Zukunftsängste – Zukunftshoffnungen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Zukunftserwartungen 2003: „Ich träume von einem Beruf nach meiner Schulzeit, der mir Spaß macht, der mich mit Menschen zusammenführt und in dem ich gut verdiene. Er soll krisensicher sein. Ich möchte eine Familie gründen, ein Haus bauen und schöne Reisen unternehmen.“ Ein anderer träumt davon, das Rentenalter gesund und früh zu erreichen, um den letzten Lebensabschnitt erlebnisreich und unternehmungslustig mit PartnPartner/Partnerin anzugehen. Und irgendwo dazwischen, zwischen jugendlichen Träumen und den bescheideneren, weil kurzfristigeren Zukunftserwartungen, werden wir uns wohl alle mit unseren persönlichen Hoffnungen und Träumen treffen.

Zukunftsängste 2003: Der Sommer war ungewöhnlich heiß und trocken, irgendwie fehlte der Frühling und der Herbst. „Ich habe Angst vor den Klimaveränderungen und der Klimakatastrophe. Was werden wir noch an Veränderungen und an Naturkatastrophen erleben?“ In unserem Land wird tagtäglich von Reformen geredet, es wird gestritten, wer die richtigen Konzepte hat und meist stehen am Ende soziale Einschnitte, die vor allem die sogenannten kleinen Leute spüren. Gibt es noch eine soziale Balance oder droht ein sozialer Winter in unserem Land? Zukunftstechnologie Gentechnik, so triumphiert die Industrie und verspricht ungeheure Wachstumsimpulse, aber ist es vom Menschen beherrschbar, den Bauplan des Lebens neu zu schreiben und macht es am Ende vor dem Menschen halt? Wann beginnt ein Mensch, Mensch zu sein, schon als Zellansammlung im Reagenzglas, oder ist das nur Rohstoff, Werkstoff? Der Krieg im Irak ist immer noch nicht aus, der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern scheint nicht zu bewältigen zu sein, wann explodiert dieses Pulverfass?

Sie merken, liebe Gemeinde, wer sich auf die Zukunft einlässt, versucht sie auszumalen, bekommt ein Problem, lebt zwischen Hoffen und Bangen. Gerade der heutige Tag erinnert uns daran, mit überschwänglichen Zukunftserwartungen und Visionen nüchtern umzugehen. Der 9.November ist bedeutungsschwanger. Am 9.November 1989, als die Meldung von den offenen Grenzen durch die Medien ging, schien sich für viele mit einem Mal der Traum von westlichem Wohlstand, Freiheit und sozialer Sicherheit zu erfüllen. Aus: „wir sind das Volk“ wurde „wir sind ein Volk“, der Traum von blühenden Landschaften wurde von vielen geträumt. Ernüchterung ist dem gewichen gerade in solchen Regionen wie der Uckermark, wo wir mit einem massiven Bevölkerungsrückgang auch wegen der fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven für junge Leute umzugehen haben. Die Träume sind bescheidener geworden und auf die Frage „wann“ lässt sich keiner mehr ein.

Etwas mehr als 50 Jahre zuvor, am 9.November 1938 brannten in unserem Land die Synagogen, das war Ausdruck der sogenannten nationalen Erhebung von 1933, der Alptraum des Rassenwahns mit dem Deckmantel einer glänzenden Zukunft für das deutsche Volk, der in der Massenvernichtung der jüdischen Mitbürger Europas und in der Katastrophe des zweiten Weltkrieges endete, dessen Folgen noch jahrzehntelang danach zu tragen waren.

9.November 1918, am Ende des ersten Weltkrieges: Revolution in Deutschland, der Traum von der gerechten Verteilung der Macht und einer sozialen Zukunft für alle. Dieser Traum ist bis heute noch nicht ausgeträumt.

