Wenn et bete sich lohne dät

Liebe Gemeinde,

mit dem heutigen Sonntag nähern wir uns dem Ende des Kirchenjahres. In dieser Zeit beschäftigen sich die Gottesdienste in allen Orten des Landes mit den sogenannten letzten Dingen. Dem heutigen Sonntag folgt der Volkstrauertag und der Ewigkeitssonntag. So geht es also in diesen Tagen um Tod und Trauer, und somit nicht selten auch um das, was uns heute belastet und bedrückt. Das triste, trübe Novemberwetter scheint wie ein Sinnbild für die Gefühlslage vieler Menschen zu sein.

Je drückender die Stimmung, desto drängender sind unsere Fragen, desto quälender vielleicht auch unsere Zweifel und wir spüren, dass nicht nur zu unserem Leben der Tod gehört, sondern zu unserem Glauben auch die Anfechtung und der Zweifel. Wie wird es weitergehen nach dem Tod? Wird es überhaupt weitergehen? Wird sich denn nie etwas ändern an unserer Ohnmacht dem Tod gegenüber, an unserer Ohnmacht auch gegenüber manch schrecklicher Ereignisse der vergangenen Wochen. Warum lässt Gott sich so wenig blicken? Warum ist er so wenig spürbar und erlebbar, warum begegnen mir in meinem Leben so viele Schicksalsschläge, die ich nur als ungerecht empfinden kann? Oder ist es etwa nicht ungerecht, wenn einem der Mann in den besten Jahren durch den Tod genommen wird? Ist es etwa nicht ungerecht, wenn der eine sterben will und seit Jahren in seinem Krankenbett dahinsiecht und zur gleichen Zeit ein Mensch in der Blüte seines Lebens von einer unheilbaren Krankheit oder einem schrecklichen Unglück betroffen wird? Haben wir uns das nicht alle schon gefragt und ist nicht manch einer von uns in seinen Zweifeln völlig verzweifelt geworden?

Um es vorweg zu sagen. Wenn es eine einfache Antwort auf diese Fragen gäbe, liebe Gemeinde, dann wüssten wir sie ganz bestimmt. Einfach Antworten gibt es auch in der Bibel nicht. Aber es gibt Ermutigung und Hilfe dazu mit diesen quälenden Fragen, mit diesen bohrenden Zweifeln zu leben und zu glauben, weil wir darin im Glauben an Gott nicht alleine sind, auch wenn wir uns oft genug alleine gelassen fühlen. Ermutigung und Hilfe will unser Glaube geben und darum erzählt Jesus dieses Gleichnis von der offensichtlich sehr energisch auftretenden Witwe, die bei einem recht selbstherrlichen Richter ihr Recht einfordert.

Witwen waren, liebe Gemeinde, in jener Zeit rechtlos und schutzlos. Immer wieder stehen sie darum in der Heiligen Schrift unter dem besonderen Schutz Gottes, immer wieder wird das Thema, ob Witwen ihr Recht bekommen oder nicht, als Hinweis darauf angesehen, ob der Herrscher nun in Gottes Sinne oder selbstherrlich handelt. Wenn diese Gleichnis heute erzählt würde, würde es vielleicht davon handeln, dass ein pflegebedürftiger, alter Mensch vor dem jungen dynamischen Richter sein Recht gegenüber dem Krankenkassen durchzusetzen versucht. Und Jesus erzählt dieses Gleichnis, liebe Gemeinde, damit seine Jünger, und damit sind wir heute auch gemeint, allezeit beten und darin nicht nachlassen sollen. Jesus führt uns also mit unseren Fragen, mit unseren Zweifeln, mit unserer Ohnmacht, beladen wie wir nun einmal sind, zu sich hin und zum Gebet.

Der eine oder die andere mag jetzt sagen: "Ach was habe ich nur gebetet in jener Zeit, als ich niedergeschlagen war, aber ich habe keine Antwort bekommen." Der ein oder die andere mag jetzt sagen: "Ach was habe ich gebetet, als ich trauerte und verzweifelt war, aber ich war letztlich doch auf mich selbst gewiesen." Und mit einigem Recht werden sie dies einwenden, haben doch nicht wenige eben dieser Erfahrung gemacht. Und weiß Gott nicht nur alte und mit dem Tod in irgendeiner Weise konfrontierte Menschen, sondern auch Jugendliche. Nicht umsonst war vor einigen Jahren das Lied der Kölner Rockgruppe BAP mit dem Titel in den Charts: "Wenn es bete sich lohne dät".

