Zivilcourage: Dem Bösen widerstehen

<i>[Diese Predigt wurde für den Sonntag Okuli 2003 konzipiert.]</i>

"Er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm." Stellen wir uns zunächst der Härte dieser Situation. Ein Mann, der nicht sprechen kann wie alle anderen. Wie notvoll das ist, kann jeder nachempfinden, der einen Freund oder Angehörigen im Krankenhaus oder im Pflegeheim besucht hat. Wenn der nicht wie gewohnt den Gruß erwidert, sondern reglos daliegt oder im Gegenteil aufgeregt sich verständlich machen will, aber du kriegst nur Brocken mit oder gar nichts. Schlimm ist das. Und wie gut, selten genug, wenn man das erleben darf, dieser Kranke erholt sich wieder und man darf noch einmal mit ihm reden wie früher.

Es ist auch gut, dass unsere Zeit mehr Hilfen anbietet für solch eine Einschränkung als es zur Zeit Jesu der Fall war. Ich denke an die Gebärdensprache als Hilfe für Gehörlose. Etliche von euch kennen das von den Pro-Christ Evangelisationsabenden, wo jeden Abend in dieser Weise übersetzt wurde. Alles: Lieder, Predigten, Gebete. Es war herrlich, diesen motivierten Dolmetschern zuzusehen. Gestern hatte ich erstmals eine Hochzeitspredigt zu halten, bei der auch in dieser Weise übersetzt wurde. Und wie gut, dass heute die Kommunikation mehr Möglichkeiten bietet und ich mich mit dem gehörlosen Bräutigam im Vorfeld ohne Probleme abstimmen konnte über e-mails, telefonisch wäre das ja nicht gegangen und mündlich nur unter Assistenz seiner Braut. Jesus hat dieses Eingeschränktsein auf andere Weise überwunden, durch sein göttliches Machtwort. In dem Bericht davon werden noch andere Zusammenhänge angesprochen als die heutigen medizinischen Erklärungen. Ich bin nicht der Meinung, dass sich alle biblischen Berichte von Austreibungen böser Geister damit erklären lassen, hier liege eine überholte Deutung von Krankheit vor. Eine vorwissenschaftliche. Also dass Jesus psychosomatische Leiden kurierte und die Erzähler das mit ihrem Geisterglauben ausdrückten, weil sie es auf unsere moderne Art nicht konnten. Im Einzelfall waren da doch tiefere Zusammenhänge. Und hier war so ein Einzelfall, der auch uns heute angeht. Eine Not, die auch heute verbreitet ist. Ein böser Geist, der stumm ist. Wovon ist die Rede? Es geht um die Macht des Bösen. Hinter dem Bösen, also den Erscheinungen unserer Zeit, die uns bedrücken, und die sich nicht wegkurieren lassen von welcher Regierung auch immer, also dass immer wieder Gewalt ausbricht. Dass Menschen keine Achtung haben vor der Kreatur und den Pflanzenfressern in ihr Futter noch Verwertetes von toten Artgenossen beimischen. Dass Menschen keine Achtung haben vor ganz normalen Flugreisenden und sie in blindem Fanatismus als Geiseln verschleppen, ihren Tod in Kauf nehmend. Dass Menschen keine Achtung haben vor weltberühmten Zeugnissen vergangener Kulturen und ballern einzigartige Statuen einfach zusammen, nur weil sie ihrem Weltbild nicht entsprechen. Diese bösen Erscheinungen sind nicht einfach rätselhaft, oder typisch menschlich. Hinter ihnen steht der Böse, der den Menschen die Freiheit und das Glück versprochen hat, die er doch nicht geben kann, der sie belogen hat und bis heute müssen wir die Folgen tragen. Es sei denn, wir wenden uns an Jesus, den einzigen der stärker ist als der Böse. Er kann auch den stummen Geist austreiben, diese ansteckende Krankheit ,die viel verbreiteter ist als die genannten letztlich spektakulären herausragenden Fälle. Das leider täglich normale ist: Wir sehen ein Unrecht, es geschieht vor unseren Augen, dass andere gegen die guten Regeln des Zusammenlebens verstoßen. Es sind keine Verbrechen, die in den Nachrichten erscheinen, sondern alltägliche Übergriffe. Im Supermarkt drängt jemand seinen Vordermann in der Schlange beiseite. Ein anderer wirft die halbleere Coladose gedankenlos ins nächste Gebüsch. Radfahrende, nebeneinander auf der falschen Fußwegseite, weichen den Fußgängern keinen Zentimeter aus. Und niemand hindert sie daran. Bloß nicht Partei ergreifen, lieber neutral bleiben. Lieber den Mund halten.

