Steter Tropfen höhlt den Stein

Liebe Gemeinde,

an der Supermarktkasse steht eine lange Schlange. Freitag vormittag – Wochenendeinkauf. Routiniert schieben Sie ihren Wagen voran und legen die Waren auf das Fließband. Fast wären Sie an einen Pappaufsteller mit Überraschungseiern gestoßen. Der ganze süße Kram interessiert Sie eigentlich gar nicht. Doch das Kind hinter Ihnen im Wagen hat Sie beobachtet.Und nun beginnt ein altbekanntes Spiel: "Mama ich will ein Ei haben" "Nein!" "Ach bitte, bitte nur eins" "Nein!" "Ich bin auch ganz brav" "Nein, ich habe schon Kekse gekauft" "Aber ich will doch ein Ei" "Lass das Ei liegen" die Mutter entreißt es dem Kind "Ich wiiiill aber , nein Mama!!" Von hinten meldet sich eine ältere Dame: "Ach geben Sie doch dem armen Kind ein Ei , sonst schreit es doch den ganzen Laden zusammen; wer wird denn so herzlos sein und den Kindern nichts gönnen …" "Das Kind bekommt genug Süßigkeiten, mischen Sie sich nicht ein" "Ach sein Sie doch nicht so" … Sie haben gezahlt und die Schlange rückt vorwärts. Beim Einpacken sehen Sie noch, wie das Kind geschwindt ein Ü-Ei auf das Fließband platziert. Die Mutter seufzt genervt auf, doch sie gibt nach.

"Steter Tropfen höhlte den Stein" heißt ein Sprichwort. Das ist Lebensweisheit: Wer lange genug dem andern im Ohr liegt erreicht oft sein Ziel.

Auch Jesus erzählt seinen Jüngern dazu Beispiele: Bei Mt 7 z.B. klopft ein Freund mitten in der Nacht an die Tür und bittet um Brot um einen Gast zu bewirten. Die ganze Familie liegt schon im Bett. Doch – so sagt Jesus- wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben , soviel er bedarf.

Worauf sollen diese Gleichnisse zielen? Eine weitere derartige Geschichte hören wir im Predigttext.

[TEXT]

Dass Witwen gerne über den Tisch gezogen werden ist oft genug auch bei uns Realität. Was kommt nach dem Tod? … heißt es in einem Gedicht von Kurt Marti, nach dem Tod kommen dien Rechnungen für Sarg, Begräbnis und Grab.

Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod kommen die Wohnungssucher
Und Fragen, ob die Wohnung erhältlich

Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod kommen die Grabsteingeschäfteund bewerben sich um den Auftrag

Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod kommt die Lebensversicherung und zahlt die versicherungssumme

Was kommt nach dem Tod?

In einer eh schon schwierigen Situation ist man oft überfordert und wird oft ausgenutzt. Was der Witwe im Gleichnis wohl passiert ist.? Wollte jemand nicht für sie sorgen, wollte jemand sie aus dem Haus schmeißen, jemand sich ihr Hab und Gut aneignen, wir wissen es nicht. Sie geht mit Ihrer Klage zum Anwalt und bittet ihn Recht zu schaffen.

Der Anwalt ist von Ihrem Fall nicht angetan. Der Auftrag ist wohl nicht lukrativ oder aussichtsreich genug, nicht spectaculär oder medienwirksam genug, er ist ausgebucht oder hat keine Lust. Ähnlichkeiten mit lebenden und existierenden Personen ist wie immer ausgeschlossen. Auf der ganzen Welt rufen die Menschen nach einem Anwalt, der ihnen Recht verschafft: Unschuldig verhaftete, gefolterte, gequälte Menschen,. beraubte, beleidgte, entmündugte, mit Füßen getretene, missachtete, betrogene Menschen. Ob jemend Recht erhält ist oft nicht davon abhangig ob er Recht hat, ob er Rechte hat, ob man sein Recht anerkennt, sondern von politischen Regelungen und finaziellen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten. Menschenrechte existieren auf dem Papier, manchmal auch in den Köpfen und manchmal werden sie auch ernst genommen. Meistens bedarf es eines stetigen Erinnerns, damit sich etwas bewegt. Die Witwe liegt dem Anwalt in den Ohren. Solange bis er es nicht mehr aushält und den Fall aufnimmt. Dann gebietet es seine Ehre die Aufgabe bis zur Zufriedenheit auszuführen. Steter Tropfen höhlt den Stein So sollen wir beten – sagt Jesus. Wie diese Witwe: inständig, bittend ohne Unterlass. Dann wird Gott uns Recht schaffen. Doch wie stehts mit uns; können wir das noch glauben? Oder wie hieß das" Wird jedoch der Sohn des Menschen, wenn er kommt, auf Erden glauben finden?" Welche Erfahrungen haben wir mit dem Gebet?. Manche haben das Beten aufgegeben, weil sie keine Antwort darin gefunden haben. Für manche sind Gebete sinnentleerte Floskeln. Manche haben zuletzt in der Kindheit gebetet. Manche wollen beten, wenn sie gar nicht weiter wissen und wissen nicht welche Worte sie wählen sollen. Wie halten wir es mit dem Beten? Sprechen wir noch Tischgebete und Abendgebete. Können wir Dank sagen, wie z.B. einige unserer Fußballer wenn sie ein Tor schießen … Beten wir in der Kirche mit dem Herzen mit oder warten wir auf das Amen? Beten bringt doch nichts, sagen viele. Wie viele Gebete werden nicht erhört. Wie kann das auch gehen, wenn der eine das eine betet und der andere wüscht sich genau das Gegenteil. So viele haben um Hilfe gebetet in der Not , im Krieg, in der Einsamkeit! …