Viele Menschen scheinen das Gefühl zu haben, als ob beten sich nicht lohnen würde und wir wollen diese Erfahrungen nicht einfach mit einem frommen Spruch beiseite schieben, damit wäre nun wirklich keinem geholfen. Aber die Frage steht im Raum: Lohnt sich das beten? Im Gleichnis sagt Jesus: So wie der ungerechte und selbstherrliche Richter, dem Bitten und Drängen der Frau nicht widerstehen konnte, um so mehr wird es bei, denen die an Gott glauben und zu ihm beten der Fall sein, zumal er kein ungerechter Richter ist.

Hat Jesus Recht, liebe Gemeinde, sollten wir nicht aufhören zu beten, sollten wir nicht doch unablässiger beten. Spätestens hier, liebe Gemeinde, ist für uns die Zeit innezuhalten und uns zu fragen: Wann habe ich das letzte Mal wirklich, wie man so sagt, händeringend gebetet? Gehört das Gebet zu meinem Glaubensleben dazu, ist es selbstverständliche und alltägliche Glaubensäußerung, oder ist es, na wie soll ich sagen, etwas, das ich hin und wieder einsetze, wenn ich nicht weiterweiß? Wann habe ich das letzte Mal eigentlich händeringend mit Gott in meinem Leben gerechnet?

Wenn wir uns dies fragen, liebe Gemeinde, dann kommt uns sicher, das ein oder andere Stoßgebet in den Sinn, das wir gen Himmel schickten, und ich denke, vielen wird aufgefallen sein, dass bei uns das Gebet eben höchstens Teile einer seelischen Ausnahmesituation ist. Wie wenig wir doch gelernt haben, still zu werden, im Gebet nicht nur zu sprechen, sondern auch zu hören. Aber wie sollten wir es auch gelernt haben? Heißt es bei uns nicht immer: Kopf hoch! Bloß nicht aufhören? Immer weiter, immer vorwärts? Keine Schwäche zeigen? Sind wir nicht immer so erzogen worden? Aber ich denke, wir könnten es lernen, wir könnten, damit beginnen, Vertrauen zu schöpfen, Vertrauen, dass Gott hilft, wenn ich zu ihm bete und auf ihn höre. Unser Leben gleicht einem Labyrinth. Nicht von Anfang an. Da scheint es immer geradeaus zu gehen. Da wissen wir was wir zu tun haben und wie es weitergeht. Aber dann stoßen wir schon an Mauern. Der Lebensweg geht nicht nur geradeaus. Wir stoßen, wie im Labyrinth an Mauern, müssen die Richtung wechseln, um zur Mitte zu gelangen, haben uns manchmal auch verlaufen, befinden uns in einer Sackgasse, in der es keinen anderen Weg mehr gibt, als umzukehren, ja manchmal fast wieder ganz von vorne zu beginnen.

Der Tod des Partners, der Verlust des Arbeitsplatzes, die plötzlich auftretende Krankheit, vielleicht auch das Ende einer Partnerschaft durch Scheidung, können solche Mauern und Wendepunkte in unserm Lebensweg sein, der einem Labyrinth gleicht. Nach und nach, geschieht aber dann etwas erstaunliches. Wir sehen, unser Lebensweg geht immer weiter. Die Mauern an die wir Stoßen, die uns zur Richtungsänderung und manchmal zum Umkehren zwingen, sie stoppen uns nicht, sondern, sie führen uns, sie begrenzen unseren Lebensweg nach links und nach rechts.

Vielleicht, so frage ich mich, liebe Gemeinde, brauchen wir solche Grenzen, Hindernisse und Mauern auf unserem Lebensweg, damit wir zum Ziel kommen. In der Mitte unseres Lebens steht Gott. Er ist der Anfang und unser Ziel. Dort soll es hingehen. Die unüberwindlichen Mauern unseres Lebens bleiben. Aber das Gebet hilft, das Vertrauen zu bewahren oder neu zu bekommen, doch noch ans Ziel zu kommen. Das Gebet kann uns Orientierung geben auf dem Lebensweg, kann uns helfen, die Zuversicht nicht aufzugeben, dass unser Leben einen Sinn und ein Ziel hat. Das Gebet gibt Vertrauen uns Mut weiterzugehen. Mit Gottes Hilfe zu Gott hin.

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