Aber Jesus lehrt uns hier: Das geht nicht gut. Darum erzählt er im Folgenden dieses Gleichnis, um uns zu versichern: Wir müssen keine Angst haben, dass es uns schlecht ergeht, wenn wir das Böse böse nennen. Wir müssen die Macht des Bösen nicht fürchten. Jesus ist doch stärker. Mit drastischen Beispielen, den Gleichnissen, malt er dsa aus, kämpferische Geschichten sind es oft. Hier ist es ein bis an die Zähne bwewaffner Mann, der sein Anwesen bewacht. Aber dann kommt ein anderer, entwaffnet ihn und plündert seinen Tresor. Mit solchen Worten beschreibt Jesus, wie es ist, wenn im Namen Jesu dem Bösen einhalt geboten wird. Statt, wie es meist geschieht, das Verkehrte um uns herum einfach hingenommen wird, abgetan wird mit einem schulterzuckenden "Such is life", So ist das nun mal! Jesus ermutigt uns, dass wir Position beziehen. Wir müssen uns unterordnen entweder der Macht des Bösen oder ihm. "Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut."

Dem böse Geist, der stumm ist, setzt Jesus den Heiligen Geist entgegen. Wer von diesem Geist erfüllt ist, wird zu dem fähig, was Zivilcourage genannt wird. Es gibt wunderbare biblische Beispiele dafür. Die einen waren Kämpfertypen, schon von ihrem äußeren Format her eindrucksvolle Leute, wo andere leise aufatmeten und gedacht haben: Endlich mal einer, der sich traut. Darauf haben wir lange gewartet. Es war die Zeit, wo infolge eines Regierungswechsels Jagd gemacht wurde auf alle, die in der herkömmlichen Form den Gott der Bibel verehrt hatten. Altäre wurden eingerissen, Priester kriegten Berufsverbot und wurden durch regimetreues Personal ersetzt. Ein Klimawechsel, wie ihn manche jetzt selbständige Staaten der ehemaligen Sowjetrepubliken heute ständig befürchten. Wir wissen noch nicht, was die neue Regierung etwa in Moldawien dem Volk bringen wird. Letzte Woche waren die Wahlten mit einer absoluten Mehrheit für die Kommunisten. Zur Zeit des Elia wurde mit dem Regierungswechsel der herkömmliche Gottesdienst verboten. Wie gut, dass der Elia sich nicht fügte. Öffentlich protestierte er. Das brachte ihn auf die erste Stelle in der Fahndungsliste. Er musste im Untergrund leben lange Zeit. Dann kam ein Zeitpunkt, wo er sich herauswagte und ihm wurde doch kein Haar gekrümmt.

So ist es oft, nicht immer natürlich, wenn Gläubige Flagge zeigen. Eine Christin des letzten Jahrhunderts, die durch ihre Zivilcourage Bedeutung erlangt hat, ist Corrie ten Boom. Eine einfache Angestellte im Uhrenladen ihres Vaters in Haarlem, Holland. Während der deutschen Besatzung baute sie ihr Reihenhaus um und versteckte Juden im Dachgeschoss. Dafür kam sie später ins KZ, wo ihre Schwester und ihr Vater umkamen. Der Glaube an Jesus Christus half ihr in dieser schweren Zeit, und später war sie in der Versöhnungsarbeit zwischen Opfern und Tätern aktiv und hielt Evangelisationswochen. Oft ist es einfach ein gutes Beispiel, was einen dazu motiviert. Du könntest ein gutes Beispiel sein, das andere motiviert. Du wirst kein gutes Beispiel sein, wenn du dich dem bösen stummen Geist ergibst, der das Verkehrte einfach so hinnimmt. Für Corrie war das gute Beispiel ihr Urgroßvater. Der war bei einem reichen Kaufmann als Gärtner angestellt. Er war geschätzt wegen der von ihm betreuten Gewächshäuser, aus denen er noch im Winter Erdbeeren hervorzauberte. Nun besetzte Napoleon das europäische Festland. Auf vielfache Weise litten die Holländer unter der neuen Ordnung. Corrie erinnert sich:

"Mein Urgroßvater war ein unabhängiger Mann. Er hatte Mut, aber ich fürchte, nicht viel Takt. Er war unwillig, sich Menschen zu unterwerfen, die anderen die Freiheit nahmen. Die Holländer hatten damals nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie gehorchten denen, die dem stolzen Diktator dienten, oder sie mussten auf Strafe gefasst sein. An einem Sonntag ging mein Urgroßvater in die Kirche. Der Pfarrer kündigte das Eingangslied an. Das Thema stammte aus dem 12. Psalm. Als die Gemeinde die Worte erfasste, verstummte einer nach dem anderen. Sie erkannten: Dies Lied gab die politische Lage genau wieder. Niemand wagte, weiter zu singen. Aber mein Urgroßvater und der Pfarrer sangen laut die trotzige Duett: "Der Böse betrachtet sich alle Bande los und geht umher und hetzt die Leute auf. Die bösen Leute sind davon überzeugt, dass sie die Zügel in der Hand haben. Und sie werden zu höchsten Ehren erhoben." Betrübte Herzen und schweigende Stimmen bekamen durch die Tapferkeit des Pfarrers und dieses Gärtners neuen Mut. Bald darauf bekam Urgroßvater eine Vorladung ins Rathaus. Verächtlich begegnete er den Beamten. Doch ehe man ihn verurteilen und einsperren konnte, legte sich sein Herr ins Mittel, dieser reiche Kaufmann. Er war einflussreich, und Urgroßvater wurde freigesprochen. Ein Gärtner kann schließlich im Gefängnis kein Obst züchten. Mein Vater erzählte uns diese Geschichte von Urgroßvater und wie er die Behörden Napoleons herausgefordert hatte. Mehr als 100 Jahre später, als die Leute zu Vater sagten, hör auf, Juden in dein Haus aufzunehmen, du wirst ins Gefängnis kommen, sagte er: Ich bin zu alt fürs Gefängnis. Sollte es aber geschehen, dann wird es mir eine Ehre sein, mein Leben für Gottes Volk, die Juden, zu geben."

Auf dem Gottesdienstblatt ist ein Foto von 1992 vom zerstörten Sarajewo . Im Vordergrund der Musiker Vedran Smailovic. Ganz in meiner Nähe, erzählt er, gab es ein Brotgeschäft. Am 27. Mai 1992 stand eine lange Menschenschlange vor diesem Geschäft. Alle warteten schon seit Stunden auf einen Laster, der Brot anliefern sollte. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, hungrig und elend zu sein, explodierte eine Granate, wie von einem bösen Dämon dorthin geworfen, ein paar Meter neben der Warteschlange. Sie tötete 22 dieser geduldigen, hungrigen Menschen. Zuerst herrschte völlige Stille. Alle standen unter Schock. Dann brach das Chaos aus. Manche rannten in Angst und Panik davon. Andere rannten herzu, den Verletzten zu helfen. Sie fuhren die Verletzten in Autos weg, Verwundete wurden sogar in den Kofferraum gelegt. Einer der Helfer wurde von Scharfschützen getroffen. In der folgenden Nacht bekam ich kein Auge zu. Es wollte mir nicht in den Kopf, warum diese unschuldigen Menschen, meine Landsleute und Nachbarn, von denen ich die meisten von Kindesbeinen an gekannt hatte, ihr Leben so schrecklich lassen mussten. Mir ging auf, dass in meiner Stadt während des Krieges ein Menschenleben absolut nichts mehr wert war. Voller Trauer schlief ich gegen Morgen ein und wurde kurz darauf durch eine weitere Explosion und durch die Schreie meines Nachbarn geweckt. Kinder und Decken wurden in Schutzräume gebracht. Auch ich ging in den Schutzraum. Nachdem der Granatbeschuss aufgehört hatte, kehrte ich nach Hause zurück. Ich wusch mich, rasierte mich, und ohne darüber nachzudenken, zog ich Hemd, Fliege und Abenanzug an. Dann nahm ich mein Cello und ging hinaus. Ich lief durch die neu entstandenen Ruinen und kam an den Platz des Massakers. Er war mit Blumen und Kränzen geschmückt. Auf Plakaten an den Geschäften standen die Namen der Getöteten. Daneben ein Kondolenzbuch, in das sich die Menschen eintrugen.

