende, immer wieder fordernde Frau?

Wir können es nicht mehr hören: das Gejammer eines Gottes über das Unrecht dieser Welt. Wir können sie nicht mehr sehen, die Träume, die Gott von unserem Leben träumt. Wir wollen ihr nicht mehr trauen, der Hoffnung, die Gott auf uns setzt. Hauptsache, wir sind gesund. Hauptsache, wir haben unser Auskommen. Hauptsache, wir haben unsere Ruhe. Wir können ausgesprochen resistent gegen das Wort Gottes sein. Gründe und Ausreden gibt es genug. Schließlich kann man nicht allen helfen. Schließlich muss ich mich selbst erst mal so richtig lieben. Schließlich will ich ja auch irgendwann mal ausschlafen. Beruf, Familie, Sport, Hobby und Sommerurlaub gehen vor. Und außerdem kann man sowieso nichts machen.

Ungerechte, gnadenlose Richter haben in unserer Welt nicht nur Macht in einer Hamburger Bürgerschaft, nicht nur in einer in einer argentinischen Diktatur. Wir selbst verschließen unsere Ohren, wenn Gott mit seiner Welt klagt, wenn er nervt mit den Mühseligen und Beladenen, den entrechteten Witwen, den Müttern vom Plaza de Mayo. Wir nehmen die Fernbedienung und zappen ein Programm weiter. Wir sind der Bilder von Gewalt und Tod satt geworden und lassen uns verleugnen. Wir verstecken uns in Unverantwortungsbereichen, in lethargischen Wüsten, in resignierten Einöden. Wir scheuen weder Gott noch Menschen, wenn wir Erklärungen dafür suchen, dass wir nichts dafür können, wenn die Welt so ist, wie sie ist. Wir buckeln und treten, bedacht darauf, dass alles so bleibt wie es ist, ohne Hoffnung, dass es tatsächlich so etwas gibt wie Friede auf Erden und in den Herzen der Menschen.

Zwischen diesen beiden Polen schwingt unser Leben: zwischen der Klage um Recht und dem zu Recht Gefordertsein. Hemmungslose Kläger und gnadenlose Richter in einem. Einerlei, welcher der beiden Rollen im Gleichnis wir zur Zeit näher sind. Die Mitte der Geschichte birgt Hoffnung für beide. Aufrechte Hoffnung ist die angemessene Haltung im Wartesaal zum Reich Gottes. Hoffnung hat einen Wert an sich, auch wenn die Erfüllung noch aussteht. Hoffnung hält am Leben, lässt uns nicht zur Ruhe kommen bis der Wille Gottes geschieht. Sie hält uns in Bewegung. Sie ermutigt uns zu klagen, ohne im Leid zu versinken. Sie bestärkt uns dort, wo wir von Gott immer und immer wieder gefordert sind, sie trägt uns weiter durch alle Resignation, gegen alle Rückschläge. Wer hoffen kann, findet sich nicht mit den großen und kleinen Ungerechtigkeiten dieser Welt ab, denn er erahnt die Gerechtigkeit und Liebe hinter dem Unrecht, hinter dem Hass. Und diese leise Ahnung von vollendeter Gerechtigkeit, dieser Glaube einen Gott, der unsere Sache zu einem guten Ende führen wird, lässt uns trotzig werden gegen alles, was dem Ziel unserer Hoffnung widerspricht. Manchmal können wir Gott nur klagen, oft aber auch selbst für Gott Recht setzen in einer Welt, die sich nach Frieden und Gerechtigkeit sehnt. Hoffnung kann diese Welt verändern. Sie ist machtvoller als alle Gewalt. Die klagende Witwe ist mit ihren Nachfolgerinnen vom Plaza de Mayo Zeichen dieser Hoffnung.

Schließen möchte ich mit einem Glaubensbekenntnis der österreichischen (?) Schriftstellerin Margit Baur (1981): Ich, Statist unter Statisten, auf einem Platz stehend, der auch leer sein könnte, mit meinem Auftrittchen befasst, als ob ich die Hauptrolle hätte, von Insubordination träumend und doch mitgeschoben, ein Teilchen dieser kompakten Masse, die das Schwache ausschwitzt und das Andersartige erstickt, ich Mitmacher mit Skrupeln, die ohne Folgen sind, doch zum Hoffen noch immer begabter als zum Verzagen – : Ich glaube nicht an die endgültige Vergeblichkeit von jemandes Anstrengung zum Bessern hin. Ich glaube nicht, dass auch nur ein einziges Ziehen und Rucken am festgefahrenen Karren verloren ist.

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