Gehen wir zurück zum Gleichnis: Die Frau bittet den Anwalt nicht um Geld und Unterstützung, weil er vermögend ist. Sie bittet ihn nicht sie zu heiraten, damit sie versorgt ist. Sie bittet ihn nicht darum zu sorgen, dass es ihr besser geht als anderen. Bie bittet ihn Recht zu schaffen. Seine ureigenste Aufgabe.

Und in diesem Punkt berühren sich Gleichnis und Gebet.: Recht schaffen ist auch die ureigenste Angelegenheit Gottes. Darum kann und soll man bitten für sich und andere.

Bei der Einweihung des Tempels unter König Salomon heißt es: … wenn hier im Tempel jemand betet… 1.Kön 8,32 / 2. Chr 6,23: so wollest du hören im Himmel und Recht schaffen deinen Knechten, dass du den Frevler als Frevler erkennen und seine Tat auf sein Haupt kommen lässt, den aber, der im Recht ist, gerecht sprichst und ihm gibst nach seiner Gerechtigkeit.

Daruf vertauen die Beter, die in den Tempel kommen: wir lesen es z.B. in Ps 140,13: Denn ich weiß, dass der HERR des Elenden Sache führen und den Armen Recht schaffen wird. Mit den Psalmen wird die Bitte Recht zu schaffen in den Gottesdienst integriert. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist Ps 35 Ich will dir danken in großer Gemeinde; unter vielem Volk will ich dich rühmen. 19 Lass sich nicht über mich freuen, die mir zu Unrecht feind sind; lass nicht mit den Augen spotten, die mich ohne Grund hassen! 20 Denn sie reden nicht, was zum Frieden dient, und ersinnen falsche Anklagen wider die Stillen im Lande. 21 Sie sperren das Maul weit auf wider mich und sprechen: »Da, da, wir haben es gesehen!« 22 HERR, du hast es gesehen, schweige nicht; HERR, sei nicht ferne von mir! 23 Wache auf, werde wach, mir Recht zu schaffen und meine Sache zu führen, mein Gott und Herr! 24 HERR, mein Gott, verhilf mir zum Recht nach deiner Gerechtigkeit, dass sie sich nicht über mich freuen. 25 Lass sie nicht sagen in ihrem Herzen: »Da, da! das wollten wir.« Lass sie nicht sagen: »Wir haben ihn verschlungen.« 26 Sie sollen sich schämen und zuschanden werden, alle, die sich meines Unglücks freuen; sie sollen in Schmach und Schande sich kleiden, die sich wider mich rühmen. 27 Jubeln und freuen sollen sich, die mir gönnen, dass ich recht behalte, und immer sagen: Der HERR sei hoch gelobt, der seinem Knecht so wohl will! 28 Und meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.

In dieser Tradition lebt Jesus; er besucht den Tempel, den Ort wo der Name Gottes wohnt, wo Gott sich ansprechen lässt, wo man sein Recht und das der anderen einfordern kann – im Gebet. Und er bestärkt diese Praxis noch weiter für seine Jünger "Sollte aber Gott seinen Ausgewählten, die Tag und Nacht zu ihm rufen, ihr Recht nicht schaffen …" Selbst am Abend als er gefangen genommen wurde betete er inständig und forderte seine Begleiter auf: "Wachet und betet!"