"Ich holte mein Cello aus dem Kasten und setzte mich hin, ohne zu wissen, was ich spielen sollte. Voll Leid und Trauer hob ich den Bogen und begann zu spielen. Ich spielte und weinte gleichzeitig. Die Musik, die von mir herabtropfte wie meine Tränen, war Albinonis Adagio, die allertraurigste Musik, die ich kenne. Die Passanten blieben stehen, hörten zu und weinten mit mir. Sie legten Blumen nieder, beteten und zündeten Kerzen an. Als ich zu Ende gespielt hatte, gab es keinen Applaus. Menschen standen um mich herum und wir redeten. Freunde baten mich, noch einmal zu spielen. Sie brauchten das. Ich fing an zu begreifen, dass das keine persönliche Angelegenheit war. Ich entschied mich, 22 Tage hintereinander zu spielen und jeden Tag einem jener Mitbürger zu widmen, die bei dem Beschuss vor dem Brotgeschäft umgekommen waren. Liebe Gemeinde, dieser Vedran Smailovic hat, wenn ich mich recht erinnere, immer genau zur Uhrzeit des Granateinschlags seine Totenklage gespielt. Ohne Deckung, ungeschützt. Mich erinnert das an den jungen David, als der sich spontan bereit erklärte, gegen den Kraftprotz Goliath anzutreten. Gegen eine anschauliche Verkörperung des Bösen: Einer, der auf das Faustrecht pocht, den Glauben lächerlich macht, die Leute einschüchtert. David verzichtet auf Helm und Rüstung, die ihm für den Zweikampf angeboten wird: Du kommst zu mir mit Schild, Spieß und Schwert, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth!" Der Fortgang der Ereignisse bestätigt seinen mutigen Entschluss. Oft ist es so, dass wir Bestätigung erfahren durch den weiteren Fortgang, wenn wir im Namen Jesu Partei ergriffen haben. Das muss gar nicht so laufen, dass du sagst: "Ich bin aber Christ und deshalb mache ich nicht mit. Oder: Im Namen Jesu hört auf, herzuziehen über den, der jetzt nicht hier ist." Es genügt oft, laut zu bekunden: Hör auf damit. Themawechsel. Oder positives erzählen, wo lauter übertriebene Schauerstories kamen. Damit tust du auch dir selbst gutes. Weil du dir hinterher nicht vorwerfen musst: Wie ärgerlich, ich hab mich wieder gehen lassen und angepasst. Erwarte aber nicht, dass alle zustimmen. So ging es Jesus. Gerade hatte er den bösen stummen Geist ausgetrieben. Der von ihm geheilte konnte reden. Alle sind erstaunt. Aber was ist zu hören: "Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. Andere versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel."

Die Menge dankt es nicht unbedingt, wenn sich jemand für das Gute einsetzt. So nötigt dieser Druck zusätzlich zum Stillesein. Aber das braucht uns doch nicht beeindrucken. Kennen wir nicht den Stärkeren, von dem es hier heißt: "Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ." Die Rüstung, auf die sich viele verlassen, ist die Anerkennung der anderen, ist die trügerische Ruhe, die aus einem angepassten Leben kommt. Ich will mich auf einen anderen verlassen. Auf den Stärkeren. Auf Jesus. Von ihm motiviert, kann ich dem Bösen widerstehen. Aus mir heraus nicht. Da bin ich ja auch zu änstlich. Aber Jesus kann den stummen Geist in mir austreiben. Diese Kraft braucht unsere Gemeinde. Diese Kraft brauchst du.

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