Auch im Sonntagsevangelium ist uns eine besondere Form der Zukunftserwartung und des Zukunftstraumes begegnet. Die Menschen zur Zeit Jesu waren seit Jahrhunderten fremden Mächten unterworfen, nur noch mit ferner Erinnerung an die Zeit Davids, als man selbst Großmacht in sicheren Grenzen und mit beachtlichem Wohlstand war. Aber aus ihrer Erinnerung schöpften sie eine ungeheure Kraft: es werden Tage kommen, wie Königs Davids Tage. Da wird alle Welt wissen, welcher Gott Herr ist, da wird Unterdrückung, Glaubensverfolgung und Verspottung, Ungerechtigkeit und Unfrieden, ja da wird sogar Krankheit, Leid und Tod ein Ende finden. Sie werden kommen, diese Tage, Tage des Reiches Gottes, das kein Ende mehr haben soll.

Ist es jetzt soweit, fragen sich viele Zeitgenossen Jesu, als sie ihn erlebten, und selbst heute haben viele Christenmenschen nicht aufgehört damit zu rechnen, dass nun Gottes neue Welt endgültig über uns hereinbrechen und alles von Grund auf verändern wird.

„Wann kommt das Reich Gottes“ fragen die Pharisäer und gestehen sich ihre eigenen Gegenwartsängste – so kann es nämlich nicht bleiben – und ihre Zukunftshoffnungen ein. Damit haben sie uns etwas voraus. Sie teilen nicht unseren nüchternen Realismus, der mit einschneidenden Veränderungen nicht mehr rechnet, sie wagen es nach dem Wann und damit vielleicht auch nach dem Wie zu fragen. Sie sind so offen zu glauben, dass diese Welt so wie sie ist nicht bleiben kann. Sie träumen von Veränderung, wollen den Teufelskreis, mit dem Motto der diesjährigen Friedensdekade gesprochen, dass alles so bleiben muss, wie es ist, verlassen.

Schwärmer, Träumer, Utopisten hat man Menschen genannt, die nicht aufhören wollten, auf das Kommen des Gottesreiches zu hoffen und zu warten. Salz und Sauerteig inmitten der Resignation und Mutlosigkeit möchte ich sie nennen. Menschen, die mit ihrer Erinnerung und Erinnerungsarbeit Hoffnungsarbeit leisten, mit der Erinnerung gegen die Angst. Menschen mit dem Blick für die entscheidende Veränderung, die schon längst eingetreten ist.

Jesus gibt seinen Zeitgenossen, die ihn womöglich am liebsten zur Erfüllung ihrer Erwartung gezwungen hätten, mit seiner Macht auch als politischer Größe gerne gerechnet hätten, eine verblüffende, entwaffnende und erhellende Antwort: Das Reich Gottes kommt nicht mit erkennbaren Zeichen, dass man sagen kann: hier ist es oder dort ist es. Es ist mitten unter euch. Es ist schon da!

Es ist da, wo Jesus vom Reich Gottes spricht und Menschen hilft aus den TeufelskreTeufelskreisen ihres Lebens auszubrechen: den Kranken aus dem Teufelskreis der Krankheit, Abhängigkeit und Ausgrenzung, den Schuldigen aus dem Teufelskreis der Verurteilung und Ächtung, den Mächtigen aus dem Teufelskreis der Lüge und Intrige, den Starken aus dem Teufelskreis der Gewalt und den Verzweifelten aus dem Teufelskreis der Ohnmacht. Jede Geschichte in den Evangelien von Vergebung und Heilung und Ermahnung ist doch nichts als eine Reich Gottes Geschichte.

Vielleicht fragt dann jemand: nicht wann, sondern doch noch einmal wie ist das Reich Gottes nun wirklich und konkret. Da hat mir immer das Vaterunser geholfen. Jede Bitte ist eine Reich-Gottes Bitte. Jedes Mal, wenn Gottes Name geheiligt wird, wenn sein Wille geschiehst, wenn ich von der Macht des Bösen verschont bleibe, wenn ich mein täglich Brot breche, dann ist das Gottes Reich mitten unter uns, sicher nicht in Vollendung. Wir bitten weiter: dein Reich komme, aber auch schon deutlich mehr als nur ein Vorgeschmack.

Zukunftsängste können nur überwunden werden durch eine deutliche Zukunftshoffnung. Mit der Hoffnung auf das Reich Gottes haben wir eine und sie ist konkret und ist erlebbar mitten unter uns, sie ist wirklich und wahrhaftig. Denn Gottes Reich ist schon mitten unter uns. Christus selbst ist nicht nur unser Friede, ER ist Gottes Reich.

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