Diese Tradition, diese Aufforderung gilt auch für uns Christen. Wenn wir beten "dein reich komme, dein wille geschehe" dann gehen wir doch davon aus, dass Gott uns Recht verschaffen will und nicht etwas was gegen unsere Natur und uns gegen den Strich geht. In jedem Gottesdienst beten wir für uns und andere, erinnern Gott an sein Versprechen. Ora et labora ist das Lebensmotto der Benediktinermönche, ähnlich das anderer christlicher Gruppen, die das Gebet für die Welt zum Schwerpunkt ihres Lebens erwählt haben. Wie gut zu wissen, dass diese Aufgabe wahrgenommen wird. Gebetskreise und Friedensgebete haben ihre Wurzel im festen Glauben, dass Gott erhören und Recht schaffen wird. Stetes Gebet zu Gott mehrmals am Tag in der Gemeinschaft pflegen auch Juden und Muslime.

Warum bewegt sich dann so wenig? fragen viele und geben die Bemühungen auf. Das alles hilft doch nichts, da muss man doch etwas tun, sagen andere. Wo bleibt denn Gott bei einer Katastrophe wie in New York, haben da nicht genug gebetet, oder in Afghanistan, beten da die Menschen nicht? Ja, die Hände in den Schoß legen sollen wir nicht, sondern tun, was wir tun können: auf die Menschen zugehen, auf ihre Bitten antworten und reagieren, wie der Anwalt, das können wir, und unsere ureigensten Aufgaben erfüllen: teilen, ansprechen, dasein, Wärme geben. Da wo wir nicht allein weiter können, müssen wir uns einen Anwalt nehmen, der weiß wie Recht zu schaffen ist, wie Menschen wirklich menschenwürdig zusammenleben könnten – Gott. Da ist unsere Aufgabe Beten. Wenn wir das glauben, dass Gott Frieden und Gerechtigkeit schaffen kann in unserer chaotischen Welt, wenn wir glauben dazu bedarf es "nur" unseres Gebetes Tag und Nacht, was hindert es uns dann dies zu tun? Achten wir das Gebet nicht gering, es ist mehr sinnvolle Tat als so mancher übereifriger kurzsichtiger Aktivismus, den wir oft an den Tag legen um etwas getan zu haben! Wenn Gott wahrnimmt wie ernst es uns mit Frieden und Gerechtigkeit ist – so sagt Jesus – wie könnte er sich dann tot stellen und nicht antworten. Wenn wir so wirklich einem Bedürfnis Ausdruck verleihen, dann ist das Reich Gottes nahe. Gebete müssen keine aufwendigen Formulierungen enthalten. Ein schlichtes Wort zeigt mehr, dass wir ernst meinen worum wir bitten, dass Gottes Wille geschehe: Frieden und Gerechtigkeit, Schalom: Gesundheit, Freude, Freundschaft und Liebe unter den Menschen und in der Schöpfung. Dann können wir mit dem Psalm sprechen: (Ps 35,28) Und meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.

Sammeln wir doch einmal wieder Erfahrungen mit Gebeten, wir könnten Gott begegnen. Mit einem Gebet – Gedicht von Paul Roth möchte ich Sie dazu anregen und damit auch die Predigt schließen: Mit Herzen, Mund und Händen (in: schenke Dir zeit – Texte – Bilder – Lieder für schule, Familie und Gemeinde, hrsg. Von Christian Olbrich, Karlsruhe 1988)

Mit Herzen, Mund und Händen

Manchmal ist mein Gebet
so wie ein Arm,
den ich nach oben recke,
um dir zu zeigen,
wo ich bin,
inmitten von Milliarden
Menschen.

Manchmal ist mein Gebet
so wie ein Ohr,
das auf ein Echo wartet,
auf ein leises Wort,
auf einen Ruf
aus deinem Mund.

Manchmal ist mein Gebet
wie eine Lunge,
die sich dehnt,
um frischen Wind
in mich hineinzuholen –
deinen Hauch.

Manchmal ist mein Gebet
wie eine Hand,
die ich vor meine Augen lege,
um alles abzuschirmen,
was mir den Blick zu dir
verstellt.

Manchmal ist mein Gebet
so wie ein Fuß,
der fremden Boden prüft,
ob er noch trägt,
und einen Weg sucht,
den ich gehen kann.

Manchmal ist mein Gebet
so wie ein Herz,
das schlägt,
weil ohne seinen Schlag
das Leben nicht mehr
weitergeht.

Manchmal ist mein Gebet
nur ein gebeugter Kopf
vor dir –
zum Zeichen meiner Not
und meines Dankes
an dich.

Einmal wird mein Gebet
so wie ein Auge sein,
das dich erblickt,
wie eine Hand,
die du ergreifst –
das Ende aller Worte.

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